<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 14.02.2007 - 10:58 |  |
Im Mai fuhren Lara, Papa und Opa nach Bibione in Italien. Dort am Meer, mit seinem weiten, herrlichen Sandstrand verbrachten sie zusammen eine Woche Urlaub. Die Geschichten, die der „Knappe Opa“ der „Prinzessin Lara“ - meistens am Abend vor dem Zubettgehen, während sie ihr Milchfläschchen leerte, erzählte , wurden von den Heinzelmännchen festgehalten. Bliebe noch zu sagen, dass es sich stets um das gleiche Erzählritual handelte: in ihrem gemeinsamen Apartment im Hotel "Imperial", haben es sich die beiden auf dem großen Doppelbett in Opas Zimmer gemütlich gemacht. Opa, mit geschlossenen Augen die bunten Vögel der Phantasie herbeirufend, Lara, in seiner Armbeuge ruhend, wie immer mit der einen Hand mit einer Garbe blonden Haares spielend, mit der anderen das obligatorische Milchfläschchen haltend.
Die Geschichte handelt von einer Ameise, die Lisa heißt. Heute ist sie eine Greisin. Damals aber, als Papa so alt war wie Lara und sich mit Oma und Opa am Strand von Bibione tummelte, mag auch sie nicht viel älter gewesen sein als Lara heute. Freilich, erinnern kann sie sich daran kaum mehr. Nur ein einziges Erlebnis gab es, das sich ihr unvergesslich eingeprägt hat.
Eines Tages, als sie sich langweilte und gedankenlos ein wenig herumstreunte, hatte sie sich auf einmal verirrt. Sie konnte den Weg nach Hause nicht mehr finden. Plötzlich war alles voller Menschen, die sie mit ihren großen Schuhen zu zerquetschen drohten.
Es war schon Abend, überall strahlten die Lichter der Geschäfte und die riesigen bunten Hotelnamen auf den Dächern der Touristenherbergen schienen direkt in den Himmel geschrieben zu sein. Auf der breiten Straße fuhren viele Autos und Lisa befürchtete, niemals mehr auf die andere Seite zu kommen. Doch genau da musste sie hin. Von dort kam der Wind und wo der Wind herkam, da war das Meer, und am Meer befand sich die Strandhütte unter der sie mit ihren Eltern und vielen Tanten und Onkeln wohnte.
Lange Zeit wartete sie nun schon und noch immer hatte sich in der unendlichen Autokolonne keine Lücke aufgetan, die groß genug war, dass Lisa unversehrt hinübergekommen wäre. Ihre Mama würde sich gewiss schon Sorgen machen. Lisa durfte gar nicht daran denken, sonst würde sie einfach loslaufen... und genau das tat sie jetzt auch. Sie kletterte über den Gehsteigrand und schon war sie auf der Straße.
„Nein, nein, das darf sie nicht, sie muss erst links und rechts schauen!“, rief Lara aufgeregt.
„Genau, so macht man das, wenn man über die Straße will“,lobte Opa, "doch hör nur, was jetzt passiert."
Ein ungeheurer Lärm brach los, Reifen quietschten, wütendes Hupen setzte ein, erschreckte Schreie ertönten und Lisa dachte ihr letztes Stündlein habe geschlagen… als es auf einmal wieder ganz still wurde.
Sie schaute sich verwirrt um und erblickte mitten auf der Straße einen Vogel. Er war etwa so groß wie ein Rabe, aber seine Federn funkelten von einem so leuchtenden Blau wie das Meer an einem wolkenlosen Sommernachmittag, wenn in der Ferne ein Gewitter grollt. Nur wegen ihm waren alle Autos stehen geblieben, nur wegen ihm war sie noch am Leben.
Trotz ihres Erstaunens hatte Lisa ihn sofort erkannt: es war der Vogel Hans. Bei allen Tieren am Strand von Bibione war er beliebt. Vielen hatte er schon geholfen und war dadurch zu einer Legende geworden.
Er blinzelte Lisa freundlich zu und forderte sie nun auf, rasch weiterzugehen.
„Hab keine Angst“, sagte er, „alle werden warten. Aber spute dich!“
Lisa rannte los, so schnell sie konnte, und war in diesem Augenblick bestimmt die schnellste Ameise auf der ganzen Welt. Aber wie schnell ist schon eine Ameise? Nicht sehr schnell, nicht wahr?
„Doch, sie laufen ganz schnell, aber weil sie so klein sind, kommen sie nicht vom Fleck“, wandte Lara ein.
„Ja, so ist es, aber auf das Vomfleckkommen kommt es doch schließlich an, oder nicht?", fragte der Opa.
Lara schüttelte den Kopf, antwortete aber nicht; sie nuckelte versonnen an ihrer Flasche und bedeutete Opa mit den Augen, dass er weitererzählen solle.
