Lavida 

Status: Offline Registriert seit: 14.12.2006 Beiträge: 3915 Nachricht senden | Erstellt am 21.11.2008 - 18:18 |  |
Wütend machte er den Fernseher aus. Kein Hinweis auf gutes Wetter, absolut nichts. Es gab keine Hoffnung, es gab keine Rettung für ihn. Morgen musste er mit der ganzen Familie Füssen fahren - ein Alptraum.
»Warum hast du ausgeschaltet?«, schrie seine Frau und erschien in der Küchentür. »Reicht es nicht, dass ich bis mitten die Küche putzen muss. Kann ich nicht mal mehr fernsehen?«
Er reagierte nicht.
»Darf man erfahren, warum du zum Teufel noch putzt? «
»Morgen ist Sonntag, oder? Du Idiot stellst immer Fragen! «
»Aber ist es wirklich nötig, den Samstag für Samstag bis in die Nacht hinein den Putzteufel zu spielen? Ein Mal, ein einziges Mal könntest du, dich neben mich setzen, ein Glas Wein trinken, so wie das die gesitteten Leute tun! «
Wütend schmiss sie die Schranktür zu.
»Darüber haben wir bereits geredet«, keifte sie. »Und würdest du jetzt gefälligst den verfluchten Fernseher wieder einschalten? «
Ja, sie hatten darüber geredet, dachte er, während ein idiotisches Gesicht mit einem noch idiotischeren Grinsen auf dem Bildschirm erschien. Um ehrlich zu sein, sie hatten sich zwei Tage lang darüber gestritten, aber da war nichts zu machen.
Auch nichts dagegen, dass seine Frau und seine Schwiegermutter auf keinen Fall auf einen Friedhofsbesuch am Totensonntag verzichtet hätten.. Weil es eben Tradition war, weil man es in ihrer Familie schon immer so machte, weil ihre arme Mutter darauf bestand, weil es den Kindern gut täte, die Gräber der Familie zu sehen, weil, und das konnte man nicht bestreiten, eben jeder hingehen würde, basta.
Er schlief schlecht, und als der Wecker klingelte, erwachte er äußerst schlecht gelaunt.
Draußen alles grau und es regnete Bindfäden.
»Wie viel Uhr ist es denn? «
»Neun«, brummelte seine Frau.
»Wie, neun? Wir hatten vereinbart, um acht Uhr aufzubrechen! Wir wollten doch zumindest versuchen, nicht in den Verkehrsstau zu kommen«, brüllte er.
»Das ging nicht. Der Pflegedienst, der Mama morgens die Spritze gibt, hat gesagt, dass man vor zehn überhaupt nicht darüber reden brauche. Also habe ich den Wecker umgestellt, wenigstens haben wir so etwas länger geschlafen. «
»Ist dir eigentlich nicht klar, dass... «
»Hör mal zu«, unterbrach sie ihn unhöflich, »die Sache sieht so aus. Wenn du dafür sorgst, dass deine Tochter das Bad nicht Stunden lang blockiert, könnten wir mit Mama um Viertel nach zehn im Wagen sitzen. Ich werde jetzt mal den Kleinen wecken. «
Er sah sie wütend an. Das also war seine Frau. Mit aufgedunsenem Gesicht, hartem Blick, einem inzwischen reizlos gewordenen Körper, der in einem hässlichen Nachthemd aus geblümter Baumwolle schwitzte. Was zum Teufel war aus ihr geworden?
Das Bad war verschlossen, besetzt. Und das seit mindestens einer Viertelstunde. Ein Ding der Unmöglichkeit.
»Maria! «, schrie er und traktierte die Tür mit Faustschlägen. »Maria würdest du verdammt noch mal jetzt rauskommen? Du bist schließlich nicht allein in diesem Haus! «
Der Schlüssel drehte sich im Schloss, und seine Tochter stand aufgebracht auf der Türschwelle.
»Es ist nicht meine Schuld, wenn es in dieser Absteige nur ein einziges Badezimmer gibt«, zischte sie. »Und nenn' mich nicht Maria. «
»Ach nein? Wie möchtest du denn gerne genannt werden? «
»Mary. Das habe ich dir schon tausendmal gesagt. Mary. Sonst werde ich euch nicht mehr antworten. «
Was für eine Neuigkeit. Seit Monaten hatte sie niemandem mehr geantwortet, nur ihrem Handy, von dem sie sich nie trennte, das sie sogar ins Badezimmer mitnahm. Er hätte dieses Handy gerne gegen die Wand geknallt, wenn er nicht genau gewusst hätte, wer ihr dann ein neues kaufen müsste...
Um halb elf, nach wiederholten hitzigen Anrufen über die Gegensprechanlage, kam endlich die Schwiegermutter herunter.
»Was ist los? Was soll diese Hetzerei? Brennt vielleicht das Haus? «, brummte er anstelle einer Begrüßung. »Ihr wisst, dass es mir nicht gut geht, und ich meine Zeit brauche. Aber nein, immer Eile, immer Eile. Zu meiner Zeit hatte man vor den Alten noch mehr Respekt...«
Sie machte es sich auf dem Beifahrersitz bequem, was sie als ihr Recht in Anspruch nahm.
»Also, worauf warten wir? «, meckerte sie weiter.
Er überhörte die Frage und ließ den Motor an. Früher oder später würde dieser verfluchte Tag zu Ende sein.
Kaum hatte er den Autobahnzubringer erreicht, ein Riesenstau.
