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VladimirVodaphone  Weltaufsichtsrat
    

Status: Offline Registriert seit: 30.04.2005 Beiträge: 15 Nachricht senden | Erstellt am 05.05.2005 - 02:41 | |
Ich hab den Eintrag aus dem mf- Gaestebuch mal hierherverpflanzt, falls jemand Bezug nehmen moechte ..
Revolutionskomitee Berlin schrieb
Voraussetzung für die Notwendigkeit einer Intervention mit revolutionärem Hintergrund ist die Analyse von Widersprüchen, die über eine berechtigte moralische Empörung hinausgeht. Denn die moralische Empörung ist tendenziell von zwei Schwächen gekennzeichnet. Sie wird sich leicht mit der Beseitigung des moralischen Mangels, dem Lindern eines Leidens, der Verringerung eines Elends oder etwas mehr Gerechtigkeit zufrieden geben und sie fragt nicht nach den Ursachen im sozialen Gefüge für das, was sie erregt, sondern neigt zur individualisierten Schuldzuweisung. Widerstand aber, der sich gegen gesellschaftliche Zustände richtet, ist schlecht beraten, sich auf individualisierte Appelle zu verlassen, in einer Gesellschaft, die trotz ihrer permanenten Betonung der Individualität der Menschen in ihr, von Zwängen geprägt wird, die überindividuell sind.
Es ist der Zwang zur Lohnarbeit für fast alle Menschen, der den Kapitalismus nicht einfach moralisch verdammenswert macht, sondern zu einem sozioökonomischen Verhältnis, dass sich nicht durch guten Willen und Achtung der Menschenwürde überwinden lässt.
Genauso wie sich ein auf gesellschaftliche Ursachen bedachter Antifaschismus nicht auf Repression oder politische Bildungsarbeit mit Nazis beschränken kann, Antirassismus nicht auf den Beweis der Menschlichkeit von aus dem nationalen Kollektiv Ausgeschlossenen, Antiimperialismus auf die Forderung nach Anerkennung der Gültigkeit des Völkerrechts, Feminismus auf die Darstellung der Gleichheit von Frau und Mann, linksradikale Biopolitik auf den Schutz von Leben und Artenvielfalt oder eine Mobilisierung gegen die Überwachungsgesellschaft auf die Panikmache vor einem großen Bruder oder dem Voyeurismus des Staates.
Die Überwindung der Widersprüche, die eine radikale Linke als gesellschaftliche ausgemacht hat und in denen sie intervenieren will, werden von ihr als charakteristisch für eine Gesellschaft analysiert, die ihrem emanzipatorischen Ideal der sozialen Verhältnisse widerspricht. Sie sind damit direkt oder indirekt Widersprüche, die auf die Einzelnen in dieser Gesellschaft wirken, weswegen ihre Ablehnung durchaus konkret und nicht nur abstrakt etwa im Namen eines allgemeinen Menschen- oder Individualrechts begründet werden kann. Doch wenn für die Bestimmung und Bewertung der eigenen Praxis ein solches Gewicht auf der analysierenden Einordnung von konkreten Verhältnissen in einen gesamtgesellschaftlichen Zustand liegt, welche Anforderungen müssen dann an eine grundsätzliche, eine linksradikale Kritik gestellt werden?
Kritik hat die Aufgabe, die Wirklichkeit in Frage zu stellen, Widersprüche aufzumachen und Begründungen, die auf Natürlichkeit und Notwendigkeit aufgebaut sind, zu dekonstruieren. Kritik hat zum Ziel, die Abweichungen von den emanzipatorischen Bedürfnissen in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang deutlich zu machen und damit eine Perspektive für eine Veränderung zu eröffnen, weil sie davon ausgeht, dass die sozialen Verhältnisse menschliche Produkte sind, auch wenn sie durch ihren überindividuellen Charakter eine Selbständigkeit gewonnen haben, mit der sie den Einzelnen als nicht personalisierbarer Zwang gegenübertreten.Wird Kritik in dieser Weise wahrgenommen und interpretiert, hat sie ihren Ort sowohl in der gesellschaftlichen Realität, von der sie handelt, als auch in den Auseinandersetzungen um die Widersprüche, die sie thematisiert.
