Sturmkind  Registriertes Mitglied

Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 02.03.2007 - 17:21 |  |
Traumscherben
von Verena Karcz (Weena)
Würde man mich fragen, wer ich bin, was ich hier suche, oder was meine Lebensberechtigung ist, so würde meine Antwort möglicherweise lauten, dass ich im Laufe meines Lebens mehr als hundert Namen hatte, umherwandere und in jeder freien Minute versuche, die dritte gestellte Frage zu beantworten.
Ich bin ein Geist, der seit unendlichen Zeiten umherirrt, um Antworten auf die vielen tausenden von Fragen zu finden, die zu meinen Lebzeiten niemals beantwortet wurden. Manchmal, wenn ich durch die Wälder streife und meine Augen öffne, um alle Eindrücke in mir aufzunehmen und in mich hineinzusaugen, glaube ich, jene Antworten unmittelbar vor mir zu sehen, doch wenn ich mich danach recke und lächeln die Arme ausstrecke, um das neu gewonnene Wissen zu umarmen, scheint es meinen Händen zu entwischen und sich in die entlegensten Winkel der Erde zurück zu ziehen. Und jene eben genannten Augenblicke sind es, in denen ich mich zurückziehe, verschließe und manchmal Tage oder Wochen nicht wage, meine jämmerliche Wohnung am Rand eines Großstadt zu verlassen. Der große Geist aus alten Zeiten, der kraftvoll und unbeirrbar jedem neuen Morgen entgegenblickte, ist nicht mehr und ich bin an seine Stelle getreten. Vielleicht hätten viele Dinge einfach nicht geschehen dürfen und manche Menschen hätten sich verbergen müssen, anstatt meinen Weg einzuschlagen, denn dieser hatte alle unwiderruflich ins Verderben geschickt.
Aber dies sind letztendlich die Existenzgründe unberechtigter Bewohner diesseits des Lebens. Uns körperlosen Schatten ist ein Leben auf dieser Seite des Universums nicht vergönnt und zieht somit einige erhebliche Probleme mit sich: Unsere Wegbegleiter sind meist mit keinem langen Leben gesegnet.
Für mich hat sich dies allerdings erst recht spät als Problem herausgestellt. Erst, nachdem ich die Bekanntschaften eines Mannes machte, dem ich mehr als tausendmal mein Leben verdanke und vor allen und jedem in den Himmel loben würde. Der Tag, an dem wir unseren Schwur, Freunde zu bleiben, besiegelten, war der Tag, an dem ich wusste, dass ich dabei war, alles zu verlieren, was ich mir mühsam erarbeitet und aufgebaut hatte. Sein Tod sollte mein Leben zerstören und mir zu erkennen geben, wie wenig Aussichten ich auf die Zukunft und ein Leben nach ihm hatte.
Ob es nun an all diesen kleinen Faktoren lag, oder an der Tatsache, dass ich einfach alles gesehen hatte, was es auf dieser Welt zu sehen gab, spielte keine große Rolle mehr für mich. Tatsächlich war der einzige Gedanke, der mir am Morgen dieses Tages durch den Kopf ging kein anderer als der, der mich seit unendlich langer Zeit verfolgte. Der Gedanke um meine unberechtigte und völlig sinnlose Existenz jenseits der Schatten.
Und doch spürte ich, dass dieser Tag eine Wendung bringen würde, die sich mir zu gegebener Zeit offenbaren würde. An jenem Morgen, als ich verschlafen die Augen aufschlug und durch den milchigen Schleier der Müdigkeit die weiße Decke über meinem Bett nicht sehen konnte, spürte ich, dass etwas anders als die Tage zuvor war. Etwas, dass sich leise und lautlos in mein Leben geschlichen hatte und mich von allen Ängsten, Zweifeln und Verwirrungen befreien würde, wenn die Zeit dazu gekommen war.
Ich blinzelte hinauf zu der Decke, die sich langsam unter meinen Blicken zu klären schien und versuchte in ihr Antworten auf alle Fragen zu finden, die sich jemals ein Sterblicher gestellt hatte.
