<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 14.02.2007 - 11:14 |  |
„Opa, welche Geschichte erzählst du heute?“
„Mir fiel noch ein Abenteuer der Ameise Lisa ein, magst du es hören?“
„Oh, ja!“
„Aber noch ein Tier spielt darin eine wichtige Rolle.“
„Welches?“
„Rate mal.“
„Ein Elefant?“
„Nein, es ist ein kleines Tier.“
„Ein Pferd?“
„Noch kleiner.“
„Ein Hund?“
„Noch kleiner.“
„Eine Maus?“
„Nein, es wohnt in einem Sumpf.“
„Eine Schlange!“
„Nein, es macht Quack, Quack.“
„Ein Frosch!"
„Ja ein Frosch, ein Frosch der Anton heißt. Aber vergiss nicht, deine Milch zu trinken!“
Lara nickte nur und begann bereitwillig an ihrer Flasche zu nuckeln.
Bibione zieht sich als schmale Kette vieler Hotels ein Stück weit an der sandgesäumten, glitzernden Adria entlang. An seiner Rückseite, unweit der Urlauberherbergen, wo die Zunge einer Lagune das Land beleckt, war der Frosch Anton Zuhause. Hier saß er auf einem dicken Blatt innerhalb eines Tümpels und achtete darauf, dass ihm die Sonne nicht zu sehr auf die empfindliche Haut schien. Die Augen hielt er halb geschlossen, als döse er müde vor sich hin - aber er tat nur so. In Wirklichkeit war er hellwach, denn schon seit einiger Zeit umschwirrte ihn eine fette Fliege, der seine ganze Aufmerksamkeit galt. Zu gerne würde er sie mit seiner langen, klebrigen Zunge einfangen. Aber, als ahnte das Insekt seine Absicht, kam es ihm zwar häufig sehr nahe, niemals aber so weit, dass er eine Möglichkeit hatte, es zu erwischen. Beinahe sah es aus, als wollte es Anton nur ärgern.
In diesem entscheidenden Moment störte ein feines Stimmchen seine Jagdleidenschaft.
„He, schläfst du oder warum rührst du dich nicht? Ich sitze schon eine ganze Weile hier und will dich was fragen.“
Der Frosch erschrak und machte eine heftige Bewegung. Die ersehnte Beute entfleuchte sofort auf Nimmerwiedersehen. Ärgerlich wandte er sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, konnte jedoch nichts entdecken. Nicht so sehr weil eine Ameise so klein ist, denn es handelt sich bei dem Störenfried um unsere Lisa, nein, vor allem deshalb, weil Frösche nicht gut unbewegliche Gegenstände erkennen können.
„Hier bin ich“, rief Lisa hilfsbereit, die es gewohnt war, dass man sie leicht übersah.
Im Allgemeinen war Anton mit seinen Augen recht zufrieden, aber jetzt war er in Verlegenheit. Deshalb quakte er unwirsch in die Richtung der Stimme:
„Was willst du? Lass mich gefälligst in Ruhe! Störe meine Kreise nicht!“
„Welche Kreise?“, fragte Lisa. „Ich sehe keine Kreise.“
„Ach Larifari!“, rief der Frosch ärgerlich. „Sag, was du von mir möchtest und dann verschwinde wieder.“
„Oooch“, druckste Lisa herum, „ich will nichts Besonderes. Nur habe ich so einen wie dich noch nie gesehen. Ich wohne nämlich am Strand, wo das große Meer ist. Heute wollte ich mal wieder einen Ausflug machen, um die Welt kennen zu lernen. Da sah ich dich hier faul herumsitzen. Wir Ameisen, musst du wissen, arbeiten nämlich von Früh bis Spät“ - ein leiser Vorwurf war in ihren Worten nicht zu überhören.
„Quatsch!“, antwortete der Frosch, „ich habe auch gerade gearbeitet, nur sieht man das eben nicht gleich. Wir Frösche sind nämlich Kopfarbeiter. Wir haben eine Strategie."
“Eine was?“, fragte Lisa.
„Ach das verstehst du nicht. Ameisen rennen den ganzen Tag sinnlos hin und her. Wir Frösche hingegen warten ganz still und konzentriert auf eine Gelegenheit. Und wenn uns etwas vor die Nase fliegt, dann schnappen wir zu.“
„Ich habe aber nicht gesehen, dass du geschnappt hast“, zweifelte Lisa.
„Natürlich nicht, die Fliege war nicht nahe genug. Nicht jeder Versuch kann gelingen", erboste sich der Frosch, machte einen Riesensprung und landete direkt neben der Ameise.
„Ups, beinahe wärst du auf mich drauf gesprungen.“
„Na und? Was bedeutet schon so ein Winzling wie du? Nichts!“
„Oh, sag das nicht, vielleicht könnte ich dir sogar helfen?“
„Du? Dass ich nicht lache!“, prustete der Frosch.
„Wie sollte das geschehen?“
„Na, du scheinst blind zu sein, denn du siehst die fette Fliege nicht, die hier neben uns auf dem großen Blatt der Dotterblume sitzt. Ich könnte sie mit meiner Ameisensäure anspritzen, das würde sie einige Sekunden lähmen und du könntest sie gemütlich auffressen."