Für eine linksradikale Bewegung heißt das, dass die Kritik, auf die sie sich bezieht, immer im Verhältnis zu ihrer Praxis steht. Hier erweist sich ihre Notwendigkeit, weil die Bewegung eine Interpretation ihrer Auseinandersetzungen und ihrer Position in der Gesellschaft bedarf. Hier erweist sich aber auch ihre Tauglichkeit, weil erst im tatsächlichen Rückbezug abstrakter Erkenntnisse auf die konkrete Realität das Kriterium der Gültigkeit des kritischen Gedankens gegeben ist. Wer etwa aufgrund der objektiven Ausbeutungsverhältnisse in der BRD glaubt, das Mittel der Wahl sei gegenwärtig die Agitation der Arbeiterklasse zur sozialen Revolution, sollte diese Analyse umgehend an den Werkstoren testen, um anhand der Realität zu bemerken, welche Hürden aus dem Weg geräumt werden müssten, um das Proletariat zur revolutionären Klasse zu formen. Eine Kritik, die sich einem solchen Bezug nicht stellt, ist keine.
Linksradikale Bewegung und linksradikale Kritik bedürfen einander wechselseitig, obwohl weder von der Kritik immer eine unmittelbare Handlungsrelevanz verlangt werden kann, noch die Politik einer Bewegung in jedem Punkt den Vorgaben einer Kritik folgen wird. Aber wenn es darum geht, die Ziele jenseits der konkreten Intervention, die Motivationen und Strategien einer Bewegung transparent zu machen, wird sie sich auf die kritischen Vorarbeiten stützen. Und wenn es einer Kritik darum geht, mehr als akademisches Spiel zu sein, wird sie immer auf eine Bewegung angewiesen sein, für deren Entwicklung sie entsteht und durch deren Praxis sie überhaupt erst vermittelbar wird - sowohl der Bewegung selbst als auch über diese hinaus. In diesem Sinne, sind die spektakulären Events einer Bewegung der Ort, an dem die kritischen Ideen publik und greifbar werden, ohne dass sie dadurch zum Eigentlichen des Events werden, weil sie nicht von der konkreten Politik abgelöst werden können.
In diesem Sinne einer Verbindung von konkreter Aktion und grundsätzlicher Kritik ist auch das Mittel der symbolischen Politik zu verstehen. Da sie aber des konkreten Anlasses weder entbehren kann, noch ihr grundsätzliches Ziel erreichen, ist diese Politik immer wieder von der Schwankung zwischen dem Feiern eines unechten Erfolgs und dem permanenten Scheitern an einem höheren Ziel gekennzeichnet.
Solange das Verhältnis zwischen beiden nicht geklärt ist, wird damit die symbolische Politik von ihrer Begrenztheit in Frage gestellt. Eine Aufgabe des konkreten Ziels oder auch nur seine Suspendierung im Namen einer eigentlichen, grundsätzlichen Kritik heißt symbolische Politik aufgeben. Ein Symbol des Widerstands, das nur als Symbol geschaffen wird, ist nämlich keins. So kommt nicht einmal der Berliner revolutionäre 1. Mai, der immer als Paradebeispiel für die Ablehnung des konkreten Ziels ausgegeben wird, ohne die konkrete Komponente aus. Eine revolutionäre 1. Mai Demonstration, die sich nicht mehr zum Ziel setzte offensiv gegen die Polizei vorzugehen und die Möglichkeiten militanten Handelns auf der Straße konkret vorzuführen, wäre nicht die Veranstaltung von der da geredet wird. Es ist deshalb gerade nicht egal, was am 1. Mai in Berlin passiert, sondern von einer konkreten Bedeutung für die symbolische Wirkung einer grundsätzlichen Ablehnung der herrschenden Verhältnisse. Stünde die konkrete Aktion aber nicht gleichzeitig für mehr, wäre der Berliner 1. Mai tatsächlich so entpolitisiert, wie uns alle glauben machen wollen, wäre das Symbol ebenfalls keines. Es ist aber gerade die Selbstbezeichnung "revolutionär", die den Unterschied zwischen einem Hooligankrawall, den die bürgerlichen Medien erfolgreich zum Gewaltexzess als beliebigen Zeichen für alles mögliche umdeuten können, und jenem kritischen Ereignis ausmacht, dass eine feste Bedeutung für die radikale Linke in der BRD hat.
