Ulrich Bibliothekarsaushilfe
   

Status: Offline Registriert seit: 26.09.2005 Beiträge: 159 Nachricht senden | Erstellt am 23.10.2005 - 15:19 |  |
Vernoma-Corax sel Volu, thandu Volubato. (Gewidmet meinen nahen Freunden, auf dass sie nicht vergessen mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.) Marcel lief den Weg vom Bahnhof hinunter zum Karstadt, wo er heute noch ein paar Freunde treffen wollte. Es würde sicherlich ein lustiger Nachmittag werden. Er war allein unterwegs, denn er kam gerade direkt von der Schule, welche etwa zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt war. Er war meistens allein, denn Freunde in seiner Klasse hatte er keine. Zumindest keine Richtigen. Der Junge kam gerade am McDonalds vorbei, wobei er die Gesichter, der darin sitzenden Leute, genau musterte. Auf dem Fußgängerweg herrschte starkes Gedränge, ein reges kommen und gehen der einkauftüchtigen Leute. Marcel schaute zurück auf den Bürgersteig und die Menschenmasse. Auf einmal erblickte er, wie ein Mädchen, etwa im gleichen Altar wie er, von mehreren größeren Jungs umstellt war und umhergeschubst wurde. Das mussten zweifellos Nazis sein, denn die Typen trugen Bomberjacken und die dazu passenden Springerstiefel. Marcel schritt schneller aus und kam näher. Die umherlaufenden Leute kümmerte sich nicht im geringsten um die Bande und das Mädchen. Sie schienen alle wie blind. Einer der rechtsradikalen Jungs packte nun die Handtasche des Mädchens und lehrte sie auf dem Boden aus. Marcel stand jetzt nur zwei Meter vor den Nazis und dachte, dass die junge Frau wohl Ausländer sein musste. Er begann mit fester Stimme zu rufen: „Hey! Noch nie was davon gehört, dass man Frauen nicht so anpackt?“ Die Typen wirbelten allesamt herum, einen recht erschrockenen Ausdruck auf ihren Gesichter. Doch als sie Marcel erspähten, der zwei Kopf kleiner war als sie, lachten sie nur. Einer von ihnen lief auf ihn zu. Marcel ballte die Hände zu Fäusten, wobei er ganz genau wusste, dass er es niemals mit diesen starken Bären aufnehmen konnte. Der Nazi trat blitzschnell auf die Füße des Jungen und stieß ihn nach hinten. Marcel fiel schmerzhaft hin, doch dann packte ihn die Aggression. „Was soll der Mist? Kannst du es etwa nur mit Kleineren aufnehmen?“ Er stürmte vor und trat den Größeren in den Bauch und schlug mit den Fäusten auf ihn ein. Da wurde er von zwei anderen gepackt und nach hinten gezerrt. Die umherlaufenden Leute achteten Unglaublicherweise immer noch nicht auf das Geschehen. Von nun an spürte der Junge nur noch den Schmerz der harten Schläge, die auf ihn krachten. Die Sinne schwebten schon langsam davon, als er merkte, wie er von zweien mit Schwung weggestoßen wurde. Die Scheiben klirrten. Die Alarmanlage der Schaufenstergalerie ertönte und Marcel hörte die Schritte der davoneilenden Nazis. Er spürte den Schmerz nicht, obwohl er das Blut spürte, welches in sein Gesicht tropfte und auf den Scherben verschmiert war. Die Sinne verließen ihn. Die Seele schwebte davon. Sein letzter Gedanke war bei dem Mädchen. Sie war eigentlich wirklich hübsch gewesen. Mit ihren langen bräunlich-roten Haaren und dem zarten Gesicht. Sie war wirklich wunderschön gewesen. Dann hörte sein Denken auf.
Plötzlich zuckte der fünfzehnjährige Marcel Gärtner hoch. Er lag in seinem Bett, schweißgebadet. Er hatte wieder einen dieser eigenartigen Alpträumen gehabt. Das war nun schon der dritte in dieser einen Nachr. So langsam machte ihm das wirklich zu schaffen. Er sah auf seinen Wecker. „Verdammt! Schon wieder verschlafen!“ Er sprang auf und schaltete das Licht an. Er stürmte los und machte sich schulfertig. Es war Montagmorgen und er musste in einer halben Stunde im Klassenraum erscheinen, oder wieder eine schlechte Note kassieren. Sein Zimmer war hellblau gestrichen und voll mit Möbeln. Es waren alles ziemlich antike Stücke, fast alle von irgendwelchen Verwandten geerbt. Ansonsten gab es nur einen kleinen, alten Fernseher, der in der Ecke gegenüber von seinem Bett stand. Einige Bücher reihten sich in den Regalen auf. Es waren viele Bücher über Fantasy-Geschichten dabei und auch einige epische Heldenromane. Der Junge hastete die Treppe hinunter und schlüpfte in die Stiefel, warf sich die Jacke über und stürmte aus der Haustür. Zehn Minuten später klopfte irgendwas von außen an der Haustür und eine gedämpfte Stimme schrie: „Mudda! Lass mich rein! Mudda!“ Er hatte seinen Schulranzen vergessen. Außerdem hatte Marcel nicht einmal gemerkt, dass seine Mutter noch tief schlummerte, als er das Haus verlassen wollte. Sie musste natürlich auch zur Arbeit, aber wenn sie nicht von ihrem Sohn geweckt wird, steht sie auch nicht auf. „Mama! Mach die Tür auf“ Und steh endlich auf!“ Seine Mutter hörte das Gebrüll und stand langsam auf, um ihn einzulassen.
In der Schule hatte Marcel, wie in seinen Träumen, keine Freunde. Er kannte jedoch andere Jungs aus seiner früheren Klasse in der Grundschule. Mit diesen traf er sich manchmal nach der Schule. Meistens war das dann vor dem Karstadt. Ein solcher Tag war heute wieder. Der Vormittag verging langsam und langweilig, aber schließlich war es geschafft und Marcel hatte nicht einmal viele Hausaufgaben auf. Er packte seinen Ranzen und stürmte, so wie die Anderen, aus dem Klassenraum. Er lag im zweiten Untergeschoss der Schule. Dann ging es unterhalb der Schule einen kleinen Pfad entlang zum Bahnhof. Der Weg war gar nicht so weit, nur etwa zwei Kilometer. Marcel hatte sich für zwei Uhr verabredet. Im Moment was es dreizehn Uhr. Er hatte noch reichlich Zeit und marschierte vorher in den Zeitungsladen, um sich die neue Bravo zu kaufen. Als nächstes wollte er zum Karstadt und dort die restliche Zeit damit verbringen, sich mit Eis vollzustopfen. Das war eine kleine Vorliebe von ihm. Er lief durch die Hallen des Bahnhofsgebäudes und ging am McDonalds vorbei. Er musterte die Gesichter der darin sitzenden Leute. Allerlei Volk saß darin und kaute Burger. Der Junge dreht sich gerade wieder um, als er ein paar ältere Jugendliche sah, die gerade ein Mädchen seines Alters herumschubsten. Es schienen Nazis zu sein, denn sie trugen Bomberjacken und die dazu passenden Springerstiefel. Sie waren zu fünft, aber Marcel war eigentlich kein Feigling. Er konnte so was nicht ansehen, ohne einzugreifen. Er schritt direkt auf die Typen zu, die mitten auf dem belebten Bürgersteig standen und sich einen Spaß daraus machten dieses Mädchen zu ärgern. „Hey! Noch nie was davon gehört, dass man Frauen nicht so anpackt?“ Die Rechtsradikalen wirbelten herum. Auf einmal kam Marcel die Erinnerung an seinen Traum, den er diese Nacht gehabt hatte. Er bekam einen Schock. Es war zwar nur ein Traum gewesen, aber er hatte sich die Gesichter der einzelnen Personen genau gemerkt. Und eben diese Gesichter waren soeben Wirklichkeit geworden. Er konnte sich fast ganz sicher sein, dass er diesen Typen im Traum begegnet war. Sie kamen näher und begannen zu grinsen. Das Mädchen stand hinter ihnen und wurde nicht weiter beachtet. Der größte von den Jugendlichen antwortete: „Huh? Willst du aufmucken oder was? Haste Scheiße im Hirn? Wenn du dich selber umbringen willst gerne, wir helfen dir dabei!“ Marcel dachte daran was er in seiner Vision gesehen hatte. Was sollte er nun tun? Wegrennen wäre feige, aber was, wenn es ihm wirklich wie im Traum ergehen würde? War das ganze vielleicht eine Warnung gewesen, damit er sich nicht in Gefahr begab? Sollte er darauf hören? Er wusste sich keinen Rat. Zudem konnte er seine Zeit nicht Verschwenden, denn die Typen kamen ihm gefährlich nahe und sie schienen ziemlich bedrohlich. Er spähte zu dem Mädchen herüber. Sie erwiderte seinen Blick, doch Marcel konnte ihn nicht deuten. Sie schien etwas Ähnliches wie er zu denken. Er konnte sich nicht entscheiden ob er wegrennen sollte oder den Helden spielen sollte. In seiner Vision hatte ihm das Heldengetue ja wohl nicht viel gebracht. Der größte der Teenager stand jetzt direkt vor ihm und gab ihm einen leichten Schubs. „Winzling!“ Marcel war wirklich ein Winzling im Vergleich zu der Gestalt vor ihm. Der Riese schubste ihn nun heftiger und Marcel fasste einen Entschluss. Er holte weit aus und versetzte dem Nazi einen heftigen Schlag in den Bauch. Dieser zuckte nur kurz zusammen und sagte dann nur: „Na wenn du es so gewollt hast.“ Er holte ebenfalls aus und dann spürte Marcel wie er am harten Asphaltboden aufschlug. Ein verrücktes Surren hallte in seinem Kopf wieder und die Welt verschwamm. Derzeit hatte das Mädchen etwas aus ihrer Handtasche geholt. Sie schritt direkt hinter einen der Jungs und rief: „Hey Ochsenhirn. Ein Geschenk!“ Dieser drehte sich um und ehe er sich versah hatte er eine Ladung sehr eigenartig glänzenden Staub im Gesicht. Sie hatten ihn voll erwischt und der Rechtsradikale verschlang die Arme ums Gesicht und beugte sich schützend hinunter, denn der Staub schien höllisch zu brennen. Die Anderen wirbelten herum und bekamen jedoch auch eine saftige Ladung ab. Die Typen stürmten davon, schließlich sollte sie niemand mit tränenden Augen sehen, als ob sie soeben verprügelt worden wären. Die junge Frau packte ihre Handtasche wieder zusammen und kniete sich hinunter zu Marcel, der langsam wieder zu sich kam. Sie sprach mit einer hauchfeinen und zarten Stimme: „Das war sehr mutig von dir. Danke sehr.“ „Klar doch, aber eigentlich hat es ja nichts genutzt.“ Der Junge stand mit zittrigen Knien auf. „Verdammt hat der einen Schlag drauf.“ Die Leute auf der Straße hatten sich nicht im Geringsten um das Geschehen gekümmert. Marcel sprach weiter: „Ich hoffe es ist alles in Ordnung mit dir. Soll ich dich vielleicht ein Stück begleiten, falls diese Typen wiederkommen? Zu zweit ist man immer besser dran. Wo wohnst du denn?“ Das Mädchen stockte einen Moment und schien zu überlegen. Auf einmal hatte ihre Stimme einen anderen Unterton. Nichts mehr von dem zarten und schönen Singstimme: „Nein, das wird nicht nötig sein. Wo ich wohne ist nicht wichtig.“ Das kam Marcel ein wenig eigenartig vor. Es schien als ob sie eigentlich sagen wollte „Klar doch komm doch mit nach Hause“ und stattdessen etwas sie daran gehindert hat. Er war nun sehr neugierig. „Warum nicht?“ Sie wurde nun noch ungemütlicher und stand wieder auf: „Wie schon gesagt, es ist nicht wichtig wo ich wohne.“ „Also ich find es sehr wichtig.“ Jetzt konnte er nicht einfach aufhören so ohne Antwort. Sie antwortete etwas rabiat aber wollte den Jungen trotzdem nicht kränken. Es war komisch anzuhören, denn sie schien kaum zu wissen was sie sagen wollte: „Bei mir zu Hause gibt’s nichts zu suchen. Ich find dich wirklich mutig, aber jetzt muss ich weg.“ Das hörte Marcel gar nicht gern, er wollte sie gerne in ein Gespräch verwickeln, aber schien nicht wirklich gut in so was zu sein. „Wohin gehst du denn?“ „Keine Ahnung und jetzt tschüss, ich hab viel zu erledigen.“ Sie schritt weg und ließ Marcel stehen. Was hatte er denn nun schon wieder falsch gemacht? Irgendwas kam ihm eigenartig vor, so wie ihr Unterton war. Sie hatte ihm etwas verschwiegen was er unbedingt wissen wollte. Er marschierte los und hatte seine Freunde am Karstadt vollkommen vergessen, er wollte nur noch wissen, was dieses Mädchen noch vorhätte. Außerdem hatte er noch nicht ihren Namen erfahren. Also verfolgte er sie heimlich, immer ein paar Schritt weit hinten, sodass er nicht entdeckt wurde. Das Mädchen lief scheinbar recht ziellos umher, mal hier mal dort herum, aber nie hielt sie an und sie schaute auch immer stetig zu Boden. Der Junge kam am Karstadt vorbei, achtete jedoch im ersten Moment nicht darauf, bis auf einmal ein Gedanke in ihm hochgekrochen kam. „Verdammt!“ Er hatte völlig vergessen, dass seine Kumpels auf ihn warteten. Er blieb stehen und blickte hinunter zum Eingang. Niemand dort. Er sah auf seine Uhr. Schon halb drei. Sie waren schon längst fort. Er blickte wieder dem Mädchen hinterher, doch da war gar kein Mädchen mehr. „Mist! Verdammt!“ ,schrie der Junge, wobei ihn einige ältere Damen komisch anschauten. Es hatte keinen Sinn, er sollte lieber heimgehen. Seine Freunde würden ihm schon verzeihen, wenn er ihnen die Geschichte erzählte und das fremde Mädchen würde er sicherlich wieder in der Stadt treffen. Er marschierte schweren Herzens zurück zum Bahnhof, gefasst auf einen langweiligen Nachmittag. Ihn quälte jetzt schon der Gedanke an die junge Frau, die so schön und so geheimnisvoll schien. Es musste etwas mit dem Mädchen auf sich haben, ihre Stimme hatte es eindeutig verraten. Marcel kam wieder am McDonalds vorbei und wer ihn dort erwartete hatte er schon beinahe vermutet. Schon wieder die Nazis. Sie spähten über die Menge, bis sie den kleinen Punkt namens Marcel aus den Leuten herausgefischt hatten und ihn ins Visier genommen hatten. Sie lehnten an der Wand des Fast-Food-Restaurants, doch sogleich kamen sie näher. Sie standen urplötzlich vor dem Jungen. Der Größte grinste ihn nur an und knackte mit den Knöcheln. Ein anderer sprach: „Du weißt schon, dass du dir jetzt ordentlichen Ärger eingehandelt hast. Du mieses Judenkind hast Schmerz verdient.“ Marcel schaute erstaunt hinter die Typen und rief: „Hä? Wer ist das?“ Die Rechtsradikalen rührten sich nicht im geringsten und machten keine Anstalten sich zu rühren, oder umzudrehen. „Jude, glaubst du etwa, du kannst uns reinlegen. Willst du uns etwa verarschen? Dafür kriegst du noch ne doppelte Portion Leiden!“ Der Riese holte zum Schlag aus. Ohne Vorwarnung hatte dieser einen Schlag im Gesicht und taumelte zurück. Er war komplett erschocken und hatte schon den nächsten Schlag am Kiefer, bevor er seinen Feind ausmachen konnte. Alles ging so schnell, dass Marcel unmöglich sehen konnte, wer der Typ war, der die Nazis einem nach dem anderen schlug. Man hörte nur noch schnelle, gezielte Schläge hin und her sausen und dann lagen fünf riesige Gestalten am Boden. Marcel schaute unglaubwürdig zu einer Gestalt herüber. Sie trug einen Mantel. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Die Gestalt trat einen Schritt näher vor Marcel. Dieser traute seinen Augen kaum und sprach zögernd: „Wer bist du? Weshalb hast du mir geholfen?“ Er war so erstaunt, dass er ganz vergessen hatte Danke zu sagen. Die Gestalt begann zu sprechen. Es war eine dunkle und trotzdem sanfte Stimme: „Wer ich bin, darf ich dir nicht sagen. Aber ich habe dir geholfen, weil du meiner Cousine auch geholfen hattest. Oder zumindest helfen wolltest. Der Gedanke allein muss ja schon geehrt werden.“ Dann war die Gestalt weg, blitzschnell. Das fand Marcel nun überaus verwunderlich und er fragte sich was zum Teufel los sei. Jeder Tag in seinem Leben war bis jetzt langweilig und normal verlaufen und jetzt auf einmal schien alles mögliche Verrückte zu geschehen. In Gedanken verloren ging er zum Bahnhofsgebäude und nahm den Zug nach Hause. Mittlerweile war es fast halb vier. Zuhause angekommen ging es zuerst an die Hausaufgaben und dann nach ein paar Stunden ins Bett. Er warf sich hinein und löschte das Licht. Marcel lag noch eine ganze Weile wach im Bett und dachte über die seltsamen Geschehnisse nach. Eigentlich war es mal eine fast schöne Abwechslung in seinem sonst so langweiligen Leben. Auf einmal klingelte sein kabelloses Telefon welches direkt neben ihm auf dem Nachtisch lag. Er zuckte zusammen als der schrille laut ertönte. Er schaltete das Licht wieder an und sah auf die Uhr. Es war schon kurz nach elf. Wer rief denn so spät noch an? Er drückte den grünen Knopf und sprach verschlafen, nachdem er wahrgenommen hatte, dass es die Nummer seines Kumpels Michael war. „Willkommen beim Nachdienst für schwerwiegende psychologische Fälle. Für Auskunft über die Praxis und die Behandlungen stehe ich ihnen gerne zur Verfügung. Hier wird ihnen bei allen seelischen Problemen geholfen.“ Michael antwortete mit genervter Stimme: „Du wirst gleich ne Behandlung brauchen! Kannst du nicht mal anrufen, wenn du deine Verabredungen nicht einhältst? Wir haben verdammt lang gewartet und du hast nicht ein Wort gesagt!“ „Oh ja. Sorry. Kommt nicht wieder vor. Ich war nur ein wenig beschäftigt.“ „So? Wo und mit denn? Was ist denn so wichtig, dass es dich deine besten Freunde vergessen lässt.“ „Na ja, ich hatte einen kleinen Zwischenfall mit den Nazis....“ Marcel erzählte die Geschichte, erwähnte jedoch weder das Mädchen noch die komische Gestalt, die sich ihr Cousin nannte. Michael hatte die ganze Zeit nicht unterbrochen, doch jetzt war er erstaunt, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass Marcel es mit Nazis aufgenommen hatte. „Na klar und ich hab allein den Irakkrieg gewonnen!“ „Ich meins ernst, Michi!“ „Türlich.“ „Dann glaub mir halt nicht. Noch was Wichtiges?“ „Denk nicht. Nacht!“ „Ich hoffe unser Praxisteam konnte ihnen bei der Lösung ihrer mentalen Problemen helfen. Sollten sie dennoch nicht zufrieden mit ihrem Leben sein, drücken sie bitte die eins auf ihrem Telefon und bestellen sie ein hunderter Pack Antidepressiva. Eine fröhliche Nacht noch!“ Marcel schaltete die Zimmerlampe aus und schloss die Augen. Bald schon war er im Reich der Träume.
