Oyu  Fast Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 02.10.2006 Beiträge: 51 Nachricht senden | Erstellt am 03.10.2006 - 14:12 |  |
Da es hier ein größeres Interesse an Japan gibt, müsste Takeshi Kitano und vielleicht sogar sein Film "Dolls" bekannt sein und zu Gesprächen anregen.
Ich weiß nicht, ob ein Thread nur über Dolls laufen würde, deswegen kann es auch zu einem allgemeinen über Takeshi Kitano umgewandelt werden... mal schauen, wie es sich entwickelt.
Ich jedenfalls beziehe mich jetzt auf Dolls
Ich habe ihn heute angesehen und bin im Endeffekt begeistert.
Die Begeisterung basiert vor allem auf der eigenen, emotionalen Entwicklung. Zu Beginn gefiel er mir nicht. Ich fand ihn sehr oberflächlich. Irgendwann gelangte ich zu meinem Höhepunkt an Missmut - etwa, nachdem zwei weitere Geschichten eingeführt worden sind. Alle Charaktere agierten "puppenhaft", leblos, schablonenhaft, was durchaus seinen Sinn zu haben schien und auch zum Titel passte... mir aber gerade dadurch nichts gab. Im Gegenteil. Ich sah schöne Bilder mit vielen poetischen Ansätzen, die sich alle inhaltlich im Nichts verliefen. Die Reaktion der Charaktere war so vorherbestimmt, dass ihre Schicksale nicht berührten, denn die Authentizität und die Identifikationsmöglichkeit fehlte.
Dann schien es, als würde obsessives, krankhaftes und selbstzerstörerisches Verhalten zu einem hohen charakterlichen Attribut verklärt werden. Eben das, was mir so oft übel aufstößt an Filmen aus Asien: Pseudo-Tiefsinnigkeit. Tolle Sprüche und Metaphern, viel Symbolik, ausdrucksvolle Gesten, aber in letzter Konsequenz mit wenig Gehalt, im schlimmsten Fall sogar noch bedenklich. Das sieht man am (meiner Meinung nach äußerst oberflächlichen) Oldboy und ebenso an Hero, der von inhaltslosen Seifenblasen mit großem moralischen Trommelwirbel nur so tropfte.
(Auf mich wirkt das wie ein Überbleibsel einer Kultur, in der alte Legenden mit vielen Metaphern die Gesellschaft moralisch stärken sollten, eine Weiterentwicklung aber erst im 19. Jahrhundert stattfand. Alles leicht verständlich und metaphorisch. Bei uns ist dieser Pseudo-Tiefsinn längst veraltet und - leider gleichsam mit der Poesie – zurückgegangen)
Aber je länger der Film ging.... irgendwann...
Ich habe keine Ahnung, warum es passierte, aber meine Stimmung wandelte sich. Ich merkte, dass ich mich mental und emotional auf Dolls eingestellt hatte und mit seiner Stimmung mitschwang. Kurz vor dem Ende musste ich ungewollt für eine kurze Zeit unterbrechen und kam nicht mehr aus der Atmosphäre hinaus, wollte im Gegenteil weiter von ihr umgeben sein. Ich freute mich aufs Weitersehen, nur um die Existenz dieser Stimmung zu verlängern.
Genau kann ich nicht beschreiben, WAS mich daran fesselte, ich weiß nicht einmal, was der Film aussagen will. Die Ansätze, die mir einfallen, sind alle nicht passend zu dem, was bei mir emotional ankam und somit den Film bedeutend machte.
Natürlich kann man eine Kritik am gesellschaftlichen System feststellen, in dem die Figuren in letzter Konsequenz keine Wahlfreiheit haben und sich aus Gründen des Ansehens oder des Geldes für etwas entscheiden, das ihren eigenen Gefühlen diametral entgegengesetzt ist. Sie heiraten aus familienpolitischen gründen nicht die Menschen, die sie lieben, und sie haben verinnerlicht, dass man erst mit monetärem Reichtum eine glückliche Liebe führen kann, oder dass man nicht geliebt wird, wenn das Gesicht nach einem Unfall entstellt ist. Aber: All dies ist für mich nur die Lancierung der Geschichte. Es ist der Anstoß, die grob Strukturvorgabe, die Rahmenhandlung. Durch das Verhalten der Protagonisten bekommen wir zwar die Beschränkung ihrer Entscheidungsfreiheit und den indirekten Druck der Gesellschaft demonstriert - dafür braucht man aber nicht 100 Minuten Filmmaterial. Diese Ebene erreichte der Film schon nach einer Viertelstunde und brachte mir persönlich garnichts.
