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Elliz
unregistriert

...   Erstellt am 14.04.2014 - 12:43Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


So ein Tag ….

Alles fing damit an, dass ich noch vor Arbeitsbeginn einen kleinen Zettel am Nachbarhaus befestigte mit der Bitte meinem neuen T-Shirt, welches sich von der Leine weg, wohl verflogen hatte, Asyl und mir entsprechend Bescheid zu geben. Kurzer Abstecher zu meinem Lieblingsschuster und ab zur Arbeit.

Es war langweilig. Nix los. Keine Ware zum Auspacken, keine Kunden. So hatte ich Zeit, noch flink mit meiner Jeans zum Schneider im 1. Stock zu laufen. Die Hose musste gekürzt werden. Ich sagte dem Inhaber, dass ich bereits zweimal hier gewesen sei, aber immer mit den falschen Schuhen. Nun wäre alles perfekt um die Hose abzustecken. Ich wäre schon zweimal da gewesen und er nicht? Könne nicht sein, er war immer da. Er fing an, die Tage abzufragen, an denen ich da gewesen sei und er nicht. Ich kürzte die Sache ab, indem ich mitten im Satz „Vielleicht waren Sie in Pause“ in der Kabine verschwand und ihn mit seinem Kollegen weiter diskutieren ließ. Als er absteckte, wies ich ihn darauf hin, dass mein rechtes Bein einen halben Zentimeter kürzer ist. Er hatte zwischenzeitlich mit irgendeinem Gerät Kreide in meine Kniekehlen gespritzt und meinte nun, er würde mir sagen, um wieviel kürzer mein rechtes Bein sei. Zuerst war ich sprachlos, erwiderte aber, meine Mutter, Schneiderin von Beruf, hätte mir die Hosen immer um diesen halben Zentimeter gekürzt. Der Schneider sagte, er habe ein perfektes Gerät, und dementsprechend würde ER mir gleich sagen, um wieviel kürzer mein rechtes Bein sei. Er maß nach und verkündete, das rechte Bein sei einen halben Zentimeter kürzer. Ich sagte ihm, ich wäre erleichtert, in dreißig Jahren doch immer die richtige Länge gehabt zu haben. Ausmessen beim Orthopäden kann man sich also auch schenken – einfach Hose kürzen lassen. Ich habe mich echt amüsiert.

Ich lief wieder zu meiner Abteilung, aber es war immer noch nichts los. Also musste ich mich dem Schlimmsten zuwenden: Entweder Porzellan und Regale abwaschen oder Gläser polieren. Ich entschied mich für das geringere Übel und polierte. Auf der Kundencouch mir gegenüber saßen zwei Kinder, das Mädel vielleicht acht Jahre, der Junge vielleicht fünf. Er kaute hingebungsvoll auf einem Kaugummi herum, nahm ihn aus dem Mund, klebte das Teil völlig wahllos an irgendwelche Stellen um seinen Mund herum, zog ihn lang, klebte ihn wieder zusammen, steckte ihn in den Mund, und das Ganze fing von vorne an. Die Eltern standen in einer Seelenruhe an der Kasse und warteten darauf, dass die Aushilfskollegin endlich mit der Kundin vor ihnen fertig wurde. Es dauerte, und wie bei einem Unfall, wo man wegschauen will, aber nicht kann, musste ich dieses eklige Kind ansehen. In solchen Situationen erwacht eine Aggressivität in mir, die ich ansonsten kaum kenne. Ich hätte den Jungen wahnsinnig gerne mit dem Kopf in meinen Papierkorb gesteckt damit er merkt, wohin er seinen Kaugummi stecken kann sofern er ihn nicht im Mund behalten will. Kann man natürlich nicht machen. Böse Blicke meinerseits fruchteten überhaupt nichts. Die Hand wanderte zum Kaugummi, klebte, puhlte, kaute, strich über die Couch …. Ich tröstete mich damit, dass dieses Kind wahrscheinlich Milliarden Billionen Viren von all den Menschen, die vorher auf der Couch saßen, mit in seinen Mund gesteckt hatte.

