CCHuber 


Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 85 Nachricht senden | Erstellt am 17.02.2007 - 23:05 |  |
Stimmen
Teil 1
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft
Es ist, was es ist, sagt die Liebe
Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Erich Fried
Es ist egal, ob die Stimmen, die in dir sind, die der Vernunft, der Angst, des Stolzes oder die der Liebe sind.
Wenn du sie hörst, ist es ohnehin schon zu spät.
Wenn du es zugelassen hast, dass sie mit dir sprechen, ist es zu spät.
Wenn sie in dir einen Raum gefunden haben, in dem sie miteinander kommunizieren, ist es zu spät.
Wenn sie dich in ihre Gespräche mit einbeziehen, du ihnen Rede und Antwort stehst, dich rechtfertigst vor ihnen, dann bist du verloren. Verloren in der Weite unzähliger Möglichkeiten und Welten, im Sein und im könnte Sein, in der Realität und der Nichtrealität, im Wahrsinn und im Irrsinn.
Geboren wurde ich im Jahr 1949 und ich war noch ein Kind, als die erste Stimme zu mir kam. Es war die Stimme des Nichtverstehens. Zu jung, um vom Leben zu wissen, zu klein, um die Welt zu verstehen. Zu bedürftig, um nicht zu lieben. Ich lag im Bett, versteckt unter einer dicken Zudecke, die trotzdem nicht verhinderte, dass Geräusche zu mir hereindrangen. Seltsame Geräusche, fast als würde Jemand weinen. Heftiges Atmen, als strenge sich Jemand sehr an. Weinen, Atmen, Weinen, Röcheln, Weinen, Stöhnen. Fluchen. Stille. Kein Weinen mehr. Schritte, Wieder das heftige Schnaufen. Direkt vor der Tür. Nicht schon wieder. Bitte, bitte, nicht schon wieder! Schritte. Schritte, die sich entfernen. Nein, heute nicht. Heute nicht.
Nässe breitete sich aus, Gestank. Scharf nach Ammoniak. Warm, vertraut.
„Na, heute kommt Papa wohl nicht, um Gute Nacht zu sagen?“
„Böses Mädchen, warst wohl nicht brav heute?“
„Papa hat dich nicht mehr lieb, hat dich vergessen.“
„Du hast schon wieder ins Bett gemacht, du kleines Ferkel. Kein Wunder, dass dich niemand mag.“
„Böses Mädchen, du darfst doch nichts sagen. Du bist doch Papas Liebling.“
„Hab ich dir nicht gesagt, dass du nicht weinen darfst, du böses Ding du!“
Niemand schien zu bemerken, dass in meinem Kopf mehrere Stimmen zu Hause waren. Sie wussten alle voneinander, sie lebten und sorgten füreinander. Entweder waren alle da oder keiner. Sie schienen auf mich aufzupassen. Vor kritischen Situationen warnten sie mich, rieten zur Vorsicht, misstrauten dem, was ich manchmal nicht sehen konnte oder wollte. Sie teilten sich die Arbeit. Und sie stritten miteinander, das war das Schlimmste. Sie schrieen, kreischten, tobten und keiner wollte nachgeben. Ich hielt mir die Ohren zu. Aber was sollte das nützen? Sie waren in mir drin, ich konnte sie nicht loswerden, egal wie sehr ich bettelte und flehte. Manchmal konnte ich sie wenigstens zum Schweigen bringen. Dann, wenn sie zu begreifen schienen, dass ich ihrem Durcheinander nicht mehr folgen konnte und in meinem Kopf nur noch Heulen und Angst war. Dann verschwanden sie. Manchmal für Monate, doch oft auch nur für Stunden und Tage.
Papa starb, als ich gerade zur Schule gekommen war. Suizid. Tod durch Strangulation. Einfacher ausgedrückt, er hatte sich aufgehängt. Eine Nachbarin fand ihn auf dem Speicher, als sie dort die Wäsche trocknen wollte.
