<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 28.02.2007 - 08:33 |  |
Nachts war ein Gewitter niedergegangen und der Himmel war noch bewölkt. Es rührte sich kein Lüftchen und das Meer sah aus wie ein großer, grauer Fleck. Die Ebbe lud zu einem Strandspaziergang ein, bei dem man vielleicht für Mama einige schöne Muscheln sammeln konnte. Und so machten sich Lara, Papa und Opa auf den Weg in Richtung „Pineda“.
Papa war an diesem Morgen besonders gut aufgelegt, denn mehr als einmal rief er aus: „Ach ist das schön , findest du nicht auch, Lara?“ Lara nickte, sie wunderte sich nicht über den Überschwang ihres Vaters, kannte sie doch solche Begeisterungsausbrüche an ihm.
„Ja, schön ist es hier“, rief auch Opa und fing an so laut er konnte „O sole mio“ zu singen. Lara lachte.
Auf einmal zeigte sie auf ein helles Etwas, das sich ein wenig im Sand eingegraben zu haben schien. „Was ist das?“
„Das ist eine tote Qualle.“
„Warum ist sie tot?“
„Na ja, sie hat vielleicht nicht aufgepasst.“
„Warum?"
„Die Geschichte erzähl ich dir heute Abend. Jetzt ärgern wir ein wenig das Meer“ und Opa rannte im Altmännertrab auf eine schwindende Welle zu und als ihm eine andere entgegenschäumte, versuchte er ihr aufschreiend in Richtung Strand zu entkommen. Da er aber nicht vermeiden konnte, trotzdem nass zu werden, lachte Lara und musste es ihm natürlich gleich nachmachen.
Fast eben so alt wie die Ameise Lisa, ist die Qualle Finkelstein. Dass sie aber so lange am Leben blieb, hatte sie einem günstigen Geschick, dem Vogel Hans und vor allem Lisa zu verdanken.
Quallen sind zauberhafte Tiere. Wer je eine von ihnen durch das sonnenhelle Meer hat schwimmen sehen, ist von ihnen entzückt. Die Schwerelosigkeit ihrer Fortbewegung gleicht dem Schweben der winzigen Fallschirme des Löwenzahns, wenn sie von sanftem Lufthauch erfasst, verspielt und scheinbar ziellos mal da, mal dort hin treiben. Ist es ihnen an der Oberfläche des adriatischen Meeres zu warm, lassen sie sich gemächlich in größere Tiefen sinken und wird es ihnen dort zu frisch, steigen sie langsam wieder nach oben. Sie scheinen keine Feinde und keine Nahrungssorgen zu kennen und so verbringen sie ihre Tage wie im Paradies. Kein Wunder, dass sie oft vor sich hinträumen und manche Qualle bei Flut schon auf den Strand gespült wurde und zu Grunde ging. So wäre es beinahe auch einmal der Qualle Finkelstein ergangen, wenn, ja wenn, es Lisa und Hans nicht gegeben hätte.
Seit damals, als der Vogel Hans Lisa geholfen hatte, waren sie dicke Freunde geworden. Die Ameise war vom Strandleben der Menschen fasziniert. Meistens saß sie auf einem Sonnenschirm in der vordersten Reihe und beobachte das Geschehen. Später dann, als sie erwachsen war, hatte der Ameisenrat beschlossen, dass sie diese Tätigkeit als Beruf ausüben dürfe und so war sie Strandwächterin geworden. Der Vogel Hans, ohnehin unter allen Tieren als Helfer bekannt, hatte seinen Aussichtsplatz zumeist auf der Stange der Sturmfahne, die ihm eine freie Sicht bis zum Horizont gewährte.
So war es auch an diesem Morgen. Die Sonne zeichnete eine erste Spur silbernen Lichts auf das Wasser, alle Hotelgäste schliefen noch, die beiden hatten gerade erst ihren Dienst angetreten, als der Vogel Hans aufgeregte Zeichen seiner Partnerin bemerkte. Sofort erhob er sich und stieg weit hinauf in die frische Morgenluft. Aber auch von dort oben konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Nur eine dieser dummen Quallen würde gleich wieder auf dem Strand festsitzen. Doch darüber wunderte sich Hans schon lange nicht mehr. Diese Tiere schienen keine Lehren daraus zu ziehen.
„Wer nicht hören will, muss fühlen“, sagte er sich.
Als aber Lisa keine Ruhe gab und ganz aus dem Häuschen geriet, flog er zu ihr hin.
„Was ist los?“, fragte er die Aufgeregte.
