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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 16:23 |  |
Hamm, den 13.03. 1806
Chere Tante !
Mein Herz ist voll, meine Eindrücke sind noch frisch ich setze mich Geschwind hin und verfasse einen Bericht, den du in deiner provinziellen Abgeschiedenheit sicherlich schon sehnsüchtigst erwartest.
Friedliche Franzosen in Franken sind wirklich eine Curiosität, wie soll ich dir den Eindruck vermitteln, den sie mit ihrem Gepränge und Gehabe auf mich arm Bürgermädchen ausübten?
Comtesse Kelping ihre Schwester Britta und General Roda haben für die Dauer ihres Aufenthalts im Fränkischen die Gastfreundschaft derer von Halem in Zeilitzheim genossen (bzw. requiriert) , die uns ihrer Großzügigkeit die Belle Etage zur Verfügung stellten.
Es wunderte mich doch sehr eine herrschaftliche Residenz in einem kleinen 700 Seelen Dorf vorzufinden.
Das Gebäude selbst wirkt etwas altmodisch, ganz dem Geschmack der Altvorderen des Barock verpflichtet.
Selbst der Garten ist noch so gestaltet und sperrt die Natur in ein barockes Buchsbaumkorsett. Was lobe ich da unseren modernen englischen Geschmack!
Das Interieur selbst ist auch barock mit mächtigen Kassettendecken und bunten Fresquen, doch im Kaminzimmer, der als Salon dient ließen sich schöne Stücke neueren Datums finden.
Beachte bitte die beigefügten Aquarelle, die dir einen gewissen Eindruck verschaffen.
Ich sehe deinen ungeduldigen Gesichtsausdruck vor mir, du erwartest natürlich von mir keine Beschreibung von Nichtigkeiten....
Nach 7-tägiger Reise, die durch die angenehme Gesellschaft von Justine, deren Frau Maman und Jean Luc de Farinot und einer herzerfrischend unkonventionellen amerikanischen Dame - Nanny Mac Dougall of Lane (später noch mehr zu ihrer Person)bereichert wurde ,erreichten wir am späten Nachmittag Zeilitzheim.
Wir bezogen unsere bequemen und beheizten (!) Schlafräume und richteten uns sofort für den Abend.
Den Samtstoff, den du mir für ein Kleid schenktest erwies mir in der kalten steineren Halle und den unbeheizten Fluren einen wärmenden Dienst.
Am frühen Abend versammelte sich die Gesellschaft im Kaminzimmer. Zu meiner großen Freude entdeckte ich einige bekannte und geliebte Gesichter die ich schon aus dem Circle der Comtesse kannte.
Da ich deine Neugier in Bezug auf alle Franzosen und deren Sympathisanten kenne, werde ich mein Gedächtnis strapazieren und dir einige der Herrschaften vorstellen:
Zu Anfang: Madame et Monsieur de la Graine Perniere und ihr Söhnchen Aramis, die eigentlich eher dem Ancien Regime verhaftet sind, die aber gerne in unserem libertinären Kreis verweilen.
Genauso verhält es mit der Familie de la Charette, trotz ihren Verstrickungen in der Vendée , von denen ich dir ja schon mehrfach berichtete.
Comtesse ELeonore Aiée de la Charette befand sich in Begleitung von Madame Emily Mélin (einer prachtvollen Blondine, die zu meinem großen Neid nie eine Brennschere benötigt) und der ,stell dir nur meine Aufregung vor, deutschen Leibärztin von Caroline Murat Herzogin von Cleve und Berg, Madame Ramona.
Leider ließ sich die Dame zu keiner Indiskretion verleiten, dabei ist ihre Brotherrin doch ein beliebtes Objekt des Pariser Salon-Klatsches.
Desweitern freute ich mich sehr über ein Wiedersehen mit Cäcilia und André, die es diesmal etwas bequemer hatten und nicht hoch ins Westfälische reisen mußten.
Madame et Monsieur de Antberg - du weißt schon le beau Danseur und Töchterlein Katharina traf ich auch wieder.
Den guten Doktor Michéle Lichtschlag und die liebreizende Schweizerin Mademoiselle Gehring nicht zu vergessen.
Zu meinem großen Bedauern habe ich festgestellt, das mir die Karten der diversen Herrschaften abhanden gekommen sind und nun die Personenaufzählung nur aus meiner fehlerhaften Erinnerung gespeist wird.
Seid bitte nicht betrübt liebe Tante, wenn ihr den ein oder anderen Namen nicht erwähnt findet.
[Dieser Beitrag wurde am 16.03.2006 - 21:42 von MadameKaya aktualisiert]
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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 17:15 |  |
Fortsetzung:
Wie es nun mal so ist, wenn sich Menschen eine lange Zeit nicht wiedergesehen haben, es wurde auf das eifrigste parliert gegrüßt und geherzt.
