CCHuber 


Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 85 Nachricht senden | Erstellt am 17.02.2007 - 23:11 |  |
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Sie waren alle so klein, viel kleiner als ich. Sie haben alle solche Angst gehabt, dass sie sich nicht gewehrt haben. Zuerst ging es nur um das Ausziehen und Befühlen. Später, als das Töten dazu kam, da war auch ziemlich sofort das Zerschneiden dabei. Dabei habe ich immer an das Messer gedacht, das meine Mutter nach mir geworfen hatte.
Jürgen
Dunkelheit. Gestank. Das hilflose Winseln einer gequälten Kreatur. Der Schein einer einzigen Kerze gibt nur wenig Licht. Der junge Mann wirkt noch wie ein Kind. Er ist nicht sehr groß, kaum 1,65m, schlank, fast schmächtig. Die blonden Haare benötigen dringend einen Haarschnitt, die großen blauen Augen mit den langen dunklen Wimpern wirken mädchenhaft in dem schmalen Gesicht. Seine Hose ist geöffnet, ein erigierter Penis lugt ein Stück hervor. Die Worte, die er murmelt, hört nur er.
Es ist das Jahr 1952. Jürgen ist 19 Jahre alt und seit sechs Jahren ein Mörder.
Der Erdstollen, in den er sich zurückgezogen hat, ist seine Zuflucht, sein zweites Zuhause. Hier ist er stark, hier fühlt er seine Kraft und Überlegenheit.
1946, gleich nach dem Krieg, hat er auf einem seiner verbotenen Streifzüge durch die Wälder diesen alten Erdstollen entdeckt. Das alte, verrostete Eisenbett, die schmutzige und durchgelegene Matratze, einen wackligen Tisch und zwei Stühle hat er im Laufe der Jahre hierher geschleppt. An der rechten Wand des Stollens, gleich gegenüber dem Eingang, stehen ein paar Einmachgläser, gefüllt mit selbst gebranntem Schnaps, den er seinem Vater aus dem Keller gestohlen hat. Seltsame Gebilde schwimmen darin. Ein Mediziner hätte sicher gleich erkannt, dass es kleine menschliche oder tierische Organe sind, die hier mehr schlecht als recht konserviert waren.
Jürgen steht am Tisch. Im diffusen Licht der Kerze kann man erkennen, wie er fast zärtlich den Kopf eines kleinen Hundes streichelt, dessen feuchte Augen Hingabe und Todesangst spiegeln. Schon längst hat der Schwanz des Tieres aufgehört zu wedeln. Aus einer entsetzlichen Wunde quer über den Bauch quillt Blut, die Schlingen der Därme hat Jürgen zurück in die Bauchhöhle gestopft. Leber und Nieren liegen bereits in einem Glas. Das Tier ist viel zu schwach, um sich noch wehren zu können. Vorder- und Hinterpfoten sind mit Schnüren an Haken gebunden, die Jürgen in die Tischplatte geschraubt hat.
Er wartet. Wartet auf den Moment des Todes. Er beugt sich tief über den Kopf des Tieres, starrt in dessen Augen. Will den Moment erwischen, in dem das Licht in diesen Augen bricht. Dann erlebt er einen minutenlangen Orgasmus. Blitze zucken durch seinen Kopf, ein seltsam hoher Ton durchdringt sein Bewusstsein. Je höher der Ton, umso intensiver seine Empfindungen. Keine Berührung, kein körperlicher Kontakt mit einem anderen Menschen kann dies in ihm auslösen, er braucht für seine Befriedigung diesen kurzen Augenblick, in dem die Seele den Körper seines Opfers verlässt.
Das Tier ist verendet. Jürgen ist enttäuscht. Zu kurz war seine Freude über das Erlebte, zu schwach die Erleichterung eines zu kurzen Vergnügens.
Jürgen wundert sich. Wundert sich über das tote Tier und wundert sich über sich selbst. Hat kein Gefühl für den Tod, der so ekelhaft und zerstümmelt vor ihm liegt. Er nimmt den Hund in seine Arme und legt sich mit ihm auf das vor Schmutz starrende Bett.