Dass trotzdem die Frage gestellt wird, was denn am 1. Mai in Berlin revolutionär sei, hängt mit der Überforderung der symbolischen Politik zusammen, den Anspruch, den sie formuliert, auch umzusetzen. Doch jenseits der Formulierung des linksradikalen oder revolutionären Anspruchs ist die Politik einer Bewegung immer mit der kapitalistischen Realität konfrontiert. Diese besteht zum einen aus einer materiellen Ordnung, die den einzelnen in Form Zwänge gegenübertritt, die als gegeben hingenommen werden müssen, zum anderen aber sind diese Zwänge aufgrund ihrer Materialität auch gesellschaftlich anerkannt. So muss der Kapitalismus nicht permanent durch Gewaltandrohung aufrecht erhalten werden, sondern kann sich auf einen gesellschaftlichen Konsens berufen, der nur an einzelnen Punkten aufbricht, für den Gesamtzusammenhang aber gültig bleibt. Wo eine linksradikale Bewegung dem begegnen will, ohne sich selbst zum revolutionären Zwang einer Avantgarde zu imaginieren, muss sie Organisationsformen finden, die dem emanzipatorischen Ideal gerecht werden wollen und damit eine radikal andere Perspektive eröffnen. |
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VladimirVodaphone  Weltaufsichtsrat
    

Status: Offline Registriert seit: 30.04.2005 Beiträge: 15 Nachricht senden | Erstellt am 05.05.2005 - 02:48 | |
Tilmann Jens schrieb
Ausgangspunkt jeder Gesellschaftskritik kann nur sein, sich als Teil dieser Gesellschaft zu begreifen. Dazu bedarf es einer Analyse der Gesellschaft. Wie diese auszusehen hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Jedoch kann Gesellschaft nicht begriffen werden, wähnt man sich außerhalb ihrer. Genau diesem Fehler waren große Teile der linksradikalen Bewegungen verfallen. Allzusehr dachte sie sich als das Ganz Andere, als das versprengte Fähnlein der Aufrechten, welches allein den Anspruch auf Emanzipation noch hochhielt: als die letzten Linken.
Dadurch wurde ihr politisches Handeln zum Selbstzweck, die Bewegung bestätigte sich in einer stetigen Abgrenzungsbewegung immer wieder selbst. Ihre Befriedigung erfuhr sie über das Bewusstsein auf der richtigen Seite zu stehen. Diese Kritik schmälert nicht die Notwendigkeit einer linkensradikalen Bewegung, doch vergaß diese sich über sich selbst Rechenschaft abzulegen, weswegen sie auch ein bloßes Strohfeuer blieb und jämmerlich in sich zusammenfiel als Andere begannen, ihre Arbeit zu machen.
Eine alleinige Kritik an den immer mal wieder aufflackernden Verfallsformen linker Bewegung reicht aber auch nicht aus. Die Debatte um Kritik und Politik unterliegt einem doppelten Missverständnis. Es betrifft zum einen die Verwechslung der Begriffe von Theorie und Praxis mit denen von Kritik und Politik, zum anderen den Vorwurf, dass Politik von jeher gebunden sei an eine Affirmation des Staates, als der Form in der sich politisches Handeln nur abspielen könne.
