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Greenhill ...



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...   Erstellt am 29.01.2008 - 22:35Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Kapitel XXI.

POV

„Du sagtest, nur ein Gefühl, das stärker ist, als das Böse, kann es bezwingen.“ Legolas’ Blick löste sich von Elsandriel und sah hoffnungsvoll hinüber zu Gandalf. Der Zauberer nickte verwirrt. „Nun, so sei es.“ Der junge Prinz trat fest entschlossen auf die schwebende Magierin zu und ließ einen fassungslosen Zauberer zurück. Elsandriel hatte sich inzwischen noch weiter vom Boden gelöst und war in Richtung der hohen Bibliotheksdecke aufgestiegen. Die Energie, die allein für diesen Schwebezustand aufzubringen war, musste enorm sein. Legolas blieb kurz vor der Besessenen stehen, blickte zu ihr auf und rief in ruhigem, aber bestimmtem Ton: „Ich habe keine Angst vor Euch!“ Dann schnappte er sich Elsandriels Beine und zog sie zurück auf den Boden.

Vor Berührungen hatte der Prinz des Düsterwalds keine Angst mehr, da sie ihn schließlich auch ohne ihn zu anzufassen manipulieren konnte. Jedoch ergriff er daraufhin trotzdem schnell Elsandriels Handgelenke, damit zumindest ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt war.

Ein tiefes, grollendes Lachen, das vor Selbstsicherheit nur so strotzte, bekam er zur Antwort. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass Ihr mich aufhalten könnt!“ Legolas ging auf ihren Kommentar nicht ein, sondern drückte sie stattdessen gewaltsam gegen die nächstgelegene Wand. Elsandriel blieb aufgrund des unerwarteten Aufpralls für kurze Zeit die Luft weg, sodass sie nicht imstande war, ihre volle Kraft gegen ihn auszuspielen. Diesen Moment nutzte ihr Rivale jedoch sogleich aus, um ihren Körper und ihre Arme fest an die Wand zu pressen. Elsandriel wusste zunächst nicht, wie ihr geschah, sammelte sich jedoch schnell wieder und bündelte erneut ihre Kräfte, um gegen den elbischen Störenfried vorzugehen.

Doch auch Legolas blieb nicht untätig. Allerdings wich sein Vorgehen von dem normalen Verhalten in solch einer Situation gewaltig ab. Erneut wusste Elsandriel nicht, wie ihr geschah und ihre Konzentration begann zu schwinden. Dieser Angreifer verhielt sich seltsam. Er hielt sie dort an die Wand gedrückt, doch begann nicht mit einer kämpferischen Auseinandersetzung. Keine schlagartige, gewaltsame, schmerzvolle Handlung erfolgte. Diese Tatsache allein konnte dem Alter Ego Elsandriels eigentlich relativ gleichgültig sein. Denn ohne den Widerstand des Feindes in Prinzengestalt hatte sie es letztendlich umso leichter, ihn gefügig zu machen. Es war somit nicht nötig, ihre kostbare Energie im Kampf zu verbrauchen, sondern sie konnte ihre Kraft nun allein für die Manipulation des törichten Prinzen verwenden.

Doch war es etwas anderes, das sie schwächeln ließ. Etwas, das ihr so gar nicht gefallen wollte. Etwas, das sie nicht vertrug, sie zurückdrängte in den Hintergrund, sie unfähig werden ließ, zu rebellieren. Eine Art blendendes Licht, das die Geschöpfe aus der Dunkelheit zurück in ihre Schranken verwies. Eine Art Insektenspray, das die kleinen nervigen Tierchen von einem fernhielt. Eine Art Antibiotikum, das den fiesen Krankheitserreger vernichtete.

Profane Vergleiche; doch erfüllten sie allesamt das maßgebliche Kriterium: Das Böse, das Nervige, das Gefährliche zu vertreiben. Eine Art Gegenmittel.

Und Legolas’ Gegenmittel war ein Gefühl. Eine Empfindung, die stärker war, als eine Sünde je sein konnte.

Der blonde Elb näherte sich seiner Gefangenen langsam, aber unaufhörlich. Durch das Festhalten hatte er bereits eine beträchtliche Nähe zu der jungen Frau. Den restlichen Abstand zwischen ihm und ihr nahm er ihr ebenfalls, jedoch näherte er sich bedächtig, beinahe gemächlich. Er ließ sich Zeit, elektrisierende Zeit. Legolas reizte die irritierende, knisternde Spannung, die nun zwischen ihm und dem einen Kopf kleineren Geschöpf vor ihm herrschte, bis aufs Äußerste aus. Er wusste, dass es gerade diese langatmige, erotisierende Wirkung sein würde, mit welcher das Böse in Elsandriel nichts anzufangen wusste.