Er war wieder in der Stadt, dort vorne lief ein Mädchen. Er verfolgte sie. Sie lief immer schneller und er musste rennen um Schritt zu halten. Sie rannte immer schneller aus der Stadt heraus aufs Feld. Dort war der Wald und dort verschwand sie. Er lief und lief bis zum Gestrüpp. Auf einmal wurde alles dunkel und plötzlich wieder bunt. Überall schimmerten Farben und nun tauchte eine Gestalt auf. Eine Kapuze verdeckte ihr Gesicht und sie schien in dem Gewirr von Farben zu schweben. „Niemals hättest du das erfahren dürfen. Wage es nicht weiter, oder du gräbst dir dein eignes Grab!“ Plötzlich rannte er wieder im Wald. Dort war das Mädchen und ein Haus. Nein, es war nur eine Hütte, von irgend einem Bauern, der dort seine Gerätschaften unterstellte, doch das Mädchen lief hinein. Er kam näher und die Hütte wuchs. Sie war schon fast bis zum Himmel geschwollen, da krachte sie um und er verschwand im Gewirr der Bretter. Er blickte auf, wie eine Welle erhob sich das Grün. Er wurde ertränkt. Plötzlich war überall Wasser. Ein Fisch erschien direkt vor ihm und sprach: „Niemals darfst du es erfahren. Verfolge mich nicht weiter, oder findest du Gefallen am Elend? Du begibst dich in Gefahr!“ Die Schwärze umschloss ihn und dann saß er am Lagerfeuer und das Mädchen sah ihn an. Sie stand auf und stellte sich vor ihn hin. Er stand ebenfalls auf. Sie umarmte ihn. Die Lippen näherten sich. Auf einmal ertönte eine Frauenstimme.
„Aufstehen! Du kommst zu spät!“ Seine Mutter hatte ihren Wecker ausnahmsweise gehört. Marcel krachte mit dem Kopf gegen die Wand. Er hatte sein Kopfkissen aus dem Bett geschmissen und im Schlaf seine Decke in ein wildes Durcheinander verwandelt. „Verdammt schon wieder zu spät. Und diese idiotischen Alpträume. Marcel, mach dir einen klaren Kopf.“ Er sprach zu sich selbst, während er versuchte Kraft zu schöpfen um aufzustehen. Die Glieder schmerzten ihm, als ob er statt zu schlafen die ganze Nacht im Bergwerk geschuftet hätte.
Die Schule war vorbei und es war nun halb zwei. Marcel lief wie immer hinunter zum Bahnhof, doch als er dann in der Halle stand entschied er sich nicht gleich mit dem Zug zu fahren. Stattdessen ging er weiter hinunter in das Stadtzentrum. Er wanderte zwischen dem Karstadt und dem McDonalds hin und her und hielt Ausschau nach dem Mädchen. Sie erschien nicht. Nach etwa vierzig Minuten gab er es auf. Er fuhr heim und ärgerte sich, dass er seine Zeit verschwendet hatte.
Am nächsten Tag jedoch wollte er wieder warten. Vielleicht ist sie nicht jeden Tag in der Stadt, oder sie hat zu einer anderen Uhrzeit Schule aus. Marcel wanderte wieder die Fußgängerpassage hoch und runter. Auf einmal erblickte er sie. Oder eher gesagt ihre blonden Haare, die leicht gewellt und lang gen Boden fielen. Während des Streits mit den Nazis hatte er gar keine Zeit gehabt auf ihre Schönheit zu achten. Aber jetzt konnte er sich diesem Thema eifrig widmen. Sie lief in Richtung des Stadtrandes. Wo sie nur hinwollte? Vielleicht wohnt sie ganz in der Nähe? Marcel sputete sich und sie bemerkte nicht, dass sie verfolgt wurde. Sie kamen am Stadtrand an und blickten über ein Feld bis zu einem Waldstück. Sie marschierte geradewegs darauf zu. Marcel fand das sehr eigenartig, jedoch wunderte er sich noch mehr, als ihm der Traum von letzter Nacht einfiel. Er hatte diesen Wald dort gesehen und auch eine Hütte. Seine Vision schien Wirklichkeit zu werden. Das Mädchen wanderte mit großen Schritten mitten im Unterholz bis zu einer Bauernhütte. Marcel war nun ziemlich nah hinter ihr, denn er war zu neugierig um große Vorsicht walten zu lassen. Auf einmal blieb sie stehen und wirbelte blitzschnell herum. Marcel vom Schock gepackt warf sich mit einem riesigen Sprung ins nächste Gebüsch. Sie drehte sich wieder um und öffnete die Hölzerne Tür. Sie verriegelte sie von innen. Was Marcel nicht bedachte hatte, bei seinem Sprung, war, dass es sich bei dem Busch um eine Dornenhecke handelte. „Verdammte Scheiße!“ Er hing überall an den Stacheln fest und bei dem Versuch sich zu befreien stach er sich um so mehr. „Mistzeug!“ Er schrie jetzt ziemlich laut. Er schaffte es schließlich sich zu befreien. Er stand vor der kleinen Hecke, die so ungefährlich aussah und trat mit voller Wucht in das Gestrüpp. Sogleich hüpfte er jedoch auf einem Bein herum und schrie vor Schmerz. Ein abgesägter Holzstumpf befand sich inmitten des Gestrüpps. Der Junge sprang umher mit beiden Händen am rechten Fuß. Auf einmal spürte er einen leichten widerstand am linken Bein und ehe er sich versah lag er wieder in den Dornen. Es dauerte eine Weile, bis er sich herauswinden konnte. Die Kratzer bedeckten sein gesamtes Gesicht und die Arme und Beine. „Das war zu viel, jetzt bin ich wütend! Ich reiß euch die Wurzeln raus!“ Auf einmal spürte er ein leichtes Stechen im Nacken. Er griff nach hinten, um die Dorne zu entfernen. Er zog an etwas langem. Es war nämlich keine Dorne. Er sah nur noch kurz den Giftpfeil und schon verließen ihn die Sinne. Es war das Geschoss eines Blasrohrs gewesen.
Marcel schreckte hoch. Er sah sich um, er befand sich in einer Hütte. Es musste zweifellos die sein, welche das Mädchen betreten hatte. Er lag in einer Ecke auf Stroh gebettet. Jetzt erst merkte er, dass seine Arme gefesselt waren. Auch die Beine waren mit dickem Seil verknotet. Er sah sich erst einmal um. In der gegenüberliegenden Ecke saßen drei Gestalten vor einem winzigen Feuer. Der Rauch konnte sich nur durch eine kleine Öffnung in der Wand zwängen und so war es relativ neblig in dem Raum. Die Drei hatten dem Jungen den Rücken zugekehrt und Marcel konnte nicht erkennen, wer dort saß. Die kleine Gruppe flüsterte sehr leise, sodass er nichts verstehen konnte. Ansonsten war die Hütte fast leer. Nur eine Seite war mit Kleinzeug vollgestellt. Ein paar Bretter und Backsteine, sonst nichts. Der Junge begann vorsichtig, den Lärm vermeidend, an den Seilen zu zerren und sich zu befreien. Aber das blieb erfolglos. Die Bänder saßen viel zu stramm. Auf einmal drehte sich eine Gestalt herum und stand langsam auf. Sie war mit einem Mantel umhüllt. Es schien Marcel, als hätte er diesen Mantel schon einmal gesehen. Dann sah er die Gestalt, die zuvor im Schatten des Mantels gesessen hatte. Es war das Mädchen. Sie hatte die Kleidung gewechselt. Sie trug nicht mehr die normale Straßenkleidung, sondern Kleidungsstücke, die Marcel noch nie zuvor gesehen hatte. Außer vielleicht auf den verrückten Zeichnungen in seinem Geschichtsbuch, die Bauern und Tagelöhner aus vergangenen Jahrhunderten darstellten. Sie erhob sich ebenfalls und sah ihn an. Die Dritte Gestalt blieb sitzen, aber drehte sich in seine Richtung, das Gesicht im Schatten versteckt. Nur die Augen blitzten ab und zu auf. Die Zwei kamen langsam näher. Die Gestalt unter dem Mantel musste ein Junge sein, oder ein Mann. Für eine Frau war sie viel zu kräftig gebaut. Das Gesicht war vollkommen verdeckt. Das Mädchen stand nun direkt vor ihm und begann mit kräftiger Stimme zu sprechen: „Ich möchte dir noch einmal danken für deinen selbstlosen Akt in der Stadt. Jedoch rechtfertigt dies nicht, dass du mir nachschleichst. Es war ein Fehler hierher zu kommen. Da du jetzt weißt, dass ich hierher komme, wirst du mich wahrscheinlich jeden Tag verfolgen. Dem müssen wir leider Abhilfe schaffen und dieses Problem beseitigen.“ Marcel fragte mit ungewöhnlich heller Stimme: „Beseitigen?“ Die männliche Gestalt zog die Kapuze zurück. Es war ein Junge, etwa ein oder zwei Jahre älter als Marcel. Er hatte braunes, langes Haar. Sein Gesicht war ausdrucksvoll und schien Würde zu zeigen. Wobei es da eine kleine Unschönheit gab. Eine Narbe zog sich quer über die Wange. Vom Kinn bis fast zum Ohr. Dann sprach in einem herablassenden Ton: „Du scheinst nicht mit viel Geist gesegnet zu sein. Aber ja doch, beseitigen! Schließlich hast du keinen Nutzen für uns und würdest unsere Pläne doch sowieso nur behindern.“ Marcel überlegte kurz: „Wer weiß ob ich euch nicht doch von Nutzen sein kann? Dann müsstet ihr mich jedoch einweisen.“ „Was könntest du uns schon bieten! Kannst nicht kämpfen, bist töricht genug hierher zu kommen und außerdem kommst du von der anderen Seite.“ „Was ich euch bieten kann, werde ich euch erzählen, sobald ich weiß was ihr denn wollt. Aber was meinst du mit der anderen Seite?“ Das Mädchen hielt sich zurück und sah ihn nur an. Die Gestalt in der Ecke zischte zu den beiden herüber: „Vielleicht hat er Recht und kann uns wirklich helfen. Denkt nach, möglicherweise wäre es ganz praktisch einen Mittelsmann zwischen den Seiten zu haben. So ist es doch die beste Strategie. Wir bekämpfen den Feind mitten im Herzen der eigenen Leute!“ Die junge Frau mischte sich wieder ein: „Genau, er hat recht.“ Der Junge im Mantel wandte sich wieder an Marcel: „Nun gut. So möge es vorher sein, wir töten dich nicht. Vorerst! Deine Fragen werden dir erst beantwortet, wenn wir sicher sein können, dass wir dir vertrauen können. Und nun solltest du ein wenig Schlaf finden. Es wird noch ein paar Stunden dauern bis der Truppenleiter eintrifft.“ Marcel antwortete lieber nichts. Er war zufrieden, dass sie ihn nicht aufspießen wollten. Jedoch stellte er sich so viele Fragen. Was waren das für Typen? Und was waren das für Pläne? War das irgendeine verrückte Sekte, die Leute opferte oder was? Und welcher Truppenleiter? Das Mädchen drehte sich um und setzte sich wieder ans Feuer, welches nun schon fast heruntergebrannt war. Der Andere zog seinen Mantel ab und warf ihn in die andere Ecke. Marcel konnte ihn nun vollständig betrachten. Er trug Kleidung aus Leder und zwar genauso eigenartig zugeschnitten. Dann noch einen breiten Ledergürtel mit einem Messer und einem Beutel. Und wahrhaftig, der Fremde trug ein Schwert mit sich. Nun wurde es Marcel ziemlich unbehaglich. Der Kopf schmerzte ihm vor Fragen, während er sich auf die Seite zur Wand drehte und versuchte einzuschlafen, denn mehr konnte er nun nicht mehr tun. Es verging noch eine Weile, bis der Junge es endlich schaffte ins friedliche Reich der Träume hinüberzuschweben. Er hörte nur noch das leise Flüstern der drei anderen.
