Forum für Kurzgeschichten, Gedichte, Philosophisches, Fotografien, Gemälde oder einfach zum Quatschen.

Das Boot - Albertcamus

Herzlich willkommen im Boot!

RSS-Feed

Uebersicht    Mitglieder    Registrieren    Login


Neuer Thread ...


ErstellerThema » Beitrag als Abo bestellenThread schließen Thread verschieben Festpinnen Druckansicht Thread löschen

cchuber ...

...

...

Status: Offline
Registriert seit: 17.02.2007
Beiträge: 85
Nachricht senden
...   Erstellt am 25.02.2007 - 13:39Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Stimmen


Eben habe ich noch ein Buch gelesen. Ich bin auf Seite 111. Da spüre ich ein großes, ausgezacktes Loch. Wo? Ich kann nicht sagen, ob es um mich herum ist, in mir drin oder ob ich selbst das Loch bin. Es klingt, wie wenn Jemand Papier oder einen Stoff-Fetzen herausreißt. Es tut furchtbar weh. Das Loch ist schwarz und ein Teil von mir weiß, sein Name ist Einsamkeit.

Sabrina

Die nächsten vier Jahre verbrachte ich in einer psychiatrischen Klinik Fast bin ich versucht zu sagen, dass dies die bisher schönsten Jahre meines Lebens waren. Nicht gleich. Die Zeit der Eingewöhnung war schwer. Ich war es nicht gewohnt, dass ständig Menschen um mich herum waren. Es machte mir Angst. Wo ich auch hinging, Patienten, Ärzte, Schwestern. Menschen wie Ameisen. Menschenreihen, die auf ihren Termin beim Arzt warteten, Menschenreihen auf dem Weg zum Essen, Menschenreihen in ihren Bettenreihen in den Zimmerreihen. Menschenreihen, die ohne jegliche Intimsphäre auf Kloreihen saßen. Überall Menschen, Menschen, Menschen. Ich sehnte mich nach der Ruhe und Stille in meinem Schrank. Ich sehnte mich nach Gott, der dort bestimmt auf mich wartete. Ich sehnte mich nach mir. Wir lebten auf so engem Raum zusammen, dass ich manchmal dachte, irgendwann sind wir alle zu einer einzigen Person zusammengewachsen. Ein einziger Fleischkloß mit vielen Armen, Beinen und Köpfen, auf ewig aneinander geschweißt.

Die Klinik war nicht allzu weit von meinem bisherigen Zuhause entfernt. Im ersten Jahr meines Aufenthaltes kam meine Mutter monatlich einmal zu Besuch, dann kam sie nur noch zu Ostern, Weihnachten und zu meinem Geburtstag. Im vierten Jahr kam sie dann gar nicht mehr. Sie hätte soviel zu tun in ihrem neuen Haus und ich würde auch bald ein Geschwisterchen bekommen. Ja, tatsächlich, sie hatte Herrn Friedrich geheiratet, den aus dem Konsum. Zusammen bauten sie ein kleines Haus. Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Bad. Oben unter der Dachschräge das Schlafzimmer von Mama und Herrn Friedrich und das Zimmer meiner kleinen Schwester. Ich lernte Brigitte erst kennen, als ich aus der Klinik entlassen wurde.

Herr Friedrich hatte wohl Angst, sie könnte sich bei mir anstecken. Sie sei blond und hätte blaue Augen, genau wie der Papa. Sie sei eine wirkliche kleine Schönheit, nicht so ein kleiner, dicker Teufel mit dunklen und ungebändigten Locken, die weder Kamm noch Bürste gehorchen wollten.

Sprechen konnte ich immer noch nicht. Manchmal rollte ein O durch meinen Mund, kullerte von einer Seite auf die andere, schlüpfte unter die Zunge und weg war es. Manchmal war mein Magen voll mit verschluckten O`s. Dann rollten sie wie kleine, runde Steine durch meinen Magen und meinen Darm und polterten irgendwann in die Toilette.

Jetzt waren meine Hände mein Mund, was ich nicht aussprechen konnte, schrieb ich auf. Hatte immer einen kleinen Spiralblock und einen Stift um den Hals hängen.

Die Klinik stand auf einem riesigen, etwas hügeligem Gelände. Jedes Gebäude bildete eine fest geschlossene Einheit mit Patientenzimmern, Arzt- und Sanitärräumen, Küche und Speisesaal. Morgens nach dem Frühstück gingen wir im Ameisengang durch das Schwesternzimmer, nahmen unsere Tabletten entgegen und dann? Nichts. Viele Tage gefüllt mit Nichts, die Monotonie nur unterbrochen von den Essenszeiten. Dienstag und Donnerstag war Sport in der Turnhalle, die anderen Tage flogen dahin, ohne dass ein Einziger die Möglichkeit einer Erinnerung bot.

Die ersten Wochen hatte ich fast nur geschlafen, nur einmal die Woche musste ich zum Arzt.

„Wie geht es dir?“

Ich beobachtete die Spinne, die am Fensterrahmen ihr Netz spann.

