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Minotaurus ...
Hausherr und Gastgeber
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...   Erstellt am 12.07.2006 - 23:45Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Bastard


Dritter Teil: Verlust der Heimat

Ein Jahr später heiratete seine Mamatante diesen fremden Mann, der ihm im Grunde genommen immer noch ziemlich unheimlich war. Die beiden hatten sogar schon eine kleine Wohnung in der Stadt gemietet, wo beide arbeiteten. Der Mann hatte einen Job in einem nahegelegenen Steinbruch gefunden, sie hingegen arbeitete immer noch in der Näherei, in der sie schon seit mehreren Jahren beschäftigt war.
Eigentlich war ihm dies völlig egal, er war sogar froh, die beiden endlich los zu werden.

Jedoch, es kam völlig anders:
Er hatte nämlich die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Eines Tages hatte er in einem Gespräch zwischen seiner Großmutter, die er "Mutti" nannte und seiner Mamatante zufällig mitbekommen, daß diese und sein jetztiger Stiefvater keineswegs die Absicht hatten, ihn weiterhin bei den Großeltern leben zu lassen.
Der kleine Junge aber konnte überhaupt nicht verstehen, warum er auf einmal mit dieser Frau - die er ja noch immer für so etwas ähnliches wie eine Tante hielt - und diesem fremden Mann in die Stadt ziehen sollte. Weg von Zuhause, weg von Vati und Mutti, weg von den Kühen, Hühnern und Katzen?
Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg aus diesem Dilemma. Sogar einfach wegzulaufen kam ihm in den Sinn.
Aber wo sollte er denn hin? Etwa gar in den Wald?
Und was war, wenn es dunkel wurde und der böse Kohlenklau würde ihn in seinen Sack stecken oder gar der schlimme Rauhwutzelbär würde kommen und ihn auffressen?
Seine Großmutter hatte ihm schon oft von diesem gefürchteten Rauhwutzelbären erzählt, der im Wald lebt und kleine Kinder frißt, die von zuhause weggelaufen waren.

Es half aber alles nichts, er mußte seine vertraute Umgebung verlassen und mit den beiden in die Stadt ziehen. Auch die Schule würde er mitten im ersten Schuljahr wechseln müssen. So etwas wie einen Kindergarten gab es damals noch nicht, aber seit einigen Monaten ging er bereits zur Schule in das übernächste Nachbardorf und obwohl der Schulweg mit ca. einer Stunde lang und beschwerlich war, ging er gerne dorthin.

Das kleine Schulhaus in diesem Dorf hatte nur vier Schulzimmer, deshalb waren immer je zwei Klassen zusammengelegt. Die Buben saßen vorne, die Mädchen hinten. Die erste Klasse links, die zweite rechts.
Das Lernen fiel ihm leicht und immerhin war er einer der besten Schüler.
Nur einmal gab es richtigen Ärger: Ein kräftiger Junge, der in der ganzen Klasse als schlimmer Raufbold bekannt war, saß genau vor ihm in der ersten Reihe.
Dieser wurde nicht müde, ihm immer wieder irgendetwas wegzunehmen oder ihn mit dem Fuß nach hinten gegen das Schienbein zu treten. Nach der Schule bezog er - so wie auch einige andere Mitschüler - öfters einmal Prügel von diesem Raufbold.
Dies hatte er zuhause seinen Großeltern erzählt, als er wieder einmal mit einigen blauen Flecken und schmutzigen Kleidern nach Hause kam.
Großmutter gab ihm den Ratschlag, diesen Raufbold einfach bei der Lehrerin zu verpetzen oder ihm ganz weit aus dem Weg zu gehen.
Sein Großvater aber nahm ihn beiseite und sagte zu ihm: "Du darfst nur keine Angst vor ihm haben. Wenn er dich noch mal anpöbelt, so mußt du einfach ganz fest zuschlagen. Und zwar ja nicht zaghaft oder nur ein bißchen, sondern gleich mit aller Kraft, die du hast! Du wirst schon sehen, daß er dann Ruhe gibt."

Dem kleinen Jungen war dieser Ratschlag leider keine große Hilfe, denn der andere Junge war etwas größer und vor Allem viel stärker als er selbst. Und Angst hatte er nach wie vor, wenn er von ihm angepöbelt wurde. So wie viele andere Mitschüler eben auch.
Andererseits: Sein Großvater wußte so viele Dinge und er hatte ihn noch nie belogen. Vielleicht stimmte es sogar, was er ihm geraten hatte?