Als er aufwachte sah er als erstes das Gesicht des jungen Mannes; der mit dem Mantel. Dieser hatte ihn aufgeweckt und begann nun zu sprechen: „Der Truppenleiter ist eingetroffen und wird nun mit uns allen beraten, ob du vertrauendwürdig bist.“ Mittlerweile war es draußen stockdunkel und auch in der Hütte brannte nur das kleine Feuer, was die Drei anscheinend neu entflammt hatten. Marcel rappelte sich hoch. Er sah die drei Gestalten von vorher und noch eine vierte, die neben dem Feuer stand. Ihr Gesicht wurde von den Flammen gelb beleuchtet. Es war ein Mann, mindestens zwanzig Jahre alt. Er war ein ausdrucksstarkes Gesicht, dass sehr viel von Stolz, Macht und auch Leid verriet. Die Narben zogen sich darüber, wie Flussläufe in der Landschaft. Marcel brannte eine Frage auf der Zunge, die er mit verhaltener Stimme stellte: „Ich kenne eure Namen noch gar nicht. Wäre es nicht schon mal ein Anfang, wenn ihr mein Vertrauen gewinnen wollt?“ Der Typ, der ihn geweckt hatte herrschte ihn an: „Niemals sprach ich davon, dein Vertrauen zu gewinnen. Ich sagte, dass du dich als vertrauenswürdig erweisen musst. Aber ich werde dir wohl dennoch meinen Namen nennen, du solltest ihn dir gut behalten, später in den Geschichten der großen Helden der Zeit wird man ihn oft nennen. Und wenn du Glück hast, darfst du derjenige sein, der diese Geschichten weitererzählt. Mein Name ist ....“ Der Mann am Feuer unterbrach ihn augenblicklich: „Halt! Ich habe hier immer noch das Sagen und ich treffe die Entscheidungen über was erzählt wird und was geheim gehalten wird. Du solltest dir die Gesetze in Erinnerung behalten. Das Geheimnis muss gewahrt werden! Und wage es nicht all unsere Pläne an einem wertlosen Jungen der anderen Seite scheitern zu lassen!“ Der Mann starrte wieder ins Feuer und der Junge vor Marcel begab sich auch in Richtung der Flammen. Er hieß Marcel ihm zu folgen und dieser tat dies auch. Sie saßen jetzt zu fünft am Boden. Die Gestalt, die schon die ganze Zeit am Feuer zu sitzen schien nahm endlich ihre Kapuze ab und es erschien ein Junge, etwa ein Jahr jünger als Marcel. Der Älteste sprach mit rauer, aber leiser Stimme, während er ins Feuer blickte: „Fremdling, ich habe erfahren was geschehen ist und ich muss dir sagen, dass du dich in Gefahr begibst. So bleiben dir nur zwei Möglichkeiten. Du kannst dich für einen schnellen Tod entscheiden, oder für uns arbeiten. Ich spreche ernst, wenn ich das sage.“ Er blickte auf und sah Marcel tief in die Augen. Der Blick war durchdringend und Marcel wollte schon wegschauen, besann sich dann aber anders und stierte genauso kräftig zurück. Keiner sprach ein Wort für ganze zehn Minuten, bis der Älteste wieder zu reden begann: „Da sieh mal einer an, du hast wohl keine Angst. Wie wäre es wenn ich uns vier erst einmal vorstelle.“ Auf einmal flüsterte das Mädchen etwas in das Ohr des Mannes, der anscheinend Truppenleiter war, so wie er sprach. Marcel konnte nicht verstehen, was sie sprach. „Truppenleiter, Sire. Habt ihr schon daran gedacht, dass er einer von den Alten sein könnte? Möglicherweise wurde er geschickt. Ich meine, es ist doch alles sehr unwahrscheinlich. Diese ganzen Zufälle müssen vorbestimmt sein!“ „Du hast vielleicht Recht. Das erscheint logisch.“ Der Truppenleiter stellte sich und die anderen vor. „Mein Name ist Sir Athlan. Ich bin Truppenleiter der östlichen Breiten von Dacup sel Thrandu. Die junge Dame trägt den Namen Livonia. Du hast ihr mit Respekt zu begegnen, sie ist eines der letzten noch lebenden Kinder von den alten Weisen.“ Athlan wies auf den jungen Mann, der Marcel auch in der Stadt begegnet war und seither seinen Umhang nur einmal abgelegt hatte. „Seinen Namen kennt noch niemand, denn er hat ein Gelübde abgelegt, er will den Namen seiner Vorfahren gerecht werden und solange keinen Namen tragen, bis er mehr als sein glorreicher Vater erreicht hat. Aber meistens nennen wir ihn einfach Wolf.“ Nun deutete der Truppenleiter auf die Gestalt, welche die ganze Zeit am Feuer verbracht hatte. „Das dort ist einer der Weisen. Von seinem Geschlecht gibt es weniger als ein Dutzend. Es gibt eine Prophezeiung, die besagt, wenn alle Weisen unter einem Heer vereint wären, würde die Mission gelingen und erfüllt werden. Bisweilen sind nur zehn der Alten zu uns gestoßen. Diesen hier nennt man Jispathan.“ Marcel versuchte sich die eigenartigen Namen zu merken, denn er hatte beschlossen, den Worten dieser Leute Glauben zu schenken. Sie schienen zwar sehr verrückt, aber das bedeutete nur, dass sie ihn wahrscheinlich wirklich umbringen würden, wenn er Anstalten macht nach Hause zu gehen. Er antwortete: „Mein Name ist Marcel. Und mein Kopf schmerzt vor Fragen. Was hat das alles mit einem Plan auf sich? Und was haben die Namen damit zu tun? Und weshalb gibt es eine Prophezeiung, wofür? Erzähl mir bitte die Geschichte, dann kann ich euch auch mehr Glauben schenken und euch vertrauen.“ Die Fünf Leute setzten sich um das Feuer, das Jispathan versorgt hatte. Nun konnte Marcel sein Gesicht erkennen. Es war ein sehr junges Gesicht. Ein Junge, mindesten vier Jahre jünger als er. Warum nannten sie ihn einen „Alten“? Athlan begann die Geschichte zu erzählen und Marcel lauschte aufmerksam, denn mit jedem Wort dass der Truppenleiter sprach, glaubte er mehr und mehr davon. „Lass mich kurz überlegen. Ich sollte dir erst einmal das Wichtigste erzählen, bevor wir unsere Zeit hier vertrödeln, denn diese Erzählung wird sehr lang. Als erstes möchte ich dir sagen, dass es zwei Sorten der Menschheit gibt, Es gibt deine Seite und unsere. Du wirst nun überwechseln, wenn du weiterleben möchtest. Unsere Sorte der Menschen hat ihren Ursprung vor mehr als dreitausend Jahren, als die Welt noch unberührt von Schrecken und menschlicher Verdammnis war. Damals waren wir nur ein kleiner Orden, einer Klostervereinigung ähnlich. Dann wuchs unser Glauben und die Zahl unsere Mitstreiter, als die Prophezeiung der Weisen verkündet wurde. Wer sie aussprach ist bis heute unbekannt, weil sie nur schriftlich festgehalten werden konnte, da der Orden im Jahre null eurer Zeitrechnung zerschlagen wurde. Ich glaube es war das Jahr Jesus´ Geburt. Bis dahin waren wir schon sehr mächtig. Wir bauten Tempel und geheime Gänge und legten Schriften nieder, auf das wir niemals ausgelöscht werden sollten. Doch im Jahre null geschah genau dies. Als die Predigten des sogenannten Gottessohnes im Umlauf waren erhoben sich mehrere Völker gegen uns. Für die nächsten Zweitausend Jahre war es so gut wie vorbei mit dem Traum, unsere Mission könnte Erfolg haben. Doch nun haben wir die geheimen Türen der Tempel wieder geöffnet und die Geheimnisse aufgedeckt. Die Schriften sind auf der ganzen Welt verteilt und die Planung läuft perfekt. Seit wir einen Anführer gefunden haben ist uns das Glück hold. Es wurden Gesetze gemacht und Ordnung ins Chaos gebracht. Deshalb bin ich nun Truppenleiter. Jeder Winkel der Welt muss abgesucht werde, um aller Zwölf der Weisen zu finden. Man nennt sie auch die Alten, weil sie das Wissen der vergangen Tage mit sich tragen. Diese Zwölf sind Personen, wie du und ich, die jedoch die Nachfahren der eigentlichen Gründer unseres Ordens sind. Deshalb wissen diese meistens nichts von ihrer versteckten Kraft. Schließlich muss diese erst befreit werden. Nun komme ich dazu was es mit den Namen auf sich hat. Da die meisten von uns, als Kinder der anderen Seite geboren werden und dann überwechseln, habe diese auch Namen, wie du. Dem muss natürlich Abhilfe geschaffen werden. Die Namen werden geändert und werden als Zeichen deines Standes angesehen. Du musst dir einen Namen verdiene, denn er wird dir gegeben. Nur von wem, ist die Frage. Ich habe meinen Namen von meinem glorreichen Vater dem letzten Führer dieser Lande. Deshalb verspreche ich mir viel davon. Livonia hat ihren Namen ebenso von ihrem Vater. Er ist einer der Alten. Das macht Livonia sehr mächtig, jedoch nicht so wie einen wirklichen Weisen, schließlich ist ihr Blut verdünnt mit einem normal sterblichen Blut. Wolf hat keinen Namen, weil er ihn noch nicht erhalten hat. Er denkt er könnte es schaffen seine innere Kraft zu befreien. Nun ja, er hat glaub ich ein wenig zu viel schleimige Birne im Kopf. Aber nun denn, jetzt ist es nur noch daran dir einen Namen zu geben.“ Wolf hatte die Beleidigung überhört und starrte stumm ins Feuer. „Aber vorerst zu unserem eigentlichen tun. Die Menschheit muss gereinigt werden von den Verdammten. Die andere Sorte bringt nur Verdammnis über die Welt und muss beseitigt werden!“ Marcel wurde es schaurig, doch auch spannend zumute. Was sollte er davon halten? Etwa diesen verrückten Spinnern glauben und vertrauen? Das waren bestimmt total beknackte Idioten, welche die Weltherrschaft an sich reißen wollen. Athlan begann gerade einen neuen Satz, als er jedoch jähe abbrach und lauschte. Livonia mit einem zaudern in der Stimme: „Es hat doch noch nicht zu dieser Stunde begonnen, oder? Ich meine die Regeln müssen doch eingehalten werden, die anderen wissen doch, dass die Vereinbarung erst für den frühen Morgen galt.“ Jispathan gab ihr antwort: „Doch sie kommen. Es hat begonnen!“ „Was hat begonnen?“ ,fragte Marcel lautstark. „Die Schlacht!“ Athlan beendete hastig den Satz, welchen er anfangen wollte: „Eins hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen. Unser Orden ist natürlich nicht von Zwietracht und Strittigkeit verschont geblieben. Als wir es endlich gemeistert hatten eine Ordnung mit Gesetzen und leitenden Personen zu erschaffen, wurde der Orden in zwei Teile gespalten. Die andere Seite des Ordens verfolgt nun andere Ziele. Wie Wolf bereits erwähnt hatte, soll die Menschheit gereinigt werden, doch nicht durch reine Waffengewalt, es sollen Leben geschützt werden und nicht vernichtet. Unser Ziel ist es die Leute zu bekehren und nur im Notfall mit Gewalt zu agieren. Es geht einzig darum ein besseres Leben für Alle zu schaffen. Die Abspaltung der Gemeinschaft hingegen sind diejenigen, welche mit der Lanzenspitze voraus verhandeln wollten. Deshalb kam es auch zum Streit. Wie eine Welle des Egoismus widersetzten sich immer mehr Angehörige und schließlich gab es zwei Regierungen. Seit dem herrscht Krieg zwischen den zwei Teilen des Ordens. Das schlägt eine Tiefe Wunde in die Erfüllung unserer Aufgaben. Denn wie soll man zwölf Personen finden, wenn man ständig bedroht ist?“ Auf einmal hörte man ein klirrendes Geräusch von außerhalb der Hütte. „Rasch! Eine neue Schlacht hat begonnen. Marcel, du wirst nun die Chance bekommen dir einen Namen zu verdienen, außerdem wird es dein Vertrauen zeigen. Hier hast du ein Schwert, du bist hoffentlich geübt!“ Der Truppenleiter zog seine Waffe aus der Lederscheide und überreichte sie Marcel. Nun begaben sich alle in Richtung der Tür, während sie ihre Waffen bereitmachten. Athlan selbst nahm eine Streitaxt, welche zwischen ein paar Lumpen in einer Ecke versteckt waren. Marcel hatte das Bündel vorher nicht bemerkt und sah nun auch noch einig andere Gegenstände darunter. Was er von der ganzen Geschichte halten sollte wusste er nicht. Auf alle Fälle schienen diese Typen die Wahrheit zu sprechen. Wolf öffnete die Tür der Hütte und stürmt mit erhobenem Schwert hinaus. Das Adrenalin stieg in Marcel hoch, als er wildes Gebrüll von einem Dutzend Kämpfer im Wald schallen hörte. Er hatte keine Zeit mehr klar zu denken und sich Gedanken über seine Fragen zu machen, von denen er noch so viele im Kopf schwirren hatte. Athlan und Livonia rannten mit gewaltiger Geschwindigkeit und Marcel hatte Mühe ihnen aus der Tür zu folgen. Jispathan kam langsam hinterher, denn er humpelte am rechten Bein. Er trug keine Waffe bei sich, marschierte dennoch hinaus zu den Feinden. Marcel blieb nichts anderes übrig als dem Truppenleiter zu folgen.
Draußen im Wald war es immer noch Nacht und man sah kaum etwas, nur der Mond bestrahlte den Boden ein wenig. Sie waren umringt von mächtigen Buchen, die mit ihren silbernen Stämmen wunderbar im Mondlicht schimmerten. Marcel hörte das Geschrei näher kommen und bald schon sah er die ersten Gestalten vor sich auftauchen. Sie hatten alle etwa die breite Statur wie Athlan, sahen jedoch noch ein wenig verwilderter aus. Fast alle trugen Felle von Tieren, über ihre Rüstungen und Kettenpanzer. Auf einmal stürmte einer von diesen auf Marcel zu, mit einem Morgenstern in der Hand. Marcels Puls schnellte nach oben und er schwang das lange Schwert. Er wirbelte mit aller Kraft herum, schloss die Augen und spürte einen Widerstand an der Waffe. Er blickte zu Boden und dort sah er nur das Rot. Er blickte auf seine Hände und ließ die Waffe fallen. Was hatte er getan? Er fiel auf die Knie. „Ich werde eingebuchtet dafür. Die stecken mich doch in den Knast, wenn das rauskommt. Wenn!“ Er stand auf und betrachtete verstört die Leiche. Athlan war währenddessen wieder zu ihm gestoßen. „Ja, es ist nicht leicht zu töten, nicht wahr?“ Marcel bekam Wut: „Du spinnst doch! Du Gestörter! Ihr seid doch alle total verrückt! Ich will weg hier, Heim! Das ist doch nur ein Traum! Ich wache doch sowieso gleich wieder auf und dann hab ich verschlafen und muss mich zur Schule quälen!“ Er vergrub das Gesicht in den Händen. Der Truppenleiter sprach mit ruhiger und scheinbar trauriger Stimme: „Nennst du das hier einen Traum? Es ist ein Alptraum, das kann niemand bestreiten, aber glaubst du auf diese Weise wird alles gut? Nenn mich verrückt, aber du wirst es ja früh genug erfahren.“ Er stürmte wieder davon, als sich neue Soldaten näherten. Das Klirren der Waffen schwoll an und nun war Marcel mitten im Kampfgeschehen. Es war zu dunkel um Freund von Feind unterscheiden zu können, bis auf die Felle, welche man bei näherem Hinsehen ausmachen konnte. Er nahm wieder die Waffe zur Hand überwand seine Angst, Trauer, Wut oder wie man dieses eigenartige Gefühl auch nennen möchte. Mit jedem Streich vergaß er mehr und mehr von den Dingen, die ihm so schwer im Kopf plagten. Auf einmal schien es sogar ein Gefühl der Erlösung zu sein. Ja, es bereitete Freude nicht getötet zu werden, sondern sich selbst zu verteidigen und zu überleben. Ja! Diesmal war er nicht derjenige, der von größeren Nazis umhergeschubst wird. Er war der Stärkere! Das Gefecht wurde heftiger. Plötzlich flog Marcel die Waffe aus der Hand und drei seiner Feinde schritten auf ihn zu. Von Athlan war keine Spur zu sehen. Er war unbewaffnet und die Drei stürmten auf ihn zu, mit schwingenden Säbeln. Marcel schrie laut auf und riss die Hände blitzschnell zum Schutz nach vorne. Was nun geschah konnte er nicht begreifen. Die Gestalt vor ihm blieb kurz stehen und kurze Zeit darauf begann sie auf ihre Füße zu blicken, welche anfingen leicht zu rauchen. Ebenso erging es den zwei anderen. Flammen züngelten empor und die Kleidung fing Feuer. Schreiend liefen sie davon und wälzten sich auf dem Boden um die schrecklichen Flammen loszuwerden, doch diese verschlangen die Drei und zurück blieben nur verkohlte Leibe. Marcel stand fassungslos da und wusste sich keinen Rat. Was war da geschehen? Er blickte auf seine Füße, doch sie waren wie immer, ein wenig dreckiger als sonst vielleicht. Nun wurde es eine Weile stiller, bis Athlan herüberkam und mit ihm sprach. „Wir konnten sie aus diesem Bereich vertreiben. Die zweite Truppe hat die Verfolgung aufgenommen. Wir werden im Morgengrauen folgen. Das dürfte in zwei bis drei Stunden sein. Folge mir zurück zum Lager.“ Marcel hatte ihm gar nicht zugehört. All seine Gedanken waren wie aus seinem Kopf gefegt. Das war jedoch noch fast schlimmer, als die ganzen Fragen. Er fühlte sich leer und nur wie eine leblose Hülle von einem Menschen. Er konnte nicht an das Blut denken und nicht an den Hintergrund der ganzen Sache und nicht an das eigenartige Verbrennen der drei Gestalten. Er folgte dem Truppenleiter stumm. Bald kamen auch Wolf und Livonia dazu. Jispathan näherte sich auch schon. Er schien noch stärker zu humpeln als vorher. Dazu fiel Marcel wieder eine neue Frage ein, die jedoch bis später warten musste. Jetzt wollte er nur eins: Schlafen! Ein warmes Bett war jetzt alles was er begehrte. Die ganze Welt war ihm nun egal. Sollte doch alles untergehen, er würde es verschlafen! Während er lief dachte er noch kurz daran, welche Waffe Jispathan wohl benutz hatte.