»Ich habe doch gesagt, wir hätten früher aufbrechen müssen! «, platzte es aus ihm heraus. Allgemeiner Protest erhob sich im Auto.
Die Frau beklagte sich, dass man von ihr immer Unmögliches fordere, dass sie schließlich die ganze Nacht geputzt habe; die Schwiegermutter lamentierte über ihre Krankheit, über den Verkehr und das Leben heutzutage; die Tochter beschwerte sich über diese idiotische Idee, am Totensonntag so weit zu fahren, nur um über einen Friedhof zu latschen, und der Sohn wimmerte, dass er sein Pipi nicht mehr anhalten könnte.
»Das musst du aber! «, schrie er und bremste in letzter Sekunde, bevor er seinem Vordermann aufgefahren wäre.
Erster Gang, zweiter, erster, bremsen.
Er schnaubte und blickte sich um. Die Autos kamen nur im Schritttempo vorwärts.
Was für eine Strafe das war, in einem Auto mit der eigenen Familie eingesperrt zu sein, jedem Gejammere ausgesetzt, das wünschte er nicht mal seinem ärgsten Feind.
Zwei Stunden und zehn Minuten Anspannung hatte es ihn gekostet, um in Füssen anzukommen, eine halbe Stunde Nerverei, um, welch ein Wunder, einen handtuchgroßen Parkplatz zu finden.
Und mindestens zehn Minuten Ärger, weil der Fußweg bis zum Friedhof zu weit war.
Er hätte sich den Atem und die Nerverei sparen können, bei seiner Schwiegermutter, die protestierte, weil sie nicht mehr laufen könne, seiner Frau, die ihre Mutter wie immer Recht gab, dem Sohn, der gelangweilt mit seinem Gameboy spielte, und der Tochter, die es nie im Leben riskieren würde, ihre neuen Schuhe zu zerkratzen. Das einzig Vernünftige wäre, früher oder später zu kapitulieren.
Das Auto auszuladen verschaffte ihm dennoch ein Gefühl der Erleichterung.
Das meiste war geschafft. Er trug die beiden Kränze, gab seiner Frau die ewigen Lichter und hoffte, dass es ihm jetzt gelänge, sich ein wenig zu entspannen.
Und dann fing es an zu schneien. „Bitte nicht, ich habe keine Winterreifen aufgezogen. Die Wettersage hat doch gesagt...«
Die Gräber wurden im Eiltempo besucht und dann nichts als weg.
Schwiegermutter hatte sich bereits auf den Beifahrersitz gesetzt.Auch ihre Tochter war bereits im Auto, ihr Handy ans Ohr geklebt,
sein Sohn saß schon drin und seine Frau nörgelte, weil das Auto nicht warm war.
Der Schnee fiel immer dichter, die Stimme seiner Frau wurde immer schriller.
Er betrachtete sie voller Hass.
Alles, er hasste alles. Seine Familie, die Gräber, die Toten, die Feiertage, die Autos, den Himmel, die Erde. Die eigene Charakterschwäche, die gesamte Menschheit,einfach alles!
Und steckte dann, verflucht logisch und verflucht vorhersehbar, wieder in einem Stau.
Erster Gang, zweiter Gang, bremsen; erster Gang, bremsen. Der Schnee fiel unaufhörlich, die Scheibenwischer versagten.
Zorn und Erregung steigerten sich weiter in ihm, die nörgelnde Tochter, die Schwiegermutter hatte das Radio auf volle Lautstärke gedreht, um das Bach Requiem zu hören, der Sohn, der jetzt auf seinen Hamburger bestand, die Frau, die ihn antrieb, dem Autofahrer nebenan nichts bieten zu lassen, er wolle doch sicher vorwärts kommen, sich nicht von einem Motorrad rechts überholen zu lassen, verflucht, vorwärts, weiter, Mach' schon.
So vergingen Stunden. Endlose sinnlose Stunden, voller Anspannung, in denen er seinen von dem jähen und unangenehmen Erwachen benommenen Körper spürte: der Verstand vom Zorn benebelt, die Vernunft von der Absurdität dieser Situation gekränkt, das Herz dem eigenen Leben gegenüber verbittert und der Hass im Inneren, dieser Hass, der bis in seinen Kopf hoch kroch und von Moment zu Moment wilder wurde. Warum ertrug er das alles?
Wo stand geschrieben, dass er sich nicht wehren sollte, sich von diesen Gewichten befreien, von diesen Verpflichtungen, dieser Familie... und diesem Leben?
Zwei Stunden, die kein Ende nehmen wollten, zwei unerträgliche Stunden im Schneegestöber. Er hatte viel Zeit, über seinem Groll zu brüten, ihn zu liebkosen und zu nähren, bis er schließlich ganz von ihm Besitz ergriffen hatte.
Bis er ihm aus den Augen trat, in seine Fingerspitzen kroch und sich bitter auf seine Zunge legte.
Als er am Ende der Steigung die Brücke sah,trat er auf das Gaspedal, überholte rechts und links.
Das zunehmende Gehupe war ihm völlig egal und auch das hysterische Gekreische seiner unerträglichen Familie.
Er atmete tief durch und lächelte. Und mit diesem auf den Lippen festgeklebten Lächeln beschleunigte, schaltete höher, noch mehr Tempo, und raste auf die Brücke zu.
Eine robuste, mächtige Brücke, die jeder Herausforderung seit Jahren die Stirn geboten hatte.
Und sicher würde sie es auch mit einem metallic-blauen Touringwagen aufnehmen...
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