Nach geraumer Zeit lief ein Raunen durch die Menge:
Comtesse Kelping und General Roda betraten den Raum und machten ,verbindlich plaudernd mit jedermann ,die Runde.
Wir sprachen noch alle eine reichliche Viertelstunde miteinander und begaben uns dann zum Souper, das im geräumigen Jagdsaal eingenommen wurde.
Zu meinen großem Erstaunen stand an der Querseite des Saales eine lange Tafel auf welcher die Speisen standen.
Ohne lästige Etikette ließen wir uns an der U-förmigen Tafel nieder und ich befand mich in der erheiternden Gesellschaft der Comtesse wieder. Diese klärte mich bereitwillig über den neumodischen Brauch auf.
Der Kaiser selbst hatte diesen befohlen, denn langatmige Soupers sind nicht nach seinem Geschmack.
Bei einem Buffet, so der Name der Erfindung , kann jedermann, jederzeit sich selbst zu den gewünschten Leckerbissen verhelfen.
Die Mode verlangt sogar, das die Herren als Kavaliere die Damen bedienen und ihnen das Gewünschte bringen. Mein lieber Gatte und mein linker Tischnachbar Monsieur de Farinot wählten mit Bedacht und ließen mir an nichts Mangeln.
Nur die hiesige fränkische Spezialität -blauer Zipfel- erregte ob ihres gräulichen Aussehens meinen Widerwillen.
Während des Essens fiel der Blick der Comtesse auf die auf der gegenüberliegenden Seite hängenden Ahnenportraits derer von Halem.
Sie neigte ihren Kopf zu mir und bemerkte mit leisen Unbehagen in der Stimme: "Meine, Liebe, mir scheint die dort drüben schauen mißbilligend auf uns herunter."
"Ja ", erwiederte ich," wir sitzen zu Unrecht in ihren Schlössern".
Erst später bemerkte ich wie boshaft meine Antwort war und wie sehr ich die Comtesse , als ein Kind der Revolution getroffen habe muß.
Während wir noch redeten wurden wir plötzlich von hinten umhalst , Madame Britta die Schwester der Comtesse vertrieb mit ihren ansteckendem Lachen die bösen Geister.
In ihrer Begleitung die lebenslustige Madmoiselle Alexandra de Petit-Fils und die herzensgute Madame Suzette.
Die drei Damen hatten aufgrund des schlechten Wetters ( unmengen von Schnee im März)die größten Schwierigkeiten erlitten.
Nach dem Souper begaben wir uns zurück in den Salon.
Das was nun folgte enbehrte nicht eines gewissen Kontrastes:
Monsieur General Roda ließ sich trotz seines Metiers und Geschlechtes (die Nationalität nicht zu vergessen) nicht nehmen, einen ENGLISCHEN EMPFINDSAMEN ROMAN zum Besten zu geben.
Ihr habt sicherlich schon einmal von der englischen Dichterin Jane Austen gehört und gelesen? Nun die Dame hat in ihrer Jugend einen empfindsamen Roman geschrieben- "Liebe und Freundschaft"
Ein Roman in Briefen
[Dieser Beitrag wurde am 13.03.2006 - 17:42 von MadameKaya aktualisiert]
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Justine_de_Farinot  Administrator


Status: Offline Registriert seit: 11.10.2005 Beiträge: 678 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 17:35 |  |
Allein um eure schönen Berichte lesen zu dürfen, werte Madame Kaya und liebste Miss MacDougal lohnt es sich, weitere schöne Wochenenden auf Schlössern zu verleben, ich bin ganz entzückt!!! 
Ich habe extra diesen neuen Thread für euch eröffnet! 
Signatur Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.
(Rousseau) |
MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 17:44 |  |
Cherie , wenn man 20 Jahre auf so etwas wartet fällt der Bericht so aus.
[Dieser Beitrag wurde am 13.03.2006 - 22:31 von MadameKaya aktualisiert]
Signatur Es gibt kein echtes Leben im Falschen... |
Justine_de_Farinot  Administrator


Status: Offline Registriert seit: 11.10.2005 Beiträge: 678 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 17:48 |  |

Signatur Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.
(Rousseau) |
ComtessedelaCharette  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 18.10.2005 Beiträge: 11 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 21:44 |  |
Mehr!!!!!!
Signatur Savoir, et savoir vivre! |
comtessa Der Blätter zwey


Status: Offline Registriert seit: 23.10.2005 Beiträge: 21 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 21:49 |  |
JAAA, MEHR DAVON!!!
Wir wollen alles wissen, bis ins kleinste Detail!!!
Signatur Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein...
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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 21:55 |  |
Fortsetzung:
Dieser ist eine Parodie auf die Werther Manie (wußtest du, das Werther rothaarig war?) und die von diesem Roman ausgelöste Empfindsamkeit.
Wie du weißt schlägt auch in meiner Brust ein empfindsames Herz und so manches mal bemerkte ich den satirischen Unterton nicht einmal.