Momentan hatte der gewiefte Elb, der für seinen gekonnten Umgang mit dem weiblichen Geschlecht bekannt war, das böse Wesen Elsandriels gut unter Kontrolle. Sein Körper und seine Hände ließen ihr keine Möglichkeit, sich aus seiner fortwährenden Annäherung zu winden. Doch war dies, und dessen war sich Legolas vollends bewusst, nur eine Frage der Zeit, bis das Böse in Elsandriel seine vollständige Kraft zurückhatte und sogleich gegen ihn einsetzen würde. Der junge Prinz ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Er wusste, dass diese sanfte Gewalt seine einzige Chance darstellte. Unaufhaltsam näherte er sich selbstbewusst dem Wesen in seiner Bedrängnis und gelangte nach einer gewissen Zeit an das empfindsame Ohr Elsandriels.

Das Wesen konnte bereits den heißen, aufgebrachten Atem spüren, mit dem es selbst so gar nichts anfangen konnte. Doch Elsandriel, die tief in ihr drinnen rebellierte, empfand diese Liebkosung als sehr angenehm. Verärgert stellte ihr böses Ego fest, dass dieser raffinierte Elb Macht besaß. Nicht über sie, sondern über die gute Elsandriel in ihr drin; über ihre Gefühle. Das Böse in ihr spürte, dass Elsandriel diese Annäherung des Elben nicht kalt ließ. Verwirrt und vertrieben von dieser Art von Gefühl und zurückgedrängt von der echten Elsandriel zog sich das Böse kapitulierend für den ersten Moment zurück.

Legolas spürte, wie die Gegenwehr etwas nachließ und fuhr direkt fort. Er setzte ein paar zärtliche Küsse in die Nähe ihres Ohres und glitt dann hauchzart an ihrer rechten Wange entlang. Er merkte anhand ihres Verhaltens, dass er bald die echte Elsandriel wieder bei sich hatte. Schnell löste er sich kurz von ihrem Gesicht, um ihre Augen zu begutachten. Das Schwarze war dabei, sich zurückzuziehen. Legolas wusste, dass dies zu bedeuten hatte, dass sie ihn nun verstehen würde.

Der Elb löste vorsichtig seine Hände von ihren Handgelenken und nahm ihr Gesicht in seine Hände. Er schaute seinem Gegenüber tief in die Augen und begann leise, mit sanfter, zärtlicher Stimme zu sprechen: „Es war nicht alles gelogen, was ich tat und zu Euch sagte. In den letzten Tagen konnte ich feststellen, dass Ihr ein reines Herz besitzt. Ich sehe, wie Ihr gegen die vernichtende Macht ankämpft. Ich weiß nun, dass Ihr nicht selbst das Böse seid, sondern es nur Besitz von Euch ergriffen hat.“ Zärtlich strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, so wie er es schon einmal an dem vermeintlichen Abend nach dem gemeinsamen Essen getan hatte. Elsandriel blieb keine Zeit, auf seine Worte zu erwidern, da sich das Böse bereits wieder einen Weg an die Oberfläche bahnte. Auch Legolas sah direkt, dass es erneut versuchte, von ihr Besitz zu ergreifen, doch merkte er auch, wie Elsandriel dagegen ankämpfte. Schnell umfasste er erneut ihre Arme.

Intensiv blickte er sie an. „Elsandriel, ich glaube an das Gute in Euch. Würde ich dies nicht tun, hätte ich nicht die Gefühle für Euch, die ich habe. Ihr bedeutet mir etwas. Und zwar so viel, dass ich Euch eines Tages vielleicht wirklich einen Heiratsantrag machen werde … Doch für heute Abend müsst Ihr Euch hiermit zufrieden geben …“

Langsam näherte sich sein Gesicht erneut dem ihren. Er spürte, dass sie schneller atmete, das Zeichen für ihn, dass sie noch bei ihm war und nicht ihr sündiges Ich. Sanft berührte er ihre Lippen und begann sie sodann zärtlich zu küssen. Es war kein liebloser Kuss, so wie nach dem Abendessen. Dieser Kuss steckte voller Leidenschaft und Intimität. Intensiv nahm er ihre Lippen in Beschlag, raubte ihr ihren Verstand. Sehnsüchtig, als ob es ihr letzter Kuss für alle Ewigkeit war, liebkoste er sie. Legolas tat alle Liebe in ihn hinein, die er für sie empfand.