Er war nicht der Erste, das das getan hatte. Zwischen 14 Baumwollwindeln und drei himmelblauen selbst gestrickten Eisgarn- Strampelhosen und drei farblich dazu passenden himmelblauen selbst gestrickten Eisgarn- Jäckchen hing der Mann von Frau Klein, die im Erdgeschoss unten rechts wohnt. Er wurde dort oben vom Seil geschnitten, kaum sechs Wochen, nachdem er aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen, kaum sechs Wochen, nachdem er seinen hellbraunen Sohn Karl-Heinz kennen gelernt hatte und kaum sechs Wochen, nachdem er ihm das erste mal über seine schwarzen gekräuselten Locken streichelte.
„Siehst du, was passiert ist? Habe ich dir nicht immer gesagt, geh nicht allein auf den Speicher? Dort ist es unheimlich. Dort sind die Geister, die toten Seelen. Ganz oben, hinter den Dachbalken. Da, wo die dunklen Ecken sind. Dort, wo tausend Beine huschen, wo leere Augen jeden deiner Schritte beobachten. Dort. wo du die Flügel der schwarzen Dämonen schlagen hörst. Sie warten auf dich, auf rosiges, frisches Fleisch, kräftiges junges Blut. “
Das war die Stimme der Vorsicht und der Angst. Meist habe ich ihre Warnungen ernst genommen. Nicht immer, was sich oft als Fehler herausgestellt hat.
Ich bin nie mehr auf den Speicher gegangen. Nicht mit meiner Mutter und schon gar nicht alleine. Aber ich bin auch nie mehr in den Keller gegangen. Dort war es noch unheimlicher. Die Luft roch schwarz, überall lagerten in den einzelnen Verschlägen Kohlen und Briketts, Holz gestapelt bis zur Decke. Der schwarze Geruch vermischt mit dem toten Geruch aus unzähligen Kartoffelschütten. Dazu der vergorene Geruch von Einmachgläsern, die über die Jahre undicht geworden waren. Und es roch nach Mäusen. Ich konnte die Mäuse riechen. Mutter sagte immer, man könne Mäuse nicht riechen. Das stimmt nicht, ich kann sie riechen. Heute noch. Manchmal, wenn Sperrmüll auf den Straßen steht, steigt aus einem alten Sessel oder einem alten Sofa der vertraute Geruch von Mäusen in meine Nase. Dann bleibe ich stehen, schnuppere ein wenig und über meinen Rücken zieht der bekannte Schauer von Furcht.
Gelegentlich hörte ich auch Geschichten von alten Männern, die im Keller ein warmes und trockenes Plätzchen suchten, um zu überwintern. Spätheimkehrer, ehemalige Kriegsgefangene. Verzweifelte, heimatlose Menschen ohne Familie, die sich in der neuen Ordnung nicht mehr zu Recht fanden. Männer mit Augen, die mehr gesehen hatten als sie jemals sehen wollten. Augen ohne Licht und ohne Hoffnung. Tote Augen. Die Polizei hat sie alle geschnappt. Aus den Kellern gezerrt. Manche völlig bewegungslos, andere haben sich gewehrt, um sich geschlagen und entsetzlich geflucht.
Zwei Häuser weiter wurde im Winter nach Vaters Tod eine Frau im Keller tot aufgefunden. Man hatte ihr dreimal in die Brust gestochen, aber erst, nachdem sie mehrmals vergewaltigt wurde. Eine Zeitlang gingen die Frauen dann nur noch zu zweit in den Keller, aber mit der Zeit wurde der Mord vergessen und alles Leben ging wieder weiter in der gewohnten Ordnung.
Mutter hatte Glück. Sie fand Arbeit im Konsum an der Ecke. Von sieben bis eins und von drei bis sieben stand sie hinter der Verkaufstheke und bediente die Frauen bei ihrem täglichen Einkauf. Das Leben war teuer und die Rente, die sie für mich und sich selbst bekam, war nicht sehr hoch. Morgens, bevor sie aus dem Haus ging, hat sie mich geweckt, damit ich rechtzeitig zur Schule kam. Manchmal kam sie in der Mittagspause nach Hause, manchmal aber auch nicht. Dann nicht, wenn sie Herrn Friedrich, ihrem Chef, bei den Abrechnungen helfen musste. Dafür brachte sie mir dann abends immer eine kleine Tafel Schokolade mit.
