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...   Erstellt am 05.01.2006 - 03:11Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen



Trainer Joachim Löw (45) ist ein Mann der leisen Töne, aber konsequent. Der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat klare Vorstellungen, wie die Nationalelf bei der WM 2006 im eigenen Land erfolgreich sein kann.

Die Finger und Hände spielen Doppelpass mit den Worten. Die Faust der linken Hand ballt sich. Die Finger der rechten Hand spreizen sich. Die zehn Fingerkuppen pressen sich aneinander. Die linke Handfläche wölbt sich zum Hohlraum. Joachim Löw (45) spricht über Fußball. Doziert. Mit lebhaften, nachdrücklichen Gesten. "Über allem", sagt er, "steht ein Ziel", die Frage, "was wollen wir erreichen." Die Antwort hat Jürgen Klinsmann vor knapp anderthalb Jahren donnernd gegeben: Wir wollen Weltmeister werden. Löw ist dabei sein wichtigster Helfer und erster Assistent. Diese Rolle passt ihm "absolut", diese Aufgabe ist für ihn eine "absolut begeisternde", Löw ist damit "absolut zufrieden".

Er schaut hinaus durch die Rundumverglasung im 17. Stock hoch über den Dächern Freiburgs, schräg drüben steht das gotische Münster. Und weit dahinter, am Comer See, liegt die Erinnerung an jene Zusammenkunft mit Klinsmann im Sommer 2004. Man kannte sich so gut nicht, lediglich von den sechs Wochen des gemeinsamen Trainerlehrgangs. Und als der neue Landescoach rief, wollte der auserwählte Partner erst dessen Philosphie und Konzept erfahren. Hätten die Vorstellungen nicht zusammengepasst, "wäre es nicht zur Zusammenarbeit gekommen", sagt Löw. Freilich: "Der Reiz war groß", die WM im eigenen Land, "das Größte, was du als Trainer erleben kannst". Denn, so begründet er: "Die großen Stars werden bei einer WM gemacht." Und: "Die großen Geschichten im Fußball werden bei einer WM geschrieben." Löw schreibt nun mit; er schreibt sogar vor.

Mit Klinsmann, den er als Supervisor begreift, hat er über mehrere Tage hinweg die Zusammenarbeit festgelegt, Punkt für Punkt; alles wurde schriftlich fixiert. Auf den Widerstand, den die personellen, strukturellen und inhaltlichen Neuerungen provozieren würden in Verband, Liga, Umfeld, waren die Reformer gefasst. Sie selbst hinterfragten jede ihrer Änderungen, das entscheidende Kriterium bildete immer die eigene Überzeugung, auf der nun, so Löw, "unsere innere Stärke" gründet. Wer vorher alles genau durchdenkt und dann von seinem Tun überzeugt ist, vermag auch andere mitzureißen. Dazu ist viel Transparenz nötig. Man müsse die Mitarbeiter in die gemeinsame Strategie einbeziehen, um so ihre Identifikation mit dem Gesamtprojekt auszuprägen. Gleichzeitig muss der Trainer einem Spieler auch zuhören, sportliche Themen duldeten die Diskussion zwischen Coach und Spieler, so werde die Eigenmotivation gefördert: Gehen wir es gemeinsam an! Allerdings habe eine erfahrene Kraft wie Michael Ballack mehr Mitsprache als ein Marcell Jansen. "Da gibt es keine Gleichheit."

Die Kommunikation stößt ohnehin an klar gezeichnete Grenzen. "Über die Regeln, die der Trainer vorgibt, wird nicht diskutiert", stellt Löw klar, "keine Kompromisse" werden in Fragen der Disziplin gemacht, zum Beispiel Abfahrt zum Training um 17 Uhr gilt für jeden, "ob fünf oder 100 Länderspiele". Wäre ja noch schöner. "Die Linie muss konsequent durchgezogen werden." Früher hatte er damit Probleme, "ich musste erst lernen, keine Kompromisse zu machen".
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"Ein Koch tut auch mehr, wenn er zu einer Koch-WM geht."
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Löw spricht im Fluss und angenehm leise, Härte hört sich anders an. Er könne aber sehr wohl laut werden und im Beruf hält er sich, im Privatleben - verheiratet, kinderlos - ganz der Harmoniemensch, durchaus für konfliktfähig. So hat er sich mit Uli Hoeneß auseinander gesetzt, der Löws Aussage, die Spieler müssten 15, 20 Prozent mehr aus sich herausholen, barsch gekontert hatte: Was erlaubt sich dieser Löw, hat doch noch nichts gewonnen. Hat er doch, zwei Titel, die Meisterschaft mit dem FC Tirol 2002 und 1997 den DFB-Pokal mit dem VfB Stuttgart, merkt Löw an, ganz nebenbei; wichtiger war ihm die Botschaft: "Wir wollen, dass die Spieler einen Plan im Kopf haben, wie sie den ganzen Tag gestalten sollen", total auf den Beruf bezogen, mit gezielter Regeneration, ausgewählter Ernährung, mit Zusatztraining. "Ein Koch tut auch mehr, wenn er zu einer Koch-Weltmeisterschaft geht." Löw weiß Bescheid, diese Titelkämpfe finden alle sechs Jahre im nahen Basel statt. In dieser Hinführung und Hilfestellung sieht Löw seine Aufgabe als Trainer. So hat er es auch Hoeneß erklärt, "dazu stehe ich", Konflikt beigelegt.