Das Schicksal von Sophie die in einem Ulmenhain (zur falschen Jahreszeit) wegen ihres Kummers um den unglücklichen Augustus in Ohmnacht fiel, sich die galoppierende Schwindsucht holte und ein paar Tage später ihr Leben aushauchte rührte mich zutiefst.
Ich gebe es ungern zu aber der reichlich ausgeschenkte Wein von den Charettschen Güter ließ alsbald nach beendigter Lesung eine leicht frivole Stimmung aufkommen.
Neben mir stand Madame xxx deren Schleppe versehentlich mit den Stiefeln von Comte C. xxx in Berührung kam.
Die Dame strauchelte anmutig , stieß einen kleinen Schrei aus und rief dem Comte zu, so das alle es hören konnten: "Monsieur, wenn ihr mich entkleiden wollt, so können wir gerne eine anderes Arrangement treffen!"
Alles lachte, niemand nahm Anstoß an diesem unanständigen Verhalten.
Der Comte übrigens, wies dieses Anerbieten nicht entrüstet zurück, er lächelte nur charmant und verbeugte sich vor der Koketten.
Himmel, diese Franzosen !!!
Nach und nach zogen wir uns auf unsere Zimmer zurück und ehe es 2 Uhr schlug, war das Schloß in tiefen Schlaf versunken.
[Dieser Beitrag wurde am 13.03.2006 - 22:28 von MadameKaya aktualisiert]
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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 22:26 |  |
Fortsetzung:
Sonnabend, der 11.03.1806
Chère Tante!
Am folgenden Tag begaben wir uns nach dem Frühstück (es gab Saft von Orangen!) auf einem Rundgang durch das Dorf Zeilitzheim.
Die Bauernhäuser drängen sich um den kleinen Dorfplatz , der Mist liegt auf der Straße .
Die Einheimischen sind scheu und meiden den Kontakt zu uns, außer ein paar Engländer, die sich auf der Grand Tour befanden und in Z. die Pferde wechselten .
Sie fragten uns, die kesse Mac Dougal befand sich in meiner Begleitung, auf das penibelste aus, betasteten unsere Gewänder und Hüte und waren begierig nach Neuigkeiten vom französischem Hof. Da wir uns bedrängt fühlten verabschiedeten wir uns hastig und flüchteten in den Schloßpark, der uns mit winterlicher braun-grauer Melancholie empfing.
Diese winterliche Tristesse löste die traurigsten Gefühle bei mir aus, Erinnerungen an erlittenen Kummer umwölkte meinen Geist, kurz, der halb zugefrorene Teich lockte mich in seine Tiefen...
Die liebe Nanny riß mich in ihre schwesterliche Arme und in die Realität zurück, in dem sie mich ablenkte und die für uns Frauen überlebenswichtigen Fragen stellte:
Wird unsere Ballkarte heute abend auch voll sein?
Mit wem werden wir tanzen?
Die nächste Viertelstunde verbrachten wir tief im Gespräch versunken damit, die Vorzüge (volles Haar, gerade Beine, prächtige Coteletes, bestickte Westen , große Orden) und Nachteile (geringes Einkommen, fehlende Gliedmaßen, kein Phaeton, noch lebende Mütter) der Herren abzuwägen.
Dazu mußt du wissen, chere Tante, das Nanny Mac Dougal eigens zum Zweck der Vermählung, von ihrer Familie (Tabakadel aus Virgina -ich muß nachher im Atlas nachschlagen wo das liegt) auf den Kontinent geschickt wurde.
Ihre im wahrsten Sinne des Wortes zupackende Art, hat die Bewerber in ihrer Heimat wohl vergrätzt.
Ich hoffe sehr, das sie eine gute Partie findet und nicht als Leerfracht nach Hause kommt.
[Dieser Beitrag wurde am 16.03.2006 - 21:44 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 13.03.2006 - 22:45 |  |
Fotsetzung:
allein, die Heiterkeit fand ein schnelles Ende , als wir das erste zarte, verschämte Grün des Jahres 1806 entdeckten - Schneeglöckchen!
Dicht gedrängt blühten sie schutzsuchend , so ergreifend klein und weiß, vor der Terrasse des Schloßes.
Gerührt standen wir vor den Frühlingsboten und das empfindsame Auge quoll über vor Tränen.
Das ganze ließ sich zu unserem Entzücken noch steigern und wir begaben uns per pedes in Begleitung von Doktor Lichtschlag und meinem lieben guten Manne zum Dorffriedhof, wo wir in tiefer Erschütterung die Grabreihen entlangschritten. So viel Leben, soviel Tod!
Da wir unsere Augen bald trocken geweint hatten, ließen wir uns gerne von der empfindsamen Stimmung erlösen und uns von meiner herzallerliebsten Freundin im Geiste und der Moden, Justine de Farinot überreden im Cabriolet , gezogen von Hüü und Hott die Gegend zu erkunden.
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