CCHuber 


Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 85 Nachricht senden | Erstellt am 17.02.2007 - 23:08 |  |
Stimmen
Teil 2
Warum legen traurige Menschen den Kopf in den Nacken und schauen in den Himmel, als erwarten sie jeden Moment einen Engel zu sehen? Einen Engel, der sie an die Hand nehmen wird und aus der Traurigkeit führt?
Nein, nein, das hat einen ganz anderen Grund. Wenn die Traurigkeit in dir schon eine Stimme geworden ist, dann weißt du einfach, dass die Tränen auf deinen Augen weiter schwimmen, dich nicht verlassen, bei dir bleiben, du musst nur dein Gesicht im Gleichgewicht halten. Deshalb schauen sie in den Himmel. Deshalb nehmen sie dich nicht wahr, weil sie hoch konzentriert damit beschäftigt sind, sich zusammen zu halten, im Gleichgewicht zu bleiben. Nichts mehr herzugeben, sie könnten es nicht mehr ertragen.
Weil sie schon alles hergegeben haben, was sie hatten.
Claudia
Aufgeregt suchend liefen die beiden Frauen durch die kleine Wohnung. Ich saß am Küchentisch und beobachtete. Ich war nicht allein. Die Stimmen liefen unruhig in meinen Kopf hin und her, waren untereinander unschlüssig, was jetzt am Besten zu tun war.
Karl-Heinz war im Keller versteckt. Ich hatte ihn im Keller versteckt, damit ich ihn nicht finden konnte, denn ich ging niemals in den Keller.
„Sag ihnen nichts.“
„Ich weiß doch auch nicht, wo er ist.“
„Gut, gut, sag ihnen nichts.“
„Zieh deine Strickjacke an.“
„Warum?“
„Zeig ihnen nicht deine blutigen Arme.“
Ich gehorchte, holte die rote Strickjacke aus der Diele und zog sie an.
Ich zupfte Frau Klein am Ärmel ihrer weißen Spitzenbluse: „Ich weiß auch nicht, wo Karl-Heinz ist.“
„Ach, jetzt hör doch auf mit dem Blödsinn, der Spaß ist vorbei. Sag mir jetzt sofort, wo er ist.“
„Ich weiß es doch nicht. Ich war auf dem Klo und als ich wieder raus kam, war er nicht mehr da. Ich weiß nicht, wo Karl-Heinz ist.“
„Denk nach, dummes Ding. War noch Jemand da? Hat es geläutet? Hast du die Tür aufgemacht? So rede doch endlich!“
Sie schüttelte mich an den Schultern, meine Mutter stand daneben mit großen Augen. Die Angst, die aus diesen Augen kroch, kam in wabernden, aufquellenden Wolken direkt zu mir. Wurden immer größer, immer mächtiger, immer dunkler. Hüllten mich in Schwarz.
„Vielleicht ist er im Keller?“
„Aber wie sollte er denn in den Keller gekommen sein?“
„Ich weiß nicht, ich habe es gehört.“
„Gehört? Wie gehört? Wer hat was gesagt?“
„Da war Gott. Er sagte, ich soll mich an die Mäuse erinnern. Ich habe mich erinnert und ich weiß, ich habe Dinge mit den Mäusen gemacht. Jetzt soll ich diese Dinge mit Karl-Heinz machen. Ich mag diese Dinge nicht mehr tun. Gott hat Karl-Heinz geholt.“
Die zwei Frauen rannten durch die Tür, die Absätze ihrer Schuhe klapperten über die Treppenstufen zum Keller.
„Warum hast Du es denn verraten? Jetzt bekommst du Probleme. Jetzt kann ich dir auch nicht mehr helfen.“
Die Stimme der Vorsicht war etwas heiser, sie zitterte vor Aufregung. Dabei war sie es, die mir geraten hatte, Karl-Heinz in den Keller zu bringen:
„ Du würdest ihn doch nie im Keller suchen, du hast doch selbst Angst im Keller. Also bring ihn runter, dann ist er sicher, dann findest du ihn nicht mehr. Schnell, schnell, bring ihn runter!“
Frau Klein und Mutter kamen zurück, den schlafenden Karl-Heinz hielt Frau Klein eng an sich gepresst. Er war noch ein wenig dunkler als sonst, schwarze Kohleflecken hatten Muster auf sein kleines Gesicht gezeichnet. Ich musste lachen.
„Du musst was unternehmen mit diesem Mädchen. Die ist doch nicht ganz normal. Die gehört in die Klapse. Sieh zu, dass du sie los wirst, sonst hast du keine ruhige Minute mehr.“
„Kannst du noch einen Moment da bleiben? Ich geh zur Telefonzelle und rufe den Arzt. Der soll auch den Karl-Heinz untersuchen. Nicht, dass er sich in dem kalten Keller was geholt hat.“
Ich hörte die Tür zuknallen. Minuten später war meine Mutter wieder da. Rannte durch die Wohnung, nur in mein Zimmer kam sie nicht. Nein, zu mir kam sie nicht.