Er merkte, wie ihre Hände und ihr Körper plötzlich erneut begannen, sich zu verkrampfen. Er spürte bereits die Gegenwehr Elsandriels, die ihn ergriff. Doch blieb er eisern bei ihr. Legolas löste seine Hände von ihren Armen, umschlang ihren Körper mit den seinen und zog sie in seine Umarmung. Er schmiegte sich fest an Elsandriel und vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken. Er spürte, wie ihre Arme begannen, sich gegen seine Brust zu drücken, doch steckte nicht viel Kraft dahinter. Für ihn schien es, als ob sie gerade einen inneren Kampf mit sich und dem Bösen vollzog. Die zerstörende Energie in ihr wollte ihn wegstoßen, doch Elsandriel wollte in dieser Umarmung verweilen.

Diesen Kampf musste sie nun allein bezwingen. Das Einzige, was Legolas tun konnte, war, ihr zur Seite zu stehen, ihr zu zeigen, dass sie nicht allein war. Dass jemand da war, der ihr den Rücken stärkte. Nun würde sich zeigen, ob Elsandriels gutes Wesen, ihre Charakterstärke, ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Liebe zu ihm, stark genug waren, um das Böse zu besiegen.

So standen sie minutenlang einfach nur da. Legolas hielt sie fest in seiner Umarmung und sie kämpfte … Immer wieder flüsterte er an ihr Ohr: „Gib nicht auf …“

Nach einer endlos andauernden Zeit spürte der Prinz plötzlich, wie die Kraft aus der Person, die dort in seiner Umarmung weilte, schwand. Die Angespanntheit löste und ihre verkrampften Finger lockerten sich. Ein leises, zaghaftes Wimmern ertönte aus ihrem Mund. Vorsichtig löste Legolas sich aus der Umarmung und blickte ihr zögernd in die Augen. Das Schwarze war vollkommen verschwunden. Elsandriel begann bitterlich zu weinen. Die ganze vermeintliche Schuld, die auf ihren Schultern gelastet hatte, fiel nun mit einem Male von ihr ab. Sie konnte nicht mehr. Erschöpft brach sie in den Armen des jungen Prinzen zusammen. Obwohl sie tief in sich drin wusste, dass es nicht ihre Schuld gewesen war, besaß sie dennoch Gewissensbisse und so waren ihre einzigen Worte, die sie aufgrund ihres erschöpften Zustandes noch hervorbrachte: „Ich wollte das alles nicht, Legolas. Es tut mir leid.“

Legolas hatte sie auf seine Arme genommen, lächelte sie mit einem verliebten Blick an und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich weiß. Du hast es geschafft, Elsandriel. Du hast das Böse besiegt“, und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.

Gandalf, der alles von der Tür aus beobachtet hatte, kam herein und schaute die beiden erleichtert an. Auch er brachte nicht viele Worte heraus. „Es ist überstanden“, war sein einziger Kommentar. Doch seine tränengefüllten Augen, die voller Stolz die junge Frau in den Armen des Prinzen betrachteten, ließen seine innere Aufruhr erahnen.

Legolas brachte Elsandriel daraufhin direkt auf ihr Zimmer. Sie schlief sogleich ein.




Greenhill ...



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...   Erstellt am 29.01.2008 - 22:38Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Kapitel XXII.

Am nächsten Morgen als ich erwachte, hatte ich leichte Kopfschmerzen. Ich fasste mir an den Kopf und stöhnte. Als ich mich aufrichten wollte, hielten mich zwei Hände sanft davon ab. Verwundert blickte ich auf und sah Legolas auf meiner Bettkante sitzen. „Mae Govannen, meine Heldin“, grinste mich der Elb mit strahlenden Augen an. Er sah so freundlich aus; ein warmer Klang ummantelte seine Stimme. Ungewohnt. Ohne Anzeichen eines tückischen Untertons vernahm ich diese vier kleinen Begrüßungsworte, die er herzlicher und gefühlvoller nicht hätte aussprechen können.

