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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 12.09.2006 - 20:29Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Bastard


Sechster Teil: „Medi"

Es muß wohl so etwas wie eine frühkindliche Prägung geben. Jedenfalls behaupten dies alle namhaften Psychologen und Verhaltensforscher.

Einige Jahre waren unterdessen vergangen, die Gestaltung seines Lebens und seine berufliche Existenz hatte er weitgehendst selbst in die Hand genommen und er war reifer und selbstbewußter geworden.
Inzwischen war er nicht mehr der schüchterne Junge aus früheren Jahren und man sagte ihm nach, daß er sogar ein sehr aufmerksamer und einfühlsamer Liebhaber geworden war.
In den vergangenen Jahren hatte er bereits mehrere verschiedene, schlanke, zumeist brünette Freundinnen, sehr oft aus den Bereichen Medizin, Lehramt oder Sozialpädagogik.
Im Gegensatz zu vielen seiner Geschlechtsgenossen empfand er es nämlich als sehr angenehm, wenn eine Frau noch etwas mehr als nur Stroh im Kopf hatte.
Wie fast alle Männer legte er natürlich auch auf ein ansprechendes Äußeres immer großen Wert, ließ sich jedoch nie alleine davon leiten.
Trotzdem hielten die meisten von seinen Liebschaften - von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur relativ kurze Zeit, einige davon sogar nur wenige Monate. Nicht immer, aber meistens war er derjenige, der eine Verbindung bereits nach kurzer Zeit wieder beendete. Dabei ging es nur in den allerseltensten Fällen um Eifersucht, sondern vielmehr um die eigene Selbstbestimmung.
Eifersucht war ihm nahezu unbekannt, da er eine Frau noch nie als persönlichen Besitz betrachtet hatte, auf Bevormundung oder Gängeleien jeglicher Art reagierte er jedoch ziemlich allergisch. Diese Eigenart hatte natürlich viele seiner bisherigen Beziehungen negativ beeinflußt.
Einem anderen Menschen restlos und rückhaltlos zu vertrauen, die Augen zu schließen und sich einfach fallenzulassen war schon immer ein Problem für ihn gewesen. Vor dem Alleinsein dagegen hatte er keine Angst, ganz im Gegenteil.
Er hatte sich mit Astrologie, Psychologie, Körpersprache und Verhaltensforschung auseinandergesetzt, hatte das Kamasutra, das Tantra und die Schriften eines Dr. van de Velde studiert, aber auch schon einige eigene, praktische Erfahrungen über die holde Weiblichkeit gesammelt. Seine erste, große Liebe aber hatte er nie vergessen.

Ganz besonders aber hatten ihn schon immer rothaarige Mädels fasziniert.
Je roter, desto doller!
Dabei hatte er einmal in einer Studie gelesen, daß sich angeblich rein statistisch nur weniger als 2% aller deutschen Männer für rothaarige Frauen begeistern können.
Die meisten Männer (über 70%) würden blonde bevorzugen, der Rest dunkelhaarige.

Ob diese Macke möglicherweise mit seiner rothaarigen (und sommersprossigen) Schulfreundin „Medi" aus der ersten Klasse zusammenhing, die ihm im Alter von sechs Jahren einmal eine Handvoll süßer Brombeeren geschenkt hatte?
Sie hatten sich früh aus den Augen verloren und er hatte nie erfahren, was aus ihr geworden war, denn seine Biographie hatte damals einen erheblichen Knick bekommen.
Tatsache aber war, daß er jede Rothaarige sogar noch in der dichtesten Menschenmenge sofort bemerkte, völlig egal, ob sie nun jung oder alt, hübsch oder häßlich war.
Böse Zungen, - das heißt: seine Freunde - hatten sogar schon behauptet, daß er eine echte Rothaarige bereits mit verbundenen Augen blind drei Meilen gegen den Wind wittern könnte.
Diesen Umstand zu verleugnen oder gar verheimlichen zu wollen, hatte also überhaupt keinen Zweck, es war einfach zu offensichtlich.

Eigentlich hätte man ja darüber lachen können, aber es gab mehr als nur eine von seinen „Dahingeflossenen", die für diese Marotte überhaupt kein Verständnis aufbringen konnte. Mehrmals gab es deshalb bereits heftige Auseinandersetzungen, sogar mit attraktiven und intelligenten Frauen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Selbstbewußtseins und ihres Äußeren gut hätten darüberstehen können.

„Dann such dir doch endlich deine verdammte Rothaarige, wenn du so darauf stehst!", hatte ihm eine seiner letzten Partnerinnen - eine attraktive, brünette Lehrerin - bei der Trennung noch ganz erbost nachgerufen.

