witchi  Der Burgherr (Admin) freier Ritter
        

Status: Offline Registriert seit: 18.04.2005 Beiträge: 3069 Nachricht senden | Erstellt am 17.06.2005 - 17:18 |  |
Wiedenbrügge liegt im Bereich des "Dül-Waldes", der als großer Grenzwald zwischen mehreren Gauen bis in das 13. Jahrhundert erhalten war. Reste von ihm bestehen bis heute z.B. in Form des Waldes auf den Rehburger Bergen. Funde aus der jüngeren Steinzeit deuten darauf hin, dass das Gebiet um Wiedenbrügge schon recht früh besiedelt wurde. Als dauerhafte Siedlung entstand Wiedenbrügge jedoch erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Es wurde zur Regierungszeit von Graf Hildebold zwischen 1203-1228 planmäßig als Hagenhufendorf angelegt und gehörte zu den ersten Hagendörfern überhaupt im Bereich des Dül-Waldes. Als einzige Siedlung dieser Epoche lässt es jedoch die typische Einteilung der Hagenhufen vermissen, möglicherweise aufgrund des kargen Bodens. "Die Höfe der wenigen Siedler wurden derartig an einer kurzen Straße angelegt, dass jedem ein kurzes Stück Hausland hinter dem eigenen Gehöft blieb. Der Wald auf dem nördlich gelegenen Wiedenbrügger Berg wurde gerodet und das Feld in drei Bezirke gewannartig aufgeteilt. Die ungeteilten Stücke zwischen den Gewannen wurden gemeinsam als Angerflächen genutzt." (BLOHM, R.: Die Hagenhufendörfer in Schaumburg-Lippe, 1943, S. 66). Das Hagenhufendorf zeichnete sich ferner durch die "eingehagten" Wiesen aus: Hecken umgaben die Weiden und Wiesen, Hofgelände, Hausland, Kohl- und Baumgärten fassten die Triftwege und Straßen ein.
Die Siedler eines Hagenhufendorfes genossen i.d.R. eine Sonderstellung: neben der persönlichen Freiheit und der unbedingten Erbberechtigung gewährte das "Hägerrecht" eine weitgehende Selbstverwaltung die niedere Gerichtsbarkeit. Diese Sonderrechte bestanden in Wiedenbrügge offensichtlich nicht. Die Bauern waren seit dem 16. Jahrhundert Eigenbehörige der von Münchhausen zu Remeringhausen und unterlagen dem Meierrecht. Die sog. "Vollmeier" waren dem Grundherren gegenüber abgabe- und dienstverpflichtet. Sie waren die ersten Hofstellen, die i.d.R. die ertragreichen Böden unter sich aufteilten. Neue Hofstellen konnten in der Folge nur durch Teilung der vorhandenen entstehen ("Halbmeier" oder mussten sich am Rande des Dorferkernes niederlassen und minderwertigere Böden bestellen sowie ihr Vieh auf den Gemeinheiten weiden lassen. Dies waren ab Mitte des 16. Jahrhunderts die sog. "Kötner". Danach kamen die Brinksitzer, die nur über wenig Land verfügten und zur Existenzsicherung zusätzlich ein Handwerk ausübten. Die An- und Abbauern schließlich verdingten sich als Arbeitskräfte auf den großen Hofstellen.
In Wiedenbrügge gab es lt. Dr. KH SCHNEIDER (mündl.) nur Halbmeier. Der Ort vergrößerte sich im Laufe der Jahrhunderte nicht. Die Nachsiedlung durch Brinksitzer und Kötner im 16. Jahrhundert erfolgte nicht im Ort selbst, sondern durch die Anlage der Siedlung Schmalenbruch.
Als Ackerfläche stand für diese Siedler nur "Rottland", d.h. frisch gerodetes und beweidetes Land, zur Verfügung. Im Jahre 1732 gab es hier 3 Kötner und 8 Brinksitzer, jedoch keinen Meierhof. Windhorn war damals ein Einzelhof.
Ab 1750 wurde unter Graf Wilhelm die Zuwanderung von "Ausländern" gefördert, die Haus und Gartenland erhielten. Hiermit setzte sich in Schaumburg-Lippe die Tendenz der Kleinbauernstruktur fort. Der Graf förderte außerdem die Leinen-Verarbeitung, u der besitzlosen Schicht ein besseres Auskommen zu gewähren. Es begann eine Phase des Bevölkerungswachstums in Schaumburg-Lippe, die sich durch die Agrarreformen im 19. Jahrhundert fortsetzte. Mit Einführung von Kartoffel und Zuckerrübe, verbesserter Anbaumethoden, der Stallfütterung und der Erfindung des Mineraldüngers wuchs der Wohlstand der Bauern. Auch die Ziegelei mit zeitweilig 70-80 Beschäftigten führte zu einem Zuzug von Einwohnern (heutige Mülldeponie).
Im Zuge dieser Entwicklungen entstanden in Wiedenbrügge einige neue Anwesen am Rande des alten Dorfes. Auch in Schmalenbruch und Windhorn erfolgten Zusiedlungen. Insgesamt war der Zuzug jedoch vergleichsweise gering, was möglicherweise in der fehlenden Ausweisung von Bauland begründet lag.
Eine Besonderheit in Wiedenbrügge war der Solebrunnen, der seit 1238 bestand. Ab 1730 wurde er für die Salzgewinnung genutzt. Im 19. Jahrhundert wurde die Sole nach Bad Rehburg geliefert (1812-1900).
Einen entscheidenden Einschnitt für Wiedenbrügge und Schmalenbruch bedeutete der Bau der Kleinbahnlinie Wunstorf-Loccum im Jahre 1898. Die Bahnhöfe in Schmalenbruch und Wiedenbrügge brachten eine wirtschaftliche Blüte (Gewerbebetriebe, Molkerei). Daneben wurden die Dörfer nun auch als Ausflugsort für die Bürger Hannovers interessant. Die Hannoveraner wanderten z.B. vom Bahnhof Wiedenbrügge aus zum Matteschlößchen nach Wölpinghausen. Es bestanden mehrere Gaststätten, meist mit Außensitzplätzen, wie neben dem Bahnhof, wo die Nischen aus Sandstein heute noch sichtbar sind.
Im Jahre 1939 zählte Wiedenbrügge ca. 200 Einwohner. Zu diesem Zeitpunkt gab es 16 Haupterwerbsbetriebe, 14 Nebenerwerbsbetriebe, 6 Handwerker und Gewerbetreibende sowie 19 Arbeiter.
Nach dem Krieg entwickelte sich Wiedenbrügge durch die relativ gute Verbindung nach Wunstorf zunehmend zum Wohnstandort. 1960 waren die Einwohnerzahlen auf 380 (Wiedenbrügge) und 100 (Schmalenbruch-Windhorn) gestiegen. Nach einer Phase der Stagnation ist in der jüngsten Zeit auch in Wiedenbrügge wieder ein leichter Anstieg der Bevölkerungszahlen zu verzeichnen.
Quelle Schaumburger Heimathefte
Signatur Der Schmerz von heute ist die Kraft von morgen. |