Robert 

Status: Offline Registriert seit: 15.06.2005 Beiträge: 14 Nachricht senden | Erstellt am 10.08.2005 - 07:39 |  |
Schuld oder nicht Schuld, das ist hier die Frage!
Wer ist schuld? Darf man überhaupt eine so große Schuldzuweisung machen? Tut man mit einer solchen Anschuldigung nicht lieben Menschen Unrecht? Tut man ihnen nicht sogar sehr weh, und das zu unrecht?
Ich weiß es wirklich nicht, noch nicht! Aber weil mich diese Frage schon fast mein ganzes Leben lang begleitet und beschäftigt, möchte ich hier darüber schreiben, denn schreiben befreit, genau wie darüber reden! Und darüber diskutieren!
Es war 1957. Ich war gerade mal dreieinhalb Jahre alt und hatte meine erste Sandkastenliebe. Meine Eltern beschäftigte eine ganz andere Frage: Soll man gegen Kinderlähmung impfen?! Die Impfung wurde damals gerade erst eingeführt, steckte also noch in den Kinderschuhen und war noch keine Pflicht. Es wurde geworben mit dem Slogan, wer weiß das nicht:
„Schluckimpfung ist süß Kinderlähmung ist grausam!“
Wie wahr dieser Slogan für mich persönlich werden sollte, begriff ich schneller als mir dies lieb sein konnte!
Von einem Tag auf den anderen, sozusagen über Nacht, konnte ich nicht mehr laufen. Meine beiden Beine hingen kraftlos an mir herunter, so als ob sie nicht zu mir gehören wollten.
Die Diagnose war schnell gestellt: Kinderlähmung!
Mit Blaulicht und in den Armen meiner Mutter ging’s ab nach Heidelberg in eine Polio Klinik, in Quarantäne, denn Kinderlähmung ist, wie wir alle wissen, hochansteckend.
Seit diesem Tag war meine Mutter immer für mich da. Ich meine, irgendwie war sie das auch vorher schon, aber jetzt war es noch viel stärker ausgeprägt, denn sie wich mir nun überhaupt nicht mehr von der Seite! Sie hat mich in den Arm genommen! Sie hat mir meine Hand gehalten! Sie hat mich getröstet! Sie hat mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen! Sie hat...!
Was ich in diesem Zusammenhang warum auch immer als besonders fatal empfinde, ist die Tatsache, daß ich 1957 der einzige Kinderlähmungsfall in Pforzheim war, und ich sollte bis dato auch der letzte bleiben!
Die Frage, die ich mir in der Vergangenheit immer wieder gestellt habe und bis heute immer wieder neu stelle: Warum gerade ich?
Vielleicht haben meine Eltern nur einen Tag zu lange überlegt, jedenfalls mit grausamen Folgen für mich und mein Leben. Kinderlähmung, eine Krankheit, die das Leben eines Kindes dramatisch verändern, total auf den Kopf stellt!
Viele Jahre später erfuhr ich, daß sich meine Eltern immer wieder schwere Vorwürfe gemacht haben!
Es kam eine Zeit, in der meine Mutter alles, aber auch wirklich alles unternahm, um für mich und meine Situation das beste daraus zu machen.
Nach langem Klinikaufenthalt wurde ich mit einer Schiene am linken Bein entlassen. Das rechte Bein hatte sich vollkommen erholt .
Aber ich habe diese Schienen gehasst! Ich hatte davon einige Modelle. Uch ich habe sie alle „geschrottet“! Sie behinderten mich in meinem Bewegungsdrang.
Ich wurde operiert, ich bekam Frischzellen und Pferdeserum gespritzt. Und ich war lange im Werner-Heim in Wildbad. Dort hat man alles versucht, das lahme Bein zu stärken. Was soweit gelang, daß ich fortan ohne Schiene, aber dafür mit so einem hässlichen Klumpschuh laufen konnte. Was ein Fortschritt!
Es kam meine Schulzeit: Das war der blanke Horror! Kinder können so grausam sein! Ich war nur noch der Hinkefuß oder der Krüppel. Schnell gab ich’s auf, meinen Peinigern hinterher zu „humpeln“, denn ich erntete nur Hohn und Spott!
Aber vielleicht erst Tage später, wenn einer meiner Peiniger in meine Reichweite kam, dann half ihm allerhöchstens noch die Gnade Gottes! Denn mit meinen sehr kräftigen Armen war ich in der Lage, ihn derart zu verdreschen, daß ihm Hören und Sehen vergingen! Und hinterher bekam ich mindestens eine Strafarbeit. Mein Peiniger aber ging fürs Hänseln in der Regel leer aus, was die Bestrafung anging, wie ungerecht! Nicht mal bei den Lehrern hatte ich Hilfe zu erwarten. Natürlich blieb ich sitzen. Und ab in die Hilfsschule! In die Hilfsschule? Nicht mit meiner Mutter!
