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...   Erstellt am 17.02.2007 - 22:59Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


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Prolog

„Pscht, sei leise“, flüstert Peter seinem Freund Heinz zu. „Wenn sie uns erwischen, sind wir dran. Und den Staudamm, den können wir dann vergessen. Und wir kriegen die Hucke voll, ganz bestimmt.“

Es ist der Sommer im Jahr 1951. Die beiden Jungs sind sieben Jahre alt, fühlen sich so stark wie Goliath. Nur die Angst, die sie haben, die steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Frech, neugierig, schuldbewusst, doch äußerst zielstrebig sammeln sie im Keller von Peters Vater zusammen, was sie brauchen. Zwei Schaufeln, eine kleine Spitzhacke, eine Rolle Draht. Ein alter Armeerucksack lehnt an der Kellertür, gefüllt mit Butterbroten, auf die ein wenig Zucker gestreut ist. Zwei Bierflaschen, mit Bügel und kleinem Gummiring im Verschluss sind mit Pfefferminztee gefüllt. Eine kleine Papiertüte mit Brausestängelchen vervollständigt den kostbaren Proviant.

Leise schleichen sich die Beiden aus dem Keller, laufen geduckt durch den Vorgarten. Als sie sicher sind, dass sie Niemand beobachtet, rennen sie lachend und prustend auf dem schmalen Feldweg Richtung Wald.

Es ist eine verdammt einsame Gegend, das kleine Dorf liegt eng zusammengerückt in einer Talsenke. Früher gab es hier nur das Hofgut mit seinen riesigen Ländereien. Jetzt, in den ersten Jahren nach dem Krieg, fristen sieben Familien mehr schlecht als recht hier ihr Dasein. Aber die Ansprüche sind nicht hoch. Tägliche schwere Arbeit auf den Feldern und lange friedliche Nächte ohne Bombenalarm und Feuersbrünsten haben die Menschen genügsam und dankbar gemacht.

Nach ein paar hundert Meter geht den Buben die Luft aus. Die Werkzeuge sind schwer, viel zu groß für die Beiden. Aber sie sind wild entschlossen, den kleinen Bach, der sich aus dem nahen Forst direkt in die Wiesen schlängelt, aufzustauen und sich so einen kleinen Tümpel zum Baden zu schaffen. Seit April gehen sie zur Schule, die allerdings sieben Kilometer entfernt in der nächsten Kreisstadt ist.
Morgens können sie mit dem Milchwagen mitfahren, gezogen von zwei schweren Gäulen, der die Frischmilch der fünfzehn Kühe in die Markthallen fährt. Auch Eier und selbst gemachter Käse sind auf dem Leiterwagen aufgeladen. Von diesen Verkäufen können die notwendigen Anschaffungen der kleinen Dorfgemeinde finanziert werden.

Am Mittag müssen die Kinder nach Hause laufen. Bei Wind und Wetter sind sie nahezu 1,5 Stunden auf der schmalen Landstraße unterwegs. Im Frühjahr und im Sommer war das ganz in Ordnung, was im Winter sein wird, das weiß noch Niemand.
Barfuß sind die Jungs. Schuhe sind teuer und mehr als ein Paar hat Keiner. Sonntags zum Kirchgang, da tragen alle ihre Schuhe, aber jetzt in den Ferien, da braucht man keine Schuhe, die kleinen, schwieligen Füße sind barfuß gehen gewohnt.

Die Stelle, an der der kleine Bach aufgestaut werden soll, den haben die Jungs schon lange ausbaldowert. Direkt am Waldrand, eingegrenzt von Brombeerbüschen, ist eine natürliche Senke, sie müssen den Bach nur ein wenig umleiten. Zwei Stunden mühen sie sich ab, graben, schaufeln, wühlen im Matsch.

Heinz hat Äste gesammelt, die binden sie mit dem rostigen Draht zusammen. Wie die Biber wollen sie es machen, mit Laub und Grassoden abdichten.

„Guck mal, Peter, sind das Knochen?“

Heinz wühlt mir den Händen in der nassen Erde, zieht kleine, weiße Knöchelchen aus dem Boden.