Aus tiefen Striemen auf meinen Unterarmen rann süßer Himbeersaft. Himbeersaft mochte ich gerne. Im Sommer machten wir damit immer Limonade. Mit dem Zeigefinger fing ich die Tropfen auf und malte das Muster in der Tapete nach. Rauten und Blumen. Blumen und Rauten. Rauten und Blumen.
„Hör auf, das tut weh.“
„Aber die Farbe ist so schön.“
„Hör auf, zieh die Jacke wieder an.“
„Nein, die kratzt.“
„Du hast es gut gemacht, ich bin stolz auf dich.“
„Aber jetzt hör auf.“
„Du bist schuld, du hast ihr das eingeredet.“
„Der braucht man doch nichts einzureden.“
„Hast du gehört, sie ist verrückt.“
„Verrückt, verrückt, verrückt, verrückt.“
„Definiere verrückt.“
Sie kreischten, ihre Stimmen waren so grell, ich wollte in meinen Schrank, aber ich durfte nicht. Gott war doch im Schrank, warum holt er mich nicht?
Es läutete an der Tür. Und meine Mutter schrie. Frau Klein schrie. Karl-Heinz schrie. Die Stimmen schrieen. Nur ich, ich war still. Sehr still.
Frau Klein ging zu Tür, um dem Arzt zu öffnen. Meine Mutter stand vor meinem Bett, weiß wie die Wand. In der Hand hielt sie mein Operationsbesteck, zwei scharfe kleine Messer, eine Pinzette, eine dicke Stopfnadel und Garn. Und das große weiße Badehandtuch.
„Das habe ich auf dem Balkon gefunden. Was ist das?“
Ich schüttelte nur den Kopf.
„Was ist das? Was wolltest du tun, was, um Himmels Willen, wolltest du tun?“
Ich öffnete den Mund, aber die Worte blieben an der Zunge kleben. Frau Klein, den zappelnden Karl-Heinz auf dem Arm und ein Mann in einem weißen Kittel mit einer großen schwarzen Tasche kamen ins Zimmer gerannt. Mit den Fingern versuchte ich die Worte von meiner Zunge abzukratzen, aber es ging nicht. Ich kratzte wie wild, um wenigstens einen einzigen Buchstaben abzulösen, aber es ging nicht.
Sie verstanden es nicht. Verstanden mich nicht. Sahen nicht, wie ich verzweifelt versuchte, die Worte aus dem Mund zu bekommen. Sie sahen nur den Zorn meiner Hände und Finger, die einen vergeblichen Kampf mit den Buchstaben, Lauten und Tönen führten.
Der Mann nahm meine Hände, hielt sie sanft fest, schaute mir fest und ruhig in die Augen.
„Ist das Gott?“
„Wie kann das Gott sein, Gott wohnt im Schrank.“
„Sei vorsichtig, sag nichts.“
„Die bringen dich weg.“
„Die sperren dich ein.“
Der Mann zog mir die Jacke aus, die Wunden an den Armen begannen wieder zu bluten. Der Mann nahm meine Hände, sah das getrocknete Blut unter den Nägeln, wollte mir über den Kopf streichen. Wenn das nicht Gott war, und Vernunft würde es wissen, dann war es der Teufel. Ich biss ihm in die Hand.
Er blieb sehr ruhig, öffnete seine Tasche: „das brennt jetzt ein wenig, du musst keine Angst haben, es ist gleich vorbei.“ Mit einem Wattebausch tupfte er braune Flüssigkeit auf die Wunden. Ich spürte nichts. Dünne, feine Tücher wickelte er um meine Arme, dann weiße Binden. Mein Mund war voll mit Wörtern, sie krochen durch die Zähne in meine Backen, verstopften den Rachen. Ich musste mich übergeben.
Der Teufel sprach mit meiner Mutter: „wie lange geht das schon so mit dem Kind? Warum sind Sie nicht schon früher in die Sprechstunde gekommen? Haben Sie denn nie bemerkt, wie krank Ihre Tochter ist?“
„Hörst du, er sagt, sie ist krank.“
„Quatsch, sie ist nicht krank.“
„Bist du krank, Kleine?“
„Sie ist nicht krank, sie ist verrückt.“
„Verrückt ist krank, sei jetzt still.“
„Definiere krank.“
Streit, Geschrei, Toben, ich konnte das nicht mehr aushalten, ich konnte es nicht mehr aushalten! Bitte, bitte, wo ist mein Schrank? Wo ist mein Gott?
Stimmen im Kopf, Stimmen des Teufels, meiner Mutter, von Frau Klein. Karl-Heinz quengelte. Alle durcheinander, Grell, scharf wie Messer. Mein Mund war schon wieder voll mit Worten. Spitzen Worten, hässlichen Worten. Stinkenden Worten. Worten wie zerbrochenes Glas. Ich würgte, die Worte klammerten sich fest, wollten nicht loslassen. Klebten an den Zähnen, an der Zunge, an den Lippen.