Am nächsten Tag drehte sich der größere Junge wieder nach ihm um, um - in einem unbeobachteten Augenblick - ihm einige Buchstaben aus seinem Setzkasten wegzunehmen und seine Kreidestifte auf den Boden zu werfen. Die Lehrerin hatte sich in diesem Moment umgedreht und von der Klasse abgewandt, um die große Tafel abzuwischen.
Schnell klappte er seinen hölzernen Setzkasten zu und schlug seinem Vordermann diesen schweren Kasten mit aller Kraft so heftig über den Schädel, daß das Blut nur so durch die Gegend spritzte.
Der größere Junge schrie und blutete wie ein frischgestochenes Schwein. Seine Haare und das ganze Gesicht waren bereits blutverschmiert, er hielt sich mit beiden Händen den Kopf und schrie weiterhin wie am Spieß.
Die Lehrerin kam angerannt und kümmerte sich sofort um den verletzten Jungen, der anschließend verarztet und in Begleitung des Oberlehrers nach Hause geschickt wurde.
Natürlich mußte er sich bei seiner Lehrerin für diese schlimme Tat verantworten, aber glücklicherweise hatten viele andere Schüler diesen Vorgang beobachtet und fast alle hielten in diesem Moment zu ihm.
Endlich hatte es einmal einer gewagt, sich gegen diesen Raufbold zu wehren!
Deshalb erhielt er auch nur heftige Schelte von der Lehrerin und die Anweisung, so etwas ja nie wieder zu machen.
Jetzt - im Nachhinein - tat es ihm sogar leid, daß er gar so fest zugeschlagen hatte.
Ein weiteres Nachspiel hatte diese Sache nicht für ihn, außer, daß er sich von diesem Tage an um eine Reihe weiter nach hinten setzen mußte.
Von da an aber hatte er seine Ruhe vor diesem Raufbold und sogar die älteren Mitschüler aus der zweiten Klasse zollten ihm von nun an gebührenden Respekt.
Obwohl er seltsamerweise nie Spielkameraden und wirkliche Schulfreunde aus seinem Dorf gehabt hatte, fühlte er sich von jetzt an zumindest von ihnen akzeptiert. Diese hatten ihn vorher oftmals nur "Der Bastard" genannt.
Er hatte nie gewußt, was dieses Wort überhaupt bedeutete, aber dem Tonfall nach mußte es sich dabei wohl um etwas ganz schlimmes oder schmutziges handeln?
Auch nach der Schule wurde er von diesem Tage an nie mehr verprügelt. Sein Großvater hatte also Recht gehabt!

Die zierliche, rothaarige Tochter des Nachbarn - ebenfalls eines Kleinbauerns aus dem Dorf - war ebenfalls in seiner Klasse und saß nun zwei Reihen hinter ihm. Niemand wußte, wie sie wirklich hieß, da sie sowohl von ihren Eltern, als auch von allen anderen immer nur "Medi" genannt wurde.
"Medi" hatte wirklich eine feuerrote Lockenpracht und unendlich viele Sommersprossen im Gesicht, weswegen sie von ihren Mitschülern natürlich immer gehänselt wurde.
Auch er hatte sie schon manchmal deswegen geneckt, ihr aber dann auf dem gemeinsamen Heimweg doch so manches Mal die schwere, lederne Schultasche getragen. Besonders der schwere Setzkasten aus Holz und die Schiefertafel hatten ein ziemliches Gewicht auf diesem langen Schulweg.
Einmal hatte er dafür von ihr sogar ein dankbares Lächeln und eine ganze Handvoll Brombeeren bekommen, die sie unterdessen für ihn gepflückt, aber ganz bestimmt auch gerne selber gegessen hätte. Das war vor ihm noch niemandem passiert, deshalb war er ziemlich stolz darauf und vermied es von nun an, sie zu ärgern.