Die vier kamen wieder zu der kleinen Hütte und begaben sich schweigend hinein. Der Truppenleiter sprach noch ein letztes Wort und gab Marcel eine Decke zum Schlafen: „Nun, du hast Mut bewiesen. Ich denke, das heißt, dass du von nun an bei uns bleiben wirst. Du hast gut gekämpft. Ein Lob muss ich dir aussprechen. Aber nun scheinst du ein wenig Schlaf zu brauchen. Sonnenaufgang wird in ein paar Stunden sein. Dann wird Zeit sein alle Dinge zu bereden, mir scheint nämlich du hättest einige Fragen an mich.“ Marcel war todmüde, aber er musste noch eine Sache wissen. Er redete sich zwar immer noch ein, dass das nur totale Verrückte seien und das alles gelogen sei, aber ein wenig Wahres schien die Geschichte doch zu haben. Er hatte es ja selbst erlebt. „Athlan, eine Frage kann ich nicht warten lassen. Vorhin beim Kampf, da ist mir etwas sehr eigenartiges widerfahren. Ich wurde umringt von drei Gestalten, die dann ganz plötzlich in Flammen aufgingen und verbrannten. Was war das? Es klingt zwar verrückt, aber es ist wirklich passiert!“ Der Truppenleiter sagte eine Weile nichts und beäugte ihn misstrauisch. Dann schritt er zu Jispathan, der sich schon wieder zum Feuer gesetzt hatte und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser nickte und Athlan sprach zu Marcel mit einer fremden Stimme: „Deine Frage kann auch bis zum Morgengrauen warten. Es gibt anscheinend noch mehr zu disputieren als ich vermutet hatte. Livonia hat einen ausgezeichneten siebten Sinn. Sie ist ihres Namen wirklich gerecht. Gute Nacht nun, Freund.“ Weshalb hatte Athlan soeben von Livonia gesprochen? Was hatte sie damit zu tun? Und welchen Sinn überhaupt? Die Fragen wurden unerträglich und Marcels Kopf schien zu platzen bei dieser Fülle von Rätseln. In der Nacht träumte er von wirrem Zeug und von Blut und Leichen. Die Bilder wollten nicht verschwinden. Er durchlebte den gesamten Tag noch einmal im Schlaf, doch dann sah er etwas ihm Fremdes.
Er befand sich wieder im Wald. Auf einmal lief dort drüben eine humpelnde Gestalt. Sie trug einen Mantel, doch es war klar, dass es Jispathan war. Dann näherten sich zehn andere Gestalten. Jispathan hob die ausgestreckte Hand und die zehn Leute blieben ruckartig stehen. Das musste der Moment sein. Marcel würde erfahren was es mit dem Alten auf sich hat. Er wartete förmlich darauf die Gestalten brennen zu sehen, doch nichts geschah, bis er auf einmal ein wohlige Wärme in sich spürte. Es war angenehm. Die Hitze stieg und es fühlte sich an wie ein heißes Bad. Wohlig und gut, doch es wurde heißer und heißer. Die Haut begann zu schmerzen und der Junge versuchte sich zu kühlen. Dann züngelten die Flammen. Er wälzte sich. Überall Flammen. Nichts als Feuer. Er schrie, doch seine Stimme wurde unterdrückt. Ein Schrei hallte durch den Raum und Marcel wachte auf. Wolf schreckte hoch und packte blitzschnell einen Dolch. Der Truppenleiter fuhr herum und seine Hand fuhr zum Schwertgriff. Es dauerte eine Weile bis sie begriffen, dass Marcel wegen seines Traumes geschrieen hatte. Der Junge stützte sich schwer auf seine Hände und atmete tief durch. Ihm war elend heiß und er war glitschnass geschwitzt. Athlan sah ihn erstaunt an. „Alles in Ordnung? Geht’s dir gut? Du siehst aus wie gebraten.“ Er gluckste leicht in sich hinein und es hörte sich wirklich komisch an, eine solch mächtige und ausdrucksstarke Stimme lachen zu hören. Marcel sah ihn an und lächelte leicht. Er war ein wenig verkrampft, denn eigentlich fand er seine Alpträume überhaupt nicht witzig. Er rappelte sich hoch und taumelte ein wenig schlaftrunken umher. Der Truppenleiter hatte sich wieder gefasst und sprach weiter. „Marcel, du hast heute Nacht gut gekämpft. Es ist ein eindeutiges Zeichen, schließlich würdest du nun nicht mehr unter den Lebenden weilen, hättest du dich schlecht geschlagen. Noch einmal ein großes Lob an dich.“ Er legte eine kleine Pause ein. „Wir müssen etwas mit deiner Bekleidung machen und du sollst auch ein paar dir gerechte Waffen bekommen.“ „Wieso, was ist mit meiner Kleidung, außer, dass sie so verschieden von eurer ist?“ „Genau das ist es nun mal. Du musst dich wohl oder übel anpassen müssen. Alle im Orden tragen die gleiche Art von Gewändern, wie ihre Vorväter es auch getan haben. Schließlich verfolgen wir ein Ziel, welches hunderte von Jahre alt ist, warum sollen wir dann nicht auch Gewandungen tragen, deren Schnitt hunderte von Jahren alt ist? Ich müsste hier noch irgendwo ein wenig Kleidung versteckt haben, die du anziehen kannst.“ Der Truppenleiter suchte ein wenig in dem Bündel in der Ecke herum und es kam Stoff zum Vorschein. Marcel hatte ein idiotischen Grinsen aufgelegt und lacht kurz mit hohler Stimme, als er sich umzog. Er besah sich und fand es lächerlich wie er aussah. Wolf betrachtete ihn und meinte nur, es sehe wunderbar aus, genau richtig für ihn. Marcel bekam wieder das Schwert in die Hände gedrückt, welches er schon in der Nacht benutzt hatte. Die Erinnerungen kamen in ihm hoch und wie Blitze zuckten blutige Gestalten durch sein geistiges Auge. Er nahm es und gürtete es sich mit einem breiten Gürtel um. Es schien ihm alles so unwirklich. Was machte er überhaupt hier und warum zog er dieses idiotische Zeug an? Warum ging er nicht einfach nach Hause? Es waren doch nur Spinner, die so verrückt waren Bandenkriege mit mittelalterlichen Waffen mitten in der Nacht im Wald auszutragen, oder etwa nicht? Livonia sprach nun mit ihrer schönen Stimme. „Nun brauchst du noch einen guten Namen. Ich denke man dürfte ihn dir nach deinen Taten diese Nacht leicht geben. Lasse mich kurz nachdenken.“ Jispathan unterbrach ihr Denken. „Wartet. Er darf noch keinen Namen erhalten. Was, wenn wir den Falschen wählen? Ich meine, wir sollten warten ob sich unsere Vermutungen bewahrheiten. Du weißt doch Athlan, du hast es mir selbst gesagt, er könne es sein. Wenn ja, wäre es fatal ihm einen törichten Namen zu geben. Du weißt wie viel Macht die Namen haben!“ Athlan sprach mit fester Stimme und sah dabei Marcel an. „Du hast Recht, mein guter Freund. Wir sollten noch warten.“ Wolf wurde bei diesem Thema plötzlich sehr stille und er blickte starr zu Boden. Er schien über etwas nachzudenken. Fast kam es Marcel vor, als ob er ein wenig beleidigt dreinblickte. Da fiel ihm seine Frage wieder ein. „Athlan, ich hatte dich heute Nacht doch etwas gefragt. Du sagtest am Morgen wäre Zeit alles zu klären. Nun, es ist doch bereits Morgen.“ „Ja, dir soll geantwortet werden, sobald wir einiges geplant haben. Wir haben eine lange Reise vor uns. Deine Frage hat sehr viel mit unserem weiteren agieren zu tun. Ich hatte dir bereits gesagt, dass wir auf der Suche nach zwölf Weisen sind. Du solltest auch wissen, dass wir bereits zehn dieser Alten gefunden haben. Wir wissen wo sich der Elfte befindet, jedoch gab es da einige Probleme. Jedenfalls ist es meine Aufgabe den letzten zu finden. Wenn wir ihn gefunden haben, können wir zum heiligen Tempel unserer Hauptstadt zurückkehren.“ Marcel wunderte sich und ein absurder Gedanke stieg in ihm hoch. „Aber was hat das mit meiner Frage zu tun?“ Der Truppenleiter unterbrach kurz und sprach dann weiter. „Nun ja, ich habe bereits erwähnt, dass sich die Kräfte der Weisen, oftmals nur zeitgeläufig zeigen und dass sie selbst davon nichts wissen. Theoretisch hat es den Anschein, als könntest du eine solche Kraft in dir haben.“ Marcel fand dies nun von allen Dingen am merkwürdigsten, doch es würde zumindest einiges erklären. „Was heißt theoretisch? Ich kann keiner von diesen komischen Weisen sein! Ich bin doch nur ich, Marcel, sonst niemand und bis dieses Mädchen in der Stadt aufgetaucht ist, war mein Leben wunderbar langweilig. Verflucht sei doch euer ganzer Rätselscheiß! Ich hab kein Bock auf den Mist! Weißt du was? Ich glaub euch kein Wort mit eurem Scheißdreck! Ihr seit doch alle Spinner!“ Wolf trat vor und ihm stand der Zorn ins Gesicht geschrieben. „Wage es nicht! Du hast kein Recht eine tausendjährigen Orden so zu entweihen. Du hast doch keine Ahnung! Was bildest du dir ein? Glaubst du etwa die Welt besteht nur aus Dingen, welche nur du kennst? Meinst du nicht, da kann es Sachen geben, die du nicht begreifen kannst?“ Athlan sprach weiter. „Nun ja, es ist verständlich, du hast viel durchgemacht. Aber du solltest uns Glauben schenken, weil wir sonst gezwungen sind dich zu töten, was wir jedoch nicht mit Freuden tun. Hattest du nicht Beweis genug? Sagtest du nicht, da wäre etwas unbegreifliches im Wald geschehen? War es vielleicht Magie? Glaube doch einfach was du selbst gesehen hast.“ Er legte eine kleine Pause ein und Marcel fiel nichts ein, was er antworten könnte. Währendessen trat Wolf wieder einen Schritt zurück und werkelte an seinen Waffen herum. „Marcel. Was da im Wald geschehen war, zeigt uns deine Macht. Ich bin mir sogar relativ sicher, dass es das Zeichen ist. Vielleicht war es Schicksal, dass du deshalb zu uns gefunden hast. Was dir dort widerfahren ist, ist ein Reaktion auf Ängste. Unkontrollierbar, aber es zeigt, was du noch alles bewirken könntest. Glaube mir einfach, du hast keine andere Wahl! Wir brechen in wenigen Minuten auf. Entscheide dich nun, ob du uns folgst, oder ob du für immer hier liegen bleibst. Als Toter!“ Marcel sah sich verwirrt um. Die Gedanken überschlugen sich. Er sollte geheime Kräfte haben? Unmöglich! Athlan richtete nun auch seine Gewandungen zurecht und teilte das Lumpenbündel unter den zwei anderen auf. Marcel dachte und dachte, bis er schließlich sprach. „OK, ich folge euch. Vorher will ich einen Beweis sehen, dass Jispathan wirklich verborgene Kräfte hat und nicht nur wie jeder andere ist.“ Er war zu hilflos, um sich nur auf Worte zu verlassen. Wenn er nicht bald seine Fragen vollständig beantworte bekommen würde, würde er in Fragen ertrinken. Jispathan kam näher an ihn heran und flüsterte geheimnisvoll. „Du willst also einen Beweis? Was erwartest du? Feuerspeien? Drachenzähne? Blitze? So etwas ist keine Macht! Dies bezeichne ich nicht als Fähigkeit. Die wahre Macht ist tief versteckt, du sollst dennoch davon kosten.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und schloss die Augen. Marcel beobachte jede Bewegung, jeden Atemzug, und war eigentlich wirklich auf Blitze oder Feuer gefasst. Nichts geschah. Auf was wartete er? Marcel stand im Raum und starrte auf den Umhang des Weisen. Sein Blick wurde steinhart und dann wurde es langsam dunkler um ihn herum.
Sein Augenlicht erfasste bald nur noch Jispathan. Wie in einem Tunnel, tief im Bergwerk, wurde es schwarz, bis er nichts mehr sah. Dann blitzte es auf. Er schrie auf. Dann geschah es wieder. Es war ein flackerndes Bild gewesen. Es geschah wieder. Vor seinem Auge erschien das Bild eines siebenjährigen Jungen. Der Junge lachte, doch bald verstummte er und horchte auf. Der Junge befand sich in einem Zimmer. Marcel kam das Zimmer merkwürdig bekannt vor. Auf einmal drang Geschrei durch die Tür. Es war die Stimme einer jungen Frau und die eines Mannes. Der Mann schrie heftiger und sie schienen sich zu streiten. Der kleine Junge öffnete die Tür und rannte hinaus. Auf dem Gang stand der Mann und wirbelte herum. „Du schon wieder. Rotznase! Hab ich dir nicht gesagt du sollst in deinem Zimmer bleiben!“ Der Mann holte aus und dann hörte Marcel nur noch das schreien und weinen des kleinen Jungen. Marcel wusste ganz genau wer der Mann war und er wurde sehr traurig. Plötzlich verschwand das Bild. Es war dunkel. Nichts zu hören und nichts zu sehen. Dann merkte er, dass er die Augen geschlossen hatte. Er öffnete sie. Überall Wasser. Er konnte nichts außer unendliche Tiefe erkennen. Die Luft wurde knapp. Er schwamm los hinauf in Richtung Sonne. Dann sah er die Oberfläche. Noch ein paar Zentimeter und er würde die frische Luft in sich einsaugen können. Dann wurde er hinuntergezogen. Etwas hatte ihm am Knöchel gepackt. Es zerrte an ihm und die Luft war verbraucht. Die Lungen schmerzten und ein Gefühl von Leichtigkeit breitete sich in ihm aus. Der Kopf wurde nebelig. Mit letzte Kraft wand er sich wie ein Wurm umher. Ohne Erfolg. Er war tot.