Sanft streichelte er über meine Wange und sagte leise, wieder in diesem wunderbar liebevollen Ton: „Bleib liegen. Ich hole dir gleich ein paar Kräuter gegen deine Kopfschmerzen. Das Frühstück bringe ich dann auch mit.“ Seit wann waren wir eigentlich zum „Du“ übergangen? Ich schaute zu ihm auf und nickte leicht.

Er lächelte mich an. Ein reines Lächeln. Sein Gesichtsausdruck so klar, so erleichtert, seine Züge so offen. Er war nun ungebunden in seinem Handeln, so wie ich, und strahlte diese neue Freiheit mit jeder Pore seines edlen Antlitzes aus.

Seine Augen leuchteten. Nichts Hinterlistiges, Planendes oder gar Verlogenes war in ihnen zu erkennen.

Sein Umgang mit mir hatte sich geändert. Allein an der Geste, wie er über meine Wange gestreichelt hatte, diese zärtliche, federleichte Berührung, ließ mich die angenehme Veränderung seines Verhaltens erkennen.

Ich folgte mit meinen Augen seinen ansehnlichen Händen, die zart die meinen umfassten. Als Legolas leise meinen Namen sprach, schaute ich zu ihm auf:

„Du hast es geschafft. Du hast das Böse tatsächlich besiegt. Du bist wahrlich eine Kämpferin. Nun ist alles überstanden. Ab heute kannst du ein normales Leben genießen. Niemand wird dir mehr hinterher spionieren, niemand wird dir mehr misstrauen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir alles tut. Ich weiß, dass ich dich verletzt und mit deinen Gefühlen gespielt habe. Doch wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass du mir diese Untaten irgendwann einmal verzeihen kannst. Ich hoffe, du weißt, dass ich es tun musste und dass ich die Hoffnung in dich nie aufgegeben habe. Du bist ein herzensguter Mensch und ich bin froh, jemanden wie dich kennen gelernt zu haben. Meine Gefühle für dich sind echt. Und ich weiß, dass du auch etwas für mich empfindest. Ansonsten hätte das Böse wohl gesiegt. Doch hast du viel zu verarbeiten und ich lasse dir alle Zeit der Welt.“

Seine klaren blauen Augen blickten mich so liebevoll an, seine schönen Worte klangen so harmonisch, dass es mir vorkam, als wäre ich noch im Land der Träume. Doch spürte ich deutlich seine Hände, die die meinen nun fester umschlossen, und daher wusste ich, dass es kein Traum war, als er weitersprach:

„Viele unschöne Dinge sind dir widerfahren. Du wirst Zeit brauchen, das Geschehene zu verarbeiten und mir meine Taten zu verzeihen. Die Vorurteile, die du gegen mich besitzt und ich gegen dich hatte, werden uns über eine geraume Zeit hinweg leidlich begleiten. Du wirst mir unbewusst auch weiterhin misstrauen, da du nicht weißt, wie ich wirklich bin.

Ich hingegen kenne dein wahres Ich; die Elsandriel, die nichtsahnend und voller Vorfreude auf ein neues Leben nach Mittelerde gekommen ist; deren unverfänglicher Wunsch darin bestand, ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen; die stets hilfsbereit und freundlich zu anderen ist, die die ihr auferlegte Bürde mit einer beispiellosen Standhaftigkeit gemeistert hat. Es ist die gleiche junge Dame, mit der ich in den letzten Tagen so viel Zeit verbracht habe. Doch war ich zu blind zu sehen, dass du selbst es bist und nicht ein böser Teil von dir. Ich habe dir misstraut, habe nicht gesehen, dass die wahre Elsandriel bereits die ganze Zeit vor mir stand.“

Er senkte seine Augen und streichelte mir sanft über meine Hand. Ich sah an der Art seines ausweichendes Blicks, dass er sich für sein versagtes Vertrauen schämte. „Es tut mir leid“, sprach er leise. Die Kraft, mir in die Augen zu schauen, brachte er nicht auf. Doch erkannte ich gerade an dieser betrübten, niedergeschlagenen Haltung, dass seine Entschuldigung ernst gemeint war.

Langsam richtete ich mich im Bett auf. Bei diesen mitreißenden Bekenntnissen konnte ich nicht einfach so liegen bleiben. Legolas wirkte so traurig. Am liebsten hätte ich ihm tröstend eine Hand auf die Schulter gelegt oder ihn gar in meine Arme gezogen. Doch spürte ich, dass er noch nicht fertig war; dass es noch mehr gab, was er mir sagen wollte. Also setzte ich mich ruhig ihm gegenüber hin und tat nichts.

