<Johannes> unregistriert
| Erstellt am 14.09.2009 - 10:15 |  |
Erlebnisse gibt es, die graben sich wie in Marmor gemeißelte Inschriften ins Gedächtnis ein - die Zeit geht über sie ihn, Sonne und Unwetter, alle Wechselfälle des Lebens, sie verblassen und verlöschen nicht und bleiben immer frisch, bis in jede Einzelheit in der Erinnerung haften.
Solch ein Erlebnis wird der heutige heiße Junitag der jungen Mädchenschar bringen, die am Ufer des Kurischen Haffs unter hängenden Weidezweigen sitzt, bemüht, die Konturen der auf dem Wasser vor sich hinträumenden Kurenkähne mit dem typischen erhöhten Heck und den holzgeschnitzten Wimpeln am Mast, auf ihren Zeichenblöcken festzuhalten. Freilich sind sie diesmal recht lustlos dabei, die schwüle Luft erschwert das Atmen und treibt ihnen den Schweiß aus den Handflächen, das Zeichenpapier wird feucht.
Inge läßt ihren Stift auf den Block fallen und lehnt sich gegen den Weidenstamm. Ihr Blick richtet sich zum Himmel, und sie macht ihre Freundin Marlies auf die im Dunst schwimmende, stumpfsilberne Sonnenscheibe aufmerksam, die nicht mehr blendet, und auf die schwarzblauen unheimlichen Köpfe, die über den Horizont quellen und die glanzlose Sonne zu verschlingen drohen.
Zugleich springt eine Bö, ein wildes Tier, das hinter den Dünen geschlafen hat, mit einem Satz empor, läßt den Sand unter fegendem Schweif aufstäuben und tobt heulend die Nehrung entlang.
Alle sehen beunruhigt von ihrer Arbeit auf, und da kommt auch schon Dr. Vogel, der Klassenlehrer, mit weit ausgreifenden Schritten seiner langen Beine herbei und ruft den Mädchen zu aufzuhören, ein Gewitter käme herauf. Halb schon laufend, packen die Mädchen ihre Sachen zusammen und hasten der Jugendherberge zu, die etwas abseits vom Nehrungsdorf auf einem Dünenrücken liegt.
Hier verbringen zwei Schulklassen im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren die letzten beiden Wochen vor den Sommerferien zwischen Wasser und Wald mit geologischen Exkursionen an der Seesteilküste entlang, botanischen durch den lichten Nehrungswald, mit langen Wanderungen über die hohen Dünen und vielem Singen, besonders zur guten Nacht, wenn die tief stehende Sonne die weißen Wände des Hauses schön rot färbt.
Die Schülerinnen erreichen das Haus, als die ersten Tropfen springen, sammeln sich um die lange Tafel des Tagesraums, während die jüngere Klasse mit ihrer Klassenlehrerin sich in dem benachbarten Aufenthaltsraum niederläßt.
Dr. Vogel sitzt mit dem Rücken zum Fenster, ein Buch in der Hand, aus dem er vorliest, Storms Novellen. Die ihm zugewandten Mädchengesichter schimmern reglos wie weiße Blumen durch das immer tiefer werdende bläuliche Dunkel.
Alle atmen beklommen - fürchten sie sich? Denn in den Lüften über dem Dach entfesselt sich jetzt eine ungeheure Schlacht mehrerer Gewitter, die von verschiedenen Seiten gegeneinander ziehen, ein Kampf sagenhafter Giganten, die mit dröhnenden rollenden Streitwagen durch die Räume des Himmels poltern und mit langen grell blitzenden Speeren unaufhörlich die Wolken von der See zum Haff, vom Haff zur See durchschneiden. Ihr Widerschein zuckt in den Fenstern der beiden Räume, in denen die Mädchen sitzen — hell — dunkel — fahl blau — blendend weiß.
Jetzt wälzt sich der Donner genau über dem Dach, sein Gebrüll füllt das Haus vom Keller bis zum Boden, doch noch dringt des Lehrers ruhige Stimme durch das Getöse: »... nach einer Weile hört er Schritte an der Tür, aber ein heftiger Schmerz raubte ihm...«
In diesem Augenblick fährt ein blitzendes Geschoß vom Himmel, schlägt in die Spitze der eisernen Fahnenstange auf dem Dachfirst und zersplittert zu lauter Feuerstrahlen, die Wände und Decken durchstoßen und viele der im Hause befindlichen Menschen mit elektrischen Schlägen treffen.
