BDBruemmer1  Administrator
    

Status: Offline Registriert seit: 12.06.2005 Beiträge: 20742 Nachricht senden | Erstellt am 13.12.2006 - 11:01 |  |
Der passende Wein
Ein großes Menü verlangt natürlich auch ein wenig Sorgfalt bei der Weinauswahl. Deshalb sollte man ruhig zu jedem Gang einen anderen Wein wählen, es handelt sich schließlich um jeweils ganz unterschiedliche Gerichte, die durchaus einen anderen Wein vertragen.
Dazu überlegt sich der Weintrinker und Gastgeber zunächst einmal grob die Folge der Weine. Zur Vorspeise einen Weißwein, der möglichst auch zur Suppe noch passen sollte – normalerweise trinkt man ja zur Suppe nichts, denn deren Flüssigkeit reicht schließlich aus, aber dem Genuss wird ein kleines Schlückchen dazu nicht abträglich sein ... Dann einen Rotwein, und zwar einen kräftigen, denn eine gebratene Ente ist schließlich kein Leichtgewicht. Und zum Dessert benötigen wir entweder einen schweren Süßwein, der einerseits der Schokolade Paroli bieten kann und andererseits mit der Fruchtigkeit der Himbeeren harmoniert, oder einen üppigen Champagner. Um zu ahnen, welcher Typ von Wein, welche Rebsorte und welche Art des Ausbaus sich eignet, muss man sich die verschiedenen Aromen der Gerichte zunächst analytisch vor Augen und – über die Phantasie! – auf die Zunge führen.
Beginnen wir mit der Vorspeise: Da haben wir einmal die zarten, aber aromatischen und leicht süßen Jakobsmuscheln, begleitet von einer senfscharfen und zitronensäuerlichen Sauce und den Appetit anregenden, zartbitteren Salatblättern. Der begleitende Wein darf also nicht zu säurereich sein, weil er sonst mit den Jakobsmuscheln in Konflikt kommt. Und er darf nicht zu süß sein, weil er sonst die Säure der Sauce zu spitz hervortreten lässt (oder von ihr regelrecht „gebrochen“ und in seiner Harmonie beschädigt wird). Außerdem sollte er nicht nur mineralische Geschmackskomponenten aufweisen, sondern auch vegetabile, fruchtige und florale, damit er zu den Aromen der Sauce, den bitteren Salaten und der darüber geriebenen Zitronenschale passt.
Was man darunter versteht? Ein Wein bildet ja immer einen ganzen Komplex von Duft- und Geschmacksnoten.
Man unterscheidet dabei:
Primärnoten, die natürlichen, fruchtigen Aromen des jungen Weines, etwa Zitrusaromen (Zedrat, Limette, Mandarine, Orange, Grapefruit), exotische Früchte (Kiwi, Litschi, Ananas, Banane, Mango etc.), rote und/oder schwarze Beerenfrüchte (Him-, Brom-, Stachel-, rote oder schwarze Johannisbeere usw.), Apfel, Aprikose, Pfirsich ...
Sekundärnoten, die aus dem Ausbau im Keller resultierenden Elemente, etwa Hefetöne, Akzente, die durch den Ausbau im kleinen Eichenfass, dem Barrique, erzeugt werden, Holzaromen, Vanille, Waldboden usw., Butter, Röstaromen, Brioche ...
Tertiäraromen, die erst mit der Alterung der Weine entstehen und aus der Umwandlung der verschiedenen im Wein enthaltenen Säuren, Ölen, Estern und so weiter entstehen, etwa in Rotweinen ein Hauch von Teer, die komplexen Düfte von schwarzen oder weißen Trüffeln, in Weißweinen die typische Sherrynote in zarten Anklängen, Honig – und insgesamt die Verstärkung, Umwandlung und Integration der verschiedenen Primär- und Sekundärnoten.
Diese alle zusammen wiederum teilen sich auf:
in mineralische Noten – man versucht sie nach seinen Erfahrungen zu beschreiben und erinnert sich vielleicht an Schiefer (Schultafel), Stein, Staub, Sand, Salz (Meerwasser), Kreide, Graphit (Bleistift) und anderes mehr,
vegetabile Noten – wie Gras, reifer Weizen, Kräuter (die man natürlich ganz genau zuordnen kann), Sellerie, Gurken, Artischocke, Blätter von schwarzen Johannisbeeren oder Geranien usw.,
florale Düfte – wie Rose (etwa beim Gewürztraminer), Holunder (Müller-Thurgau), Reseda, Veilchen, Iris, etc.,
die würzigen Elemente – wie Vanille, Kräuter, Nelke, Muskat, Zimt, Koriander etc.