Lisa hatte gerade erst ein Stück des Weges zurückgelegt, als der Krach wieder losging. Man hörte schimpfende Stimmen:
„Überfahre das Vieh doch einfach“, rief einer aufgebracht.
„Er wird schon wegfliegen“, höhnte ein anderer.
Aus dem vordersten Auto stieg ein dicker, großer Kerl aus und stiefelte bedrohlich auf den Vogel Hans zu. Der aber flatterte einen Moment in die Höhe und als sich der Wütende wieder zu seinem Wagen begab, saß Lisas Beschützer – schwups - schon wieder auf seinem Platz, mitten auf der Straße.
Die kleine Ameise hatte das alles aus den Augenwinkeln verfolgt und war so schnell sie konnte weiter geeilt. Jetzt mochte sie ungefähr in der Straßenmitte angelangt sein, als eine neue Gefahr auftauchte.
Ein Polizist näherte sich mit wichtiger Miene dem Durcheinander. Die Leute machten ihn auf den seltsamen Vogel aufmerksam. Der Uniformierte stutzte, denn auch ihm bot sich ein solcher Anblick zum ersten Mal. Ein Vogel, der sich einfach frech mitten auf die Straße setzte. Dann aber schritt er energisch auf das Verkehrshindernis zu.
„Was willst du hier? Verschwinde!“, rief er barsch, gerade so, als könne ihn Hans verstehen. Und er bekam auch eine Antwort, aber das Krächzen, das zum Ausdruck bringen sollte, dass Lisa die Straße noch nicht überquert habe, wusste er natürlich nicht zu deuten.
Da wurde ihm die Sache zu dumm, zumal die Leute hinter seinem Rücken anfingen zu feixen. Er beugte sich mit ausgebreiteten Armen zu dem Störenfried hinab, um ihn einfangen.
Doch auch ihm gelang es nicht, denn genau wie vorher erhob sich Hans federleicht und schaute aus sicherer Höhe schnell mal nach Lisa, die bereits den größten Teil der Straße überquert hatte.
Doch noch war sie nicht in Sicherheit. Deshalb nutzte Hans das Gelächter der anwachsenden Zuschauermenge, um sich ein drittes Mal auf der Fahrbahn niederzulassen. Der Polizist schimpfte jetzt mit den belustigten Urlaubern, von denen einige hinter seinem Rücken sogar Grimassen schnitten, während die Autofahrer wieder damit begannen, ein schreckliches Hupkonzert zu veranstalteten.
Da endlich, gerade als das Chaos auf dem Höhepunkt angelangt war, hatte es Lisa geschafft und drückte sich atemlos in den Winkel der Gehsteigkante.
Der blaue Vogel, der sie keinen Augenblick aus den Augen gelassen hatte, registrierte es mit freudiger Zufriedenheit.
Noch bevor die wütenden Autofahrer endgültig die Nerven verloren, schwang er sich elegant über die Köpfe der Aufgeregten hinweg und setzte sich auf den Ast eines der Alleebäume.
Von dort stieß er einige heisere, höhnisch klingende Laute aus, um dann wie ein Spuk in der Nacht zu verschwinden.
Lisa wartete noch ein Weilchen, bis sich die Leute verlaufen hatten und gelangte danach ungefährdet nach Hause. Es war schon spät, als sie ankam. Mama und Papa hatten voller Sorge auf sie gewartet. Weil sie aber so erleichtert waren, sie unversehrt wieder zusehen, schimpften sie nicht mit ihr, sondern schlossen sie ganz fest in die Arme. Mama wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.
Später dann, in ihrem Bettchen, konnte die kleine Ameise noch nicht einschlafen. Zu sehr hatte sie das Abenteuer mitgenommen. Noch lange musste sie an den Vogel Hans denken, der ihr mutig das Leben gerettet hatte, indem er das seine aufs Spiel gesetzt hatte.
Schließlich aber konnte sie dem wiegenden Säuseln der Meereswellen nicht mehr widerstehen und die Äuglein fielen ihr zu.
"Och Lara, du hast noch nicht deine Milch ausgetrunken!“
„Und wo war Lara, Opa?“
„Lara war damals noch nicht auf der Welt.“
„Warum?“
„Also, jetzt trinke deine Milch endlich aus", lenkte Opa ab, um der Warum-Falle zu entkommen.“
„Erst musst du noch eine Geschichte von der Ameise Lisa erzählen, Opa, bitte, bitte!“
„Nein, morgen vielleicht.“
„Also gut, du Weib.“
„Was hast du gesagt?“
„Nichts! Ich habe nichts gesagt.“
„Doch, du hast Weib gesagt.“
„Nein!“
„Doch!"
„Nein!“
„Doch!“
"Neeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnnn!"
[Dieser Beitrag wurde am 15.03.2007 - 09:53 von Gudrun aktualisiert]
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