Athene  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 14.07.2006 Beiträge: 122 Nachricht senden | Erstellt am 14.07.2006 - 20:23 |  |
Schuldig
Der Verstand plant, doch der Geist hat Sehnsucht.
Und das Herz weiß, was das Herz weiß.
Stephen King
Morgen. Morgen ist der letzte Tag meines erbärmlichen Lebens. Vier Uhr dreißig. Ich werde sterben. Hingerichtet für eine Tat, die ich nicht begangen habe. Für die ich keine Schuld trage, aber für die ich schuldig bin. Ich fürchte mich nicht. Nicht mehr. Nicht nach dem gestrigen Abend. Dieser Abend, der mir alles genommen hat. Der mir nichts mehr ließ als die Erkenntnis, dass ich verloren bin, alles vergeudet habe, an das ich jemals glaubte.
Das Gespräch mit dem Geistlichen habe ich abgelehnt. Ich bin kein Atheist, habe mich allerdings auch nie mit spirituellen Dingen auseinandergesetzt. Gelegentlich habe ich an Weihnachten zusammen mit der Familie die Kirche besucht. Auf Druck meiner Frau natürlich. Vermeidung unnötiger Auseinandersetzungen nennt man das wohl. Jetzt, einen Tag vor meinem angeordneten Abgang erscheint es mir lächerlich, Vergebung für mein sündiges Leben erbitten zu wollen. Der alte Mann da Oben hat bestimmt Besseres zu tun, als sich um Todeskandidaten des Staatsgefängnisses Rock Hill in South Carolina zu kümmern. Uneinsichtige Todeskandidaten, die ihre Unschuld beteuern.
Nächsten Sonntag habe ich Geburtstag. Den ich nicht mehr erleben werde, weil der Tod auf der Überholspur ist. Mein ganzes Leben habe ich in Rock Hill verbracht, war ein angesehener Mann. Beschäftigt bei der Staatsbehörde, ehrenamtlich tätig in verschiedenen Vereinen. Kein Hund würde mehr ein Stück Brot von mir nehmen. Ich habe es verdient.
Meine Frau Linda habe ich auf dem College kennen gelernt. Sie war nicht meine große Liebe, das kann ich nicht sagen, aber ich mochte sie gerne, ich habe sie respektiert und geachtet. Warum ich sie geheiratet habe? Nun, Linda hatte Geld.
Mehrere Grundstücke und Häuser. Mir als mittellosem, jungem Mann hat das natürlich imponiert. Liebe macht nicht satt und ein gut gefülltes Bankkonto lässt dich nachts gut schlafen.
Also habe ich sie geheiratet. Zwei Jahre später kam unser Sohn Marc zur Welt. Linda hat ihr Kunst- Studium aufgegeben, war zufrieden als Hausfrau und Mutter. Ich war zufrieden mit ihr als Hausfrau und Mutter. Mit ihren weiblichen Qualitäten allerdings nicht. Sexualität war ihr zuwider. Zweimal monatlich kam sie ihren ehelichen Pflichten nach. Das hatte sie wohl in einer ihrer Frauenzeitschriften gelesen, dass man als gute Ehefrau den Ehemann zu beglücken hätte, sonst wäre man keine gute Frau. Und eine gute Frau wollte sie ja sein. Also fanden alle zwei Wochen die samstäglichen Beischlaf-Rituale statt. Ehefrau des Monats würde sie niemals werden. Bestimmt nicht.
Marc durfte an diesen Tagen bei der Großmutter übernachten. Nach dem Abendessen, ich kann es heute noch hören, sagte sie stets zu mir:
„Ich gehe jetzt ins Bad. Lass mir eine halbe Stunde Zeit, dann kannst du nachkommen.“
Wenn ich dann ins Schlafzimmer kam, war alles bereit. Dämmerige Beleuchtung, das Bett aufgeschlagen, Linda im langen Nachthemd im Bett, die Beine züchtig nebeneinander. Auf dem Nachttisch eine Flasche Wasser, Gleitcreme und ein Päckchen Kondome. Sie fühle sich so beschmutzt bei Sex ohne Kondom, sagte sie immer, sie könne den Geruch auf ihrem Körper nicht ertragen.
Der zweite Standard-Satz war: „Hast du die Zähne geputzt?“ Was für eine unnötige Frage. Küssen durfte ich sie ohnehin nicht.
Das Nachthemd hatte sie immer anbehalten. Nie durfte ich sie richtig nackt sehen. „ Wir sind doch keine Tiere“, sagte sie immer, „der Herrgott will, dass wir unsere sündige Nacktheit voreinander verbergen“. Ich fand mich damit ab, nach zehn Minuten war ohnehin alles vorbei. Anschließend sprang sie sofort aus dem Bett, ging unter die Dusche, schruppte alles von sich herunter, was nur im geringsten nach ehelichem Zusammensein riechen könnte, zog ein frisches, wadenlanges Baumwollnachthemd an, rollte sich auf ihrer Seite des Bettes zu einer Kugel zusammen und schlief ein.