Nach der Schule konnte er endlich wieder mit Großmutter in den Wald gehen und seinem Großvater bei der Wald- und Feldarbeit etwas zur Hand gehen. Zwar keine schweren Arbeiten, aber leichtere Tätigkeiten fanden sich immer, die er gerne und bereitwillig machte. Großvater war nämlich zugleich auch Sprengmeister, der bei anderen Leuten oft Steine oder Baumstöcke zu sprengen hatte.
Meistens mußte er jedoch nur irgend etwas holen, was dieser zuhause vergessen hatte. Sei es nun Werkzeug, Ersatzteile, den Wetzstein, Zündschnur oder Sonstiges.
Auch Wasser und die Brotzeit brachte er seinem Großvater oft auf das Feld oder in den Wald nach, manchmal sogar eine Flasche von dem Bier, das seine Großmutter selbst gebraut und im kühlen Keller aufbewahrt hatte.
Und sein Großvater zeigte ihm, wie man z.B. eine Sprengladung richtig setzt, damit es anschließend möglichst wenig Splitter gibt, dabei Dynamit gespart, aber der Stein trotzdem richtig gespalten wird. Auch wie tief die Lunte gesetzt und die Sprengladung anschließend richtig verdämmt und abgedeckt wurde.
Der Großvater hatte dann immer ein altes, verbeultes Messinghorn dabei, in das er dreimal kräftig hineinblies, wenn es dann endlich so weit war. Der gräßliche Ton war weit zu hören.
Zwar durfte er beim anschließenden Zünden der Sprengladung nie dabei sein, aber das war doch schon was! Welcher Junge in seinem Alter kam sonst mit so gefährlichen Dingen in Berührung?
Angst, daß dabei irgend etwas passieren könnte, hatte er nie, denn er wußte, daß er sich auf seinen Großvater immer Hundertprozentig verlassen konnte.
Er lernte auch, wie und wo das Kühlwasser, das Benzin und das Petroleum von dem alten Sendlinger Petroleum- Motor aufgefüllt wurde, mit dem die hölzerne Dreschmaschine und die Kreissäge betrieben wurde. Auch wie der Zündschalter umgelegt und dieser Motor dann anschließend mit der Handkurbel gestartet wurde.

Toff! ... - Toff! ... - Toff! ... - Tofftoff! ... - Toff-toff-toff-toff-toff-toff-toff-toff.....

Dabei stank es immer fürchterlich nach verbranntem Petroleum und heißem Riemenpech.

Abends in der Stube wurde dann über alles gesprochen, was den ganzen Tag über so vorgefallen war und was morgen oder übermorgen zu tun war. Großmutter, die er liebevoll "Mutti" nannte, erzählte dabei oft aus ihrer alten Heimat in Böhmen, die sie allerdings schon als junges Mädchen zu Fuß verlassen hatte, als sein Großvater sie geheiratet hatte. Das war gleich nach dem ersten Weltkrieg.
Das letzte Stück des langen Fußmarsches hatte Großvater sie dann getragen, weil sie nicht mehr laufen konnte. Ein Pferdefuhrwerk hatte damals noch niemand im Dorf.
Diese Geschichten liebte der kleine Junge über alles, denn Mutti konnte alles so plastisch und eindrucksvoll erzählen, daß er oft schon glaubte, damals selbst dabeigewesen zu sein. Dabei hatte er eine ganz klare Vorstellung von allen beschriebenen Orten und Personen, die er jedoch noch nie in seinem kurzen Leben jemals gesehen hatte.
Dieses Böhmen war ganz bestimmt auch ein herrliches Land!
Ob man wohl dorthin ...???
Aber es war doch so weit und man mußte durch den Wald!

Auf dem alten Küchenherd brutzelte unterdessen das Essen und verströmte einen köstlichen Duft in der kleinen Stube, die nur von einer Karbidlampe beleuchtet wurde. Wenn es fertig war, so wurde zusammen gegessen und der Großvater bekam dabei natürlich immer die größere Portion.
Mutti war schon eine richtige Meisterköchin, obwohl es fast immer nur etwas aus Kraut und Kartoffeln gab, das auf den eigenen Feldern angebaut wurde und somit genügend vorhanden war. Besonders ihr Kartoffelbrei schmeckte immer köstlich. Eier, Butter und der Hafer wurden ja verkauft, um dafür andere Dinge kaufen zu können.
Nur einmal konnte er sich erinnern, daß er dazu ein gebratenes Rührei zu kosten bekam. Damals war eine seiner Tanten zu Besuch gekommen, die einfach mal ausprobieren wollte, ob dem kleinen Jungen ein Ei überhaupt schmecken würde.
Diese Tante hatte ihm sogar manchmal einige andere Köstlichkeiten mitgebracht wie z.B. einige, ganz dünne Wurstscheiben, die "Aufschnitt" genannt wurden.

Dies alles sollte jetzt mit einem Schlag Vergangenheit sein?
Die Abenteuer mit seinem Großvater, die schöne Zeit mit seiner Großmutter, die Tiere auf dem Hof, seine Lieblingskatze Minka und natürlich auch seine rothaarige "Medi"?
Dies alles konnte doch nur ein böser Alptraum sein?
Oder ... etwa doch nicht?