Zu ersterem: Niemand bestreitet, dass es Formen bedarf das Erdachte unter die Leute zu bringen. Seien es Papiere, Veranstaltungen oder Demonstrationen, ohne einen Weg der Vermittlung eigener Gedanken gibt es keine Linke. In diesem Punkt der praktischen wie theoretischen Betätigung unterscheiden sich politische Gruppen nicht von denen, die sich als antipolitisch bezeichnen. Eher schon ist ein Unterschied zu bemerken, dass erstere eher auf Formen abzielen, die im öffentlichen Raum stärker wahrnehmbar sind. Also beispielsweise die der Demonstration. Demonstrationen bringen es aber mit sich, dass der Inhalt, der mit ihnen vermittelt werden soll, sich oftmals auf Parolen reduziert. Auf der anderen Seite werden schriftliche Beiträge in einer Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden und auch innerhalb der Linken meist nur dann rezipiert, wenn sie polemisch daherkommen. Diese Form ist wiederum vor allem bei den antipolitischen Gruppen zu finden. Vermittlungsformen unterliegen generell dem Zwang sich Wahrnehmbarkeit zu verschaffen und wahrnehmbar ist das am besten, was am grellsten erscheint. Wer am lautesten schreit, bekommt meistens zuerst das Futter.
Von dieser Seite unterscheidet sich in der Praxis Politik kaum von Kritik, die Unterschiede sind höchstens gradueller Art: in der unterschiedlichen Gewichtung von Theorie und Praxis. Der Vorwurf politischen Gruppen gegenüber, den Staat a priori als Form der Vergesellschaftung vorauszusetzen und diesen durch ihr Handeln immer nur legitimieren zu können, hat zwar seine – in diesem Fall aber doch banale – Wahrheit darin, dass sich schlichtweg alles in vergesellschafteten Formen abspielt und der Königsweg aus diesen heraus nicht gefunden ist. Jedoch betrifft er dann eben auch die Kritik.
Sobald sich die Linke an eine Öffentlichkeit wendet, bedient sie sich staatlicher Formen, indem sie mit Gesetzen konfrontiert ist und mit diesen umzugehen hat. Darin kein Unterschied zwischen einem Referat in der Uni und einer Scherbendemo. Eine Politik, die dem Anspruch nach den Staat negiert, die ihn symbolisch kritisiert und die ihn als außerparlamentarische Gruppe nicht mehr nutzt als es notwendig ist, affirmiert den Staat nicht. Der Makel den Politik von Geburt an trägt, liegt an anderer Stelle. Sie ist immer gerichtet an die Öffentlichkeit, zielt auf das Allgemeinwohl und lässt das Private außen vor. Daran hat auch der Leitspruch der Frauenbewegung „Das Private ist politisch“ nicht viel geändert.
Die Sphäre des Privaten spielt in der linken Politik nach wie vor keine Rolle, zumindest dann nicht, wenn sie nach außen tritt. Auch die Kritik unterliegt dem Dualismus von privat und öffentlich. Tritt sie doch zuerst in Erscheinung als „Kritik der politischen Ökonomie“, spielt also im Feld des Öffentlichen. Was bleibt ist der Anspruch die Trennung von privat und öffentlich aufzuheben.
Kommt Kritik als abstrakte Gesellschaftstheorie daher, scheitert sie. Kann doch die Gesellschaft in ihrem Wesen als kapitalistische durch einen abstrakten Satz nicht begriffen werden. Spricht man davon, dass es das Wesen der Gesellschaft sei, dass sie sowohl Subjekte wie Objekte nur als Waren gelten lasse, so erlangt dieser Satz erst dann seine Wahrheit, wenn er durch die Erscheinungen hindurch verstanden und nicht über sie hinweg postuliert wird. Dann ist aber das Wesen einer Gesellschaft immer nur Wesen durch seine Erscheinungen und somit nicht ewig feststehendes, vielmehr etwas Veränderliches.