Die junge Lehrerin trifft es in den Kopf, sie springt verwirrt auf, weiß nicht mehr, wer, noch wo sie ist, die Mädchen bekommen stärkere oder schwächere Schläge an vielen Stellen des Körpers, an denen sie später rote Streifen, Punkte und Zickzacklinien entdecken werden. Am schlimmsten hat es Dr. Vogel erwischt, ihm war ein weiß flammender Strahl durchs Fenster in den Rücken gefahren, alles ringsum schien ihm in Flammen zu stehen, und mit letzter Kraft ruft er: »Hinaus, hinaus, alle hinaus!«, ehe er schwer zur Seite sinkt über die neben ihm sitzende Marlies hin.
Ihr hat der glühende Blitz, der Dr. Vogel getroffen hat, das Bein durchbohrt, unter ihrem Fuß reißt ein schwarzer Abgrund auf, in den sie abstürzt - stürzt - stürzt dem Erdkern zu.
In Bruchteilen einer Sekunde spult sich ein rasender Film, ihr dreizehnjähriges Leben vor ihr ab, leuchtet ein letzter Gedanke an ihre sich auf Reisen befindliche Mutter in ihr auf: >Arme Mutti, wenn du nach Hause kommst, bin ich schon begraben^ Dann ist sie angekommen auf dem tiefen Grund der Finsternis.
Die anderen Mädchen indessen flüchten, auf den Ruf Dr. Vogels hin, in panischem Entsetzen zur Tür, stoßen sich, drängen sich. Ilse stoplert und verstaucht sich schmerzhaft den Fuß, Marianne kehrt noch einmal um; Dr. Vogel, der allgemein beliebte und angeschwärmte Lehrer, ist ihre heimliche erste Liebe. Sie versucht, den großen Mann mit ihren schwachen Armen zwischen Tisch und Bank hervorzuziehen, um ihm hinauszuhelfen, sie kann ihn nicht bewegen und eilt schluchzend den anderen nach.
Als Marlies wieder emportaucht aus der bodenlosen Tiefe, sind beide Tagesräume leer. »Wo sind sie alle geblieben?« denkt sie verwirrt und stöhnt auf, das von dem starken elektrischen Schlag getroffene Bein tut sehr weh.
Neben ihr richtet sich Dr. Vogel mühsam auf. Er hat Brandwunden im Rücken, und seine Beine sind von der Lendengegend ab gelähmt. Marlies starrt ihm ins Gesicht, und ein zweiter Schrecken, nicht geringer als der erste, trifft sie bis ins Mark.
Die junge Marlies hat in ihrem halbkindlichen Leben noch wenig vom Tod erfahren, noch nie ist er ihr nahe gekommen, hat nur als vorüberwehendes flüchtiges Dunkel hie und da am Rande ihr Dasein gestreift, und daß auch sie selbst und alle, die ihr lieb sind, sterblich sind, weiß sie nur im Hintergrund ihres Bewußtseins.
Doch nun hatte er unversehens nach ihr geschlagen, sie in ein noch nie so erlebtes Dunkel geschleudert und sieht ihr jetzt genau in die Augen aus dem furchtbar veränderten, bisher so vertrauten Gesicht des Lehrers, aus dem aller heitere Humor gelöscht ist, das eine fahle Blässe überzieht und aus dessen eingesunkenen Augen ihr ein Ernst entgegenblickt, den man nur tödlich nennen kann, abgründig und saugend und mit nichts zu vergleichen, was man für gewöhnlich mit dem Wort >Ernst Biltzableiter fehlt! .
Marlies wird die Gewitterangst ihr Leben lang nicht wieder los, obgleich sie später viel Schlimmeres erlebt, Bombenangriffe und alle Schrecken des Krieges.
Und es bleibt ihr das jetzt klare Wissen, dass der Tod eine unausweichliche Wirklichkeit ist, verborgen und manchmal vergessen in dem alltäglichen Ablauf der Tage, aber dass er uns keinen Moment aus den Augen lässt und uns überfallen kann wie ein Räuber aus dem Hinterhalt.
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