Diese Nachmittage waren lang, sehr lang. Oft fühlte ich mich einsam. Ich war eine gute Schülerin, fleißig und sehr ordentlich. Nie habe ich die Hausaufgaben vergessen, oft sogar mehr gelernt, als ich eigentlich hätte lernen müssen. In der Schule mochten sie mich nicht. Ich war die Streberin, das Fräulein Oberschlau. Ich war den anderen Kindern zu seltsam, zu ruhig, zu brav. Es gab überhaupt nichts Besonderes an mir. Und so ging ich unter in der Menge. Unbemerkt und unbeachtet. Aber die Stimme des Trostes war bei mir, zärtlich und leise.
„Du bist eine Prinzessin. Prinzessinnen brauchen keine Freunde, sie sind reich und haben viele schöne Kleider. Sie sind den ganzen Nachmittag beschäftigt, ihre schönen Kleider an- und wieder auszuziehen. Sie stehen vor dem Spiegel und bewundern sich selbst“
„Wein doch nicht schon wieder, du bekommst noch ganz hässliche Augen.“
„Siehst du, jetzt dauert es nur noch zwei Stunden, dann kommt die Mutti heim.“
„Lies doch noch ein wenig, dann vergeht die Zeit schneller“
„Warum mag dich eigentlich keiner?“
„Kann es sein, dass du nicht ganz normal bist?“
„Definiere normal“
So ging es los, bis sie alle durcheinander schrieen und kein Wort mehr zu verstehen war. Ich versteckte mich in Muttis Kleiderschrank. Dort roch es nach Mottenkugeln und altem Parfüm, das noch in den Kleidern steckte. Ganz hinten, in der linken Ecke des tiefen, alten Schrankes verbrachte ich zusammengekauert wie ein Fötus ganze Tage und Wochen, um den Stimmen zu entgehen. Das war meine Zuflucht und diese Zuflucht haben sie respektiert. Dort war Stille. Nur meine eigene Stimme war zu hören, wenn ich leise die Lieder summte, die wir in der Schule gelernt hatten oder wenn ich mit Gott sprach, der auch in diesem Schrank wohnte.
Auf dem Boden im Schrank waren Bücher gestapelt. Dicke Bücher, in Leder gebunden. Der Geruch des alten Leders, vermischt mit den Mottenkugeln und dem Parfüm hat sich tief in meine Erinnerung eingegraben. Wenn ich will, kann ich mich sofort daran erinnern. Eines der Bücher hatte es mir besonders angetan. „Der Mensch“ stand in abgegriffenen Goldlettern auf dem Einband. In der Mitte war ein seltsames Bild von einem Menschen. Man konnte Schichten umblättern, ihn praktisch enthäuten, die Muskeln entfernen, das Skelett entbeinen um schließlich die inneren Organe feucht glänzend und gut durchblutet zu betrachten.
So entstand wohl der Wunsch, Ärztin zu werden. Der Mensch in seiner feinen und logischen Zusammensetzung hat mich seit damals fasziniert.
Erst betrachtete ich nur die Bilder. Bilder von Krankheiten, von Verletzungen, aber auch Bilder des werdenden Lebens. Später, als ich dann lesen konnte, verschlang ich die Beschreibungen der einzelnen Krankheitsbilder, die Empfehlungen, wie diese zu behandeln seien und wann es nicht mehr zu vermeiden war, einen Arzt aufzusuchen. Rezepte für Salben, Tinkturen, Tees schrieb ich in ein Schulheft ab.