Ich war nicht unzufrieden. Kannte ja auch nichts anderes. Unser Sohn geriet prächtig, das Bankkonto war gut gefüllt. Was wollte ich mehr? Ich dachte, ich sei glücklich.
Bis zu dem Tag, an dem ich Sarah begegnete. Ich sah ihr in die Augen und die Welt veränderte sich. Nicht, dass sie eine Schönheit gewesen wäre. Etwas mollig, lange dunkelbraune Haare mit dem Glanz reifer Kastanien. Das Schönste waren ihre Augen, braun mit kleinen grünen Flecken, umgeben von einem dichten Kranz schwarzer Wimpern. Ich konnte ihre Seele in diesen Augen sehen, warm, tief, den Himmel verheißend.
Wir haben uns auf den ersten Blick ineinander verliebt. Bei ihr konnte ich der Mensch sein, den ich sonst vor den Blicken der anderen verbarg. Sie war sanftmütig, aber auch sehr direkt und leidenschaftlich. Die gestohlenen Stunden, die wir miteinander verbrachten, waren Ausflüge in den Himmel oder in die Hölle. Manchmal sanft und zärtlich, manchmal heiß und gierig. Manchmal beides zusammen. Aber immer getragen von einer Welle der Liebe. Etwas Schöneres und Erfüllenderes hatte ich in meinem ganzen Leben nicht erfahren.
Jahre vergingen. Trotz aller Liebe zu Sarah brachte ich es nie fertig, für klare Verhältnisse zu sorgen. Ich hatte Angst. Angst vor der Zukunft, Angst, meine Sicherheiten zu verlieren, Angst, meinen Status als geachteten Bürger der Stadt aufgeben zu müssen. Ich war ein feiger Hund und irgendwo war ich auch bequem. Sarah hatte mich nie gedrängt, war zufrieden mit den wenigen Stunden, die wir gemeinsam verbrachten. Ich wusste, dass sie litt. Manchmal sah ich den Schmerz in ihren Augen, aber ich wollte ihn nicht sehen. Was nicht sein kann, darf nicht sein.
Und dann kam der Tag, an dem Linda von unserem Verhältnis erfahren hat. Meine Schuld, meine eigene, verdammte Schuld. Die vielen, liebevollen SMS, die Sarah mir aufs Handy geschickt hatte, kleine selbst verfasste Gedichte und Sprüche, brachten das Gebäude der Lügen und des Betruges zum Einsturz. Ich hätte sie löschen sollen. Aber ich hatte sie so gerne gelesen. Immer und immer wieder. Witzige, freche, erotische Sätze, die an unsere Schäferstündchen erinnerten. Als ich an diesem Tag bemerkte, dass ich das Handy zu Hause vergessen hatte, war es schon zu spät.
Linda konnte der Versuchung nicht widerstehen, hatte alles gelesen.
Sie sprach nicht viel: „Gib dieses Verhältnis auf oder ich mache dich zum Bettler.
Ich sorge dafür, dass kein Mensch dieser Stadt noch ein Wort mit dir spricht. Ich mache dich so fertig, dass du dir wünschen wirst, du wärst niemals geboren worden. Gib mir hier und heute dein Ehrenwort, dass du diese Schlampe, dieses geile Flittchen, nie mehr sehen wirst und ich will dir noch eine Chance geben.“
Ich war ein Schwein. Und ein Verräter. Ich habe das Beste, was mir jemals im Leben begegnet ist, weggeworfen wie einen verfaulten Apfel. Für Geld, Sicherheit und ein finanziell sorgenfreies Leben. Bezahlt habe ich mit der ungestillten Sehnsucht in meinem Herzen. Ich konnte Sarah nicht vergessen, ich trug ihr Brandzeichen im Herzen. Und ich habe einen verdammt schlechten Handel gemacht. Linda sorgte nach wie vor gut für unseren Sohn und war eine vorbildliche Hausfrau. Berühren durfte ich sie nicht mehr. Sie würde sich vor mir ekeln, sagte sie. Der Geruch der Schlampe würde mich umhüllen wie eine zweite Haut. Finanziell wurde alles auf ihren Namen überschrieben, außer dem Haus, das wir bewohnten und das von meinem Verdienst finanziert wurde.
Sarah war am Boden zerstört. Sie, die immer so stark und gelassen war, brach vollständig zusammen. Sie erkrankte an einer schweren Depression, wurde monatelang in einer Klinik behandelt. Ich hatte sie nie wieder gesehen, nicht bis gestern Abend.
Als Marc achtzehn wurde, hat sich Linda in der Küche erschossen. Selbstmord. Dachte ich wenigstens. Mit einem Revolver, den ich vor Jahren gekauft hatte, weil in der Nachbarschaft mehrere Einbrüche stattfanden. Eine Nachbarin wurde schwer verletzt, als sie die Einbrecher überraschte. Wir fühlten uns sicherer mit der Waffe im Haus.