Er war ja bereits schon einmal von Zuhause weggelaufen. Damals hatten sie in der Schule einmal etwas von einer Schluckimpfung und von Kinderlähmung erzählt. Ein älterer Mitschüler hatte ihm sogar erzählt, daß dabei mit einem Messer am Oberarm herumgeschnitten wird.
Er hatte auch gesehen, wie im Klassenzimmer ein furchterregendes, großes Gerät mit zwei schwarzen Armen aufgebaut wurde, an dessen Enden spitze, blanke Metallteile blitzten und auch zwei blanke, runde Schalen mit Deckel hatte er gesehen.
Etwa gar, um das Blut darin aufzufangen? Ein Schauer lief ihm über den Rücken.
Er hatte überhaupt keine Vorstellung davon, was das war und wie so etwas ablaufen würde, aber er bekam plötzlich eine Heidenangst vor einer Impfung und diese blöde Kinderlähmung wollte er erst recht nicht haben.
Also war er nach der Schule weggelaufen und hatte sich im Gebüsch hinter dem Haus versteckt, wo viele riesige Steine lagen, von denen einige sogar eine kleine Höhle bildeten. Dort war einer seiner Lieblingsplätze.
Damals hatte ihn sein Großvater gesucht und auch sehr bald gefunden. Er hatte ihn an der Hand genommen und wieder nach Hause gebracht.
Dort hatte er ihm erklärt, daß es genau andersherum war, daß er nämlich nur dann keine Kinderlähmung bekommen würde, wenn er diese Impfung mitmachen würde. Und daß dabei auch nicht mit einer Maschine der ganze Arm aufgeschnitten wird, sondern daß man nur ein Stück Zucker schlucken müsse.
Jedem Anderen hätte er das niemals geglaubt, aber sein Großvater war absolut vertrauenswürdig, der hatte ihn schließlich noch nie belogen. Und so ging er am nächsten Morgen mit einem etwas flauen Gefühl im Magen wieder zur Schule.
Aber ... was war dann mit dieser fürchterlichen schwarzen Maschine? Nicht einmal sein Großvater hatte gewußt, wofür die gebraucht wurde.

Der riesige Apparat, den er dort gesehen hatte, entpuppte sich als ein Filmprojektor, mit dem die Klasse einen Stummfilm sehen durfte, während immer einer nach dem anderen im Flur ein Stück Zucker mit einer übelriechenden, bräunlichen Tinktur darauf bekam. Die beiden, runden Schalen dagegen waren einfach die Behälter für die Filmspulen.
Puuuh! Diese Sache war also noch einmal gut ausgegangen und sein Großvater hatte nicht gelogen.

Nur, - dieses Mal sah die Sache anders aus. Ob ihm sein Großvater auch hierbei helfen konnte?
Aber alles Hoffen, Bitten und Betteln half nichts, er mußte mit in die Stadt ziehen. Das Einzige, was sein Großvater ihm versprechen konnte, war, daß er ihn in der Stadt ganz oft mit dem Omnibus besuchen würde. Und in den Ferien könne er ihn und seine Großmutter ja wieder besuchen und mehrere Tage bei ihnen bleiben.
Das war zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer in dieser düsteren Angelegenheit.




Anmerkungen von Minotaurus zur Kurzgeschichte:

Bei dieser Geschichte handelt es sich um den dritten Teil aus einer Autobiographie eines kleinen Jungen, der ohne Vater aufgewachsen war und ihn deshalb nie gekannt hatte.
Diese ganze Geschichte trägt den Titel "Der Bastard" und ist natürlich viel zu lang für dieses Forum, das ja eigentlich eher für Kurzgeschichten gedacht ist.
Deshalb habe ich die Geschichte in mehrere Kapitel unterteilt, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht mit einer Endlosgeschichte zu ermüden.
Selbstverständlich wurden auch diese Kapitel nochmals drastisch gekürzt, um sie auf ein - für den Leser - erträgliches Maß zu reduzieren.
Ich hoffe aber, damit die gesamte Geschichte nicht allzu sehr "zerstückelt" zu haben und die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden einigermaßen "lesegerecht" ausgeglichen zu haben.
Der Erzählstil wurde ganz bewußt in einer sehr naiven Form gehalten, um damit die tatsächlichen Wahrnehmungen des Kindes besser auszudrücken und diesen gerechtwerden zu können.

Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!
Schließlich möchte man ja wissen, ob und wie diese Geschichten beim Leser ankommen, nicht wahr?

.