Ich kam in ein Internat der Waldorfschule. Meine Mutter hat das arrangiert und ging putzen, um das Schulgeld aufzubringen.
Es begann eine sehr schöne Zeit. Ich war zwar der einzige Behinderte unter 100 anderen Kindern, aber ich hatte endlich Freunde! Freunde, die mich nach einer langen Wanderung auf ihren Schultern nach Hause trugen. Freunde, die mich bei Schnee, mit dem ich immer Probleme hatte, auf einem Schlitten durch die Gegend zogen. Freunde, die... !
Im Rahmen meiner Möglichkeiten nahm ich auch am Sportunterricht teil. Wir mussten zum Beispiel einen 5 Meter langen Strick hinaufklettern. Ich kam an die Reihe, es zu versuchen. Ich packte das Seil mit meinen starken und kräftigen Armen und kam oben an, ohne mit der Wimper zu zucken! Nur mit den Armen kletternd! Natürlich verbrannte ich mir beim runter rutschen die Finger, aber die verschwanden schnell in meinen Hosetaschen. Alles klatschte und ich war stolz, sehr stolz sogar! Ich war übrigens der einzige in der Schule, der das Seil nur mit der Muskelkraft seiner Arme bezwang . So gab es also doch einiges, was mir mit Stolz die Brust schwellte. Ich war nicht Behindert! Ich war überall dabei! Immer!
Es kam die Pubertät. Eine schwere Zeit, in der ich wieder mal zu spüren bekam, daß sehr viele Menschen nichts mit einem Krüppel zu tun haben wollten. „Schau mal wie der läuft“, hieß es oft. Auch diesmal half mir meine Mutter darüber hinweg. Sie war also nicht nur meine Mutter, denn das war sie ja sowieso, nein, sie wurde zu meinem Freund und Kumpel! Mit ihr konnte ich über alles, aber auch wirklich über alles reden!
Ich machte eine Lehre als Florist, nabelte mich ab und zog nach Konstanz. Dort hatte ich tolle Kolleginnen, mit denen man durch dick und dünn gehen konnte .Ich liebte meinen Beruf, er füllte mich voll aus.
Ich wechselte die Firma und dachte, es kann noch toller kommen. Das war leider nicht der Fall. Ich rutschte ab und lebte von Schokolade und Alkohol.
Auch aus diesem Sumpf holte mich meine Mutter wieder heraus! Sie half mal wieder!
Zu meinem Vater hatte ich damals kein so gutes Verhältnis. Ich sah in kaum. Er hat eben immer gearbeitet und war wenig zu Hause.
Und so stellt sich erneut die Frage: Darf ich hier wirklich von Schuld sprechen? Darf ich wirklich meine Eltern beschuldigen, im richtigen Moment etwas zu lange gezögert zu haben?
Heute glaube ich, daß ich das eher nicht darf!
Ein Erklärungsversuch:
Gerade meine Mutter hat doch wirklich alles nur Erdenkliche getan, um für mich das allerbeste aus meiner Situation zu machen! Tat sie dies, um eine Schuld abzutragen? Vielleicht! Aber was wäre ich denn ohne sie? Die Dinge passieren, wie sie passieren! Aber muß man nicht einfach sein ganzes Leben lang versuchen, das Beste daraus zu machen?
Sehr gerne hätte ich nur ein kleines bißchen der Liebe und Fürsorge an sie zurück gegeben! Leider war mir das nicht vergönnt: Sie ist all zu früh von uns gegangen!
Ich machte mich beruflich mit einem kleinen Blumenladen selbständig. Ich habe ihn sehr geliebt, diesen Blumenladen! Blumen sind mein Leben!
Auch privat hatte ich nun das große Glück, endlich einen Partner zu finden, der mich nimmt so wie ich bin, mit allen Ecken und Kanten, und (natürlich) auch mit meinem lahmen Bein! Wir entdeckten die Berge und erwanderten und erklommen so manchen Gipfel! Wieder war ich stolz wie Oskar, oben auf dem Berg zu stehen, es geschafft zu haben, diesen zu erklimmen! Aber hier gelangte ich dann auch gleich wieder an meine Grenzen. Ich fing an zu spüren, was nicht mehr ging!
Ich hätte auf diese Stimme hören sollen! Aber nein, mir ging’s gut! Ich hatte alles was ich wollte! Ich war wieder überall dabei! Ich war ein Powerman!