Dann wachte er auf. Er lag am Boden. Über seinem Gesicht tauchte ein anderes auf. Er erkannte die Narben. Es war Wolf. Er half ihm beim aufstehen und sprach. „Nun, es scheint du hättest genug Beweise!“ Er lachte ein wenig und drückte Marcel ein kleines Messer in die Hand. Marcel stand völlig perplex da. Sein Ausdruck war fassungslos und auf einmal schien es sich wie ein Gift durch seinen Körper zu winden: Jispathan und die anderen hatten die Wahrheit gesprochen. Der Junge war zu überrascht, als das er etwas hätte sagen können. Athlan hatte seine Sachen zusammengesucht und marschierte bereits zur Tür hinaus. Wolf tat es ihm gleich. Livonia folgte und jetzt waren nur noch er und Jispathan übrig. Dieser sah den Jungen scharf an und sprach mit sehr ernster Stimme. „Du weißt, dass dies hier niemals deine Lippen verlassen darf. Du darfst niemanden erzählen was ich dir demonstriert habe. Und noch viel wichtiger: Du solltest dich hüten dein Neid überhand gewinnen zu lassen. Es ist kein Geschenk, zu sein wie ich, es ist ein Fluch. Du bist jedoch sehr unerfahren und wirst nicht auf mich hören: Niemals solltest du in Versuchung kommen dir ein solche Macht anzueignen. Das wirst du spätestens dann begreifen, wenn es schon zu spät ist. Nun lass uns aber gehen.“ Marcel blickte nur stumm und sein Gehirn schien eine Pause nötig zu haben. Ein wenig betäubt zurrte er sein eigenartiges Hemd zurecht und rückte das Schwert zurecht. Er hatte keine Scheide dafür, schließlich war es ja auch nur ein Geschenk in der Not gewesen. Zumindest nahm er, dass er es behalten durfte. Der Weise marschierte durch den Eingang und der Junge folgte. Sie rannten ein Stück, um die anderen einzuholen. Jispathan humpelte wie sonst auch. Da fiel Marcel wieder eine Frage ein. „Jispathan! Was hast du mit deinem Bein gemacht? Ich sehe du humpelst.“ Jispathan sprach im Lauf und klang ziemlich erschöpft, obwohl die beiden ein mäßige Tempo hielten. „Nun ja, es ist das Überbleibsel eines harten Kampfes. Ich erhielt diese Wunde, mit der Absicht meines Gegners, dass ich sie immer mit mir herum tragen werde. Und tatsächlich konnte nicht mal ich den Riss heilen lassen. Die Klinge hatte eine zu entsetzliche Macht erhalten. Jedoch war das mein Glück, denn damit hatte mein Gegner seine Kraft verschwendet. Das meine ich auch mit Fluch. Du hattest so komisch geschaut, als ich davon sprach. Genau so etwas meinte ich damit. Man wird ausgenutzt und wird gezwungen für dutzende Herren zu kämpfen. Wie dem auch sei. Lass uns einen Zahn zulegen.“ Marcel spurtete weiter und stellte sich Jispathan´s Verletzung vor. Ein gräulicher Gedanke. „Riss?“ Fragte er sich selbst. Klang wie eine der Verletzungen, die immer im Fernsehen zu sehen sind, wenn man die Opfer von Naturkatastrophen zeigte. Der Gedanke an einen Fernseher schien ihn schon recht fremd und er musste sich eingestehen, dass seine wirkliche Welt für einige Zeit vergessen hatte. Wie lange er wohl schon bei diesen Leuten verbacht hatte? Es schien ihm wie eine Ewigkeit doch in Wirklichkeit waren gerade einmal zwei Tage seit seiner Begegnung mit dem Mädchen vergangen. Was würde seine Mutter nur denken? Und was war mit seiner Schulklasse? Wenn er so darüber nachdachte, würde ihn doch sicherlich niemand vermissen. In der Klasse war er nicht sehr beliebt gewesen und seine Freunde konnte er seit seinem Schulwechsel auch nicht mehr oft sehen. Und seine Mutter? Eine Träne rann über seine Wange und er lief noch einen Schritt schneller, damit Jispathan nichts davon mitbekam. Die Beiden hatten die anderen Drei erreicht und sie konnten langsamer gehen. Der Truppenleiter berichtete Marcel noch ein wenig von ihrem Vorhaben. „Marcel. Wo waren wir stehen geblieben mit den Informationen? Ach ja, ich weiß, unsere weiter Planung. Nun im Moment befinden wir uns auf dem Weg zurück zu der geheimen Zitadelle. Dort hat unser aller Herrscher seinen Sitz. Allerdings regiert er nicht allein. Ein großer Senat entscheidet über fast Alles. Er hat lediglich kleinere Aufgaben.“ Er legte eine kleine Pause ein und gab Marcel ein wenig Zeit zum nachdenken. Sie wanderten gemütlich einen Waldweg entlang und rechts und links sah man nichts als wunderschöne Buchen, die im herrlichen Sonneschein leicht schimmerten. Die Vögel zwitscherten und es war ein wunderbarer Frühlingsstag. Der Weg war recht schmal und schien noch nie von einem Auto befahren worden zu sein. Diesmal kam es Marcel noch komischer vor an ein solches Gefährt zu denken. Das Bild von den Autos in der Stadt und überall sonst schien immer mehr zu verblassen und es schien ihm langsam sehr fremd an die moderne Welt zu denken. So marschierten Athlan, Livonia, Jispathan und Marcel durch Wälder und Wiesen und herrliche Flussauen einige Tage lang. Marcel dachte nun nicht weiter nach und es schien, als ob seine Erinnerungen an Früher langsam aber sicher ausgelöscht wurden. Es gab nur noch das jetzt und hier. Und das bedeutete den anderen drei zu folgen und einen Auftrag zu erfüllen. Es war nun Dienstag, zumindest nach Marcels Zeitrechnung, als die vier eine längere Pause einlegten. Athlan führte sich inmitten eines Waldes zu einer kleinen, mit Sträuchern und grünem Moos verwachsene Schlucht. „Hier werden wir nun eine Weile Rast machen. Bisher waren wir viel zu schnell. Wir können uns Zeit lassen, bis der Verstärkungstrupp endlich auftaucht.“ Nun stiegen sie ein gutes Stück hinunter, einem Pfad folgend, der steil hinab führte. „Die Truppen sollten uns ja eigentlich an der Hütte treffen, damit wir sie unterstützen können während der geplanten Schlacht. Natürlich war der gesamte Plan hinüber, als diese verdammten Schergen uns angriffen. Die schöne Ordnung hinüber! Wie dem auch sei. Mittlerweile sollte sich die Nachricht herumgesprochen haben und sicherlich bis zum Herrscher vorgedrungen sein. Er wird längst die Westtruppe hinüber geschickt haben. Diese dürfte nach meinen Berechnungen heute Abend hier eintreffen. Leider wahrscheinlich auch unsere Feinde. Sie haben überall ihre Schlupfwinkel. Lasst uns beten, dass sie sich nicht schneller formieren als unsere Truppen es können, denn wenn, dann soll uns Gott gnädig sein!“ Marcel fürchtete sich nicht. Im Gegenteil: Ein kleines bisschen Freude stieg in ihm hoch, als er das Wort „Feinde“ vernahm. Das Adrenalin sammelte sich bereits und Spannung stieg in ihm hoch. Doch kurze Zeit danach fragte er sich, warum er so etwas Schlimmes dachte. Die Vier marschierten weiter und nun sahen sie den Waldboden nicht mehr. Die Erdspalte war etwa fünfzig Schritte tief und zwanzig Schritte breit. Sie schien sich ziemlich in die Länge zu ziehen. Marcel konnte sich nicht vorstellen, welche natürliche Erscheinung eine solch klaffende Wunde im Boden hinterlassen würde. Ein Flussbett wäre ein Möglichkeit, aber etwas zu unrealistisch, denn seit wann fließt Wasser wie auf einem Autobahntunnel hinab. Auf einmal hörte der Weg auf und sie standen vor eine winzigen Klippe. Es waren nur noch ein paar Fuß bis hinunter zum Grund, aber dennoch zu hoch um zu springen. Athlan sah sie nacheinander vielsagend an und hängte sich an die Kante, um sich hinunter zu hangeln. Livonia und Wolf folgten sogleich. Marcel zögerte einen Augenblick und zog seine Waffe aus dem Gürtel, sie würde ihn nur behindern. Das Schwert flog in leichtem Boden hinunter und mit einem leichten Knall landete es, glücklicherweise, auf einem Mooskissen. Der Junge sank auf die Knie und schlängelte sich ein wenig unbeholfen in Richtung Grund. Es gab nur ein paar kleine Steine oder ab und zu eine Wurzel an der man sich festhalten konnte, aber schließlich landete er mit den Füßen auf festem Boden. Athlan stand direkt vor ihm und sah in Richtung des tieferen Schluchtverlaufes. Dort stand Jispathan ein paar Meter weit entfernt und auf einmal trat ein unnatürlicher Ausdruck auf sein Gesicht. Er schaute mit starrem Blick drein und Athlan, sowie die Anderen sahen sehr, sehr beunruhigt, ja fast erschrocken aus. Der Truppenleiter ging einen Schritt auf ihn zu und sprach mit sanfter Stimme. „Was ist mit dir, mein alter Freund? Wer ist es?“ Marcel verstand die zweite Frage nicht ganz. Er verstand auch nicht was los war. Natürlich fand er diesen leblosen und stummen Ausdruck ziemlich verrückt, aber was meinte Athlan denn mit „Wer ist es?“ ; eine eigenartige Frage. Jispathan schien nicht ganz anwesend zu sein. Sein Blick ging ins Leere und er antwortete mit leichtem stocken. „Er hat mich. Nichts geheimgehalten. Nein!“ Der Weise zuckte leicht zusammen und kam wieder zu sich. Athlan schien sehr erleichtert. Jispathan hatte irgendetwas gesehen, womöglich eine Vision gehabt. So weit konnte Marcel den Ereignissen folgen.
Signatur Tempus-Vivit!
Man braucht nicht immer zu sagen, was man weiß, Man sollte jedoch immer wissen, was man sagt!!!

Movie-Project |
Ulrich Bibliothekarsaushilfe
   

Status: Offline Registriert seit: 26.09.2005 Beiträge: 159 Nachricht senden | Erstellt am 23.10.2005 - 15:21 |  |
Athlan sprach mit erleichterter Stimme weiter. „Was hast du gesehen?“ „Jemand hat versucht meine Gedanken zu durchstöbern und ich konnte mich nicht im Geringsten zur Wehr setzen. Zum Glück weiß ich nichts Wichtiges, was unserem Feind sehr viel nützen würde.“ Marcel schien nichts mehr überraschen zu können. Er hatte genug Demonstrationen gesehen. Aber es wunderte ihn wer hinter alledem stecken könnte. Er fragte Athlan um Rat. „Du hast mir sehr viel über unseren Orden erzählt, aber was ist eigentlich mit unseren Feinden?“ Marcel hatte das Wort „unseren“ unabsichtlich benutzt, es kam ihm ganz normal vor. „Gibt es etwa auch so etwas wie mächtige Zauberer bei dem anderen Orden?“ Athlan sah ihn etwas argwöhnisch an und erzählte, während sie langsam tiefer hinunter wanderten. „So weit uns bekannt ist, gibt es nur die zwölf Weisen, welche die Macht der Magie besitzen. Glücklicherweise sind elf von ihnen auf unsere Seite. Den Zwölften suchen wir ja noch. Möglicherweise haben wir das Pech, dass dieser übergewechselt ist. Aber lass uns das nicht hoffen.“ Marcel überlegte kurz und antwortete. „Aber wäre das nicht schlimm für uns, wenn der Zwölfte auf unsere Seite wäre?“ „Warum sollte das schlecht sein?“ „Ich meine, das hieße doch, dass unsere Feinde auch über die Macht der Weisen verfügen. Schließlich hat Jispathan doch gesagt, jemand hätte versucht seine Gedanken zu lesen. Wenn doch aber nur einer der Alten dazu fähig ist, gibt es ja nur zwei Möglichkeiten. Entweder war es der Zwölfte, oder die Anderen haben dieselbe Macht.“ „Gut mitgedacht Junge! Du könntest natürlich Recht haben. Aber es ist sehr unwahrscheinlich.“ Die Vier liefen und liefen, bis plötzlich ein Höhleneingang vor ihnen aufragte. „Hier werden wir auf die restlichen Truppen warten.“ ,sagte Wolf. Die Vier stiegen hinein und Marcel konnte seinen Augen nicht trauen. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. Die Höhle war gigantisch. Die Decke ragte bis auf dreißig Schritte über sie hinauf. Überall ragten Kalksäulen von der Decke. Es musste eine Art Tropfsteinhöhle sein. Am hinteren Ende der Halle befand sich ein winziger Wasserfall, von dem aus ein Bächchen durch die Höhle rieselte. Ein Schwarm von winzigen Wassertröpfchen bildete Nebelwolken, die herrlich funkelten. Ein Lichtstrahl fiel senkrecht von oben auf das Wasser und erhellte die gesamte Höhle. Doch da funkelte noch mehr als nur das Wasser. Marcel musste näher heran, um sehen zu können, dass Millionen kleine Edelsteine hinter dem Wasserfall glänzten. Auch am Grunde des Wassers sah man es aufblitzen. So etwas Schönes hatte Marcel noch nicht gesehen. Die Anderen standen hinter ihm und lächelten. „Na gefällt es dir?“ Ganz plötzlich verstummten alle und wirbelten herum. Sie hatten einen Stein rollen gehört. Die Augen Aller sprangen sofort zum Eingang, doch dort war niemand zu erkennen. Schon wieder hörte man etwas kratzen. Athlan riss als erster sein Schwert aus der Scheide und rannte zum Eingang. Er vergewisserte sich. Niemand dort. Jemand musste sich ebenfalls in der Höhle befinden. Er rief mit noch tiefer und bedrohlicherer Stimme als sonst. „Hallo? Wer ist dort?“ Keine Antwort kam. Marcel war hellwach. Er packte seine Waffe und sah sich gespannt um. Er hörte wieder das Scharren und folgte dem eindringlichen Geräusch. Die Anderen waren plötzlich außer Sicht und er ließ sich tiefer in eine der Ecken locken. Was sollte schon passieren? Er war gut bewaffnet und zudem konnte es doch nichts Schlimmeres sein, als diese Barbaren im Wald. Er ging weiter vorwärts. Hier hinten hatte das Licht keine Chance. Kaum ein Strahl drang in den Winkel, den die Dunkelheit verschlang. Marcel hörte das Geräusch nun lauter, bis es jedoch verklang. Es musste hier ganz in der Nähe sein. Es war zu dunkel um die Seitenwände zu erkennen. Die anderen waren zu weit entfernt, um ihn zu sehen. Er war allein mit sich und der Dunkelheit. Er blieb stehen und horchte. Die Stille drückte auf seine Ohren, doch dann hörte er ein neues Geräusch. Es klang wie ein ganz zartes Pfeifen des Windes. Nein, dazu war es viel zu schwach. Es hörte sich beinnahe an wie... „Da atmet doch jemand!“ Und zwar genau neben ihm. Das Atemgeräusch war zum Greifen nahe. Je mehr er sich anstrengte etwas zu sehen, desto mehr verschwamm das Bild vor seinen Augen. Er hielt sein Schwert schützend vor sich und marschierte los. Er tat einen großen Schritt und sein Fuß trat auf etwa Weiches. Ein Glucksgeräusch ertönte und Marcel wurde gepackt. Er schrie laut auf und fiel zu Boden. Das Schwert hatte er im Sturz fallen gelassen. Da war irgendetwas. „Hilfe!“ Die andern Vier hörten zwar den Hilferuf aber wussten nicht, aus welcher Richtung er kam. Die Wände schallten zu sehr. „Marcel, wo bist du?“ Athlan rannte los. Marcel krabbelte auf den Knien los in Richtung Licht. Er wollte aufstehen und rennen, doch da spürte er eine Hand am Fußgelenk. Er knallte mit dem Kinn auf den felsigen Boden. Er drehte sich wie ein Wurm umher und schlug um sich, bis er etwas traf. Auf einmal erwischten ihn ein paar mächtige Krallen im Gesicht. Er spürte sein warmes Blut über die Wange rinnen. Auf einmal war er überwältigt. Das Etwas war direkt über ihm. Er lag auf dem Rücken, seine Arme wurden festgehalten. Er spürte den Atem im Gesicht. Ein Hieb und es knackte heftig in seiner Nase. „Du blöder Tölpel! Kannst du nicht aufpassen wo du hintrittst?“ Das Etwas hatte gesprochen. Marcel war erleichtert. Es war eine Frauenstimme. Er schöpfte neue Kraft und wehrte sich verbittert, bis er dem Griff entwunden war. Genau in diesem Moment kam Athlan herbeigestürmt. Er trug eine Fackel in der Hand, die er soeben eilig aus seinem Gepäck herausgesucht hatte. Das Feuer erleuchtete den Gang. Der Ausdruck auf Athlans Gesicht änderte sich schnell. Von ängstlich bis lächerlich. Er begann zu grinsen und sah die beiden Kämpfer an. Marcel erstarrte sofort zu Eis. Livonia, Wolf und Jispathan kamen herbei. Livonia fing an zu feixen und meinte nur. „Also ich hatte mir schon gedacht, dass du ein Weiberheld bist, Marcel, aber dass du es gleich hier in einer Höhle treibst konnte ich ja nicht ahnen. Und dann auch noch so wild, dass du noch um Hilfe rufst? Du musst die Frauen wirklich ganz schön den Kopf verdrehen.