Wir wählen einen komplexen, schon etwas gereiften Weißburgunder (Jahrgang 2001) aus, im kleinen, aber nicht zum ersten Mal verwendeten Holzfass vergoren (das würde eine sehr starke Prägung geben, das zarte Gericht erdrücken). Eine trockene Spätlese aus Deutschland (etwa von der Nahe), deren Säure präsent ist, deren nicht zu geringer Alkoholgehalt in Verbindung mit dem dabei vorhandenen Glycerin für eine gewisse Süße und damit Harmonie mit den Jakobsmuscheln sorgt, dessen ausgeprägtes Zitrusbukett die Würze des Gerichts aufnimmt und dessen mineralisch-vegetabiler Charakter bestens zum Salat passt.
Das richtige Glas: Wir trinken diesen Wein aus einem mittelgroßen Kelch, der sich nach oben etwas verschlankt. Dieses Glas eignet sich auch für reifen, gehaltvollen Riesling, für Sauvignon Blanc, für einfachen bis mittleren Chardonnay (für große Burgunder ist ein bauchiges Glas besser!), Silvaner usw. Diese Glasform konzentriert den Wein, bringt Säure und die Süße des Alkohols gleich gut zum Ausdruck – wäre es bauchiger, würde der Wein breiter und flacher schmecken, wäre es schlanker, würde er einem säuerlich über die Zunge laufen.
Zur Suppe kann man diesen Wein bestens weiter trinken, könnte jedoch, falls er zu Ende gegangen sein sollte und man doch etwas anderes reichen will, zu einem Sauvignon Blanc greifen (etwa aus der Südsteiermark), der mit seinen Cassis-, Heu- und Litschi-Aromen dem Lauchsüppchen eine Krone aufsetzen kann.
Zum Hauptgericht: Nicht nur zur Ente muss der Wein passen, sondern auch zu den erdig-süßen Rote-Bete-Knödeln, zum leicht adstringierenden, also gerbsäurehaltigen Spinat mit seinen grünen Aromen und vor allem auch zur Sauce, in der Johannisbeeren, komplexe Fruchtessignoten und Röstzwiebeln eine Rolle spielen. Wir könnten nach Italien gehen, etwa einen Barbaresco oder Barolo wählen aus der für Piemont typischen, intensiven, säurereichen und breitfächrigen Nebbiolo-Traube, einen mächtigen Toskaner, von Chianti Classico über Nobile di Montepulciano und Brunello bis zu einem der modernen Supertuscans, die häufig aus einer Cuvée, also einem Verschnitt zweier oder mehrerer Rebsorten, bestehen.
Bei Rotwein ist dies ja in vielen Regionen üblich, denn wenn die eine Sorte besonders ausgeprägten Körper und Wucht sowie angenehme Tannine (Gerbsäure) mitbringt, die freilich die Zunge nicht gerben dürfen, sondern sie charaktervoll umschmeicheln sollten, und ein gutes Reifepotential im Holzfass aufweist, so ergänzt sie die andere Sorte mit samtigen und frisch-fruchtigen Aromen zu einem Gesamtkunstwerk! Dies ist ja in der Rotweinregion par excellence, dem Bordelais, bereits seit Jahrhunderten Tradition: Eine Cuvée (also Mischung) aus Cabernet und Merlot wird immer zur Ente und ihren Begleitern passen! Oder ein Wein von der Rhône mit Syrah und Grenache, etwa Cornas, Hermitage, Gigondas oder Châteauneuf-du-Pape. Aus Österreich käme vielleicht eine Cuvée aus dem mächtigen Blaufränkisch mit fruchtigem Zweigelt in Frage, aus Deutschland ein Lemberger aus Württemberg oder, und dafür haben wir uns heute entschieden, eine Cuvée aus Lemberger, Cabernet Sauvignon und Merlot (Dautel, Württemberg), die natürlich im Barrique ausgebaut wurde. Der Wein wurde vor drei Stunden geöffnet und schwungvoll in die Karaffe gegossen.