„Da hat bestimmt Jemand seinen Hund begraben. Grab weiter, vielleicht finden wir noch den Kopf. Dann bauen wir ein Skelett zusammen und hängen es der dicken Gerti über das Bett. Das wird eine Gaudi, warte, ich helfe Dir.“

Nun graben sie zu zweit, bewegen eine Menge Erdreich. Mit dreckverschmierten Gesichtern lachen sie sich an, wenn wieder einer der Knochen im Erdreich auftaucht.

Peters Arm steckt bis zum Ellenbogen in der Erde.

„Warte, ich hab was. Das ist was Größeres, das ist bestimmt der Kopf.“

Fassungslos schauen die beiden Kinder auf den kleinen Schädel.

Heinz fängt an zu stottern.

„Das, das , das ist, das ist, kein, kein Hundekopf“, er fängt an zu würgen. In der Hand hält Peter einen kleinen menschlichen Schädel, die winzigen Zähnchen in der offenen Mundhöhle sind weiß und erstaunlich sauber.

Den Schädel in der Hand rennen die Kinder nach Hause. Tränen laufen ihnen über das Gesicht, graben Rillen und Furchen in die dreckigen Gesichter. Laufen schreiend und weinend direkt zu Peters Vater, der trotz seines amputierten rechten Beines im Feld Kartoffeln hackt, auf eine grob zusammengesetzte Krücke gestützt.

„Was habt ihr zwei Schlawiner denn wieder ausgeheckt? Und was hast Du da in der Hand? Zeig mal her. Nun mach schon. “

Er nimmt Peter den Schädelknochen aus der Hand. Die Mimik in seinem Gesicht wechselt von Neugier über Erstaunen bis hin zu Entsetzen.

„Das ist ein Kinderkopf. Wo, um Himmels Willen, habt ihr den gefunden? Wie seht ihr überhaupt aus? Na, da wird sich die Mama freuen. Ihr Dreckigel, wie die Schweine seht ihr aus. “

Peters Vater ruft nach zwei weiteren Männern und zu dritt gehen sie mit den aufgeregten Buben zu der Fundstelle. Keiner verliert ein Wort über den aufgestauten Bach. Das Entsetzen über den grausigen Fund lässt alles andere unwichtig erscheinen. Die Männer flüstern miteinander, schließlich geht Rolf, der Vater von Heinz, ins Dorf zurück, um mit seinem alten Motorrad in die Stadt zu fahren und die Polizei zu informieren.

Drei Tage lang suchen mehrere Polizisten das Gelände am Waldrand ab. Sie finden insgesamt sieben Kinderleichen, zum Teil skeletiert und in verschiedenen Stadien der Verwesung. Ebenso finden sich Knochenteile von mehreren Katzen, Hunden und Vögeln.

Der Waldrand wird seitdem gemieden. Niemand pflückt mehr die reifen Brombeeren, die Hecken wuchern im Lauf der Zeit den Rain komplett zu. Man höre dort die Seelen weinen, erzählen die Erwachsenen und die Kinder erwachen des Nachts an in ihren Albträumen.

Lange Zeit dauern die Ermittlungen der Polizei. Die toten Kinder, zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen zwei und vier Jahren alt, konnten alle identifiziert werden. Drei von ihnen waren im benachbarten Frankreich verschwunden, die anderen vier aus Orten entlang der deutschen Rheinseite zwischen Mannheim und Rastatt. Untersuchungen ergaben, dass die Kinder erstochen und verstümmelt wurden. Die noch erhaltenen Kinderleichen wiesen dilettantisch geführte Operationsverletzungen sowie grobe Nähte auf. Die Geschlechtsorgane und die kleinen Gesichter dagegen waren unberührt.
Die Morde wurden niemals aufgeklärt, sieben Akten über verschwundene und getötete Kinder verstaubten in den kommenden Jahren im Archiv.



[Dieser Beitrag wurde am 17.02.2007 - 23:01 von CCHuber aktualisiert]





Signatur
Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
(Indianische Weisheit)


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