Ich war erstaunt über seine menschlichen Wesenszüge. Dass dieser kriegerische Prinz so etwas wie Scham empfand. Eine peinliche Berührtheit seinerseits wegen dieses Fehlers, der im Vergleich zu den Problemen, mit denen sich ein Befehlshaber, wie er einer war, ansonsten befasste, geradezu lächerlich wirkte. Er unterbrach den Augenkontakt; er, der vermeintlich Stärkere; der von uns beiden geringer Schuldige, resignierte vor mir.

Er öffnete mir wahrhaftig sein Herz; ein Verhalten, welches ich bei ihm für undenkbar gehalten hatte. Er redete sich sein aufgestautes Leid von der Seele, versuchte zu erklären, mir verständlich zu machen, wie es um uns stand. Aufrichtige, bekennende Worte, einer Beichte gleich.

Mit gesenktem Blick sprach er langsam leise weiter: „Zu viel ist geschehen, Elsandriel. Ich möchte, dass du weißt, dass du weder eine Weggefährtin noch eine flüchtige Bekanntschaft für mich darstellst. Du bist mehr. Du bist ein Freund. Mehr als ein Freund. Doch das, was eine Freundschaft auszeichnet, hast du von mir noch nicht erhalten. Keine Geheimnisse voreinander zu haben, den anderen nicht zu hintergehen, nichts zu tun, was den Freund verletzen könnte, sich zu kennen und … Vertrauen.“

Verblüfft schaute ich ihn an. Auch wenn die Definition der Freundschaft keinen großen Spielraum an Auslegung lässt, fielen mir trotz dessen die gemeinsamen Schwerpunkte auf, die für uns beiden eine Freundschaft ausmachten. Unmittelbar kam mir daraufhin seine Bezeichnung des bescheidenen Kleides, welches ich auf dem Fest getragen hatte, als „schlichte Eleganz“ in den Sinn. Wir schienen erstaunlicherweise in einigen Dingen die gleiche Auffassung zu teilen.

Ich zuckte leicht zusammen, als Legolas plötzlich unerwartet seinen Blick hob, der gerade noch vor demütiger Reue nach unten gerichtet gewesen war, doch nun fest entschlossen, beherrscht und mit wieder gefundener Kraft meine Augen in seinen Bann zog. Dieser Wandel, sein Wille, sein Mut, den Blick erneut zu heben, zeigte mir, dass die nun folgenden Worte seine Entschlossenheit und Zuversicht ausdrücken würden, sodass ich sicher sein konnte, dass es etwas Gewichtiges darstellte, was er mir nun vorhatte zu sagen. Meine Augen fixierten standhaft die seinen. Er sollte sehen, dass ich nun mit vollster Konzentration an seinen Lippen hing.

„Mit dieser Eigenschaft … Vertrauen … möchte ich unsere Freundschaft beginnen und dir etwas schenken. Du hast ein falsches Bild von mir. Auch ich fühle mich bei dir ein wenig unsicher. Ich möchte diese verzerrte Verblendung der Realität hinter mir lassen und dich noch einmal ganz von vorne kennen lernen. - Sofern du es erlaubst.“

Er machte eine Pause und sah mich erwartungsvoll an. Es war keine seiner rhetorischen Fragen. Er erwartete eine klare Antwort; eine Geste meinerseits, die ihm zu erkennen gab, ob ich seinem Vorschlag zugeneigt war oder nicht; eine Aussage, die über das weitere Verhältnis zwischen ihm und mir entschied: Auseinandergehen und Vergessen oder Neuanfang und vielleicht mehr.

Ganz nebenbei bemerkt war ich auch neugierig auf das verheißungsvolle Geschenk …

Also schaute ich ihn einfach nur aus großen Augen an und nickte stumm. Seine Gesichtszüge
erhellten sich merklich. Ich konnte regelrecht spüren, wie eine belastende Anspannung von ihm abfiel. Meine Bejahung, dieses leichte Nicken, ließ in seinen Augen einen neuen Glanz erscheinen. Er hatte sein schönes Lächeln wiedergefunden, welches auch mir ein Strahlen ins Gesicht zauberte. Dann sprach er weiter und offenbarte mir sein Geschenk, das mich vor Ehrfurcht für einen Moment die Luft anhalten ließ:

