Elendriel  Administrator


Status: Offline Registriert seit: 25.09.2005 Beiträge: 1420 Nachricht senden | Erstellt am 19.01.2007 - 14:11 |  |
Eine kräftige Briese wehte ihr vom Meer ins Gesicht. Sie roch salzig und auf ihrer Zunge schmeckte sie dieses herbe Aroma von Freiheit, welches solche Briesen mit sich bringen. Sie schloss die Augen und stellte sich vor auf einem Schiff die sieben Meere zu befahren. Sie stand am Bug und schaute in die schieren Weites des Ozeans. Da war nur Wasser, sie und der unendliche Horizont. Raue Männerstimmen, Zwieback, Trockenfisch, schales Wasser.
Wie lange würde es dies mal dauern. Sophia rann eine Träne über die Wange. Sie hatte ihn schon wieder verloren. Es war nun schon das siebente Mal und immer wieder war er zurück gekommen. Sie wusste es würde auch dieses mal nicht anderes sein. Seine Leidenschaft was einfach zu unbeständig.
Der Hafen, ewig steht er und schaut auf das Meer, doch wenn er in die See stechen würde, wäre es für die Menschen eine Katastrophe... Man stelle sich vor ein Hafen würde sich auf den Weg von Hamburg nach Singapur machen. Völlig unmöglich! Ein Hafen stach nun mal nicht in See, er empfing die Schiffe, beherbergte die Seeleute. Doch diese waren ihm keines Wegs treu. Immer wieder kehrten sie zu den Schiffen zurück und verließen den Hafen, nur in ihren Heimathafen würden sie immer und immer wieder zurückkehren, wenn sie nicht auf der rauen See ums Leben kamen.
Sophia fühlte das sie der Hafen war. In ihrem Hafen gab es nur einen Seemann und er schiffte nun mal auch zu anderen Häfen, wenn auch sie sein Heimathafen war. Schwer war der Seufzer welcher bei dieser Erkenntnis aus ihrem Herzen entwich. Er verursachte so viel Schmerz.
Dabei hatte ihre Geschichte so gut begonnen. Sie hatte ihn in einem kleinen Lokal kennen gelernt. In diesem Lokal wurde einmal in der Woche nur mit Kerzenschein beleuchtet und Musik aus wirkliches Musikinstrumenten gespielt. Sie kam regelmäßig zu diesen Abenden. Er war zum ersten Mal dort gewesen. Eigentlich war er ein Disko-Gänger. Sich in Extase tanzen und hinter her mit viel Alkohol und am besten vielen Frauen abstürzen, Tag für Tag, das war seine Welt. Er war ein Schönling: Schwarzes, seidiges Haare, gradlinige Konturen, eine charmante Stimme und Augen die jeden in ihren Bann zogen. Eine Flamme spiegelte sich in ihnen als Sophia sie zum ersten mal sah. Sie war eine ruhige, zurückhaltende Person. Moral und Werte besaß sie im Überfluss, ruhig glitten ihre Gedanken von einem zum nächsten, bedachten alles, planten, formulierten, scherzten über skurrile Formulierungen. Sie war ein besonderer Mensch, nicht im Mittelpunkt, aber auch nicht außerhalb. Sie war das Sein in all seinen Fassaden.
Doch an jenem Abend hatte sie ihn gesehen. Vorsichtig nippte er an einem Brombeerschnaps, verzog die Nase und schüttet den beachtlichen Rest in seinem Becher ohne abzusetzen in sich hinein. Dabei wirkte er keines Wegs ungehobelt. Im Gegenteil, sie fand es sogar recht süß wie er nachher den Kopf schüttelte und etwas neues von der Karte bestellte. Den ganzen Abend hatte sie ihn beobachtet und irgendwann hatte er zurück geschaut und sie ebenfalls zu mustern begonnen. Er hatte schon einiges Getrunken als er sich schließlich an ihren Tisch setzt.
Drei Wochen später waren sie ein Paar gewesen und ein Jahr später hatten sie geheiratet. Alle hatten es zu früh gefunden, doch er und sie hatten gewusst das sie in diesem Leben verbunden sein mussten. Sie wusste es auch heute. Er auch, das wusste sie.
Dieses siebente Mal war es eine braunhaarige Schönheit gewesen, welche ihn verzaubert hatte. Seit einer Woche wohnte er nun schon bei ihr, zwei Straßen weiter. Sophia hatte es nicht länger ertragen. Jeden Hafen schmerzt der Verlust seiner Seemänner. Sie bringen erst Leben, Reichtum und Abenteuer.
Wieder kam eine Briese auf und spielte in ihren Haaren. Die krausen Strähnchen tanzten im Wind und schmiegten sich den Strömen an. Bald schon bildeten sich winzige Kristalle in ihnen.
Bis zu den Knien reichte ihr nun schon das Wasser. Da Leben in ihr begann sich zu wehren. Tu das nicht! Warte noch! Nicht mehr lang, nur noch sechs Monate.
Sophia blieb stehen. Durfte das sein? Hatte sie das Recht dazu? Mit den Zweifeln kam die Kälte. Die war nicht mehr vom Meer entfernt, sie stand in ihm. Sie hatte es getan, war geflohen, ohne es zu merken.
Vorsichtig legte sie die Hand auf ihren Bauch. Ganz oder gar nicht. Zu spät, es darf nicht mit mir unter gehen, zu spät, ich kann es nicht töten, zu spät, zu spät ich bin verantwortlich. Unzählige gelesene Zeilen gingen ihr durch den Kopf, meist sah sie nur die geschrieben Worte vor ihrem inneren Auge, den Sinn verstand sie nicht.
Nein. Der Entschluss stand. Sie wartete aus dem Wasser. Sie würde leben und es auch. Aber weit fort von ihm, er würde nicht wissen, dass es etwas in ihrem Bauch gab, welches auch ein Teil von ihm war. Wellen griffen noch nach ihren Füßen, wollten sie zurück in die Fluten nehmen. Sie riefen nach ihr, boten ihr ein weiches Bett und tiefes, schwarzes Vergessen. Doch ihr Entschluss stand, der Ruf wurde nicht erhört. Bestimmt schritt sie den Deich empor und legte sich erschöpft nieder. Eine Schafherde kam und beschnupperte sie. Leben, überall Leben... und sie war mitten unter ihm, sie lebte und würde es auch in sechs Monaten tun.
Sie ließ ihm los. Er würde nie mehr zurück kommen können. Der Hafen war keiner Sturmflut zum Opfer gefallen, aber etwas anderes hatte die Seemänner ersetzt. Es war die Rückbesinnung auf ihr Ich bevor er es überlagerte. Er war mit ihr verbunden, doch nun mehr auf eine andere Weise. Nie mehr würde er wirklich lieben können, denn sie würde fort sein und auch sie würde nie wieder einen Mann haben. Doch das Es in ihrem Bauch war da, es war die Verbindung.
Signatur Se non é vero, é ben trovato! - Ist´s nicht wahr, so ist´s doch gut erfunden! |