Die klare, immer sachliche Ansage pflegt dieser Fußballlehrer als für sich optimalen Umgangston. "Pädagoge ja." "Autorität ja." Lieber ist es ihm zu loben und auf die positiven Punkte zu verweisen; gleichwohl gab es nach den Niederlagen in der Slowakei (0:2) und Türkei (1:2) "härtere Worte", erzählt Löw, "da haben wir den Spielern deutlich gesagt, dass wir solch eine Leistung nicht mehr sehen wollen". Vor allem der Eindruck mangelnder Hingabe erzürnte die DFB-Trainer. Kommunikativ, dabei konkret, kompromisslos und konsequent werden Klinsmann und Löw vorgehen, wenn sie den WM-Kandidaten ihren Auftrag darlegen. "Da gibt es keine Kompromisse, sondern Bedingungen", betont der Assistent. Vor allem die Ergänzungsspieler müssten im Vorhinein unmissverständlich bejahen, dass sie diese (Neben-)Rolle akzeptierten, "sonst bleiben sie besser weg". Ende der Unterhaltung, "später wollen wir nichts mehr hören, wir können nicht ständig Konflikte austragen, das verträgt eine WM nicht". Löw spricht nun von Werten: von Charakterstärke, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Respekt, Toleranz und sozialer Kompetenz. Ein Negativbeispiel ist ihm Ailton, "solche Egoisten widerstreben mir. Die Spieler müssen sich mit dem Verein identifizieren und alles dafür tun". Und wer nicht hören will, "muss halt weg".
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"Das Mittelfeld muss so eng stehen, dass sich die Spieler schon fühlen"
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Löw schaut hinaus in die Ferne, wo dichter Winternebel die Sicht auf die Vogesen verbaut, und zurück auf die vergangenen Monate, die er inzwischen als DFB-Coach arbeitet. Viele Spiele und Spieler sah er seither, Zweite Liga, Bundesliga, England, Italien, Champions League. Seinen analytischen Blick hat er dabei verfeinert: Wo der Klubtrainer das große Ganze - System, taktische Verhaltensmuster, Standards - begutachtet, nahm er sich Einzelspieler vor, zum Beispiel einen Tim Borowski über 90 Minuten. Seine Beobachtung werde dadurch umfassender, meint Fußball-Lehrer Löw, "du wirst in der Einschätzung mehr geschult". Dazu tragen ebenso die vielen Stunden vor dem Fernseher im heimischen St. Georgen bei, wo Videos laufen und Szenen zerlegt werden; ebenso die Stunden und Tage dauernden Sitzungen mit Chefscout Urs Siegenthaler, wenn im Teamwork die Ursachen für (Gegen-)Tore gefiltert werden. Solche Kleinarbeit frisst viel Zeit, aber "es macht Spaß", sagt Löw. Die Kooperation mit der Elite des Landes und da die Vorbereitung auf die WM motivieren ihn.

Noch ist viel zu tun, vor allem taktisch. In der Offensive gab es schon Erfolge, einige Treffer seien bereits nach dem vorher geübten Muster produziert worden, Pass auf den Flügel, hinterlaufen, Flanke, Tor. "Mit und ohne Ball gleich stark sein", erklärt Löw, "das ist die Kunst." Das Defensivverhalten muss also verbessert werden. "Das Mittelfeld muss so eng stehen, dass sich die Spieler fast schon fühlen", sagt der taktische Ratgeber Löw. Er kritzelt Kreise und Kreuze auf ein Blatt, die Spieler zweier Teams, Pfeile zeichnen deren Laufwege und die Flugbahn des Balles vor: Eng muss die Elf stehen, wenn der Gegner die Kugel hat, keinesfalls zu tief vor dem eigenen Tor; bei Ballbesitz muss das Kollektiv auseinander stieben; passt der Gegner nach hinten, müssen die deutschen Defensivkräfte nach vorne rücken, dies im Sprint; die Viererkette darf nie auf einer Linie stehen; verlagert der Gegner die Seiten mit hohen Bällen, müssen die Flankenspieler Deisler, Schneider oder Schweinsteiger sofort zupicken, wenn die Kugel landet. Sofort zerfetzt Löw die taktische Anleitung, sie soll nicht in falsche Hände geraten. Passt zu diesem vorsichtig und bedächtig erscheinenden, selbstkontrollierten Menschen.

Und der steht - wie Klinsmann - für flotten, forschen Fußball nach vorne? Für Risiko? "Ich bin risikofreudig", behauptet Löw und erzählt von einst gewagten Einsätzen bei Spielbankbesuchen. Auch beruflich suche er nicht immer die sichere Variante, statt Bundesliga wählte er einst die Türkei. "Ich bin vom Fernweg getrieben", sagt Löw, "ich glaube nicht, dass ich als Trainer fünf bis sechs Jahre an einem Ort bleiben möchte." Seinen weiteren beruflichen Werdegang lässt er sowieso offen. Die Fortsetzung der jetzigen Tätigkeit über 2006 hinaus ist vorstellbar, auch die Rückkehr als Vereinstrainer - trotz des stürmischen Herbstes 2005 mit acht Entlassungenin der Bundesliga. "Damit muss man immer rechnen", sagt Löw und weist jegliches Mitleid zurück, "uns Trainern geht es nicht schlecht, Existenzkämpfe haben andere."

Vorerst muss er sich mit der ferneren Zukunft ohnehin nicht beschäftigen. Nach den weihnachtlichen Ruhetagen setzt nun im Januar die intensive WM-Vorbereitung ein. Mit Blick auf den World Cup 2006 sagt Löw: "Unglaubliches wird kommen."





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