*****
Jürgen wurde im November 1933 geboren. Seine Mutter war eine 17 jährige Prostituierte, die nur wenige Wochen nach seiner Geburt an offener Lungen-Tuberkulose verstarb.
Jürgen blieb im Krankenhaus. Eigentlich unüblich, da Kinder ohne Eltern meist nach 2 Monaten in die Waisenhäuser abgegeben wurden. Dieses Glück hatte Jürgen nicht. Ein schon etwas älteres Ehepaar, Marliese und Karl Becker, wollten ihn adoptieren. Dies gestaltete sich jedoch langwierig und bürokratisch, da die Herkunft des Jungen nicht genau geklärt werden konnte. Der Vater war unbekannt. Jürgens leibliche Mutter war selbst ein uneheliches Kind, es gab keine Papiere, keine geklärte Identität.
Kurz vor seinem ersten Geburtstag wurde Jürgen als Pflegekind seiner neuen Familie überstellt. Sein neuer Vater Karl, ein selbständiger Metzger und dessen putzsüchtige Frau Marliese wollten Jürgen ein neues Zuhause geben.
Beide waren als Eltern völlig überfordert. Sein Vater schuftete Tag und Nacht, kam selten vor 22 Uhr nach Hause und ging am nächsten Morgen bereits gegen vier Uhr wieder ins Schlachthaus oder in die Wurstküche. Wenn Jürgen an seinen Vater dachte, sah er nur einen großen, ungeschlachten Mann, der laut brüllend seine Familie terrorisierte. Seine Mutter ekelte sich vor Jürgen, besonders vor seinen Ausscheidungen und war äußerst erbost über die Tatsache, dass er noch nicht sauber war. Seine Windeln wechselte sie nie, ohne ihn zur Strafe für seinen Ungehorsam zu verprügeln. Jürgens Arme und Beine waren ständig mit blauen und grünen Malen gezeichnet, die seine Mutter als Ungeschicklichkeit des Jungen abtat.
Vater Karl bemerkte die Verletzungen seines Jungen wohl, konnte sich aber in diesem Fall gegen seine resolute Frau nicht durchsetzen. So ignorierte er, was er sah. Er kümmerte sich nicht mehr um das Kind.
Jürgen war drei Jahre alt, als Karl Becker eine zweite Metzgereifiliale eröffnete. Karl Becker war Mitglied der aufsteigenden Partei unter Adolf Hitler und vom kommenden Krieg noch nicht viel zu spüren.
Mutter Marliese sah in dieser zweiten Filiale die Möglichkeit, ihren inzwischen lästigen Mutterpflichten zu entgehen und gab Jürgen zu ihrer Mutter, einer 65 jährigen, herzkranken und bitterbösen Frau.
Die nächsten drei Jahre bis zu seinem Schulbeginn verbrachte Jürgen im Keller.
Kein Kontakt zu Gleichaltrigen, keine Spiele, keine Zärtlichkeit und keine Liebe.
Samstags nachmittags wurde er in einer Zinkwanne gebadet. Sein Gesicht, seine Hände und seine Füße musste er selbst waschen, die Brust, den Bauch und die Geschlechtsorgane durfte er nicht berühren.
„Wenn ich dich einmal erwische, dass du dich da Unten anfasst, schneide ich dir das ekelhafte Ding ab“, drohte seine Großmutter und Jürgen gehorchte. Zum pinkeln musste er sich hinsetzen, seinen Penis mit einem Stück Zeitungspapier sauber machen und wieder in die Hose stecken. Er kannte nichts anderes als bedingungslosen Gehorsam, die Entscheidungen der Eltern oder Großmutter waren Gesetz.
Die beiden ersten Jahre seiner Schulzeit waren eine einzige Katastrophe. Fügsam, eingeschüchtert, still und unauffällig wie Jürgen war, wurde er schnell zum Spielball und Prellbock seiner Kameraden. Kaum ein Tag verging ohne Hänseleien und Prügel. Er war der Kleinste in seiner Klasse, im Sportunterricht war er unbeholfen und steifgliedrig. Das gnadenlose Gespött seiner Schulkameraden schlug weitere Wunden in seine Seele.