„Siehst du nicht, dass die Qualle dort gleich stranden wird?“
„Na und!“, sagte Hans ungerührt. Die will es nicht anders.“
„Aber das ist doch die Qualle Finkelstein, die schönste, netteste und klügste aller Quallen!“, rief Lisa empört aus. "Sie ist ein Freund von mir.“
„Sie scheint genau so dumm zu sein wie alle anderen“, brummte Hans mürrisch.
„Rede keinen Unsinn, flieg hin und weck sie auf, bitte“, drängte Lisa, nun vollends außer sich.
Der Vogel Hans verstand die Welt nicht mehr, dennoch tat er, was man ihm gesagt hatte.
„He, du da“, rief er als er bei der Qualle angekommen war. „Wach auf! He, wach endlich auf, du Schlafmütze!“
Doch Finkelstein rührte sich nicht und schien friedlich weiter zu träumen. „Sabberlott, wach auf, sonst ist es aus mit dir. Haaaallllooooo! Fiiinkelsteeeeiiiin!!!!“
Aber die Qualle schien ihn einfach nicht zu hören. Da setzte sich Hans kurzer Hand einfach auf sie drauf.
„Ups,“ schluckte sie, „was ist los?“ Siehst du nicht, dass du gleich festsitzen wirst?“ schrie Hans sie an. Doch das bemerkte die Qualle im gleichen Augenblick selbst, denn ihr Unterkörper berührte schon ganz leicht den Sand. Erschrocken faltete sie sich zusammen und schnellte mit einem einzigen Schwimmstoß ein Stück in’s Meer hinaus und gleich noch mal und sofort noch einmal, so erschrocken war sie.
„Das war knapp. Huaaaah!!!“
Nachdem Finkelstein sich vom Schreck ein wenig erholt hatte, blickte er zu dem seltsamen blauen Vogel hinauf um sich zu bedanken. Doch der unterbrach ihn unwirsch:
„Bei ihr kannst du dich bedanken, ich hätte dich nämlich ersaufen lassen!“, und er zeigte wütend auf die Ameise, die vom Schirm herabwinkte.
In seinem Ärger hatte Hans ganz vergessen, dass Quallen gar nicht ertrinken konnten, schließlich ist das Wasser ja ihr Element.
Finkelstein aber erkannte Lisa wieder und winkte ihr zu. "Danke, danke, ich danke dir, meine Liebe“, rief er. „Erinnerst du dich noch an die Riesenschildkröte 'BussiBussi'? .......
Bis zu unserer nächsten Reise!“
„Ja bis zur nächsten Reise“, antwortete Lisa mit Tränen in den Augen, so eine Angst hatte sie um ihren alten Freund gehabt. Dann tauchte die Qualle einfach unter und verschwand in der unendlichen Weite des Meeres. Lisa stand noch lange und winkte.
„Hör schon auf“, sagte der Vogel Hans, der wieder neben ihr Platz genommen hatte. Sie ist ja nicht mehr zu sehen.“ Lisa war ihm nicht geheuer.
„Ich habe noch nie gehört, dass eine Ameise mit einer Qualle befreundet ist“, brummte er. „Was ist das für ein Geheimnis?“
Da lächelte Lisa und meinte leichthin; „Weißt du, es gibt viele Sachen, die Vögel nicht verstehen, nicht einmal du. Bei uns Ameisen ist kein Ding unmöglich.“
Gerade kamen die ersten Urlauber an den Strand. Direkt unter dem Sonnenschirm der beiden heimlichen Strandwächter machten es sich ein blondes, kleines Mädchen namens Lara, ihr Vater und der Opa gemütlich.
„Wir wollen eine Burg bauen, Opa“, forderte die Kleine.
„Wir? Ich will keine Burg bauen. Ich will lesen. Bau doch selbst mal eine, das kannst du doch schon.“
„Nein, du sollst auch bauen.“
„Ich soll auch bauen? Also gut. Wir bauen heute die größte aller Burgen, so groß, dass sich die Wellen daran die Zähne ausbeißen werden.“
„Warum?“
„Was warum?“
„Sie haben doch keine Zähne, Opa............“
Lisa und der Vogel Hans schauten sich lächelnd an. Es war wie immer an diesen Urlaubstagen am Strand von Bibione, wenn die Sonne schien, das Meer so blau war wie der Himmel und der Wind sein leises Lied sang.
[Dieser Beitrag wurde am 03.03.2007 - 19:31 von Gudrun aktualisiert]
|