Da ich spät anfange zu arbeiten, gehe ich zur Halbzeit des Arbeitstages, also um zwei Uhr in Mittagspause. Kurz vor zwei kam eine gutaussehende, große, schlanke Frau, ungefähr in meinem Alter und sehr nett, auf mich zu, fragte, ob ich mich an sie erinnere. Sie half mir auf die Sprünge und bestellte dann ein Tafelservice für viele Personen mit allem Zipp und Zapp. Nach über einer Stunde waren wir fertig und beide sehr glücklich.

Zwischenzeitlich hatte ich kurz hier und da beraten, es ging auf einmal rund. Die Kollegin aus der Haushaltsabteilung, die gerade eine weitere Kundin für meine Produkte bedient hatte, war froh, dass ich übernehmen konnte, denn es wurde kompliziert.

Für Hunger hatte ich jetzt keine Zeit mehr, denn diese Dame – auch eine supernette – musste für ihre Freundin in Russland einkaufen. Diese Freundin bestand auf zwei bestimmten Teilen, das Aussuchen und Zusammenstellen des Rest-Services überließ sie der bei mir Anwesenden. Diese nette Frau, die ebenfalls noch nicht zu Mittag gegessen hatte, und ich kämpften bis fünf Uhr. Die russische Freundin segnete den Preis ab, ich fing an, alles, was am Lager war, zusammenzusuchen. Da ich mordsmäßigen Durst hatte und vermutete, dass es meiner Kundin genauso ging, fragte ich nach. Sie bestätigte nickend, reden wollte keine mehr von uns. Ich organisierte einen Becher und brachte einen halben Liter Saftschorle mit. Der Becher war leider nicht ganz so sauber, aber die Kundin sagte, sie trinke halt von der anderen Seite. Ich setzte die Flasche an. Wir waren beide geschafft, aber ich musste noch zwei Teile aus einer anderen Filiale abholen. Ich griff nach der Flasche mit dem restlichen Inhalt, die Kundin und ich sahen uns an, und ich teilte schwesterlich. Mir fiel erst im Nachhinein auf, dass ich ihr aus einer Flasche eingegossen hatte, aus der ich bereits getrunken hatte. Das schien sie nicht zu stören. Der Spruch „Durst ist schlimmer als Heimweh“ scheint zu stimmen. Ein Hoch auf die Völkerverständigung.

Ich krallte mir also eins meiner Brote um es auf dem Weg zur anderen Filiale zu essen und überließ es den Kollegen an der Kasse, die blanke Masse gut und dick in Papier zu packen. Als ich zurückkam, rollte die Kundin gerade ihren Wagen auf den Lieferantenstellplatz. Ich fuhr die gefüllten Einkaufswagen zu ihrem Kofferraum, den wir bis obenhin vollpackten. Die Kundin, die mit der Ware locker 1300 Kilometer vor sich hatte, lachte kurz und fragte sich, ob sie wohl noch Kleider für den Besuch mitnehmen könne. Wieder waren zwei Frauen glücklich. Ich wünschte ihr alles Gute, eine schöne Reise und begab mich wieder in die Abteilung.

Bis jetzt konnte ich noch nicht darüber schreiben, dass ich zwischen den beiden Langzeitberatungen noch mit einem älteren Kunden hinsichtlich einer Reklamation telefoniert hatte. Seine Teekanne war nicht in Ordnung, ich wollte sie einschicken. Wir hatten am Vortag bereits eine mail an die entsprechende Abteilung gesandt, die der Rentner, der nun, da ihm erlaubt war, auf seine Rechte zu pochen, recht heftig diktiert hatte. Heute war nun eine Erklärung mit der Aufforderung, die Kanne einzuschicken, gekommen. Ich hatte dem Besitzer bereits auf den AB gesprochen und ihn gebeten, zwecks Besprechung des Inhalts der mail zurückzurufen. Das tat er als ich gerade zwischen beiden Kundinnen stand. Ich versprach ihm, ihn gegen Abend zurückzurufen. Das ginge nicht, er erwarte den Anruf innerhalb der nächsten Viertel- oder halben Stunde. Könne ich ihm nicht versprechen. Na gut, dann halt gegen Abend.