Dieser Vorgang, Dekantieren genannt, hat dem Wein Sauerstoff zugeführt, der ihn belebt. Außerdem können dabei eventuell bei der Reifung in der Flasche entstandene Nebenaromen, die nicht unbedingt die Nase entzücken müssen, entweichen, der Wein schmeckt wieder sauber und klar – allerdings ist er nur klar, wenn wir ihn vorher nicht geschüttelt haben und der Wein vorsichtig vom Depot getrennt wurde.
Das richtige Glas: Wir trinken ihn aus dem klassischen Bordeaux-Glas, das kräftige, intensive, aber nicht in erster Linie nur von der Frucht, sondern vom gekonnten Ausbau im Keller geprägte Weine bestens zur Geltung bringt. Nicht nur Bordeaux-Weine, sondern auch die Toskaner (ebenso der klassische Sangiovese wie die internationalen Rebsorten), die spanischen (Rioja, Duero, Priorato) und portugiesischen Rotweine (Dao) und die meisten Weine aus der neuen Welt (Ausnahme sind eigentlich nur die Pinot-Noir-Weine) schmecken aus diesen großen, nach oben sich schließenden Gläsern am besten. Ein Piemonteser oder Rhône-Wein hingegen verlangt wie jeder Burgunder nach einem bauchigeren Glas, das seine Strenge mildert, ihm mehr Luft gibt und ihn üppiger und weicher macht, dabei seine reichen Düfte konzentriert.
Und zum Dessert? Schokolade ruft geradezu nach einem mächtigen, schweren Wein – ideal sind die mit Alkohol verstärkten Weine aus dem Süden, weil sie weniger Säure aufweisen als etwa deutsche oder österreichische Trockenbeerenauslesen oder Eisweine. Schokolade und Säure vertragen sich nämlich nur in Maßen! Wählen wir also zum Beispiel einen süßen Port, einen schweren, süßen Sherry (Pedro Ximenes oder Cream), aus Südfrankreich einen Maury oder einen Banyuls, aus Italien einen Passito di Pantelleria oder einen süßen Vin Santo. Wir könnten uns für einen Muscat de Beaumes-de-Venise aus der Provence entschließen, den wir uns vor vielen Jahren einmal von dort mitgebracht haben – es ist das Schöne an solchen Weinen, dass man mit ihnen die damalige Stimmung noch einmal aufleben lassen kann! Ihn würden wir aus einem kleinen, bauchigen Glas trinken, damit er einerseits atmen kann und die Oberfläche ausreichend groß ist, andererseits sein feiner Duft nicht verfliegt. Und wir schenken immer nur einen kleinen Schluck ein, der in der Flasche kühl bleibt, sich im Glas dann jedoch rasch erwärmt und seinen üppigen Duft verströmt. Das wäre eine vollkommen harmonische Begleitung.
Wir aber entscheiden uns für ein anderes Prinzip, suchen beim Getränk nicht die Harmonie, sondern eher den interessanten, belebenden Kontrast und holen aus dem Keller einen üppigen, aber dennoch eleganten Jahrgangschampagner (1998 Blanc de Blancs von Saint Gall, also einen Champagner nur aus Chardonnay-Trauben bester Lagen), den wir in dem klassischen Champagnerkelch genießen: Er macht zwar beim ersten Schluck durch eine herbe Bitterkeit stutzig, aber die verfliegt sofort, und dann erfrischt er die vom reichen Dessert überwältigte Zunge und hebt die herrlichen Beerenaromen in glanzvolle Höhe.
quelle: www.wdr.de
Signatur Die Natur kann ohne uns locker leben.
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BDBruemmer1  Administrator
    

Status: Offline Registriert seit: 12.06.2005 Beiträge: 20742 Nachricht senden | Erstellt am 08.02.2007 - 10:32 |  |
Banane, Birne, Buttermilch - Die Aromen des Weins
Früher war das eine Wissenschaft mit eigenem Wortschatz: wenn Fachleute sich über Weine unterhalten haben, dann staunte der Laie Bauklötze. Aber das hat sich gründlich geändert. Heute ist es selbstverständlich, die Aromen der Weine mit ganz alltäglichen Geruchs- und Geschmackseindrücken zu vergleichen. Damit wird es viel leichter, über Weine zu sprechen - und es macht mehr Spaß.