“ Marcel verstand erst nicht was sie meinte. Bis er merkte wie eindeutig es aussah, wie das Mädchen über ihm lag. Wolf lachte sich über den Spott kaputt und ging zusammen mit Livonia und dem Alten. Marcel stieß das Mädchen mit Gewalt von sich und stand auf. „Athlan, das ist jetzt wirklich nicht so wie es aussieht. Es war halt nur Dunkel und ich bin auf sie getreten und...“ „Ja, ja, was sonst? Natürlich!“ Athlan wusste ganz genau was passiert war, konnte sich diesen Spaß aber nicht verkneifen. „Bestimmt Marcel! Auf alle Fälle war es so.“ Marcel regte sich ziemlich auf aber ließ Athlan in Ruhe. Er drehte sich herum und sah das Mädchen an. Sie war etwa in dem gleichen Alter wie er. Ihr Haar war hellbraun, leicht rötlich. Es war unnatürlich lang, wie dem Jungen auffiel. Die Spitzen streiften den Boden. Sie waren geflochten und mit einer Ledernen Schleife zu einem Zopf gebunden. Das Mädchen war außerordentlich hübsch. Zumindest war das Marcels Ansicht. Sie trug ein weißes Hemd mit bauschigen Ärmeln und darüber eine braune Weste. Am Gürtel trug sie einen Dolch und einen Säbel. Das Mädchen stand direkt vor ihm und sah ihn nur an, wortlos. „Tut mir leid, entschuldige bitte.“ ,sprach der Junge. Das Mädchen begann zu lächeln und antwortete. „Tja mein lieber Weiberheld, sieht so aus, als würde ich euch von nun an begleiten.“ „Was? Uns begleiten, warum das?“ Marcel dachte kurz darüber nach, wie hübsch sie doch war und korrigierte seinen Satz. „Ähm, ich meinte. Du bist herzlich willkommen. Wie nennt man dich eigentlich?“ „Mein Name ist Livonia. Ich bin Erbe der Weisen und du bist mir zu Treue verpflichtet.“ Marcel stutzte. Hatte er richtig gehört: Livonia? „Ähm, warte hier kurz. Ich bin gleich wieder zurück. Ich will nur....ähm...ich will nur...fragen ob du bei uns bleiben kannst. Moment, bin gleich wieder da.“ Athlan stand immer noch da, hatte aber ihren Namen nicht verstanden. Er ließ seine Fackel am Boden liegen und folgte Marcel in den vorderen Teil der Höhle. Marcel spurtete zu der echten Livonia und erzählte ihr, was das Mädchen gesagt hatte. „Marcel ,das ist Übel. Du weißt doch, dass jeder sich seinen Namen verdienen muss. Das heißt auch ,dass es ausgeschlossen ist, dass es einen Namen doppelt gibt. Außerdem wäre es ohnehin unwahrscheinlich. Das ist gefährlich. Sie ist sicherlich auf der Seite unserer Feind und versucht dich reinzulegen, hatte aber nicht daran gedacht, wer noch so in unserem Gefolge ist. Sag ihr nichts, sondern schick sie einfach weg, sie wird keine Wahl haben, außer zu fliehen.“ Der Junge marschierte zurück zu dem Mädchen. Er war alleine und sie stand immer noch an der selben Stelle. Marcel begann mit ernster Stimme zu sprechen. „Was willst du von uns? Wer hat dich geschickt?“ „Warum geschickt? Ich wurde nicht hierher befohlen, ich bin aus eigenem Willen hier.“ „Du lügst, Mädchen, ich weiß es. Dein Name ist nicht Livonia. Wem dienst du? Sag es oder du darfst noch ein Weilchen länger in dieser Höhle weilen, nämlich für immer!“ „Wie es nun mal sei, du hast Recht. Ich bin nicht Livonia. Den Saß konnte ich mir halt nicht verkneifen. Aber ich diene jedenfalls Niemanden. Nur wenn es mir danach gelüstet ein wenig Kopfgeld zu verdienen.“ „Das ist es also! Du hast den Auftrag uns umzubringen!“ „Ihr Männer seit doch echt blöd! Hab ich nicht gesagt, dass ich nicht in Auftrag eines Herrn hier bin. Ich hatte nicht vor dich oder irgendjemanden umzubringen. Bis jetzt zumindest nicht!“ Blitzschnell riss sie ihren Dolch aus dem Gürtel und ehe sich Marcel versah, hatte er einen Riss quer über dem Gesicht. Er schlang die Hände um seine Wangen und sprang zur Seite. Sein Schwert war außer Reichweite. Das Mädchen rannte los. Er stolperte ihr hinterher. Athlan stellte sich ihr in den Weg und verbarrikadierte somit den Eingang. Das Mädchen zog ihr Entermesser und sprach mit verzweifelter Stimme. „Mach den Weg frei. Ich will dich nicht töten.“ „Das wirst du aber tun müssen, wenn du hier raus willst.“ Der Kampf begann und Marcel hatte noch nie jemanden so kämpfen gesehen. Das Mädchen war unglaublich. Ihre Schläge waren blitzschnell und so kräftig, das Athlan, der nicht gerade der Kleinste war, sich verzweifelt abmühen musste. Um genau zu sein, hatte Athlan nicht die geringste Chance. Wolf und Livonia eilten ihm zu Hilfe. Nun schien der Kampf gerecht zu sein. Beinahe mühelos wehrte das Mädchen die Schläge ab. Jispathan kam näher und murmelte etwas. Das Mädchen blieb auf einmal stehen und rührte sich nicht im Geringsten. Genauer gesagt war sie komplett eingefroren. Doch plötzlich ertönte ein knisterndes Geräusch und eine leichter Windstoß blies durch den Raum. Das Mädchen konnte sich wieder bewegen und rief sogleich höhnisch. „Was war denn das für ein Witz? Hier, nimm eine Kostprobe von echter Magie!“ Jispathan´s Stab fing Feuer und er ließ ihn abrupt fallen. Doch die Flammen züngelten durch die Luft wie Blitze. Er schrie auf. Die Luft roch verbrannt. Sein Mantel stand in Flammen. Das Mädchen war umringt. Alle drei hoben ihre Waffen zu einen gemeinsamen Schlag. Die Fremde schrie ein paar Worte in einer unbekannten Sprache und auf einmal begannen die drei Schwerter zu leuchten. Erst blass dann immer stärker glühend und gleichzeitig heiß werdend. Klappernd fielen sie zu Boden. Sie schmolzen dahin. Mit offenem Mund betrachtete Athlan die Brandblasen an seiner Hand. Das Mädchen macht einen Seitensprung und stürmte hinaus. Ihre Haarschleife löste sich und ihr Haar flatterte hinter ihr her. Jispathan konnte seinen Mantelbrand am Wasserfall löschen. Triefend nass stand er nun vor den Anderen. Marcel suchte sein Schwert und leistete ihnen Gesellschaft. Auf dem Weg fand er die Haarschleife. Das Lederband war eigenartig punziert. Dekorative Muster waren gleichmäßig darauf angeordnet. Marcel zeigte es Jispathan. Dieser war ziemlich verblüfft und deutete die Zeichen. „Dies sind Schriftzeichen. Die Sprache jedoch, kann ich nicht lesen. Mir scheint es, wie die alte Sprache des Ordens. Schließlich hat man vor dreitausend Jahren noch kein Deutsch gesprochen. Wir sollten jemanden finden, der das hier lesen kann.“ Marcel fragte weiter. „Kann es sein, dass sie, nun ja...die zwölfte der Weisen ist? All ihre Fähigkeiten deuten doch darauf hin.“ „Ja Marcel, es scheint so. Sie scheint es auch gewesen zu sein, wer meine Gedanken gelesen hat. Ich erkenne die Stärke wieder. Das Einzige was mich sehr beunruhigt, ist die Tatsache, dass alle zwölf Weisen genau gleich viel Macht besitzen. Abgesehen davon hat jeder der zwölf das Gute im Blut. Keiner der Weisen hat jemals etwas gegen seine Mitbrüder getan. So ist es ungeschriebenes Gesetz und auch von der Herkunft festgelegt.“ Athlan beteiligte sich an der Diskussion. „Was sollen wir nun tun, Jispathan? Wir waren auf der Suche nach dem letzten Weisen und haben ihn nun gefunden.“ „Wir sollten unser gesamtes Vorhaben ändern. Das ist ein Problem, das sich nicht so schnell verdauen lässt und noch weniger schnell lösen lässt. Wir sollten nur noch auf die restlichen Truppen warten und ihnen Order erteilen. Das gesamte Gebiet muss abgedeckt sein. Falls sie wirklich zu unseren Feinden gehört, sollten wir gut vorbereitet sein auf den Sturm. Wir fünf sollten zur Hauptstadt zurückkehren. Dort muss ich mich mit dem Rat und den elf der Alten beraten. Die anderen Elf können uns sicher helfen. Zumindest wissen wir dann mehr.“ Athlan nickte. Jispathan´s Vorschlag war Gebot. Wolf kündigte an, er werde in den Wald gehen und nach Wild jagen. Jispathan sorgte sich, ließ ihn aber gehen. Athlan ging Feuerholz sammeln. Jispathan setzte sich auf einen Steinblock und sprach zu Marcel. „Ich denke mal die Soldaten werden bald kommen. Es kann sich nur noch um ein paar Stunden halten. Zumindest nicht mehr als einen vollen Tag.“ Livonia schritt unruhig hin und her. Sie schien etwas zu überlegen. Nach einer Weile kam Athlan zurück und sie konnten endlich ein Feuer entfachen. Die Dämmerung brach an und das Licht in der Höhle wurde langsam weniger. „Ist Wolf noch nicht zurück?“ ,fragte der Truppenleiter beim Eintreten. „Nein wir haben ihn nicht gesehen.“ Athlan runzelte die Stirn und begann mit dem Feuer. Zur Erleichterung Aller kehrte Wolf kurz danach zurück. Er hatte ein Wildschwein erlegt und wollte Lob hören. Das bekam er auch zu hören. Zumindest versicherte ihm das Schmatzen der Anderen, dass sie dankbar waren und es ihnen gut schmeckte. Nach dem festlichen Mahl war es fast dunkel. Marcel jedoch drängte es nach draußen. Er hatte großes Gefallen an dem Mädchen gefunden. „Athlan, wie wäre es wenn ich noch ein bisschen mehr Holz holen würde? Es ist kaum noch etwas übrig.“ Der Holzstapel war riesig. Athlan hatte bereits eine gigantische Fuhre herbeigeschafft, sodass es wahrscheinlich bis zum Morgen reichen würde. Der Truppenleiter verstand den Jungen ziemlich gut und antwortete gutmütig. „Wie dir beliebt. Ich kann dich nicht aufhalten. Jedoch muss ich eine Bedingung stellen: Du machst nichts Dummes und kommst ja heil zurück! Sei wachsam!“ Marcel stürmte freudig hinaus. Das Schwert im Gürtel, die Schleife des Mädchens im Beutel verstaut. Er holte sie heraus und besah sich das Stück. Jispathan hatte recht, es sah wirklich aus, wie Buchstaben, ja sogar wie Wörter. Die Schriftzeichen ähnelten sehr den hebräischen. Die Dunkelheit verschlang Alles und es wurde kühl. Der Junge sog die frische Atemluft tief ein und kletterte den felsigen Weg hinauf. Oben angekommen schritt er abseits der Wege direkt ins Herz des Waldes. Er hatte nicht im Geringsten vor, Feuerholz zu holen. „Sie muss doch hier irgendwo sein.“ Der nächtliche Wald erwachte und auch die Tiere kamen zum Vorschein. Überall scharrte es am Boden und man hörte das knacken der Äste. Marcel war ziemlich unheimlich zumute. Die Schleife trug er immer noch in der Hand. Seine Füße schmerzten vom Lauf der vergangen Tage und er gab die Hoffnung schon recht bald auf. Das Schlechte war jetzt nur, dass er gezwungenermaßen nicht aufgeben konnte, da er erst jetzt bemerkt hatte, dass er sich verlaufen hatte. Ohne die Wege gab es keine Orientierungspunkte. Außerdem war es viel zu dunkel, um einzelne Bäume deutlich unterscheiden zu können. Er lief und lief. Dachte dabei über das Mädchen nach und über vieles mehr. Seine moderne Welt hatte er vergessen. Gedanken an Freunde, Verwandte waren nicht mehr wichtig. Seine Mutter vergessen. Autos, Schule, Fernseher, Markenkleidung gab es nicht mehr. Es hatte nur noch sich und sein Schwert. Und das Mädchen. Und Athlan, Livonia, Wolf und Jispathan. Auf einmal trat er auf etwas und es stach fürchterlich an der Sohle. Es musste irgendein grässlicher Dorn sein. Er hockte sich auf den Boden und wollte nachsehen. Doch da spürte er kalten Stahl an der Kehle. Seine Hoffnungen wurden erfüllt, doch wie er so drüber nachdachte, bereute er seinen Wunsch. Es war die Stimme des Mädchens, die sprach. „Was haben wir denn hier? Einen Jäger der nicht auf der Hut ist? Haben wir uns verlaufen, Jägerlein? Ich beobachte dich jetzt schon seit knapp einer Stunde und du hast mich nicht bemerkt, obwohl ich direkt neben dir war.“ Marcel hockte still und der Stahl war so kalt, dass es ihm schien, als würde sein Blut gefrieren. Er antwortete mit zögernder Stimme, heftig denkend, wie er sich aus dieser ungünstigen Lage befreien konnte. „Ich bin gekommen, um dir deine Schleife wiederzugeben. Du hast sie verloren. Und ich dachte....ähm...sie könnte vielleicht von Wert für dich sein.“ Das Mädchen nahm den Säbel weg und sagte mit schmeichelndem Unterton. „Nun ja, sie hat einen sehr großen Wert. Den beinahe höchsten Wert für mich. Ich danke dir.“ Marcel war erleichtert und stand auf. Ihr Haar glänzte im Mondlicht, ansonsten schimmerten nur ihre Augen aus dem Dunkel. Marcel wollte den Blick gar nicht mehr abwenden und vergaß beinahe zu sprechen. „Ähm...hier hast du sie.“ Er streckte die Hand aus. Sie nahm die Schleife und sah sie an. Dann schaute sie auf Marcel. Sie gab ihm die Schleife zurück. „Es ist ein Geschenk für deinen Mut, und für dein Gutwollen. Hättest du sie mir nicht zurückgebracht, hätte ich dich jetzt töten müssen.“ Damit war sie verschwunden. Wie mit dem Wind gereist tauchte sie in die Dunkelheit ab. Marcel stand fassungslos da. Weshalb hatte sie ihm ein solches Geschenk gemacht? Ob es wirklich so wertvoll war, wie sie gesagt hatte? Marcel stand noch eine Weile da und starrte ins Dunkel, bis er sich aufmachte einen Weg zurück zur Höhle zu finden. Er lief noch etwa fünfzehn Minute umher bis er plötzlich keinen Boden mehr vor seinen Füßen spürte. Er wäre fast in die Schlucht gefallen, aber wenigsten hatte er jetzt den Eingang gefunden. Er stieg hinunter und gesellte sich zu den anderen in die Höhle. Die Schleife hatte er die ganze Zeit mit sich umher getragen und nun hatte er vor lauter Aufregnung auch noch vergessen, dass er eigentlich Feuerholz geholt haben müsste. Athlan lächelte ihn an. „Sag bloß du hast nichts gefunden? Oder hast du doch etwas gefunden, aber es war nur kein Holz?“ Marcel zog es vor nicht zu antworten. Das war auch gar nicht nötig. Livonia sah mit blasser Miene weg. Marcel lag eine Frage auf der Zunge und so rückte er näher zu Jispathan und fragte ihn nach dem Wert der Schleife. „Wie viel die Wert ist kann ich nicht genau sagen, mein Junge. Das kommt wirklich auf die Zusammenhänge an.“ Plötzlich sprach der Weise aufgeregt und freudig. „Ja! Ich hab es gelöst! Das Mädchen ist keine der Weisen. Sie hat eine magische Haarschleife. Diese Schleife hat ihr diese übernatürliche Kraft verliehen. Es schien nämlich wirklich sehr unwirklich, dass sie so mächtig war. Demnach ist dieses Lederband einiges wert. Sogar sehr viel einiges. Nichts was man mit Gold bezahlen könnte.“ Marcel widersprach ihm. „Ich glaube nicht, dass dem so ist, denn ich habe diese Schleife soeben geschenkt bekommen. Ich habe sie ihm Wald getroffen. Oder sagen wir eher sie hat mich überfallen. Aber dann hat sie mir das Band geschenkt und ist gegangen.“ „Tja, das ist wirklich seltsam. Ich denke wir werden vorerst noch keine Antwort finden. Aber sobald wir in der Hauptstadt angekommen sind, werden viele Rätsel aufgelöst. Auch du wirst dann ein wenig mehr erklärt bekommen. Ich möchte dir übrigens für deine Geduld danken. Du hast alles wacker auf dich genommen. Und dass du diese kleine Schlacht im Wald überstanden hast, ist wirklich erstaunlich. Und das alles ohne dass wir dir viel begründet haben. Ohne Zweifel wirst du belohnt werden. Nun sollten wir alle schlafen. Eine gute Nacht euch allen!“ Athlan legte sich nieder und sprach noch einen letzten Nachtgruß aus. „Lasst uns auf die restlichen Truppen hoffen...gute Na.....ch....t!