„Nimmst du deine Tabletten?“

Wie machte die Spinne das nur? So ein kleiner Silberfaden. Kam der aus ihrem Popo?

„Hast du Träume? Hörst du noch die Stimmen?“

Das Netz war fast fertig.

„Erzähle mir doch von den Stimmen.“

Ob ich auch so einen Silberfaden aus mir heraus drücken könnte?

„Na gut, dann bis Mittwoch. Der nächste Patient bitte. “

Kein Silberfaden, aber Speichel lief mir übers Kinn. Ich hatte es nicht bemerkt, aber eine Krankenschwester wusch ihn hastig mit einem feuchten Lappen weg, nahm mich an der Hand und brachte mich wortlos auf mein Zimmer. Warum denken die Menschen, dass man nichts hören kann, wenn man nicht spricht? Warum spüren sie nicht, dass man hungrig ist nach Worten? Nach gesprochenen Worten?

„Warum erzählst du ihm nicht von uns? Schämst du dich etwa?“

„Wir sind ihr nicht mehr gut genug, sie hat jetzt andere Freunde.“

„Wir sind immer noch da.“

„Wir passen auf dich auf, wir lieben dich.“

„Aber sie liebt euch nicht, lasst sie doch in Ruhe.“

„Will sie das, will sie Ruhe?“

„Sie sabbert, igitt.“

„Sie ist halt verrückt.“

„Nein, ist sie nicht, sie ist krank.“

Das Netz der Spinne ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wo hatte ich ein anderes Netz gesehen? Groß, mächtig, aus dicken Seilen? Tagelang habe ich nachgedacht, dann fiel es mir wieder ein. Natürlich, das Netz im Auge des Treppenaufganges. Der Treppenaufgang im neu gebauten Trakt der Klinik. Dort, wo die medizinischen Geräte stehen und die Verwaltung untergebracht ist. Das Gebäude, das die meisten von uns fürchteten wie den Tod und das doch manche von uns magisch anzog. Die Magie der Freiheit, die Magie des Todes faszinierte viele von uns.

Eine runde Treppe, die sich wie ein Wurm durch die fünf Stockwerke nach Oben schlängelte.

Die Spinne fing in ihrem feinen Netz ihre Nahrung. Das machte Sinn. Das grobe Netz im Treppenhaus fing die Menschen. Menschen, die einfach nur noch sterben wollten. Früher, als es dieses Netz noch nicht gab, da hieß diese Treppe die Spirale in den Himmel. Warum in den Himmel? Wenn sie sich doch in die Tiefe stürzten? War der Weg in den Himmel eigentlich ein Weg nach Unten? In die ewige Finsternis? Ist Oben Unten? Und Unten Oben?

Das Netz sei ein Symbol dafür, dass auch kranke Menschen mit ihren Sehnsüchten und Wünschen aufgefangen würden. Dass niemals Jemand wirklich alleine sei, dass es immer Menschen gäbe, die sich kümmern und sorgen. Dies war die Erklärung des Künstlers. Dies stand zumindest auf einer kleinen Metalltafel im Erdgeschoss. Hat es jemals Einer geglaubt?

Der runde Neubau war gefürchtet. Dort wurde therapiert. Was man damals so unter Therapie verstand. Elektroschocks. Kalte Wannenbäder. Zwangsjacken, wenn gar nichts mehr half. Psychotherapie im heutigen Sinne gab es noch nicht, die ersten Versuche junger Therapeuten, systemisch zu arbeiten wurden von den Ärzten als Humbug und Zeitverschwendung abgetan. Warum auch soviel Zeit und Energie in die Verrückten stecken? Denen ist doch ohnehin nicht mehr zu helfen.
So dachte man damals und so wurde aus manchem Patienten ein Opfer der Medizin, wurde aus dem Verkehr gezogen und sicher aufbewahrt.

Die Zimmer hatten jeweils acht Betten. Stockbetten. Zwei auf der rechten Seite des Zimmers, zwei auf der linken Seite. Aus weiß gestrichenem Metall. Neben den Betten jeweils zwei Schränke. Ebenfalls aus Metall. In der Mitte des Zimmers ein Tisch mit acht Stühlen. Ein vergittertes Fenster ohne Gardinen. Obwohl vergittert, ließ sich das Fenster nicht öffnen. Die Lüftung in der Decke schaffte es nie, die Ausdünstungen und Gerüche von uns acht Bewohnern gegen Frischluft auszutauschen. Es stank, besonders nachts. Aber auch daran kann man sich gewöhnen.

Die Betten waren nummeriert. Meines hatte die Nummer Acht. Es war das obere Bett auf der rechten Seite gleich neben der Tür. Die oberen Betten hatten den Vorteil, dass man aus dem Fenster schauen konnte, wenn man sich auf den Bauch legte.