Da ich wirklich nett, freundlich und kundenorientiert bin, rief ich ihn noch an bevor ich mit meinem Brot in die Stadt aufbrauch, las ihm die mail vor, bat ihn, die Kanne bei Gelegenheit vorbeizubringen. Wie lange ich arbeiten würde? Normalerweise bis sieben, da ich bisher aber noch keine Pause gehabt hätte, wohl auch keine bekäme, würde ich wahrscheinlich um halb sieben verschwinden. Er käme noch gerne vorbei um mir zu demonstrieren, wie die Kanne nun in die Tasse spritzen würde beim Ausgießen – Tassen hätte ich ja da, Wasser gäbe es sicher auch. Ich lehnte kategorisch ab. Dafür hätte ich heute keine Zeit und wiederholte meine vorherige Antwort.

Nachdem ich nun endlich alles erledigt hatte, wollte ich unbedingt meine Bestellung aufgeben um nun leeren Regale noch vor Ostern auffüllen zu können. Da es hier und dort noch Fragen gab, lief alles sehr schleppend. Noch während ich einige Infos gab, winkte mich die Frau eines älteren Ehepaares zu sich wegen einer Espressotasse. Ob ich frei sei. Da sie sehen konnte, dass ich im Gespräch war, fand ich die Frage zwar überflüssig, meinte aber, ich käme gleich zu ihr. Ich fasse mich nun kurz. Für die reduzierte Restware, die ihr gefiel, die ich aber bis auf einige Ansichtsexemplare im Lager habe, musste ich solches siebenmal aufsuchen. Es fiel ihr hier etwas ein. Da verstand sie die Reduzierung nicht. Hier hatte sie sich falsch ausgedrückt. Da überlegte sie, ob sie vom Muster weg solle und stattdessen in weiß kaufen. Sie fing an „Ganz in Weiß“ zu singen, und ich war wirklich kurz vorm Verzweifeln. Wahrscheinlich muss ich nicht erwähnen, dass sich mein Lager am anderen Ende der 2000qm-Fläche befindet. Zwischendurch musste ich etwas trinken, erwähnte auch die ausgefallene Mittagspause, aber es gab weder Bedauern noch ein wenig Rücksichtnahme oder etwas mehr Überlegen. In solchen Momenten sehe ich wieder bestätigt, dass der Mensch sich eher an negative Sachen erinnert denn an positive. Ich versuchte, mich an den beiden tollen Kundinnen festzuhalten, mit denen ich – nicht nur wegen ihres Kaufs, sondern hauptsächlich wegen der entspannten, freundlichen Atmosphäre - froh gewesen war.

Alles geht zu Ende, so auch dieses Verkaufsgespräch. Haben Sie noch zwei Kartons (am Lager), damit ich das schöner verpacken kann? Können Sie mir die Preise abmachen?

