mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 577 Nachricht senden | Erstellt am 20.08.2006 - 12:30 |  |
Vampire und Co.
Uns Menschen geht es in unserer Wohlstandsgesellschaft einfach zu gut. Langeweile tritt auf und niemand weiß, wie man diese bekämpfen kann. Eine Not muss her! Zumindest eine visuelle.
Sind die Menschen nicht hervorragende Kämpfer? Von jeher mussten die Menschen um ihr nacktes Überleben kämpfen und sowie es friedlich in ihrem Leben zugeht, wissen sie nichts Sinnvolles mehr mit ihrer Freizeit anzufangen. Gibt es keine Feinde mehr, werden welche erfunden und das mit gutem finanziellem Erfolg.
Ja, ich gebe es offen zu, auch ich bin ein absoluter Fan von Gruselfilmen. Natürlich muss der Film auf einer logisch nachvollziehbaren Basis beruhen. Es geht hierbei nicht darum, den Gegner mit brachialer Gewalt zu besiegen, sondern ihn mit einfachen Mitteln auszuschalten.
Vampire kann man beispielsweise im fließendem Gewässer töten, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich hierbei um einem Burggraben oder einer stinkenden Kloake handelt.
Sehr effektiv, aber auch ziemlich schmuddelig ist das so genannte „Pfählen“. Ein Holzpfahl wird mittels eines Hammers oder bloßer Muskelkraft in das Herz eines schlafenden Vampirs getrieben und schon haucht das Unwesen sein Unleben aus und zerfällt zu Staub, nachdem schnell noch ca. 20 Liter Blut durch die Gegend gespritzt sind. (In diesem Film möchte ich nicht die Putzfrau sein!)
Weihwasser, Knoblauch und Kruzifixe stellen eine nur sekundäre Rolle bei der Bekämpfung der Blutsauger dar.
Wussten Sie, dass Vampire auch an „Knigges“ Höflichkeitsformen gebunden sind? Sie dürfen kein Haus betreten, wenn sie nicht wörtlich dazu eingeladen werden, wobei eine einmalig ausgesprochene Einladung kein Freibrief für weitere Besuche ist.
So ein Vampir muss sich schon mächtig anstrengen, um in das Haus seines begehrten Opfers zu gelangen.
Aber keine Sorge, zum Glück gibt es genügend auf Adelstitel geile Blondtussis, die nichts anderes zu tun haben, als neben ihres Verlobtendaseins eine Affäre mit einem geheimnisvollem Baron oder Grafen anzufangen. Heimlich schmachtend warten sie in ihrem Schlafgemach darauf, dass es ihr der geheimnisumwitterte Schwerenöter besser besorgt, als ihr langweiliger Verlobter, der ja meistens „nur“ einen Doktortitel hat. (So jedenfalls in den alten Verfilmungen)
Besagter Doktor erkennt die Gefahr (schon blöd, dass der Vampir das Opfer drei Mal beißen muss, bevor es zur echten Vampirin wird) und behängt das Zimmer der untreuen Verlobten mit Dutzenden von Knoblauchketten. Natürlich ist er auch schlau genug, heimlich das Parfüm in ihrem Duftzerstäuber gegen Weihwasser auszutauschen.
Ich persönlich frage mich, warum er der Alten keinen Abschiedstritt in ihren wohlgeformten Hintern verpasst und sie mit ihrem gräflichen Vampir von Dannen ziehen lässt? Ab mit Schaden! Andere Mütter haben auch schöne Töchter und unter denen wird sich noch ein treues Weib finden lassen. Aber nein, SIE trägt ja keine Schuld am Fremdgehen, SIE ist ja „nur“ das Opfer!
So weit, so gut.
Als ich mir vor etlichen Jahren das Vergnügen gegönnt hatte, mir eine im TV angekündigten „Gruselnacht“ reinzuziehen, geschah dieses unter folgenden Umständen:
Es war an einem Halloween Abend. Töchterchen übernachtete bei einer Freundin und Ehemann leitete ein Wochenendseminar in Hamburg. Die Heizung in unserem Haus war ausgefallen und es war bitterkalt.
Erwähnenswert wäre noch die Tatsache, dass ich mir etliche Jahre zuvor auch einen Gruselfilm ansah und genau in dem Moment, als der Vampir eine Frau beißen wollte, fiel bei mir der Strom aus. Alles war dunkel und zum Glück kam Lulu, unser treues Hundemonster sofort angerannt und „beruhigte“ mich mit seinem kläglichen Winseln.
Dieser Schock, den ich damals erlebte, veranlasste mich zukünftig, vor jedem Gruselfilm Dutzende von Kerzen aufzustellen und anzuzünden.
Also saß ich in dieser Gruselnacht in einer Wolldecke eingewickelt in meinem Schaukelstuhl. Leider fand ich nur fünf Kerzen im Haus und weil die mir zu wenig erschienen, stellte ich auch noch 10 Teelichter auf ein Holzbrettchen und zündete sie an. Auf dem Tisch neben mir stand eine gute alte Flasche Whiskey, denn es sollte mit einem englischen Spielfilm losgehen, auf den ich mit einem traditionsgemäßen Getränk anstoßen wollte.
Als der Vampirjäger ein gewaltiges Kruzifix aus seiner schäbigen Aktentasche zog, erinnerte ich mich daran, dass mir meine gestrenge Frau Mama vor Jahren ein goldenes Kreuz an einer Kette geschenkt hatte.
Also warf ich die Wolldecke zur Seite und kramte im Schlafzimmer den Anhänger aus meiner Schmuckschatulle. Auf dem Rückweg zum Wohnzimmer kehrte ich schnell noch in der Küche ein, um ein paar Knoblauchknollen zu holen. (sicher ist sicher) Und ein Bier könnte auch nicht schaden, dann musste ich den Whiskey wenigstens nicht so trocken herunter würgen.