„Elsandriel, ich schenke dir mein Herz. Bewahre es sorgfältig auf und gebrauche es, wann du dazu bereit bist. Ich vertraue es dir an, weil ich weiß, dass es bei dir in guten Händen ist. Weil ich davon überzeugt bin, dass es sich bei jemandem befindet, der weiß, was es bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Bei einer jungen, unscheinbaren Frau, welche die Kraft besitzt, dem Bösen zu widersagen. So jemanden wie dich, Elsandriel, brauche ich an meiner Seite. Ab heute besitzt du mein vollstes Vertrauen.“

Ich schaute ihn an, nicht wissend, was ich sagen sollte. Danke? Nein, das passte irgendwie nicht. Seine Worte überwältigten mich. Ich konnte sie nicht begreifen, schon gar nicht aus seinem Mund. Es was so unwirklich, so unvorstellbar. Vor ein paar Stunden hätte ich dieses Gespräch als eine weitere Falle gewertet, immer auf der Hut vor neuen seelischen Angriffen. Doch nun glaubte ich ihm, sah die Ehrlichkeit und Offenheit in seinem Blick. Trotzdem war es mir unbegreiflich.

Weitere Zeit, um das Gesagte zu verarbeiten, blieb mir jedoch nicht. Denn Legolas löste seinen Blick von mir und griff hinter sich auf das kleine hölzerne Tischchen neben dem Bett. Dort befand sich eine zierliche, kleine Schatulle. Er legte mir das Kästchen auf meine Handfläche und bog meine Finger sanft um es herum, sodass es nun eingebettet in meiner Hand lag. Seine Hände umschlossen behutsam die meinen und verweilten dort. Fragend schaute ich ihn an, doch er lächelte nur. Er beugte sich zu mir vor und gab mir einen langen Kuss auf die Stirn. Dann stand er auf und verließ das Zimmer.

Ich schaute ihm nach und realisierte erst Minuten später, dass er sich nicht mehr im Raum befand. Ich war abwesend, meine Gedanken flogen ungeordnet umher. Legolas. Von Anfang an hatte er mich begleitet und war bis zum bitteren Ende nicht von meiner Seite gewichen. Meine Entscheidung, ihm und mir einen Neuanfang zu gewähren, war richtig gewesen. Er hatte es verdient.

Ich sammelte mich so gut es ging und dachte über das gestrige Geschehen nach. Hochmut war also meine Sünde. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter, als ich darüber nachdachte, was hätte alles passieren können. Allein die Tatsache, dass Legolas und Gandalf unmittelbar gegen das Böse in mir angegangen waren, mir keinen Spielraum gelassen und hart durchgegriffen hatten, hatte mir und vielen anderen das Leben gerettet. Denn dadurch wurde ich daran gehindert, meine Macht auszuspielen und zu missbrauchen. Den endgültigen Kampf gegen das Böse hatte ich jedoch selbst zu bestreiten. Ausgebrochen war es erst, als meine schlechte Charaktereigenschaft des Hochmuts zum Vorschein gekommen war und sich durch die Macht des Bösen zu einer Sünde gesteigert hatte. Alle anderen getesteten sündigen Charaktereigenschaften hatten bei mir nicht angeschlagen. Allein durch meine guten Eigenschaften, die Gefühle für Legolas und sein Beistehen, das mir gezeigt hatte, dass ich nicht alleine war, hatten mir die nötige Kraft verliehen, den inneren Kampf zu gewinnen und das Böse zurückzudrängen. Damit es nun nicht erneut zum Ausbruch gelangen konnte, musste ich meinen Hochmut unter Kontrolle behalten. Doch wusste ich nun, worauf ich zu achten hatte und besaß somit die Stärke, das Böse bei einem erneuten Aufkommen zu besiegen. Im Nachhinein war ich froh, dass ich die ganze Zeit unter Legolas’ Beobachtung gestanden hatte.

Ich öffnete meine Hand und sah auf das Kästchen. Vorsichtig hob ich den Deckel an. Zwei Dinge befanden sich im Inneren. Zuerst erblickte ich einen goldenen Schlüssel. Ich besah ihn mir genauer. Er kam mir bekannt vor. Aragorn besaß auch einen solchen. Ein Türöffner, angefertigt für hochwohlgeborene Bewohner des Palastes. Dies verriet bereits der eingravierte Buchstabe, der ein Anzeichen dafür war, dass es sich um einen königlichen Schlüssel handelte. Auf intensiveres Nachfragen hin hatte mir mein Vater erklärt, dass sich in seinem Schlüssel ein „A“ als Initiale seines Vornamens befand und dieser Schlüssel den Zutritt zu seinen Privatgemächern gewährte.