In meinem Kopf begann es zu arbeiten, während ich die letzten Tage, Wochen, Monate und Jahre noch einmal vor meinen Augen ablaufen lies. Unendliche Dinge, denen ich damals keinen Wert zugemessen hatte, gruben sich nun tief in die Bahnen meiner Gedanken und begannen tiefe Spuren darauf zu hinterlassen, sodass ich wieder und wieder gezwungen war, in Gedanken zu versinken.
Ein leises Seufzen neben mir, ließ mich aufhorchen. Langsam wand ich das Gesicht der bleichen Gestalt zu, die mit geschlossenen Augen neben mir in den weißen Laken lag, einen kurzen Kampf mit der Decke austrug und schließlich zwei schmale Hände um mich legte, die sich weich und gut auf meiner kalten Haut anfühlten.
Langsam betrachteten meine Augen die sanfte Erscheinung, die sich zufrieden neben mir räkelte und ein Gefühl von Verwirrung keimte in mir auf. Mit einem Mal war ich mir nicht mehr sicher, warum ich dieser Person gestattet hatte, so weit in mein Leben einzutauchen und daran teilzuhaben. Wenn ich in meinen Taten je einen Sinn gesehen hatte, so war er an diesem Morgen vollends aus meinen Gedankenwelten gewichen. Für einen winzigen Augenblick begann ich mich vor einer Entscheidung zu fürchten, die ich getroffen hatte, um dem ruhelosen Geist ein Ende zu bereiten und auf die ich nun keinen Einfluss mehr hatte.
Unsicher streckte ich die Hand aus und strich mit dem Handrücken über das entspannte Gesicht, ehe ich allen Mut zusammen nahm, um mich gänzlich umzuwenden und meine Blicke auf das junge, von schwarzem Haar umrahmte Gesicht zu heften.
Ein Gefühl von Angst beschlich mich, während ich mich zwang, in Erinnerungen an den Tag zurückzukehren, an dem ich ihr gestattet hatte, auf eindrucksvolle Weise in mein Leben zu treten. Das Wissen um unsere unnahbare Beziehung, in der ich stets nur Kälte gefühlt hatte, durchrauschte meinen Körper und eröffnete mir die Wahrheit um meine Gefühle.
Die Furcht, die ich vor dem Leben verspürt hatte, war unter ihren Fingern auf eindrucksvolle Weise der Freude und Friedlichkeit gewichen, die meinen Körper erfüllte, solange sie bei mir war. Und mit ihr war die Angst gekommen, vor dem Augenblick, in dem ich sie verlieren würde.
Ich erwähnte bereits, dass ich ein uralter Geist bin? Vielen Menschen war es zum Fluch geworden, meinen Weg zu teilen und auf bedauerliche Weise dahinzuscheiden. An diesem Morgen schien der letzte Funken Furcht vor jenen eben beschriebenen Augenblicken aus meinem Leben zu weichen.
Beeindruckender Weise muss ich mir heute gestehen, dass ich bis zu diesem Augenblick ein Leben mit einer Frau geführt habe, vor der ich mein halbes Leben lang Angst gehabt hatte. Das Gefühl, nun von dieser Angst befreit zu sein, verwandelte sich in Freude darüber, dass sie es so lange an meiner Seite ausgehalten hatte und ihr Licht mir Kraft im Dunkeln gespendet hatte.
Liebevoll schlang ich meine Arme um ihren warmen Körper und zwang mich, die Augen zu schließen, um meinen ersten Gedanken dieses Morgens noch einmal zu überdenken.
Würde man mich heute fragen, wer ich bin, was ich hier suche, oder was meine Lebensberechtigung ist, so würde meine Antwort lauten, dass ich gelernt habe, alleine zu sein ebenso, wie es mir nun möglich ist, andere Wesen neben mir zu dulden. Und zu akzeptieren. Ich bin ein Geist aus uralten Zeiten, der im Laufe seines Lebens viel gesehen hat und langsam beginnt, alles zu verstehen.
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