“ Eine plötzliche Müdigkeit hatte die Beiden einschlafen lassen, bevor sie sich überhaupt zugedeckt hatten. Marcel stand auf und wollte sich langsam auch zu Bett begeben. Wolf tat es ihm gleich. Er erhob sich und entfernte sich ein paar Meter vom Feuer. Doch nach zwei Schritten wurde Wolf vom Schlaf gepackt. Er sackte zusammen und schnarchte friedlich am Boden. Livonia schien das nicht im geringsten eigenartig zu finden. Sie schien mit anderen Sachen beschäftigt zu sein. Sie begab sich in eine Ecke und saß dann dort auf einem Felsbrocken. Ihr Gesicht war sorgenvoll und ein wenig missmutig. Marcel fragte sich was mit ihr los war. Doch nach wenigen Minuten kippte das Mädchen vornüber, knallte längs auf den Felsboden und blieb schlafen liegen. Das wurde Marcel jetzt zu gruselig. Wie konnte es sein, dass ein Mensch so müde war, dass er im Sitzen umfiel? Der Junge ging zu Livonia und rüttelte sie leicht. Sie schlief weiter. Marcel begann zu rufen und sie immer heftiger zu rütteln, doch sie blieb still liegen. Wenn man die Geräusche des sanften Atems nicht hören würde, hätte Marcel sie für tot gehalten. Die anderen waren auch nicht aufzuwecken. Da musste doch etwas dahinter stecken. Er stand ratlos da. Plötzlich sprach jemand hinter ihm. Er kannte die Stimme ganz genau. Es war die Stimme, die er sich wiederzuhören gewünscht hatte, ihr aber dennoch mit Furcht lauschte. Das fremde Mädchen stand direkt hinter ihm. „Sie werden nicht aufwachen, bis ich es ihnen befehle. Ihre Seelen sind viel zu schwach um dem zu entgehen.“ Marcel stellte sich mit geschwollener Brust vor sie und fragte in gebieterischen Ton. „Was willst du? Warum verfolgst du uns?“ „Ich verfolge euch doch gar nicht.“ Ihre Stimme klang ziemlich erheitert. „Ich verfolge dich! Aber was ich will muss doch keiner wissen. Ich kann dir nur so viel sagen, dass ich dich oder euch nicht töten will.“ „Und weshalb bist du dann hier?“ Marcel wurde langsam genervt von diesem Rätsel. „Du hast mir nicht mal deinen Namen gesagt. Abgesehen davon muss ich doch schlechte Absichten von dir erwarten, wenn du mir wie ein Halunke eine falschen Namen vorlegst.“ Sie wurde wieder recht ernst und antwortete mit verzeihender Stimme. „Ja, das tut mir leid. Aber ich konnte doch nicht wissen wer ihr seid. Was hatte ich zu erwarten? Außerdem gibt es da Dinge die es mir verbieten mich überall zu zeigen.“ „Also bist du wirklich vorbestraft? Diebin? Mörderin? Oder Schlimmeres? Hast du deinen Orden verraten? Auf welches Seite stehst du eigentlich?“ „Das ist es ja. Ich stehe auf keiner Seite. Ich bin von meinem Clan verstoßen worden, weil mir das ständige Foltern, Morden und Bekriegen missfallen hat. Du weißt ja sicherlich, dass mein ehemaliger Clan ständig mit euch Krieg führt. Außerdem töten sie unschuldige Menschen der modernen Welt. Ich würde nie jemanden Unschuldigen Leid zufügen.“ „Ach ja? Und was ist mit mir?“ „Das nennst du unschuldig? Du bist mir auf den Fuß getreten. Und dann hast du auch noch nach mir geschlagen. Aber ich muss sagen du hast Mut in dir und Willensstärke. Du weißt es wenigstens noch zu kämpfen, auch ohne Waffen.“ Sie legte eine kleine Pause ein. „Ich empfehle dir übrigens auch dich von deinem Orden loszureißen. Er wird dir nichts Gutes bringen. Du wirst dann nur teilhaben an einem gigantischen Blutbad. Und ich spreche nicht von eurem Krieg den ihr hier führt. Sobald ihr sämtliche Barbaren vernichtet habt, werdet ihr gegen die moderne Welt ziehen und dann wird es unschuldige Kinder treffen!“ Marcel war auf einmal erzürnt, eigentlich sogar ohne zu wissen warum. „Was weißt du denn schon davon? Vielleicht hattest du ja schlechte Erfahrung, aber hier ist das anders. Mein Orden ist gut. Wir töten keine Unschuldigen. Nur die, welche den Tod verdient haben werden ausgelöscht. Und die moderne Welt soll bekehrt werden und nicht vernichtet!“ Das Mädchen war schon am gehen, als sie mit einem ironischen Unterton weitersprach. „Ist das so? Wenn DU es sagst, muss es ja stimmen. Du solltest begreifen lernen, dass es am Schluss keinen Ausweg gibt aus der Finsternis! Überleg es dir, meine Schleife behältst du als Zeichen, das dich daran Erinnern soll was ich gesagt habe, wenn du dann über den Leichen der wehrlosen Bürger stehst und dich fragst wie es dazu gekommen ist. Dann wird es nämlich längst zu spät sein!“ Sie war bereits am Eingang, doch Marcel stürmte ihr nach und nahm dabei ihre Schleife aus der Tasche. „Hier! Nimm sie zurück, ich brauche das nicht. Es wird niemals soweit kommen! Niemals!“ Er warf ihr das Band vor die Füße und blickte sie zornig an. Sie schien traurig zu sein, vertuschte es jedoch mit einem stolzen Blick. „Früher einmal warst du ganz anders. Der Marcel, den ich damals kannte, war immer auf der guten Seite. Früher warst du ein ganz anderer Mensch. Früher spürte man deine Wärme schon von Weitem und du warst fröhlich und freundlich. Hilfsbereit. Aber jetzt? Schau was aus dir geworden ist. Eine seelenlose Marionette, die den Befehlen anderer gehorcht und blind leeren Versprechungen vertraut. Was wird nur deine Mutter sagen? Sie war immer so stolz auf dich und nun sitzt sie allein in ihrem Kämmerlein und hat nichts außer die Trauer, dass ihr Sohn dem Bösen hilft zu siegen!“ Sie packte die Schleife und rannte davon. Auf einmal legte sich Marcel Zorn. Er hatte seine Mutter völlig vergessen. Er wusste nicht mehr, wie viele Tage es her war, dass er sie das letzte mal gesehen hatte. Wie es ihr wohl ging? Ob sie traurig um ihn war. Er musste sich außerhalb der Höhle auf einen Felsvorsprung setzen, um nachzudenken. Was hatte er nur getan? Warum war er eigentlich hier? Weshalb war er nur mit diesen Leuten gegangen? Er hätte doch einfach heimgehen können und es wäre alles so wie früher. Schön und Langweilig. Aber wenigsten wäre er bei seiner Mutter und bei seinen Freunden. Selbst die Schule würde ihm wieder Spaß machen. Und woher wollte dieses Mädchen wissen, wie er früher einmal gewesen war? Auf einmal kam Athlan nach draußen. Er war aufgewacht und hatte Marcel bemerkt. Er sprach als ob nichts gewesen wäre. „Was machst du noch so spät hier draußen? Wolltest du nicht auch schlafen? Ich bin eben nur kurz aufgewacht und habe bemerkt, dass du weg bist. Ist irgendetwas? Bedrückt dich vielleicht etwas? Du sieht so sorgenvoll aus.“ „Nein es ist nicht, ich konnte nur nicht schlafen.“ Nein es konnte nicht sein. Er würde niemals Unschuldige Töten und er würde immer auf der Seite der Guten stehen. Dann konnte seine Mutter wieder stolz sein und sie müsste sich nicht um ihn sorgen. Auf einmal wurde sein Denken von einem Geräusch unterbrochen. Er hörte Fußgetrappel. Es klang wie Marschieren. „Sind das die Truppen Athlan?“ „Ja das sind sie. Entfache das Feuer wieder und wecke die Anderen. Wir müssen hundert und fünfzig Mann in diese Höhle zwängen. Marcel tat wie ihm geheißen. Er hatte keine Zeit mehr zu denken. Den Rest des Abends herrschte ein reges Treiben. Das gesamte Heer breitete sich auf dem Felsboden aus und es wurde recht eng. Marcel hatte eine Menge Arbeit zu tun. Ständig wurde er von irgendjemanden gebeten Wasser vom Wasserfall zu holen oder Brennholz zu bringen. Er wollte nicht unhöflich erscheinen und ging jeder Bitte nach. Irgendwann waren alle zufrieden und das Schnarchen hallte von den Wänden wieder.
Die Nacht verging und Marcel hatte wilde Träume. Es waren Träume von seinem früheren Leben. Nun erst merkte er, dass diese ganze Sachen ihn in Besitz genommen hatte. Er hatte die Entscheidung einfach dem Zufall und der Angst überlassen und nun konnte er gar nicht mehr bestimmen. Er hatte sich selbst eine Grube gegraben. Er hatte die Verantwortung abgegeben und nun hatte er völlig die Kontrolle verloren. Er wusste sich keinen Rat. Er beschloss sofort nach dem Aufstehen zu Jispathan zu gehen und mit ihm darüber zu reden. Er wollte ihm alles von dem fremden Mädchen erzählen und er würde ihm helfen. Ganz sicher.
Der Morgen brach an. Marcel wurde vom Husten eines Soldaten geweckt. Er hatte sich im Schlaf Pläne gemacht und ging diesen sofort nach. Er holte sich einen Schluck Wasser und ging hinüber zu dem Weisen. Dieser war noch nicht ganz wach, aber als er Marcel sah, raffte er sich auf. „Ja was gibt’s, Marcel?“ Der Junge setzte sich hin und starrte nur den Boden an. „Ähm, gestern als ihr so schnell eingeschlafen wart....da bin ich kurz rausgegangen und da war wieder dieses Mädchen. Und na ja, sie hat gesagt, sie wäre es gewesen, die für euren Schlaf verantwortlich gewesen sei. Und dann hat sie mir erzählt, dass sie von ihrem Clan geflüchtet ist. Sie wollte mich sogar dazu bringen ihr es gleich zu tun. Sie hat mir gesagt, unser Orden wäre genauso wie der unserer Feinde. Sie hat gesagt wir würden irgendwann Unschuldige töten und die moderne Welt angreifen.“ Jispathan wurde ungemein ernst. Der Ausdruck auf seinem Gesicht verfinsterte sich, als er antwortete. „Warum hast du mir das nicht schon früher erzählt? Das ist überhaupt nicht gut! Das war Hexenwerk! Sie ist ganz sicher eine Spionin. Es war nur ein Täuschungsversuch von ihr. Sie wollte dich dazu bringen ihr zu folgen, um dich dann umzubringen oder auszuliefern. Du weißt ganz genau, dass wir nie einem Unschuldigen angreifen würden. Das war nur leeres Gerede! Du darfst ihr kein Wort glauben. Oder glaubst du, dass jemand der einen Schlaffluch auf andere legt, gut sein kann?“ Marcel dachte über seine Worte nach und sie schienen ihm sehr viel einleuchtender als das Gerede dieses Mädchens. „Wann brechen wir auf, Jispathan? Ich kann es gar nicht erwarten die Hauptstadt zu sehen.“ Seine Erinnerungen waren wie weggefegt. Er kannte nur noch das jetzt und hier. „Wir marschieren sofort los. Ach genau. Ich habe dir noch gar nichts erzählt, was unsere glorreichen Gefilde angehen. Der Weg ist nun nicht mehr weit, wir gehen von nun an der Mittagssonne entgegen. Nach Süden. Bis wir dann ein Gebirge erreichen. Dort tief hinter den Bergen ist unsere Heimat. Gut versteckt und gut beschützt ist sie. Die Stadt liegt teilweise unter der Erde, doch hoch oben an der Spitze der höchsten Gipfel gibt es ein tiefes Talbecken. Dort sieht man die Türme und Wehrmauern. Das Tal ist so abgelegen, dass wir noch nie ungewollte Gäste aus der modernen Welt hatten. Lediglich ein paar kleine Truppen von der anderen Seite.“ Dann ging das Treiben auch schon los. Allerlei Sachen wurden gepackt und Marcel wurde wieder gebeten ein paar Läuferdienste zu verrichten. Doch schließlich waren sie auf dem Weg. Athlan, Livonia, Jispathan und Marcel liefen an der Spitze des Zuges. Marcel wunderte sich wie sie mit einhundert Männern in Kriegskleidung eine solche Strecke zurücklegen wollten, ohne von irgendjemanden gesehen zu werden. Sie alle kletterten den steilen Weg hinauf zum Wald. Oben angekommen wurden die Vier von drei Soldaten überholt, die voranrannten. Bald waren sie außer Sicht. „Wo gehen die hin, Athlan?“ „Ach, die kundschaften nur ein bisschen den Weg aus, damit wir uns nicht verlaufen.“ Das klang Marcel ziemlich unlogisch, aber was sollte er dagegen sagen? Vielleicht waren diese Leute alle hier ein wenig eigen, wenn es um Sitten ging. Sie liefen und liefen, durch Wälder und Wiesen, immer an irgendwelchen Wegen entlang. Dann kamen die drei Krieger ihnen entgegengerannt. Sie wechselten mit drei anderen aus den hinteren Reihen. Beim vorbeigehen entdeckte Marcel frische Blutspuren an dem Heft des Schwertes von einem der Kämpfer. Er sah erstaunt den Truppenleiter an, verkniff sich jedoch seine Frage. Er wollte nicht zu aufdringlich wirken mit seinen ganzen Fragen. Der Weg trug sie weiter in südlicher Richtung und so wanderten sie quer durch Wälder, Felder und Gebirge. Am Tage wurde gelaufen und gelaufen, nur mit einer Rast. Und abends wurden Feuer entzündet und man ließ es sich gut gehen mit einem guten Stück Wild; frisch gejagt. Jispathan hatte berechnet, dass es vierundzwanzig Tage dauernd würde, bis zum hohen Gebirge vorzudringen. Es war der zweite Tag ihrer Reise, als die Sonne sich gerade hinabsenkte. Marcel saß an einem der Feuer und unterhielt sich mit Jispathan. Der Alte erzählte dem Junge viele interessante Dinge über die Stadt, die sie anstrebten. „Unsere Stadt hat ihren Namen aus der alten Sprache unseres Orden Alt-Liotha. Seit einigen Hundert Jahren jedoch wurde die Sprache vereinfacht. Neu-Liotha ist schnell und leicht zu lernen, was aber bedeutet, dass kaum noch jemand die alte Sprache lesen kann. Der Name unserer Stadt bedeutet übersetzt >>Stadt der Wahrheit<<. Dieser Name soll darauf hinweisen, dass unser Glaube der Gute sei. Schließlich ist er Dreitausend Jahre alt; was lässt sich daran zweifeln?“ Marcel hörte ihm neugierig zu, denn er fand es unheimlich spannend so eine Stadt kennen zu lernen. „Wie heißt die Stadt in der alten Sprache, Jispathan?“ „Alt-Liotha spreche ich leider nicht, aber diesen einen Spruch weiß ich sehr wohl. >>Dacup sel Thrandu<<.“ Der Weise erzählte noch einiges mehr, doch schließlich war er es leid und legte sich schlafen. Marcel war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Er entfernte sich vom Feuer und lief umher, auf der Suche, nach jemanden, der mit ihm reden würde. Seine Suche fand Erfolg. Ein junger Soldat saß abseits der Anderen hinter einem Baum. Er konnte ebenfalls nicht schlafen. So gesellte sich Marcel zu ihm und plauderte ein wenig. Der Name des anderen war Landru. Er war erst seit knapp drei Monaten Teil der Vereinigung. Er erzählte auch, dass er sich freiwillig entschieden hat, beizutreten, da er es satt hatte immer diskriminiert zu werden und wegen Klamotten und Gegenständen begutachtet zu werden in der modernen Welt, wo es immer nur nach Mode und Vorschrift ging. „Hier ist jeder gleich und jeder verfolgt das mehr oder weniger selbe Ziel.“ ,hatte er gesagt. Auf einmal hielt er inne. Er wurde durch ein Geräusch im Wald gestört. „Das klang wie Fußgetrappel.“ Marcel hatte schon böse Vorahnungen und packte sein Schwert. Es knackte wieder und auch der junge Mann stand auf und nahm eine Axt zur Hand. Er war immer noch gerüstet mit Kettenhemd und Wams. Die restlichen Leute schliefen alle schon. Dann sah Marcel etwas im Dunkeln. Ja, er erkannte die im lauen Wind flatternden Haare. „Landru, mein Freund. Pack die Axt weg und leg dich schlafen. Ich weiß wer uns dort beobachtet. Es ist niemand den du fürchten musst. Landru nahm den Rat an und legte sich zu seines Gleichen, obwohl er lange überlegte, warum Marcel ihn weggeschickt hatte. Marcel rannte los zu der Stelle, an der er sie als letztes Gesehen hatte. Er lief noch ein paar Meter und schon stand sie hinter ihm. Sie sah wirklich bezaubernd aus und der Junge überlegte sich schon ein paar nette Worte zur Begrüßung, doch dann fiel ihm wieder ein, was vorgefallen war und was Jispathan gesagt hatte. „Und, willst du etwa einen neuen Versuch wagen mich zu umgarnen, Spinne?“ Sie sah ihn steinhart an. „Was heißt hier Spinne? Ich hatte nie vor, dich auf irgend eine Weise hereinzulegen.“ „Von wegen, du Spion! Hältst du mich für so dumm? Ich merk doch, dass du für den Feind arbeitest. Und Feinde müssen bestraft werden! En Garde! Kämpfe!“ Er hob sein Schwert, bereit zum Kampf. Die Lust hatte ihn einfach gepackt. Das Mädchen riss ihren Säbel aus dem Gürtel und begann zu lächeln. Sie sprach wieder mit ihrer schmeichelhaften Stimme. „Eins muss man dir lassen. Du hast zwei große Stärken. Zum einen den Mut, es mit mir aufzunehmen, obwohl du weißt, dass ich dich töten werde. Und zum anderen die Dummheit mir nicht zu glauben. Jetzt erfährt du es doch am eigenen Leib. Du willst mich angreifen obwohl ich dir nichts getan habe. Du attackierst eine Unschuldige. So wirst du es auch weiterhin tun, wenn du dich nicht anders entscheidest.