Zwei Tage später wurde ich verhaftet. Auf der Waffe fanden sich nur meine Fingerabdrücke. Für die Tatzeit hatte ich kein Alibi, da ich joggen war. Alleine. Bei einer Hausdurchsuchung wurde Lindas Tagebuch gefunden. Diese Frau hat mich gehasst, wie sehr, wurde mir erst klar, als mein Anwalt mir Teile daraus vorgelesen hatte. Nichts entsprach der Wahrheit. Ich hätte sie betrogen, immer wieder, sie geschlagen, gedroht, ich würde sie umbringen, wenn sie mich verlassen würde. Ein Krankenhausbericht tauchte auf. Von damals, als Linda bei Glatteis auf der Treppe gestürzt war. In ihrem Tagebuch hatte sie geschrieben, ich hätte sie verprügelt und die Treppe hinunter geworfen.
Ich konnte mich nicht verteidigen, niemand hatte mir geglaubt. Jedes Indiz sprach gegen mich. Selbst mein Einwand, ich hätte der toten Linda im ersten Effekt die Waffe aus der Hand genommen, wurde verworfen. Weil außer meinen Abdrücken keine anderen, auch nicht Lindas, auf der Waffe gefunden wurden.
Das Urteil der Jury war einhellig, Schuldig. Schuldig, meine Ehefrau heimtückisch ermordet zu haben.
Mein Sohn Marc spricht nicht mehr mit mir, er hält mich für einen Mörder. Alles, was ich besaß, wurde mir genommen. Verachtung schlug mir entgegen, egal, wo ich war oder wer mir begegnete. Es blieb mir nichts mehr. Kein Stolz, keine Ehre, kein Mitleid. Von Niemand. Noch nicht mal von mir selbst.
Die Todesstrafe war keine wirkliche Überraschung mehr. Tod durch die Giftspritze, Natriumpentothal und Pancuronicumbromid. Es würde schnell gehen, ich bräuchte nicht zu leiden. Was für ein Trost.
Und dann die Überraschung gestern Abend. Meine Zellentür wurde aufgeschlossen. Ich hätte Besuch. Das ist der Vorteil, wenn man Todeskandidat ist. Man darf jederzeit Besuch empfangen.
Sarah. Meine Sarah. Sie hatte sich kaum verändert. Immer noch diese glänzende Flut brauner Haare. Immer noch diesen Blick, der mir das Herz zerreißt.
„Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut. Weißt du, ich darf morgen sterben.“
„Das ist gut. Ich sterbe seit sieben Jahren, jeden Tag ein Stückchen mehr. Aber ich muss weiterleben.“
Ich schluckte an meinen Tränen.
„Verzeih mir, ich wünschte, ich könnte wieder gut machen, was ich dir angetan habe.“
Sie lächelte. Ein harter Glanz erschien in ihren Augen.
„Das brauchst du nicht, mein Lieber. Mein Schmerz wird vorbei sein, wenn ich dich morgen sterben sehe. Ja, sei nicht überrascht. Ich habe meine Beziehungen spielen lassen, ich bin eine der Zeuginnen bei deiner Hinrichtung.“
„Ich liebe dich noch immer, Sarah. Ich habe alles falsch gemacht, aber glaube mir, ich habe Linda nicht umgebracht.“
„Das weiß ich doch, Schätzchen. Es war mir ein Vergnügen, deiner Linda den Revolver an die Schläfe zu drücken. Der Schuss war wie eine Befreiung für mich. Den Griff zu reinigen war wie die Reinigung meiner Seele. Ich habe alles von mir abgewischt. Den Schmerz und dich. Und hast du dich nie über Lindas Tagebuch gewundert? Wo sie doch niemals gerne geschrieben hat? Selbst die Ansichtskarten aus dem Urlaub hast doch immer du verfasst, nicht wahr? Ich dagegen habe immer gerne geschrieben, das solltest du eigentlich noch wissen. Oder hast du das auch vergessen, so wie du vergessen hattest, wie sehr ich dich liebte?“
Sie lächelte erneut, doch das Lächeln erreichte nicht mehr ihre Augen. Sie stand auf, drehte sich noch einmal um für einen langen, Abschied nehmenden Blick und ging.
Und so habe ich das Letzte verloren, an das ich noch geglaubt habe. Sarah und unsere unendliche Liebe. Liebe, aus der unendlicher Hass geworden ist. Ich bin schuldig. Nicht im Sinne der Anklage. Schuldig geworden an der Liebe und dem Leben. Ich habe den Tod verdient.
[Dieser Beitrag wurde am 14.07.2006 - 22:19 von Minotaurus aktualisiert]
Signatur Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!
(Indianerweisheit) |