Doris saß geistesabwesend am Tisch und zerriss eine Zeitschrift in kleine Fetzen, dabei war ihr Blick starr und angstvoll an die Decke gerichtet. Die Beine unter dem Tisch unnatürlich verdreht. Sie war die Einzige in unserem Zimmer, die sich nicht alleine waschen und anziehen konnte. Zu den Essenszeiten nahm ich sie immer an die Hand, schleifte sie neben mir her in den Speisesaal. Das meiste Essen, das ich ihr in den Mund schob, fiel wieder raus. Oft fragte ich mich, ob sie denn noch wahrgenommen hat, in welcher Welt sie lebte. Es war etwas in ihren Augen, in diesem starren Blick, das mich schaudern ließ.

„Ist sie nicht ein gutes Mädchen?“

„Ach was, die putzt bloß wieder ihren Heiligenschein“

„Es ist doch schön, wenn sie hilft“

„Soll sich erst mal um sich selbst kümmern, dann kann sie immer noch helfen“

„Der ist doch selbst nicht mehr zu helfen“

„Ihr seid gemein“

„Nein, nur ehrlich“

Doris lebt seit Ende des Krieges hier. Ihr Vater konnte sie nicht mehr versorgen, als er verwundet von der Front zurückkam. Doris und ihre Mutter wurden während eines Luftangriffes im Keller ihres Hauses verschüttet. Die Mutter muss wohl sofort tot gewesen sein, Doris fand man erst vier Tage später, eng an den Leichnam ihrer Mutter gekuschelt.

Manchmal sah ich das in ihren Augen. Nicht den Keller, aber das Grauen, das einen Platz in Doris gefunden hatte, als die Bomben fielen. Und ganz tief hinten in diesen Augen, da sah ich ein kleines Mädchen. Ein kleines Mädchen, das abwehrend die Hände nach vorne streckte, deren kleiner Körper sich immer weiter ins völlige Dunkel zurückziehen wollte. Sie war noch da, ich hörte ihre stummen Hilferufe. Manchmal spürte ich den Zwang, diese Hände zu ergreifen, um sie wieder ins Licht zu ziehen, aber ihre Angst vor der Realität war wohl noch zu groß. Da wurde ich oft zornig, stieß sie von mir weg- und fühlte mich so schlecht und so hilflos.

Auf der linken Fensterseite im unteren Bett lag die dicke Karin. Ihr Gewicht drückte die Matratze bis fast auf den Boden. Zwei von uns mussten ihr helfen, aufzustehen, allein hatte sie es nie geschafft. Karin liebte Musik, sang selbst fast den ganzen Tag. Und sie hat getanzt. Es war unglaublich. Dieser wabernde Fleischberg, der kaum selbstständig stehen konnte, war imstande, sich so anmutig und lieblich zu bewegen, wenn sie nur die Musik hörte. Sie wurde so vollständig eins mit Rhythmus und Klang, dass sie wohl vergaß, dass ihre musische Seele in einem plumpen und ungelenken Körper gefangen war.

Auch sie war ein Opfer des Krieges. Die Russen hatten sie auf ihrem Weg durch Ostpreußen mitgenommen. Ihre Eltern und die zwei kleinen Brüder wurden gnadenlos erschlagen, Karin gezwungen, zuzusehen. Halb verhungert und völlig zerstört an Körper, Geist und Seele wurde sie in einem geplündertem Dorf zurückgelassen, als sie zu nichts mehr zu gebrauchen war. Dann fing sie an zu essen. Stopfte alles in sich hinein, was sie fand und noch halbwegs essbar war. Und sie hat einen Sanitäter umgebracht, der ihre infizierten Wunden behandeln wollte. Erstochen mit der Schere, die zur Ausstattung seiner medizinischen Utensilien gehörte.

Warum sind die Menschen so grausam? Und warum sind unsere Seelen so zerbrechlich? Hätte ich nur in meinen Schrank gehen können. Da war Gott, Gott wusste doch alles, er hätte es mir bestimmt erklären können. Doch Gott war nicht da.


[Dieser Beitrag wurde am 25.02.2007 - 13:49 von cchuber aktualisiert]





Signatur
Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
(Indianische Weisheit)

Gudrun 

..................

...

Status: Offline
Registriert seit: 01.03.2007
Beiträge: 454
Nachricht senden
...   Erstellt am 01.03.2007 - 16:55Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Christa!

Mir gefällt besonders der Teil mit dem Netz, das auffängt oder einfängt.
Na ja, ich wollte eigentlich nur sagen, ich lese noch mit und bin neugierig auf die Fortsetzungen.





Ähnliche Themen:
Thema Erstellt von Antworten Forumname
STIMMEN (3) CCHuber 5 albertcamus
STIMMEN (2) CCHuber 0 albertcamus
STIMMEN (1) CCHuber 0 albertcamus
STIMMEN (Prolog) CCHuber 0 albertcamus
Neuer Thread ...



Kalenderblatt


Impressum

Dieses Forum ist ein kostenloser Service von razyboard.com powered by:
Geizkragen Preisvergleich. Top-Produkt im Preisvergleich: Samsung PS-42C7H
Wollen Sie auch ein kostenloses Forum in weniger als 2 Minuten? Dann klicken Sie hier!



Verwandte Suchbegriffe:
menschenreihen
blank