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HollyvanMekeren 



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...   Erstellt am 21.09.2009 - 10:15Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Das Bedürfnis nach Service ist heute ein elementares. Dies hat zwei Gründe: einen historischen und einen psychologischen.
Klingt gut.

Weiter: Historisch gesehen ist der Service die demokratische Ausformung dessen, was früher die Dienerschaft war.

Jedem Feudalherrn seinen Butler in Livree, jedem Arbeitnehmer seinen Kittelmann vom Pannen-Service, Reifen-Service, Tiefkühlkost- und Bierkastenfreihausbelieferungs-Service.

Psychologisch gesehen gibt der Service heute dem Bürger den Anflug des Gefühls, ein Herr, ein Scheich, ein Lord, ein Fürst, ein Sultan oder wenigstens ein Chef zu sein. Ist der Service schlecht, bricht die Herrenrolle zusammen, und er erinnert sich unliebsam daran, daß er in Wahrheit nichts zu sagen hat.

Ich mokiere mich hier übrigens keineswegs über das Bedürfnis nach solchem Service. Das wäre albern und zynisch.

Dem geplagten Lohnempfänger ist sein ungeschriebenes Recht auf Service durchaus zuzugestehen. Schließlich zahlt er Horrorpreise für die Pauschalreise plus Versicherung, da will er auch täglich frische Servietten und bei einem Beinbruch keine Formalitäten, sondern den Heimflug mit dem Hubschrauber in die Klinik seiner Wahl.

Und wenn die Absätze von den Schuhen brechen, wenn das Spülwasser fettig im Ausguß steht, wenn einem die Wohnungstür mit dem innen stekkenden Schlüssel zuschlägt, dann schafft der Schuhservice, der Rohrfrei-Service und der Schlüssel-Service rasche Abhilfe.

Die eben noch geschmähten Kittelmänner kommen jetzt als wahre Retter und Glücksbringer.

Nach zwei Stunden im kalten Hausflur weiß man die Wirtlichkeit seiner Wohnung wieder zu schätzen. Und ein Ausguß, der endlich funktioniert, ist nicht nur 300 Euro wert, sondern ein Gedicht dazu: das gierig abschlürfende Wasser ist wahrhaftig ein treffendes Bild für das Wesen der Befreiung.

Was also ist suspekt am Service? Ist es womöglich nur das Wort? Es hat aber keinen Sinn, unsere Sprache von angloame-rikanischen Fremdwörtern reinhalten zu wollen. Das deutsche Wort „Dienst" ist nicht besser. Dienst ist Dienst, schnarrt der Diensttuende und droht mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Nach Dienst gibt es bekanntlich Schnaps.

Und wehe, wenn der Ober nicht spurt. Gegen dieses strammdeutsche Erfüllungsbewußtsein bei gleichzeitiger Erwartung von tadelloser Bedienung ist dann fast wieder der Massen-Service vorzuziehen mit seinen abgewetzten Plastiktabletts, die senfbeschmiert auf Fließbändern da-hinfahren.

Aber es geht gar nicht um guten oder schlechten Service, um schmuddelig oder sauber, rasch oder lahm, inklusive oder exklusive, billig oder teuer. Das alles sind zweitrangige Querulantenfragen.

Es geht nicht um freundliche oder muffige, korrekte oder servile Bedienungen und auch nicht um den Self-Service; denn Selbstbedienung ist auch nur eine Variante des weltweiten Service-Getues. Es geht nicht einmal darum, daß ich für meinen Teil nicht bedient werden will und auch niemanden bedienen will, am wenigsten mich selbst.

Das sind alles ganz flache Abneigungen. Und je flacher das Thema, desto tiefer muß geschürft werden: Das Unausstehliche am Service ist, daß er wuchernd in alle Branchen vordringt. Service gibt es heute nicht nur in Hotel und Restaurant, in der Eisen- oder auf der Autobahn. Heute versteht sich jede bessere Firma nach den Worten ihres Chefs auf der Jahreshauptversammlung als Dienstleistungsbetrieb. Egal ob Mineralölgesellschaft oder Verwaltungsbehörde, ob Rundfunkanstalt oder Gemäldegalerie: alle reden von Service. Wir leben nicht mehr in einer Leistungsgesellschaft, sondern in einer Dienstleistungsgesellschaft.

Das klingt so freundlich. Nicht nach Schweiß und Arbeit.

Es gibt nur noch Kunden. Es wird nur noch serviert. Die Welt ist eine Cocktailparty. Natürlich ist nach wie vor alles Betrug.

Früher sprach man von Ausbeutung. Ein häßliches Wort. Heute heißt der Betrug Service. Das alte Lied. Bedürfnisse werden geweckt und dann für viel Geld befriedigt.

Was soll's, die Wirtschaft blüht. Toll treibt es der Service in den Museen und auf dem Buch-und Zeitschriftenmarkt.

Offenbar läßt sich der Kulturbürger besonders gern an der Nase herumführen. Und zwar immer der Führungslinie entlang.

Überall Wegweiser, Informationstafeln, Orientierungshilfen. Weil angeblich die Neue Unübersichtlichkeit herrscht, darf keiner auch nur eine Sekunde in guter alter Ratlosigkeit herumstehen, sich fassungslos an den Kopf greifen und dann vielleicht auf eigene Gedanken kommen.

Deshalb wird unentwegt serviert: Lebenshilfe, Lenkhilfe, Lesehilfe.
Weil das Leben schwer ist, muß alles so leicht wie möglich gemacht werden.
Daher werden die Buchhandlungen kubikmeterweise mit Ratgeberliteratur vollgestopft: Wie ernähre ich mich richtig. Wie ziehe ich mich an.

Wie spare ich Steuern. 1000 legale Tips, 100 neue Trends. Unter dem Vorwand, hilfreich zu sein, gängeln die Dienstleistenden den völlig entmündigten Kunden und stoßen sich dabei gesund.

Die Krönung des Schwachsinns ist zweifellos ein Bestseller mit dem nur mäßig ironischen Titel „Anleitung zum Unglücklichsein"; ein Buch, dessen Verkaufserfolg immerhin beweist, daß selbst die Melancholie heute gelernt werden muß wie das Halten von Goldfischen.





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