Fast wäre ich über meine langen Kniestümpfe gestolpert, dessen Bundgummi schon ziemlich ausgeweitet waren. Was soll‘s, ich war ja alleine und weil es bitterkalt war, hatte ich mir alle möglichen Klamotten angezogen. Dicke Kniestrümpfe über die Leggins und einen alten Wollpullover über die Leggins.
Der zweite Film in besagter Gruselnacht war schon härteren Kalibers. Aufgeregt schenkte ich mir das Glas mit dem edlem Whiskey wieder voll.
Nun saß ich also da, die Kette mit dem Kruzifix in meiner rechten Faust, die auch noch meine Zigarette halten musste, umwickelt; in meiner linken hielt ich mich am Whiskeyglas fest und schlürfte eifrig.
Irgendwas ist ja immer, aber bei mir kommt das „irgendwas“ immer gewaltig.
Gerade in der spannendsten Filmszene nahm ich aus den Augenwinkeln heraus ein Aufflackern der Teelichter wahr. Diese Mistdinger standen zu dicht nebeneinander auf dem Frühstücksbrettchen und bildeten jetzt eine einzige gemeinsame lodernde Flammeneinheit.
OK, ich wusste, dass nichts ernsthaftes passieren könnte, zumal sie auf dem Holzbrettchen standen. Aber ich konnte sie auch nicht so weiter flackern lassen, sonst hätte der Ruß die Decke schwarz gefärbt.
Ausblasen konnte ich das Feuer auch nicht, denn es brannte zu sehr. Ich hätte höchstens den flüssigen Wachs auf den Tisch oder gar auf den Teppich gepustet.
Also beugte ich mich über die brennenden Teelichter und spuckte in das Feuer, als es genau in diesem Moment an der Tür klingelte. Eine Feuersäule schnellte hoch und versengte mir innerhalb einer Sekunde meinen Pony, meine Augenbrauen und auch meine Wimpern. Ein Großteil meiner Haare waren auch vernichtet und ich muss wirklich sehr schrecklich ausgesehen haben, als ich die Tür öffnete.
Draußen standen um Süßigkeiten bettelnde Kinder aus der Nachbarschaft, die bei meinem Anblick schreiend davon liefen. Ich hielt immer noch das Brettchen mit den hell auflodernen Flammen in der einen Hand und mit der anderen hielt ich die ebenfalls angesengte Wolldecke zusammen. Meine Haare waren versengt, mein Gesicht schwarz gefärbt, die Wolldecke wies mehrere große noch dampfende Brandlöcher auf und ich muss gestunken haben, wie eine frisch kremierte Wildsau.
Lulu, diese feige Memme, hatte sich in die hinterste Ecke des Wohnzimmers verkrochen.
Ich warf die hell lodernden Teelichter in den Garten, stolperte mit meinem schon leicht betüdeltem Körper in den Keller und holte dort einen Putzeimer, den ich dann in der Küche mit Wasser füllte, mit dem ich das Feuer zu löschen gedachte.
Zum Löschen kam ich allerdings nicht mehr, denn in der Küche trat ich aus Versehen mit meinem linken Fuß auf meine rechte Socke, die sich mittlerweile halb von meinem Fuß gelöst hatte, stolperte mitsamt dem Eimer und knallte mit meinem angetrunkenem Kopf voll auf den harten Boden auf.
Meine überaus liebenswerte und großmütterliche Nachbarin weckte mich aus meiner Zwangsnarkose auf, indem sie mir mein Gesicht mit einem nassen Waschlappen abwusch. Sie hatte das Geschrei der Kinder gehört und kam dienstbeflissen zu unserem Haus gelaufen.
„Frau Braun, was haben Sie denn jetzt wieder angestellt?“
Auch Lulu, das Weichei, winselte ganz aufgebracht.
Es ist ein Wunder erster Güte, dass bis auf den heutigen Tag weder mein Süßer, noch meine Kleine jemals etwas von diesem Vorfall erfahren haben. Nicht umsonst muss ich bis zu meinem Lebensende für meine liebenswerte Nachbarin jedes Jahr das Backen ihrer Weihnachtsplätzchen übernehmen.
Sie werden sich fragen, wie ich meiner Familie das Fehlen meiner sämtlichen Gesichtsbehaarung, sowie ein Großteil meiner Kopfhaare erklärt habe?
Ganz einfach. Sie kennen meine Tolpatschigkeit und gaben sich heimlich schmunzelnd mit meiner Ausrede zufrieden, mir aus Versehen die Haare mit einer Enthaarungscreme gewaschen zu haben.
Natürlich werde ich mir weiterhin jedes Jahr zu Halloween alle Gruselfilme reinziehen, mir dabei auch den einen oder anderen Whiskey zu Gemüte führen, jedoch niemals und unter keinen Umständen auch nur eine einzige Kerze dabei anzünden.
Mein Whiskeydealer hat mir Dutzende von Leuchtstäbe besorgt, die man aktiviert, indem man sie umknickt und schüttelt. Diese Leuchtstäbe warten schon in der hintersten Ecke meines Kleiderschrankes darauf, an Halloween ihre Dienste anzutreten und neben der üblichen Festbeleuchtung im Wohnzimmer darauf zu hoffen, dass der Strom wieder ausfällt.
(Übrigens ist Lulu immer noch ein Feigling vor dem Herrn, aber ich hab ihn trotzdem lieb.)
Signatur Praesis ut prosis, non ut imperes (Stehe an der Spitze um zu dienen, nicht um zu herrschen) |