Natürlich geht es auch um Liebe, aber nur um sehr symbolhafte. Die Personenkonstellationen sind klar konturiert. Wir haben Klischee-Liebespärchen. Wir wissen durch kurze (und doch zu lange) Einleitungen, wer welchen Charakter in der Beziehung darstellt, und erlangen darüber hinaus keinen nennenswert tieferen Einblick. Thematisch haben wir es mit Obsession, Leidenschaft, Aufopferung und Verzweiflung zu tun, die Protagonisten ermöglichen aber weder durch charakterliche Entwicklung noch durch Gefühlsäußerungen einen tiefen Einblick. Zusammenfassend: Wir erfahren also nur, warum die Personen welches Leiden leiden.
Das macht im Ganzen noch keinen guten Film her. Es schafft nur eine interessante Basis für weitere Prozesse - die, so scheint es, ausbleiben. Daraus resultieren Längen. Wir haben sogar überflüssigen Inhalt. An Erzählung ist es schon viel zu viel, mehr als eine grobe Strukturvorgabe braucht man nicht.
Es gab zahlreiche Kritikpunkte für mich, und ich persönlich hätte ihn drastisch gekürzt (bedeutet: die zwei Rand-Liebesgeschichten rausgeschmissen, die Dialoge ebenso wie die kausalen Zusammenhänge und deren Erklärung reduziert). Ich bin überzeugt davon, dass der Film dann noch besser wäre.
Aber:
Sogar so ist er toll. Für mich geht es eben NICHT um die oberflächlich angerissenen Themen Gesellschaft und Liebesebeziehungen. Es geht um etwas typisch japanisches: Nostalgie. Oder noch darüber hinaus, um Melancholie. BILDER sind hier das kommunizierende Element. Gefühle werden durch Bilder dargestellt. Atmosphäre wird durch Bilder geschaffen. Die Gesellschaftskritik wird instrumentalisiert, um den Anstoßpunkt zu geben, und die Liebesbeziehungen, um geschichtsantreibende Verbindungen herzustellen. Die Bilder jedoch stellen die Aussage. Man schwingt innerlich in einer kaum definierbaren Gefühlslage mit, und es bleibt nur zusammenfassen, dass sie wunderschön und traurig zugleich ist. Sie tröpfelt sanft, schleicht sich ins Herz des Zuschauers. Und bewegt. Wir sehen Schönheit und Grausamkeit eine wunderbare Symbiose eingehen. Dolls ist eine Liebesbekundung an das Leben - mitsamt seinen schmerzhaften, traurigen, grausamen Momenten. Es dankt dem Tod und dem Leid und der Sehnsucht und der Tristesse. Jeder Umstand und jede Entwicklung wird von pittoresker Schönheit überlagert, von allgegenwärtiger, intensiver und doch angenehmer Melancholie. Es erwärmt das Herz und sticht zugleich, losgelöst von einem objektiven Kodex "richtiger" und "falscher" Handlung oder Schuld.
Das erinnert mich ansatzweise, obwohl ich es nie gelesen habe, an die unerträgliche Leichtigkeit des Seins - denn so schön Leichtigkeit und Glück auch ist, wäre es doch langweilig ohne Trauer und Schwermut.
Und obwohl ich mich während des Films größtenteils langweilte, will ich ihn mir jetzt am liebsten schon wieder ansehen… Mh.
Signatur Du sagst, du hättest Angst, zu träumen. Du glaubst, es sei gefährlich für dich
- All die geheimen, unterdrückten Gefühle lauern hinter den Türen, wie Tiere, bereit, sich auf dich zu stürzen, dich zu zerfleischen. Meinst du wirklich, daß sie das täten?
Ich frage dich: wie können sie das? Sie sind nur wild, weil sie hungrig sind, weil du sie zu lange hast hungern lassen. Such den Schlüssel und laß sie frei. Füttere sie, bevor es zu spät ist.

Eines der traurigsten Dinge im Leben ist, daß ein Mensch viele gute Taten tun muss,
um zu beweisen, daß er tüchtig ist,
aber nur einen Fehler zu begehen braucht, um zu beweisen, daß er nichts taugt.
~~ Erfahrt hier mehr über das Sein an sich ~~ |