Meine ersten Patienten waren Käfer und Raupen. Wenn ich auf meinen Streifzügen durch den Wald Glück hatte, war auch mal eine kleine Maus dabei. Auf dem Balkon hielt ich die Tiere in kleinen Schuh-Kartons, in die ich Löcher zum Belüften geschnitten hatte und mit Gras und Laub auspolsterte. Ich habe sie gefüttert, mit Tee versorgt und sollte es notwendig sein, auch operiert.
„Sie doch mal nach, was unter der Haut ist“
„Hat eine Maus auch Rippen und eine Wirbelsäule?“
„Schneid sie auf, schau dir alles genau an.“
„Lass dich bloß nicht erwischen, wisch das Blut vom Boden.“
„Pfui Teufel, was ist denn das für eine Schweinerei?“
„Halt die Klappe“
„Ihr seid doch verrückt“
„Definiere verrückt“
Das konnte keine der Stimmen. Wieder fingen sie an, schrill und durcheinander zu kreischen. Und wieder blieb mir nur die Flucht in den Schrank.
Irgendwann habe ich wohl das Interesse am aufschneiden und sezieren verloren. Käfer und Mäuse langweilten mich, etwas Neues und Interessantes hatten sie nicht mehr zu bieten. Von da an beschäftigte ich mich mit Gott.
Eine der Stimmen in mir war die Stimme von Gott. Die Stimme, die mich daran erinnerte, vor dem Essen zu beten. Dankbar zu sein für ein warmes Bett, eine saubere Wohnung und eine Mutter, die für mich sorgt. Es spielt keine Rolle, dass ich selbst das Essen kochen musste, selbst die Böden aufgewischt und in regelmäßigen Abständen die Betten frisch bezogen habe. Natürlich habe ich auch für die Wäsche gesorgt, gewaschen, gebügelt, geflickt.
„Die arme Frau arbeitet den ganzen Tag, damit ihr euer Auskommen habt“
„Abends ist sie müde, das ist doch kein Wunder“
„Du sollst deine Mutter ehren“
„Sei dankbar, dass du geboren wurdest“
„Sei demütig und fleißig“
„Wenn du brav bist, dann liebt dich Gott“
Abends kam sie immer später nach Hause, oft war das Essen kalt, bis ich ihren Schlüssel in der Tür hörte. Auch an den Wochenenden war sie immer öfter weg.
Zusammen mit Frau Klein. Frau Klein, die aus dem ersten Stock. Der Mutter von Karl-Heinz. Karl-Heinz, dem Bimbo. Samstagabends gingen die beiden in die Tanz-Schule. Und sonntagnachmittags zum Üben.
Ich durfte auf Karl-Heinz aufpassen. Bei schönem Wetter gingen wir auf den Spielplatz. Regnete es, durften wir nicht raus. Dann war er mein kleiner Bruder, mein Spielzeug, meine kleine Maus.
„Es ist nicht richtig, was du tust“
„Er ist doch ein Kind der Sünde“
„Er ist halb Affe, halb Mensch“
„Gott will nicht, dass sich Tiere und Menschen vermischen“
"Ist sein Blut auch rot? Welche Farbe haben die Knochen?"
„Weißt du noch, die kleinen Mäuse?“
„Weißt du noch, weißt du noch, weißt du noch, weißt du noch, weißt du noch?“
Seit sechs Monaten lebe ich jetzt hier in der Anstalt. Ich rede nicht. Mit niemand.
Ich erzähle nichts. Von niemand. Auch nicht von den Stimmen. Wenn sie mich fragen, ob die Stimmen da sind, schüttle ich den Kopf. Keine Stimmen, nein, keine Stimmen. Und dann höre ich, wie die Vernunft, der Trost, die Liebe und Gott Beifall klatschen, mich loben, dass ich so stark bin und nichts verraten habe. Gott ist stolz auf mich, Gott liebt mich und ich liebe ihn. Wir sind niemals alleine.
[Dieser Beitrag wurde am 17.02.2007 - 23:29 von CCHuber aktualisiert]
Signatur Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
(Indianische Weisheit) |