“ Damit begann der Kampf. Die letzten Worte hatten den Jungen stark erzürnt. Er schwang seine Waffe wild umher und stürmte auf sie zu. Der Mond kam hell zum Vorschein und der Kampfplatz wurde silbern bestrahlt. Mit aller Kraft hieb er von rechts auf sie ein, doch ein schneller Schlenker brachte ihn aus dem Gleichgewicht und ließ seine Waffe weit nach rechts zurückprallen. Das Mädchen machte sich über ihn lustig und fachsimpelte über seinen Art zu kämpfen. „In diesem Moment wärst du eigentlich schon tot. Ich wäre mir ein leichtes gewesen meine Klinge durch deine Kehle zu führen.“ Marcel versuchte es mit mehr Geschwindigkeit, statt Kraft. Die Kraft verließ ihn beinah, als er wie wild von allen Seiten losschlug. Sie parierte jeden Schlag und verteidigte sich nur, anstatt ihn auch anzugreifen. „Dein Kampfstil ist unterbelichtet. Du verausgabst dich doch viel zu sehr. Du schnaufst ja jetzt schon wie ein Nashorn. Und trotzdem ist keine Energie in deinem Schlag.“ Das Mädchen wollte ihn nur provozieren, denn in Wirklichkeit war ziemliche Wucht hinter seinen Schlägen. Zumindest im Vergleich zu einem normalen Soldaten. Der Junge hatte kaum noch Kraft, doch jedes Mal wenn er den Sturm unterbrechen wollte, hoffte er auf eine Ermüdung seiner Gegnerin, doch die schien alles für ein Kaffeekränzchen zu halten. Dann konnte er einfach nicht mehr. Er ließ sich auf die Knie sinken und musste ausruhen. Er machte sich auf den Tod gefasst. Sie würde gleich kommen und ihm einen Hieb versetzten, auf dass er liegen bleiben würde für immer. Doch sie redete nur weiter über ihn. „Also dass ist doch jetzt wirklich peinlich. Hockst da am Boden wie ein alter Mann, der keine Kraft mehr hat. Wie wäre es mit einem bisschen mehr Kampfgeist? Ich glaube ich sollte dir mal auf die Sprünge helfen.“ Sie streckte das Schwert voraus auf seine Kehle gerichtet. Der Junge spürte die Klinge am Kinn. Die scharfe Spitze ritzte feine Schnitte in sein Fleisch. Er rührte sich nicht. Er atmete schwer. Das Mädchen drückte fester auf. Die Klinge rutschte ab und der Junge spürte das Blut über seine Wange laufen. Jetzt hatte er schon zwei Narben an der Wange, nur wegen diesem Gör. Der Säbel des Mädchens befand sich rechts von ihm. Blitzschnell kam er auf die Füße. Seine Waffe hielt er schützend nach rechts. Er hatte die Hand verkehrt herum am Schwertgriff, was ihm es nicht erlaubte einen Schlag auszuführen. Doch zur Verteidigung würde es genügen. Die Klingen streiften sich und Marcel packte das Handgelenk seiner Gegnerin. Ihr Schwert war unschädlich gemacht. Mit dem anderen Arm konnte er eine Rückhandschlag ausführen. Die Klinge traf das Mädchen in Bauchhöhe, streifte sie jedoch nur. Das Hemd war zerfetzt und hellrotes Blut färbte die Kleidungsfetzen. Sie lächelte wieder und freute sich fasst, während sie sprach. „Oh, sehr gut, ich bin beeindruckt. Gegen jeden anderen Krieger wärst du gut. Leider hast du vergessen ,dass du gegen MICH kämpfst.“ Ein Tritt und Marcel taumelte benebelt zurück. Sie hatte ihn genau zwischen den Beinen erwischt. Er fiel rückwärts hin und ließ sein Schwert los. Ein abwesender Ausdruck trat auf sein Gesicht. Das Mädchen grinste fies. „Siehst du Jungchen? Es heißt nicht umsonst, man soll Frauen nicht schlagen!“ Der Junge fasste sich langsam wieder. Er war wie gelähmt, doch der Schmerz ließ nach. Das Mädchen wartete geduldig auf ihn. Dann konnte es weitergehen. Marcel merkte so langsam, dass er kein Glück in dieser Fehde haben würde. Doch er konnte doch jetzt nicht aufgeben, wo er es doch geschafft hatte sie zu verwunden. Er versuchte es weiter mit einer anderen Strategie. Vielleicht konnte er sie überlisten und mit ein paar Finten einen Vorteil für sich herausholen. Er begann sie zu umkreisen und rannte dann los. Er wollte sie von der Seite angreifen und dann schnell die Richtung wechseln und zustechen. Sein Manöver glückte nicht ganz, weil sie viel zu schnell für ihn war. Während er die Schlagrichtung noch änderte und der Fliehkraft entgegenwirkte, wartete sie schon gemütlich auf den nächsten Schlag. „Du hast wirklich keinen Stil. Eine unterentwickelte Technik und Nichts dahinter. Selbst etwas Unberechenbares ist bei dir noch voraussehbar.“ Jetzt war es dem Jungen zu viel. Entweder würde er jetzt gewinnen, oder aber sein Leben einbüßen. Er trat ein paar Schritte zurück, um Anlauf zu nehmen und stürmte dann mit voller Kraft los. Zwei Schritte vor seiner Gegnerin sprang er. Mit aller Kraft stieß er sich vom Boden ab. Alles schien wie in Zeitlupe zu geschehen. In der Luft stieß er von Oben zu. Leider hatte er dabei nicht bedacht, dass selbst, wenn er es schaffen würde, ihr Schwert ihn treffen würde. Das fiel ihm jedoch zu spät auf. Seine Waffe streifte den Degen und glitt ab. Er hatte das Mädchen verfehlt. Dann schien sich die normale Geschwindigkeit wieder einzustellen und die Realität kehrte zurück. Er prallte mit ihr zusammen und warf sie zu Boden. Die Waffen landeten ein paar Fuß weiter weg. Marcel erhielt einen Faustschlag und wurde zur Seite geschubst. Er war zu überrascht, dass er noch lebte, als dass er sich hätte wehren können. Das Mädchen kniete wieder auf ihm und sah ihn nur an. Der Junge wartete darauf, dass etwas geschah, doch sie rührte sich nicht. Doch dann sagt sie endlich etwas. „Gute Idee. Nun befinden wir uns wieder in der gleichen Lage, wie bei unserer ersten Begegnung: Ich habe dich besiegt und du liegst am Boden. Also können wir auch genauso fortfahren wie damals. Du hast die Chance dich noch einmal zu entscheiden. So können wir von ganz vorne anfangen.“ Marcel war beinahe verzweifelt. Er fühlte sich ein wenig unsicher und antwortete dementsprechend. „Ja, du hast mich besiegt.“ Merkwürdig war nur, dass das Mädchen ihn nicht getötet hatte. Sie hatte mehr als genug Gelegenheit dazu bekommen. Sie strich sich ihre Haare aus dem Gesicht und richtete ihr Hemd zurecht, wobei sie noch die Schleifen verknotete, welche sich im Kampf gelöst hatten. Auf einmal beugte sie sich vor und stützte sich mit den Ellbogen auf Marcels Schultern. Der Junge kam sich ziemlich blöd vor und die Situation war ihm unangenehm, doch er durfte keine Schwäche zeigen. Das Mädchen sprach weiter. Ihr Gesicht war nur ein paar Zentimeter von seinem entfernt und Marcel konnte sein silbriges Spiegelbild in ihren Augen erkenne. „Wenn ich dich hätte töten wollen, hätte ich es bereits getan, aber ich hatte es nie vor. Auch will ich dich nicht ausspionieren.“ Marcel wendete den Blick ab, um nachzudenken. Es fiel ihm gewaltig schwer sich zu entscheiden. Sollte er nein sagen und mit Athlan gehen, um die Stadt der Wahrheit zu sehen und Krieg zu führen, oder sollte er ja sagen und diesen Moment glücklich und unendlich werden lassen? Er blickte ihr in die Augen und wollte sich Zeit verschaffen, indem er sinnloses Zeug sagte. Ihr Gesicht näherte sich seinem und nun wurde es wirklich knapp. Er fühlte sich sehr unter Druck gesetzt. Wenn er sie jetzt küsste, würde es bedeuten, dass er ihr Glauben schenkte. Wenn nicht, würde er sie wahrscheinlich für immer verlieren. Auf jeder Seite stand der Tod als unmittelbare Gefahr bevor; das war dem Jungen klar, denn zweifellos würde er in Probleme verwickelt werden, wenn er sich mit dem Mädchen verbündete. Außerdem könnte es ja sein, dass sie ihn wirklich nur ausspielen wollte, um ihn dann zu töten. Die Situation war einfach zu ungewiss. Er spürte ihren heißen, zarten Atem auf seinen Lippen und wusste immer noch nicht weiter. Er musste jetzt blitzschnell handeln. Eine Sekunde dehnte sich zu einem Jahrhundert aus und Marcel versuchte die Chancen abzuwiegen, doch die Zeit war zu knapp. Es war unmöglich eine Entscheidung zu begründen. So vertraute er seinem Gefühl. Und sein Herz sprach „ja“. Er wollte ihr glauben. Er wollte sie lieben. Er wollte glücklich werden, ohne Krieg und dergleichen. Marcel schloss die Augen und der Moment war schöner, als alles ihm je zuvor widerfahrene. Sie küssten sich mit einer so tief reichender Herzenswärme, als ob sie sich seit je her lieben würden. Marcel fühlte sich wunderbar wie nie zuvor. Er spürte wie das Leben in den Beiden pulsierte und er spürte eine ungekannte Stärke in ihm. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, so spürte er es jedenfalls. Das Mädchen erhob sich wieder und lächele, auf eine Reaktion wartend. Sie stand auf und reichte dem Jungen die Hand, um ihm beim aufstehen zu helfen. Marcel fiel nichts ein was er sagen konnte, außer eine Frage, die ihn interessierte. „Wie ist dein Name, du Wunderschöne? Ich hatte dich bereits gefragt und warte seit je her auf die Antwort.“ „Diesmal darfst die Wahre Antwort hören. Mein Name ist Aleja. Zumindest ist das der Name, unter dem die meisten Leute mich kennen. Du weißt ja, dass sich jeder seinen wirklichen Namen erst verdienen muss. Ich bin noch auf der Suche nach meinem Namen, genau wie du.“ Marcel hatte eine ganze Menge Fragen, doch wusste er nicht genau, ob es jetzt der Richtige Zeitpunkt wäre, sie zu stellen. „Aleja, eine Frage interessiert mich: Du bist von deinem Orden geflohen und wolltest mich überzeugen es dir gleichzutun. Aber was ist der Grund dafür? Was willst du nun tun, da ich auf deiner Seite bin? Und das Wichtigste: Warum besitzt du diese Kräfte? Ich dachte nur die zwölf Weisen können eine solche Macht ausüben.“ „Die zwölf Weisen? Ja, ich kannte sie einst und auch über ihre jetzigen Verhältnisse bin ich informiert. Lass mich dir die ganz Geschichte erzählen. Du solltest ein wenig über mich und andere wissen bevor wir an Planung denken.“ Die Beiden holten zwischendurch ihre Schwerter und ließen sich dann auf einem umgefallenen Baumstamm nieder. Aleja begann mit melodischer Stimme zu erzählen. „Ich denke mir, dass dir bereits ein wenig über die Vergangenheit erzählt wurde. Also fangen wir bei meinem ehemaligen Orden an. Ich wurde als Kind von einer Bauernfamilie gefunden. Niemand weiß, wer meine Eltern sind. Das einzige was über meine Herkunft erzählt, ist meine Haarschleife. Auf ihr steht etwas in der alten Sprache des Liotha geschrieben. Leider habe ich bisher noch niemanden gefunden, der die Buchstaben lesen kann. Das heißt natürlich, dass dies ein Teil meines Plans sein wird, jemanden zu finden, der mir weiterhelfen kann. Jedenfalls, ich bin dann also in diesen Orden integriert worden. So war es bis ich dieses Jahr Fünfzehn Jahre alt wurde. Da hab ich beschlossen fortzugehen. Ich verabscheue diesen Clan und all seine Anhänger. Auch wenn sie für mein Schicksal verantwortlich waren und mir das Leben gerettet haben, spende ich keinen Dank. Genauso ist es mit eurem Orden. Ursprünglich waren ja alle vereint. Damals war der Hauptgedanke der Frieden für alle Menschen auf Erden. Der wurde durch die zwölf Alten gewährleistet. Doch als dann der Orden gespalten wurde und die Weisen verstreut und uneins waren, ging alles in die Brüche. Seit dem herrscht ständig Krieg. Außerdem hat sich die Dritte Macht behauptet. Die moderne Welt. Und zwar so sehr, dass die zwei Orden nur noch im Untergrund agieren können. Darum entstand diese Idee, dass die Menschheit gereinigt werden müsste und alle, die sich dem Willen des Ordens widersetzten, getötet werden sollten. Natürlich wäre das unmöglich, wenn es da nicht diese Weisen gäbe. Dein Orden hat dir sicherlich versprochen, durch die Weisen wird der eigene Orden verteidigt und die Menschheit vereint werden. In Wirklichkeit ist das alles nur ein Machtspiel. Das Konsulat von Dacup sel Thrandu hat vor ein paar Jahrzehnten beschlossen die Weisen zu suchen, um ihre Macht zu benutzen. Als Werkzeug dienen sie, mehr nicht. Wenn alle zwölf beisammen sind, wird wahrscheinlich mein ehemaliger Ordensteil vernichtet und dann die moderne Welt unterjocht. Es wird Krieg geben und es wird kein Einfacher sein. Es würde mehr Zerstörung geben, als Vorteil. Millionen von Menschen müssten unschuldig sterben, nur weil ein paar alte Herren sagen, dann ginge es allen besser. Das versuche ich zu verhindern und ich hoffe du wirst mir helfen, denn du willst es doch auch nicht zulassen, dass so viel Schreckliches geschieht, nur weil sich niemand zur Wehr gesetzt hat, oder?“ Aleja hielt kurz inne, sprach dann aber weiter. „Mein Plan ist es, nach Dacup sel Thrandu zu gehen und dort nach jemanden zu suchen, der mir den Text auf meiner Schleife übersetzen kann, denn zweifellos wird diese Inschrift meine Herkunft preisgeben, schließlich befand sie sich seit eh und je in meinem Besitz, woraus zu schließen ist, dass sie von meinen Eltern kommt. Das würde dann erklären, warum ich diese Kräfte besitze, nach deren Grund du gefragt hast. Denn ich weiß nicht im Geringsten was es damit auf sich hat. Früher war es nie so deutlich, aber jetzt merke ich, dass etwas mit mir geschieht. Ich kann plötzlich Dinge bewirken, zu denen nicht einmal die Weisen imstande wären. Das ist natürlich sehr verwunderlich, denn in den alten Schriften und Erzählungen werden die Zwölf als die einzigen, magisch begabten Wesen der Erde bezeichnet. Es war nie die Rede von anderen Mächten. Aber anscheinend wurde in den Schriften etwas nicht beachten. Auf alle Fälle sollten wir das herausfinden, denn es wird uns sicherlich hilfreich sein, für das Gute einzutreten. All das finden wir in der Hauptstadt raus. Jedoch sollten wir jetzt nicht einfach losstürmen. Wenn die merken, dass du die Seiten gewechselt hast, werden sie dich verfolgen. Zumindest wird es nicht einfach sein als Geächteter in die Hauptstadt zu kommen. Deshalb schlage ich vor du kehrst zu deinem Lager zurück und sagst keinem ein Wort. Es muss Alles geheimgehalten werden. Ich werde euch heimlich folgen. Wir treffen uns spätestens in der Nähe der Stadt. Dort können wir die weitere Planung durchgehen.“ Sie schien ein wenig erschöpft vom vielen erzählen. Marcel mochte eins an der ganzen Geschichte: Sie war zwar ziemlich verrückt, aber eigentlich sehr einleuchtend, nachdem was er alles gesehen hatte. Zumindest waren hier kaum Lücken. Und alles ergänzte sich zu der Geschichte, die er von Jispathan und Athlan gehört hatte. Nun konnte sich Marcel gar nicht mehr vorstellen, warum er blindlings Jispathan geglaubt hatte. Er war ihm einfach gefolgt und hatte jedes Wort in sich hineingesogen, ohne sich bewusst zu sein, was für Folgen seine Entscheidungen haben würden. Er hatte zwar viel darüber nachgedacht, aber nie wirklich einen anderen Blickwinkel angenommen. Er hatte die ganze Geschichte immer nur aus einer Perspektive gesehen, statt alles objektiv zu betrachten. Er ließ sich den weiteren Plan durch den Kopf gehen und war wirklich zufrieden mit seinen Entscheidungen. Endlich hatte er einmal etwas richtig gemacht. Er wandte sich wieder Aleja zu. „Ich liebe dich.“ Sie gab ihm einen weiteren Kuss als Abschied und gab ihm die Haarschleife erneut. „Sie soll dich an deine Entscheidung erinnern. Nicht das du es ver |