Das heißt, dass es gar wohl Ansatzpunkte gibt, Kritik konkret zu formulieren und dass es nicht dabei bleiben muss, stets und ständig den Satz „Kapitalismus abschaffen!“ in die Welt hinauszuschreien. Die Frage bleibt allerdings unbeantwortet, und ist aus heutiger menschlicher Perspektive nicht zu beantworten, welcher dieser Ansatzpunkte denn nun Hebel sein kann – bzw. ob es überhaupt einen solchen Hebel gibt – um in das „Reich der Freiheit“ einzutreten. Das Kriterium welchem politisches Handeln unterliegen muss, um emanzipatorischen Ansprüchen genüge zu tun, kann nur ein negatives sein. D.h. Politik muss unter dem Vorzeichen stehen, dem Anspruch nach, jegliche Affirmation der Verhältnisse zu vermeiden. Dass dies nur graduell gelingt, ist einsichtig, hat man doch zum einen keine Interpretationshoheit über die Auswirkungen der eigenen Handlungen, kann also als kritisches Feigenblatt oder abschreckendes Beispiel dienen.
Zum anderen bewegt man sich selber nicht in einem außergesellschaftlichen Raum. Dennoch muss im eigenen Handeln deutlich werden, dass man sich den gesellschaftlichen Verhältnissen im Grundsätzlichen verweigert, dass man zu einer konstruktiven Mitarbeit am Projekt der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht bereit ist. Damit ist man auf sich selbst zurückgeworfen und kann nicht darauf rechnen hofiert zu werden. Mit einem solchen „Nein“ steht man beispielsweise der Antiglobalisierungsbewegung, die gerade mit großem Tamtam den Marsch durch die Institutionen beginnt, strikt entgegen.
Das gerade formulierte Ideal der Negation muss sich im Konkreten immer wieder ausweisen. Es bedarf zu seiner Rechtfertigung der Analyse der Gesellschaft. Nicht gesagt ist damit, dass es nichts gibt, was einzufordern oder was zu verteidigen wäre. Die furchtbare Wahrheit, dass es schlimmer sein kann als es jetzt ist, darf zwar nicht dazu führen zum Apologeten der bürgerlichen Gesellschaft zu werden, doch aber zum Bewusstsein, genau diese in bestimmten Situationen schützen zu müssen.
Die Frage, ob aus einer aktiven Verweigerungshaltung heraus, sich jemals so etwas wie eine Aufhebungsbewegung gegen den Kapitalismus entwickeln kann, ist eine offene. Zu bedenken ist, dass kein strategisch noch so kluges Handeln allein alle Schwierigkeiten überwinden wird. Keinen Grund aber gibt es, dass die Ohnmacht für immer sein muss. |
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VladimirVodaphone  Weltaufsichtsrat
    

Status: Offline Registriert seit: 30.04.2005 Beiträge: 15 Nachricht senden | Erstellt am 07.05.2005 - 16:33 | |
revolutionskomitee berlin schrieb
Der kommunistischen Theorie ging es nicht mehr darum, einfach die der bürgerlichen Ordnung entsprechende Rationalität zu ergründen, vielmehr war ihr Ziel, die Wahrheit der kapitalistischen Ökonomie und ihres gesellschaftlichen Systems auszusprechen. Der Gesamtzusammenhang war für sie nicht mehr Ausdruck des Vernünftigen oder auch nur eines sozialen Verhältnisses, das sich auf eine rational gestaltete Ordnung zu bewegte, sondern die Kritik galt einer Ordnung, die das Unvernünftige und Unmenschliche zwangsläufig immer wieder aus sich hervorbringt.
Das was der Aufklärung das Ideal des individuell Einsichtigen war, führt ihre Kritik zur Beschreibung einer Herrschaftsordnung, in der ein falsches und verstümmeltes Bewusstsein der sozialen Verfasstheit einer Gesellschaft nicht nur immer wieder produziert wird, sondern vom Individuum zum Fristen seines alltäglichen Lebens kultiviert werden muss. Die Wahrheit über Ausbeutung und Profite, aber auch über die Rolle der arbeitenden Menschen als wirkliche ProduzentInnen der sozialen Wirklichkeit auszusprechen und zu propagieren, eröffnete der kommunistischen Bewegung ihre einzige Perspektive auf die Überwindung des Kapitalismus.