„Oh, das würdest du tun?“, staunte der Frosch und wurde sofort viel freundlicher.
„Übrigens, ich heiße Anton und wie heißt du?“
„Mein Name ist Lisa.“
„Freut mich, Lisa, aber so viel erwarte ich gar nicht von dir. Du musst mir nur sagen, in welcher Richtung und ungefähren Entfernung die Fliege sitzt. Dann krabbelst du zu ihr hin und scheuchst sie auf. Weil sie sich bewegt, erkenne ich sie und flutsch kann ich sie mit meiner langen Zunge fangen.“
„Nichts leichter als das“, sagte Lisa. Zeigte dem Frosch genau, wo er sitzen müsse und machte sich eiligst auf den Weg.
Die Fliege, welche die beiden Verschwörer gelassen beobachtet hatte, blieb sorglos, sie wusste sehr genau, dass sie, solange sie sich still verhielt, für den Frosch unsichtbar war. Und mit den Ameisen hegten Fliegen keine Feindschaft. So beachtete sie Lisa nicht weiter. Auch nicht, als diese auf das Blatt geklettert kam und sich ihr näherte, zumal sie sich in einiger Entfernung umdrehte und ihr den Hinterleib entgegenstreckte. Plötzlich aber wurde sie von einem Strahl beißender Flüssigkeit getroffen. Erschreckt wollte sie davon fliegen, doch genau das war ihr Verhängnis. Wie ein Blitz traf sie Antons Zunge und kaum, dass Lisa richtig geguckt hatte, waren beide, Zunge und Fliege, im großen Maul des Frosches verschwunden.
Anton war begeistert. „Großartig, phänomenal, phantastisch“ jubelte er. „Könnten wir das noch mal versuchen?“
Und als Lisa sich bereit erklärte, war klar, dass sie damit auch ihr Einverständnis zu einer ausgiebigen Fliegenjagd erteilt hatte.
Fast den ganzen Nachmittag musste sie sich ein ums andere mal darum kümmern, dass Anton die richtige Entfernung zu seinem jeweiligen Opfer einnahm, dann die Fliegen aufscheuchen und schließlich zusehen, wie sie alle, ohne eine einzige Ausnahme, in Antons großem Maul verschwanden. Und je mehr Fliegen er fing, umso hungriger schien der Vielfraß zu werden.
Endlich aber sagte Lisa, dass nun Schluss sein müsse, denn es sei Zeit für sie, sich nach Hause aufzumachen. Der Frosch, der am liebsten immer weitergemacht hätte, musste Lisa ziehen lassen. Allerdings sollte sie ihm versprechen, so oft wie möglich wieder zu kommen und ihm bei seiner „Arbeit“ zu helfen, am Besten gleich Morgen.
Da lachte Lisa: „Arbeit? Ich denke Frösche arbeiten mit dem Kopf, sie haben eine Strategie? Am besten du wendest diese in Zukunft wieder an. So schnell wirst du mich nicht wieder sehen.“
„Schade“, bedauerte der Frosch. „Aber, ich danke dir trotzdem. Vielleicht kann ich dir ja auch einmal einen Gefallen tun?“
„Keine Ursache“ antwortete Lisa und machte sich rasch davon. Auf einmal taten ihr nämlich die Fliegen leid, die eine nach der anderen in dem gefräßigen Froschmaul verschwunden waren. Sie hatte gar kein gutes Gefühl und so beschloss sie, ihrer Mama lieber nichts davon zu berichten.
Es war schon spät, als sie endlich wieder bei ihrer Strandhütte, in der sie mit ihren vielen Tanten wohnte, ankam. Rasch verdrückte sie sich unbemerkt in ihr Zimmer und als die Mutter auftauchte, um nach ihr zu sehen, tat sie so, als sei sie schon seit längerer Zeit anwesend.
„Mach dass du jetzt endlich ins Bett kommst, Lisa!“, mahnte die Mutter etwas unwirsch. "Wo warst du eigentlich den ganzen Nachmittag?“
Doch zum Glück wollte es die Mutter gar nicht so genau wissen, denn ehe Lisa antworten konnte, war sie schon wieder draußen.
An diesem Abend schlief die kleine Ameise ganz schnell ein. Durch eine Ritze der Strandhütte nahm sie noch einen fadenfeinen Streifen der untergehenden goldenen Sonne mit in ihren Traum. Nicht einmal das vertraute Wispern des Meeres hörte sie mehr. Den Frosch Anton aber, hat sie in ihrem ganzen Leben nie mehr wieder gesehen.
Auch Lara war in Opas Armbeuge eingeschlafen. Er brachte die weiter selig Träumende zu Bett und setzte sich noch eine Weile zu seinem Sohn auf die Terrasse.
Schweigend schauten sie hinaus aufs dunkle Meer. Es war ihm wehmütig zumute.
„Wie doch die Zeit vergeht“, seufzte er.
„Wie bitte?“, fragte der Sohn.....und als er keine Antwort bekam: „Hast du was gesagt, Papa?“
„Ich?“
„Nein, ich habe nichts gesagt“, antwortete der Vater.
[Dieser Beitrag wurde am 15.03.2007 - 10:05 von Gudrun aktualisiert]
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