Diesen Ratschlag hatte er beherzigt und das nächste Mal ganz gezielt nach einer echten Rothaarigen gesucht mit sehr hellem Hauttyp und Sommersprossen ohne Ende.
Das war natürlich auch nichts anderes, nur daß die Suche danach erheblich schwieriger war. Die mögliche Auswahl an echten Rothaarigen war eben leider doch nur sehr begrenzt.
Außerdem: Nichtraucherin sollte sie ja auch noch sein, denn nach wie vor konnte er mit diesem Gestank nichts anfangen, es törnte ihn einfach ab.

Was also sollte er machen? Nach Irland auswandern? Dort gibt es ja bekanntlich den höchsten Prozentsatz an rothaarigen Mädels weltweit. Er war nie dort, sondern kannte Irland nur aus Filmen, Erzählungen und Büchern. Irische Musik dagegen liebte er sehr. Für ein Konzert der legendären „Dubliners" z.B. war er schon mal quer durch ganz Deutschland gereist. Irische Musik und Lebensart gefiel ihm sehr. Also doch Irland?
Natürlich wußte er mit seinem logischen Denkvermögen, daß dies blanker Unsinn war.
Der Wert eines Menschen oder die Qualität einer Beziehung wird sich schließlich niemals an der Haut- oder Haarfarbe festmachen lassen, davon war er immer schon fest überzeugt.
Und doch war es eben so, daß genau diese Eigenschaft ihm noch einen zusätzlichen Kick gab!

Es gab z.B. einmal eine hübsche Bäckereiverkäuferin mit hellgrünen Augen, feuerroter Lockenpracht, einem ganz aufregenden Fahrgestell und laaangen Beinen bis zum Boden, die jedoch ganz offensichtlich nicht bis Zehn zählen konnte.
Jedesmal, wenn er bei ihr zehn Semmeln kaufte, hatte er zuhause elf Stück in seiner Tüte.
Als er sie eines Tages daraufhin diskret ansprach, errötete sie heftig, nahm aber seine Einladung zum Maskenball am Wochenende gerne an, als „Wiedergutmachung" sozusagen.
Sie hatte sich als Sexy Teufelin verkleidet mit einem enganliegenden, schwarzen Stretch- Body, Schwanz und Hörnern. Darunter ließ sich so einiges recht gut erkennen...

Er dagegen hatte sich als Arzt verkleidet mit einem langen, weißen Malermantel mit roten Farbflecken darauf, einer umgedrehten Malermütze ohne Schirm und einem Stück Gartenschlauch mit Trichter als Stethoskop, mit dem er dies alles ganz genau untersuchen und abhorchen konnte. Davon machte er an diesem Abend auch ausgiebigen Gebrauch und sie hatte absolut nichts dagegen einzuwenden.

Dieser Tanz mit dem rothaarigen Teufel dauerte natürlich die ganze Nacht und von anderen Männern spürte er so manche, neidischen Blicke auf sich ruhen.
Nichts mehr an ihm erinnerte noch an den schüchternen Jungen, der er als Kind einmal war und es gab anschließend einige Nächte, in denen er nicht nach Hause kam...

Natürlich hatte sie absichtlich immer elf Semmeln in seine Tüte gepackt, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Niemand sonst in dem Laden hatte dies bemerkt.
Sie war ganz nett, aber leider konnte sie im richtigen Leben auch nicht bis Zehn zählen, da halfen auch die feuerroten Locken und die Sommersprossen nichts.
So verlief diese Angelegenheit irgendwann wieder im Sande...

Sicher wird es später einen anderen Kunden gegeben haben, der öfter mal elf Semmeln in seiner Tüte hatte.



Anmerkungen zur Kurzgeschichte:

Bei dieser Geschichte handelt es sich um den sechsten Teil aus einer Autobiographie eines kleinen Jungen, der ohne Vater aufgewachsen war und ihn deshalb nie gekannt hatte.
Diese ganze Geschichte trägt den Titel: "Der Bastard" und ist natürlich viel zu lang für dieses Forum, das ja eigentlich eher für Kurzgeschichten gedacht ist.
Deshalb habe ich die Geschichte in mehrere Kapitel unterteilt, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht mit einer Endlosgeschichte zu ermüden.
Selbstverständlich wurden auch diese Kapitel nochmals drastisch gekürzt, um sie auf ein - für den Leser - erträgliches Maß zu reduzieren.
Ich hoffe aber, damit die gesamte Geschichte nicht allzu sehr „zerstückelt" zu haben und die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden einigermaßen „lesegerecht" ausgeglichen zu haben?

Die Titel der einzelnen Kapitel sind wie folgt:

1. Die Wurst
2. Das kleine Häschen
3. Verlust der Heimat
4. Die neue Schule und das Leben in der Stadt
5. Lehrzeit und erste Liebe
6. „Medi"
7. Der Vater
8. Alaska I (Auf nach Alaska!)
9. Alaska II (Der Duft rothaariger Frauen)

Den interessierten Leser bitte ich, diese Geschichten auf meiner Seite einfach anzuklicken.

Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!
Schließlich möchte man ja auch wissen, ob und wie die Geschichten beim Leser überhaupt ankommen?

Eigentlich schreibe ich ja viel lieber zynische, bissige und satirische Artikel.
Diese Geschichte ist deshalb sozusagen „Neuland" für mich.

Also, - keine falsche Zurückhaltung bitte!





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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 13.09.2006 - 20:59Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Chrissi schrieb
    Allerdings gibt es diesmal erst einen auf die Mütze...

Aua, aua! Womit hab´ich denn das schon wieder verdient?
Ich bin mir keiner Schuld bewußt, ich bin hier nur der Schreiberling!

Chrissi schrieb
    Ich bin ja mal bereit, dem Jungen sein Alter zugute zu halten.
    Ich will mal hoffen, dieser "Junge" hat heute eine andere Einstellung.

Dazu müßte man den Jungen direkt befragen, leider ist mir jedoch seine Adresse nicht bekannt.
Ich persönlich habe dazu eine völlig andere Einstellung! *jedenmeineidschwör*

Seit ich eine Brille trage, lege ich keinen Wert mehr auf Äußerlichkeiten und Intelligenz ist mir ebenfalls völlig unwichtig.
Hauptsache, sie hat ein gutes Herz. *schleim*
Tz,tz, immer diese Jugend!

Chrissi schrieb
    Nur ich denke eine ganz GESUNDE Eifersucht gehört zur Liebe dazu?

Hier bin ich leider nicht Deiner Meinung!
Ich wüßte nicht, was an der Eifersucht "gesund" sein soll.
Dazu gibt es einen bezeichnenden Spruch:

der Volksmund schrieb
    "Eifersucht
    ist eine Leidenschaft,
    die mit Eifer sucht,
    was Leiden schafft."

Darüber sollte man einmal nachdenken.

Chrissi schrieb
    Auch diesmal warte ich wieder gespannt auf die Fortsetzung. Auf seine weitere Entwicklung.

Hoffen wir das Beste!





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johnnyrebel ...
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...   Erstellt am 16.09.2006 - 07:54Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


So,

ersteinmal meinen Kommentar dazu. Nun, ich finde, Du hast Dir nicht unbedingt das leichteste Thema ausgesucht. Aber der Stil und die Umsetzungen zeigen, dass Dir das "hineinfühlen" und "beschreiben" der Stationen sehr gut gelingt. Dafür einen dicken Händeklatsch. Ich habe leider gerade nicht allzuviel Zeit, daher werde ich in den nächsten Tagen noch einmal was dazu schreiben.

Aber nur mal am Rande, was mir aufgefallen ist:

Autobiografie=Schreiben in der "Ich-Form", über sich selber
Biografie=das Schreiben über eine Person aus der Sicht des Autors.

Doch ich denke, das weisst Du. Wollt halt nur auch mal was wichtiges sagen.

lieben Gruss..... John





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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 16.09.2006 - 11:43Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo John,

vielen Dank für den Händeklatsch!
Nun, leicht war dieses Thema nicht gerade, wobei ich aber nicht ganz verstehe, warum Dir ausgerechnet diese Episode meiner Serie so gefällt?
Ich persönlich halte diese Folge für meine Schwächste, weil es mir darin nicht gelingen wollte, Emotionen und Gefühle in angemessener Weise darzustellen. Stattdessen liest es sich eher wie eine nüchterne Abhandlung, ein Tagebucheintrag.
Da muß ich wohl nochmal ran.

Natürlich weiß ich, daß man eine Autobiographie auch in der Ich-Form schreiben kann, es ist sogar die geläufigste Form für dieses Genre. Aber auch diese Form als Erzähler ist möglich.
Diese Serie wurde eben in dieser Ich-Form begonnen, bis ich merkte, daß mich dies ganz erheblich beim Schreiben hemmt. Ich mußte eine emotionelle Distanz zum Protagonisten schaffen, die in der Ich-Form nur schwer möglich ist. Vieles läßt sich eben aus der Position eines außenstehenden Beobachters besser darstellen, sie bietet dem Autor mehr Möglichkeiten.
Deshalb habe ich meine Position geändert und diese Erzählform gewählt, ich hoffe, daß es kein allzu großer Stilbruch ist?
Ist es deshalb keine Autobiographie mehr?

Stilistische Grüße vom Minotaurus





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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 16.09.2006 - 19:27Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Chrissi schrieb
    Freu Dich und lösch mal Deine doppelt eingestellte Antwort vom 13.9.

Ist soeben passiert, es ist mir gar nicht aufgefallen, da ich nicht "zurückgeblättert" habe.
Danke für den Hinweis! (verd... Brille!)





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