Der Teufel schickte Frau Klein zum telefonieren. Der Teufel betrachtete die Messer, die Pinzette, das Badetuch, die Nadel und das Garn. Der Teufel öffnete seine Tasche, holte eine Spritze, zog eine klare Flüssigkeit hinein und injizierte den Inhalt der Spritze in eine Vene auf meinem rechten Handrücken. Ich war absolut wehrlos. Tausende von Tränen verließen meine Augen, flossen wie Tauwasser über mein Gesicht.
Plötzlich waren sie alle weg. Die Stimmen waren weg, der Teufel war weg, meine Mutter verschwand rückwärts im Nebel. Ich begann zu schweben. Spiralen in bunten Farben. Glöckchen und Wattebäusche. Engel und Elfen. Sterne tanzten. Endlich. Jetzt war ich im Himmel, jetzt war ich bei Gott.
Selbst die Stimmen verschwanden. Die Stimmen, die tagelang die Einzigen waren, die mit mir sprachen. Ich ging durch die Zimmer. Verschiedene Zimmer, alle in meinem Kopf. Da gab es lichte, helle, freundliche Zimmer. Zimmer, in denen man sich wohl fühlte. Dort wurde getanzt, gesungen und gelacht. Ich nannte sie die Zimmer der guten Tage. Hoffnung und Zuversicht wohnten dort und Liebe saß in einem großen Ohrensessel am warmen Kamin. Freundschaft kam manchmal zu Besuch, setzte sich zu Liebe auf den Boden.
Doch da waren auch noch andere Zimmer. Dunkle Räume. Sehr dunkle Räume. Es gab mehrere Arten der Dunkelheit. Da war die glatte, weiche, sanfte und zärtliche Dunkelheit, die mich umfloss wie schwarzer Samt, in dessen Falten ich mich einkuscheln konnte, in denen ich warm und geborgen war. Dort wohnte Vertrauen. Sie war so ruhig und ausgeglichen, nichts konnte sie wirklich stören. Sie gab mir immer das Gefühl, am Ende der Dunkelheit sei das Licht. Alles wird gut, hörte ich sie oft flüstern. Nur, genauso oft konnte ich ihr nicht glauben, meine Angst war zu groß.
Denn da waren noch andere dunkle Räume. Kalt, eiskalt. Schwarzes Eis, gebrochen, zerspalten, spitz wie Nadeln. Kälte, die mir den Atem nahm. Angst, die an mir nagte, an meinen Knochen schabte, mit grellem Gelächter mein Blut verdampfte. Dampf, der sich an der schwarzen Decke zu neuen, schwarzen Kristallen verdichtete. So schuf ich Tag für Tag diesen Raum neu. Größer, Angsteinflößender, gandenloser.
Die Flucht aus diesen Zimmern fiel schwer. Das Gehen über die scharfen Kristalle war mühsam, die Dunkelheit so dicht, dass ich mich nicht orientieren konnte. Auch Hass war dort zu Hause. Hass, deren Stimme stets bemüht war, mich die Einsamkeit nie vergessen zu lassen. Die Einsamkeit, die wie ein Schatten stets bei Hass zu finden war. Die mit Schnüren aus Tränen an Hass gebunden war, die ohne Hass nicht lebensfähig gewesen wäre.
Doch immer dann, wenn ich glaubte, tot und verloren zu sein, öffnete sich eine Tür und Hoffnung und Liebe geleiteten mich wieder ins Licht. Liebe, der ich niemals vertraute, nach der ich mich doch verzweifelt sehnte. Liebe, die mich in ihre Arme schließen wollte, doch ich schlug ihr trotzig ins Gesicht. Später, viel später, als Vertrauen, Hoffnung und Liebe ein Dreigestirn bildeten, Vertrauen mich an die Hand nahm, erst da konnte ich es zulassen, von Liebe berührt zu werden.
Ich hatte nie einer Menschenseele von den Zimmern in meinem Kopf erzählt. Auch nicht von den Stimmen. So, als wüsste ich, dass es Menschen gibt, die keine Zimmer haben, die auch keine Stimmen hören. Die nur sich selbst kennen, keine Begleitung, keinen Schutz und keine Liebe haben. Denen Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht fehlen. Ein solcher Mensch war meine Mutter. Wie sollte ich ihr von den Stimmen berichten? Was hätte sie mir entgegnen können, da nur Unverständnis an ihrer Seite war?
Doch ich begegnete anderen Seelen, die den gleichen Reichtum besaßen wie ich. Ich war nicht alleine.
[Dieser Beitrag wurde am 17.02.2007 - 23:35 von CCHuber aktualisiert]
Signatur Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
(Indianische Weisheit) |