Inzwischen hatte ich offiziell schon Feierabend. Doch die Bestellung wartete noch, das Aufräumen des Shops auch. Ich rief den Gärtner an um ihm zu sagen, dass ich wahrscheinlich nie wieder nach Hause käme. Dann öffnete ich den Laptop und sah aus dem Augenwinkel heraus einen Kunden auf mich zukommen. Ob ich mich an ihn erinnern würde? Er wäre gestern wegen der Teekanne hier gewesen. Ich gestehe, dass ich jetzt am gleichen Punkt angekommen war wie beim Kaugummikind. Ich grüßte freundlich, griff nach dem Reklamationsblock und fing an, diesen auszufüllen. Der Rentner wollte mir gerne den Fehler vorführen, aber das bügelte ich kurz und bündig ab. Ich versicherte ihm, dass ich die Kanne direkt nach meinem freien Tag versenden und ihn bei Erhalt einer Info sofort anrufen würde. Ich wollte den Text aus der bereits erklärenden mail übernehmen, aber das genügte ihm nicht. Er diktierte ein weiteres Mal, wobei der Fehler natürlich viel schlimmer wurde. Da ich solche Menschen in meiner langjährigen Berufslaufbahn kennengelernt habe, schrieb ich einfach auf. Es sind Menschen, die selten etwas zu sagen haben, die aber – wenn sie eine Plattform bekommen – richtig aufdrehen und den Macher geben. Na gut. Dafür war er nun hin und zurück 60 Kilometer gefahren, dann darf er das haben. Ich bin wirklich nett.

Bestellen, aufräumen, Laptop herunterfahren. Ob ich Englisch könne, fragte eine Aushilfskollegin. Ja, aber nicht mehr jetzt. Ich war durch. Sie verstand, lachte, und wir verabschiedeten uns. Ich nahme meine Jacke, die leergetrunkenen Flaschen, die noch volle Brotdose und machte mich auf den Weg. Da kam mir der stellvertretende Abteilungsleiter mit den beiden englischsprachigen Asiaten entgegen, sah die Kunden freudestrahlend an und sagte, hier käme die Frau Elliz, die gut Englisch sprechen würde. Ich muss nun nicht erwähnen, dass asiatisches Englisch anders ist als ein amerikanisch-britisches Englisch, und alleine das Verstehen und Erklären wieder sehr zeitaufwändig ist.

Als ich nach Hause kam, hatte die Nachbarin mein T-Shirt, welchem sie über Nacht Asyl gegeben hatte, zurückgebracht und sogar gebügelt.

So ein Tag …




Helferlein
unregistriert

...   Erstellt am 14.04.2014 - 13:30Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Kurz und bündig: Diese Tages-Schilderung war super ... "So ein Tag" habe ich nicht mehr (vom Nicht-Essen einmal abgesehen), aber "So-ein-Tag-Geschichten" von Dir: Mehr davon ...




Judith7 



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...   Erstellt am 14.04.2014 - 16:08Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Es war ein so schwerer
Tag für Dich, liebe Elliz, aber für mich war er voller Schmunzeln und Gelächter. Ich danke Dir!




Elliz
unregistriert

...   Erstellt am 16.04.2014 - 09:00Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Helferlein - mehr davon? Hallo? Nein, brauche ich nicht. Aber da ich solche Tage ungewollt bekomme, bekommt Ihr weiterhin Geschichten.




Helferlein
unregistriert

...   Erstellt am 16.04.2014 - 14:03Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Liebe Elliz, ich habe mich wohl missverständlich ausgedrückt ... Solche Tage, wie der geschilderte, wünsche ich Dir natürlich nicht.
Aber ich finde "So ein Tag" als "Headliner" für Deine wunderbaren Geschichten so passend ...




Elliz
unregistriert

...   Erstellt am 17.04.2014 - 09:08Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ich hab dich schon verstanden, Helferlein. Du bist viel zu nett um mir oder sonst jemandem etwas Schlechtes zu wünschen.

Demnächst bekommt Ihr "So ein Einkauf" - den Brief, den ich an den Inhaber eines Schuhgeschäftes sandte mit der Beschreibung eines Einkaufs in einer Filiale bei mir um die Ecke plus seine Antwort.




Judith7 



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...   Erstellt am 17.04.2014 - 15:41Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Du spannst mich auf die Folter, Elliz!





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"Licht und Schatten" - Monatsthema Januar 2015


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