Hatte Legolas mir einen Schlüssel für meine eigenen Privaträume anfertigen lassen? Immerhin war ich eine Prinzessin. Allerdings gehörte ich nach Gondor, sodass mir hier in Düsterwald wohl sicherlich kein vollständiger Palastflügel vermacht worden war. Ich besah mir den eingeprägten Buchstaben genauer und erkannte zu meinem Erstaunen kein eingraviertes „E“, sondern ein „L“…

Überrascht zog ich meine Augenbrauen hoch. Ich unterzog den Schlüssel erneut einer gründlichen Untersuchung, ob ich nicht vielleicht zwei Balken, die das vermeintliche „L“ in ein „E“ verwandeln würden, übersehen hatte. Doch war dies nicht der Fall.

Es war also kein belangloses Gerede von Legolas gewesen, dass ich nun sein vollstes Vertrauen besaß. Er hatte es ernst gemeint. Denn wer konnte schließlich schon behaupten, den Zutritt zum vollständigen königlichen Ostflügel zu besitzen? Ich fühlte mich geehrt.

Zaghaft legte ich den Schlüssel auf das kleine Beistelltischchen, unschlüssig, ob ich ihn wirklich schon aus der Hand geben sollte. Ich hatte die unbegründete Angst, dass er verloren, gar verschwinden könnte, sobald ich ihn los ließ; dass ich aufwachte, und alle Ereignisse, die sich nun zum Positiven gewendet hatten, verschwunden waren und ich Mittelerde in den Abgrund stürzen würde. Doch dann blickte ich auf das Kästchen in meiner Hand; spürte, dass es tatsächlich vorhanden war; dass in der Schatulle noch etwas anderes auf mich wartete. Ein weiteres Geschenk. Für mich. - Meine Neugier siegte.

Der zweite Gegenstand war eingehüllt in einem kleinen, seidenen, royalblauen Stück Stoff. Neugierig faltete ich die Tuchseiten auseinander. Zum Vorschein kam ein Ring. Ein silberner Ring mit einem feingliedrigen, goldenen Streifen, der sich in einer langgezogenen Welle um das Silber schmiegte. Mir war in den letzten Tagen bereits aufgefallen, dass Elben ausschließlich Silberschmuck trugen. Gold war vermutlich unvereinbar mit diesen grazilen Wesen, da ein goldenes Schmuckstück, und war es noch so zierlich, stets klobiger wirkte, als die unscheinbar feine Eleganz eines silbernen. Drei stecknadelkopfgroße, grüne Edelsteine waren in den Ring eingelassen. Ich kannte sie; war es doch der smaragdähnliche Juwel, der sich auch in der Kette befand, die mir Legolas auf dem Fest geschenkt hatte. Nach genauem Betrachten stellte ich überrascht fest, dass dieser Ring das Gegenstück zu der Kette bildete. Er war also bereits seit der Feierlichkeit in seinem Besitz gewesen.

Der Ring war so leicht und zart, dass ich sein Gewicht kaum zu spüren vermochte. Doch das sinnbildliche Gewicht dieses Geschenks erkannte ich hingegen sofort.

Ich musste mir eingestehen, dass ich Gefühle für diesen Elb hegte. Und ich war sehr froh darüber. Denn wenn ich nichts für ihn empfinden würde, hätte das Böse nicht unter Kontrolle gebracht werden können. Doch brauchte ich Zeit. Er hatte mich und meine Gefühle verletzt. Legolas gab mir diese Zeit.

In Gedanken versunken drehte ich den Ring fasziniert zwischen meinen Fingern, als ich plötzlich eine Inschrift erkannte. Ich hielt den Ring nah vor mein Gesicht und las das Innenstehende:


Inwë Aredhel Elemmírë Elsandriel ~Legolas

mein Herz für Elsandriel ~Legolas


Ich schloss für einen Moment meine Augen. Eine einzelne Träne rann mir über mein Gesicht. Nun war alles überstanden. Mein Leben konnte beginnen, erneut. Endlich würde ich die schönen Seiten Mittelerdes kennen lernen, zusammen mit Legolas an meiner Seite.


~ The End ~




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