Wer noch nie so richtig in einen Wein hineingerochen und -geschmeckt hat, der wird erstmal nur feststellen, das Wein halt nach Wein riecht. Aber ein bißchen Übung und Phantasie lassen eigentlich jeden Menschen sehr schnell ganz verschiedene Dinge in einem Wein wiedererkennen. Das wird immer eine Näherung sein, denn immerhin sind etwa 400 Aromen in einem Wein enthalten, aber einige wenige dominieren ihn doch in der Regel.
Trotzdem ist das nicht so einfach, zu sagen, was man riecht. Wissenschaftler erklären das so: Die Fähigkeit Gerüche wahrzunehmen hat sich sehr früh in der Evolution entwickelt und ist daher in einem alten Teil unseres Gehirns, dem Stammhirn beheimatet. Demgegenüber entwickelte sich unser Sprachvermögen sehr spät und wird von dem jüngsten Teil des Gehirns, der Großhirnrinde gesteuert. Aus diesem Grund gibt es wenig Verbindungen zwischen dem Geruchs- und Sprachzentrum. So fällt es uns Menschen schwer, das was wir riechen mit Wörtern treffend zu beschreiben. Weil wir also leicht "sprachlos" sind wenn es um Aromen geht, haben Weinfachleute das Aromarad erfunden. Das hilft, wenn man riecht und findet: "klar, der riecht nach....ich weiß genau, irgendwie fruchig, eher so exotisch..." Auf dem Aromarad sind die Aromen nämlich unterteilt in Gruppen. z.B: "fruchtig" und darunter sind dann sieben Untergruppen. z.B. "exotisch". Und da findet sie sich dann - unter anderen Früchten, die gesuchte Ananas. Diese Suchstruktur auf dem Aromarad ist sehr hilfreich. Das Aromarad gibt’s für Rot- und für Weisswein. Und es ist beim Deutschen Weininstitut, Gutenbergplatz 3-5 , 55116 Mainz zu beziehen.
Wie kommt die Vanille in den Wein?
Aromen im Wein können ganz verschiedenen Ursprung haben. Sie stammen entweder aus den Trauben (wobei dann die Sorte, aber auch der Boden auf dem sie wachsen und die Reife eine Rolle spielen) solche Aromen nennt man "primäre". "Sekundäre" sind solche, die durch die Gärung entstehen. Und von "tertiären" spricht man, wenn man solche meint, die erst während der Reifung entstehen. Kalkhaltige Böden neigen dazu Weine mit exotischen Aromen wie Maracuja oder Mango zu erzeugen, während lehmhaltige Böden eher zu Geruchsnoten nach grüner Bohne oder Grapefruit neigen. Natürlich hat auch der Kellermeister ein Wörtchen mitzureden: Ein junger Wein, insbesondere wenn er kühl vergoren wird, duftet oft nach Banane, Ananas oder Pfirsich, da hier das Gärbukett der Hefen noch spürbar ist. Erfolgte ein biologischer Säureabbau kann eine Joghurt- oder Butternote auftreten, während die Reifung im Barriquefaß an dem Geruch nach Vanille, Gewürznelken und getoastetem Holz zu erkennen ist. Kein Wunder: das vermittelt tatsächlich Vanillin, Zimtaldehyd und das nach Kokosnuss und Karamel duftende Eichenlakton an den Inhalt. Je älter die Weine werden, desto mehr wandeln sich die frischen Früchte zu gekochten und später zu getrockneten Früchten, karamelisierte Aromen werden intensiver. Die Kenntnis um die bio-chemischen Hintergründe der Aromatisierung wird immer umfassender. Ergebnis. Es lassen sich gezielt Aromen ansteuern. Das kommt den Verbraucherwünschen nach klaren, fruchtigen Weinen entgegen. Das alles bedeutet aber nicht, daß Weinen etwa künstliche Aromen zugesetzt werden. Das ist überall auf der Welt verboten und im übrigen auch viel schwieriger, als sich das Laie das vorstellt.

quelle: www.swr.de
Signatur Die Natur kann ohne uns locker leben.
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