[Dieser Beitrag wurde am 20.07.2007 - 01:54 von Minotaurus aktualisiert]





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...   Erstellt am 28.02.2007 - 14:03Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Minotaurus schrieb

    Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!


Hallo Mino,

im ersten Teil der Geschichte wurde ja maßgeblich der Erzählstil kritisiert. Ich finde den aber gerade richtig gewählt. Bei den überarbeiteten Versionen des Gastes fehlt mir die Authenzität, es klingt mehr wie eine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Märchen. Eben wie eine Geschichte, die man Kindern erzählt, aber nicht wie eine, die aus Sicht eines Kindes erzählt wird.

Dass "er" keinen Namen hat, finde ich ebenfalls gut. Ich denke, es unterstreicht, wie der Junge damals (vermutlich/teilweise) eben wegen der Tatsache, dass er unehelich zur Welt kam, von der Gesellschaft behandelt wurde ("reine Spekulation" würde jetzt wieder an meinem Deutschaufsatz stehen ).

Allerdings wird gerade in der Pasage, wo du von "seinem" Erlebnis mit dem Raufbold berichtest, ein großes Problem deutlich: Sobald ein weiterer männlicher Beteiligter in die Schilderungen einbezogen wird, ist es eine "er- er- er"-Erzählung. Teilweise musste ich die Sätze 2 Mal lesen, um zu verstehen, ob mit "er" der Raufbold oder der Protagonist gemeint war. Es kann natürlich sein, dass dieses Problem vornehmlich durch die Kürzungen entsanden ist. Eine wirkliche LÖsung dafür hätte ich auch nicht parat, könnte höchstens vorschlagen, wirklich nur den Protagonisten "er" bzw. "ihn" zu nennen, und den Raufbold mit allen möglichen Synonymen (Grobian, Übeltäter, Schinderhannes :-D) zu belegen. Vielleicht lässt sich das Verständnisproblem damit ein wenig beheben...




Minotaurus ...
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...   Erstellt am 01.03.2007 - 14:24Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ups, ein erster Kommentar nach so langer Zeit? *freu*

Hi Alick,

Deine Eindrücke zu den "verbesserten" Versionen unseres Gastes kann ich gut nachempfinden. Auch bei Brigitte und bei mir kam dieser Eindruck in ähnlicher Form an, obwohl ich aber fairerweise zugeben muß, daß seine Versionen etwas mehr Lesefluß bieten als meine, etwas holprige, aber "authentische" Version.
Den Erzählstil habe ich ganz bewußt in einer etwas naiven Art gehalten, um der Erlebniswelt des Kindes damit besser gerechtwerden zu können.
Das Problem einer "er - er - er - Erzählung" hatte ich nicht nur bei diesem Kapitel, sondern noch viel deutlicher im letzten Kapitel, als es um den Prediger, den Fostbeamten und um den Indianer ging. Es ist also keineswegs erst bei den Kürzungen entstanden.
In diesem Kapitel habe ich versucht, das Problem dadurch zu lösen, daß ich für den anderen Jungen bereits andere Adjektive und Substantivierungen wie z.B. "Raufbold", "anderer Junge", "größerer Junge", "verletzter Junge" oder "Vordermann" verwendet habe.
Dein Kommentar aber zeigt mir, daß diese Form eben nicht genug war und (zumindest bei einem fremden Leser) immer noch Irritationen auslösen kann. Ich wüßte aber nicht, an welcher Stelle ich noch mehr Adjektive einbauen könnte?

Ein Patentrezept habe ich leider nicht, es sei denn, man würde in der Erzählform zur Position und Perspektive des Ich-Erzählers überwechseln. Aber genau das wollte ich - aus bereits genannten Gründen - eben nicht.

Alick schrieb
    Dass "er" keinen Namen hat, finde ich ebenfalls gut. Ich denke, es unterstreicht, wie der Junge damals (vermutlich/teilweise) eben wegen der Tatsache, dass er unehelich zur Welt kam, von der Gesellschaft behandelt wurde ("reine Spekulation" würde jetzt wieder an meinem Deutschaufsatz stehen).

Hmmm, eine interessante Vermutung, die durchaus einer gewissen Logik nicht entbehrt. Die Bewertung "reine Vermutung" wäre also sicher nicht der treffende Ausdruck dafür.
Trotzdem trifft Deine Vermutung nicht völlig ins Schwarze; mir ging es vielmehr darum, durch diese Erzählperspektive eine emotionelle Distanz zwischen mir als Erzähler und dem Kind als Protagonisten zu schaffen.
Danke für Deinen Kommentar und für Deine Anregungen!





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