Wahrheit und Wissenschaftlichkeit nahmen in der Strategie der gesellschaftlichen Mobilisierung eine herausragende Rolle ein, sollte doch mit ihnen die spezielle Perspektive der Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft als der allgemeine Standpunkt ausgewiesen werden. Kommunismus war nicht einfach die Diktatur des Proletariats, sondern die Verwirklichung einer nun tatsächlich rationalen Organisation des menschlichen Zusammenlebens. Die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus-Leninismus wurde geboren.
Das Beharren auf der Objektivität der Theorie, die den kommunistischen Strategien ihre Richtung gab, speiste sich allerdings nicht nur aus rhetorischen Erwägungen. Die Objektivität diente zugleich zur Abgrenzung des eigenen Wissens gegen die falsche Rationalität der bürgerlichen Gesellschaftserklärungen.
Wie anders hätte angesichts einer Gesellschaft, die falsches Bewusstsein permanent hervorbringt, das eigene Bewusstsein als privilegiert gekennzeichnet werden können? Die Stärke der als wissenschaftliche Weltanschauung gepriesenen kommunistischen Kritik liegt bis heute in ihren Analysen der kapitalistischen Ökonomie. Dort, wo es ihr gelingt, den Sinn der widersprüchlichen, von der bürgerlichen Gesellschaftsordnung hervorgebrachten Erfahrungen nachvollziehbar zu machen, eröffnet die kommunistische Kritik Perspektiven zur Überwindung individueller Miseren, wie des Kapitalismus insgesamt. Das ist ihr möglich, weil es ihren Erklärungen nicht darum geht, Sinn zu stiften, der das gesellschaftliche Ganze als vernünftig legitimiert, sondern ihr Ziel ist es, die Rationalität der kapitalistischen Produktionsweise als für die Mehrheit der Menschen weitgehend irrational zu kritisieren.
Das hat für den Wahrheitsanspruch allerdings Konsequenzen, die mit dem aufklärerischen Wahrheitsanspruch, dem sich die kommunistische Bewegung in ihren praktisch entscheidenden Teilen verpflichtet fühlte, nicht vereinbar sind. So offenbart die Analyse der kapitalistischen Vergesellschaftung durchaus deren eigene Rationalität. Die Formen des gesellschaftlichen Austauschs im Kapitalismus sind nicht einfach unwahr. Für ein Leben in seinen Verhältnissen sind sie sogar unabdingbar.
Wer das Prinzip des Tausches Ware gegen Geld zugunsten der tieferen Wahrheit des sozialen Austauschs von Produzierenden schon im Kapitalismus überwinden will, fällt deshalb zwangsläufig hinter die Realität der gültigen gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung zurück. Die sich so bildenden Inseln von Tauschringen und Kommunen bleiben in ihrer Kritik am Kapitalismus bruchstückhaft, wie die Ware-Geld-Beziehung Fragment der gesellschaftlichen Vermittlung im Kapitalismus bleiben muss. Zum zweiten bleiben die kritischen Wahrheiten des Kommunismus an die Praxen gebunden, die sie beschreiben. Statt objektiv eine allgemeine Wahrheit über die Menschen und ihr Zusammenleben auszusprechen, taugen sie nur zur Kritik des Kapitalismus.
Geht man von der Voraussetzung aus, daß das Denken gesellschaftlich bedingt ist, so ergibt sich, daß die Marxsche Theorie - da ja auch sie in den Kontext der kapitalistischen Gesellschaft gehört - ebenfalls historisch spezifisch ist. Es sollte aus heutiger Perspektive nicht mehr verwunderlich sein, dass Wissenschaftlichkeit und Wahrheitsanspruch in genau jenen Momenten problematisch wurden, da sie sich aus einer Kritik des Kapitalismus in ein Programm zum Aufbau des Kommunismus verwandelten. Wo die Kritik sich an Aspekten der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu entzünden vermag, sind die Anforderungen an ein Programm viel höher. Dessen blinde Flecke führen nicht einfach zu einem Mangel an Plausibilität oder Erklärungskraft, sondern verwandeln sich tendenziell in Zwang und Gewalt.
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