Die Nachmittage, an denen kein Unterricht war, verbrachte er bei seiner Mutter in der Metzgereifiliale. Nach Ladenschluss half er die Theke zu reinigen, die Spiegel zu putzen und brachte die Fleisch- und Wurstwaren ins Kühlhaus. Für den kleinsten Fehler wurde er sofort mit Prügel bestraft. Diese Prügel hatte er ohne Gegenwehr in Empfang zu nehmen, seine Mutter duldete nicht den geringsten Widerspruch.
„Die Theke ist noch nicht richtig geputzt, das machst du jetzt noch mal.“
Jürgen schüttelte den Kopf, ein kleines Zeichen der Auflehnung. Sie stand vielleicht drei oder vier Meter hinter ihm, zog ein Messer aus einer Schublade und warf es nach ihm. Jürgen stand steif wie ein Brett, als das Messer nur Zentimeter an seiner rechten Schulter vorbei flog, an der Wurstschneidemaschine abprallte und auf einem Holzbrett liegen blieb. In diesem Moment kam sein Vater in die Filiale und Jürgens Leben sollte sich wiederum verändern.
Er wurde in einem Internat auf dem Land untergebracht. Zu seinem Schutz. Der Krieg tobte über das Land, die großen Städte wurden bombardiert und vernichtet.
Auch seine Großmutter kam bei einem dieser Angriffe ums Leben. Die Kellerräume waren das Einzige, was vom Haus übrig blieb. Was für eine Ironie.
Das Internat Marienhausen war die logische Fortsetzung der Hölle, die er zuhause erlebt hatte. Aber in dieser Hölle erlebte Jürgen auch etwas Positives. Zum ersten Mal in seinem Leben war er nicht der alleinige Prügelknabe wie zu Hause oder in der Schule. Hier war er kein Außenseiter, hier waren alle Kinder und Jugendliche Prügelknaben. Doch hier gab es auch Solidarität. Solidarität, um sich vor den Übergriffen der Lehrer zu schützen und zu überleben. Prügel und Tritte zu erdulden, zu ertragen, dass der Kopf in die Toilette gesteckt wurde und zu vergessen, vom Lehrpersonal anal vergewaltigt zu werden.
Jürgen wurde krank. Die Grippe hatte fast die Hälfte der Schüler erfasst. Jürgen wurde auf die Krankenstation verlegt, da er hohes Fieber hatte. Ein Sanitäter kam und steckte ihm roh den Thermometer in den After. Das Thermometer zeigte fast 40 Grad. Jürgen wurde aus dem Bett gezerrt, auf den kalten Steinboden geworfen und mit einem Handbesen verdroschen.
„Du hast den Thermometer an die Heizung gehalten, du missratene Kanaille, dir werde ich Mores beibringen“ schrie der Sanitäter und hielt erst ein, als Jürgen aus mehreren Platzwunden blutete. Dass der Heizkörper kalt und nicht mal angeschlossen war, hat ihn nicht sonderlich interessiert.
1949, mit knapp 16 Jahren, verließ Jürgen das Internat mit dem Abitur in der Tasche. Zu diesem Zeitpunkt war er schon ein vierfacher Mörder. Ein Mörder an hilflosen Kindern, die zu schwach und zu klein waren, um sich zu wehren. Die seine Perversitäten unter Schmerzen ertragen mussten, bevor sie sterben durften. Die vor Grauen schrieen, vor Angst und Schmerzen schier wahnsinnig wurden. Diese Kinder hatten Gefühle, hatten Tränen, etwas, das Jürgen völlig unbekannt war. Das faszinierte in so, dass er deren Ursache auf den Grund gehen wollte. Doch obwohl er in den Leibern wühlte, zwischen Organen und Knochen suchte, die Quelle dieser Gefühle fand er nicht.
[Dieser Beitrag wurde am 18.02.2007 - 08:22 von CCHuber aktualisiert]
Signatur Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
(Indianische Weisheit) |