Dann 2003, nach auftretenden Problemen mit dem Laufen, bekam die Diagnose:
Post-Polio-Syndrom!
Mit einem Paukenschlag war ich auf einmal wieder behindert! Ich hatte 45 Jahre lang immer wieder versucht, und das zu einem großen Teil sogar mit großem Erfolg, meine Behinderung zu vergessen. Sie war einfach nicht existent. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, daß vieles nicht mehr gehen sollte, jedenfalls nicht mehr so wie es vorher immer wieder gegangen war. Und mein Zustand verschlimmerte sich zusehends.. Ich konnte einen 12 Stunden-Tag nicht mehr durchhalten. Meine Freizeit bestand nur noch aus Schlafen. Und ich bekam wieder eine Schiene, ohne die nun leider nicht mehr viel geht. Das „Ding“ heißt jetzt Orthese, wie vornehm! Ich mag sie trotzdem nicht!
Im Dezember 2004 musste ich mich schweren Herzens, nach 20 Jahren der Selbständigkeit, von meinem Laden trennen. Es stürzte eine Welt für mich zusammen! ICH musste nachgeben, dem Post-Polio-Syndrom nachgeben!. ICH, der Powerman!. Das war sehr, sehr schwer für mich.
Seit 2005 bekomme ich eine Rente wegen voller Erwerbsminderung. Nun ja, das ist nun nicht gerade der Hit, aber mit der Hilfe meines Partners kommen wir über die Runden.
Er hält nun schon 22 Jahre fest zu mir, obwohl er durch mich auch so manches zurückstecken musste. Nämlich das, was er hätte, wenn er nicht mit mir zusammen wäre .Uns verbindet aber ein sehr starkess Band, das hoffentlich nie reißt und noch viele, viele Jahre hält. Wenns irgendwie geht, dann ewig!
Wir haben eine große Eigentumswohnung hier über der Stadt, und Sonne den ganzen Tag, wenn sie denn scheint. Und viele Blumen auf zwei Balkonen.
Nach dem Tod meiner Mutter nahm ich meinen Vater zu mir nach Konstanz. Er wohnt dort im „betreuten Wohnen“, ist 87 Jahre alt und braucht etwas meine Hilfe. So kann ich wenigstens ein bißchen der großen Liebe, die meine Mutter mir geschenkt hat, an ihn weitergeben und damit Danke sagen für das, was sie für mich getan hat!
Mit meinem Vater verstehe ich mich inzwischen sehr gut. Und ich bekomme immer noch jeden Wunsch erfüllt, wenn ich nur daran denke!
Das Thema Schuld darf ich nicht ansprechen. Er bricht sofort in Tränen aus und spricht von den großen Vorwürfen, die sie sich damals gemacht haben. Ich kann aber meinen Vater nicht weinen sehen und glaube ohnhin inzwischen, daß man ihn, zumal in seinem hohen Alter, nicht mehr damit belasten sollte. Irgendwie und halt auf seine Weise hat ja auch er alles dafür getan, damit ich meinen Weg trotz der Behinderung meistern konnte.
Ich bin jetzt 52 Jahre. Und unterm Strich betrachtet ist bis hierhin doch alles gut gegangen. Dafür bin ich im Grunde sehr dankbar. Und ich glaube, daß ich auch ein klein wenig stolz sein darf, stolz auf das, was ich erreicht habe. Ohne den eisernen Willen und die Liebe meiner Mutter wäre das allerdings alles nicht möglich gewesen. Und so ist Dankbarkeit sicher wesentlich besser als einen Schuldigen zu suchen und vielleicht auch zu finden, für etwas, das man ohnehin nicht mehr ändern kann. Die Frage nach der Schuld hat mich halt all die Jahre immer bgleitet wie ein Schatten und einfach nicht losgelassen. Und so war es an der Zeit, darüber zu schreiben, denn schreiben befreit!
Mit meinem Partner habe ich in den letzten 22 Jahren so manche Klippe erfolgreich umschifft. Wir sind sturmerprobt . Und ich hoffe, daß wir die Probleme und Schwierigkeiten, die das Leben für uns noch bereit hält, die uns die Zukunft noch bringen, ebenfalls gemeinsam überwinden können. Denn nur gemeinsam sind wir stark! Trinken wir also ein Glas auf die Zukunft und lassen uns nicht unterkriegen!
Liebe Grüße
Robert
Anmerkung "der Redaktion": Diese Geschichte kann man auch, demnächst angereichert mit Fotos, im Onlinemagazin lesen!
[Dieser Beitrag wurde am 10.08.2005 - 12:18 von Loepe aktualisiert]
Signatur Lach über die Dinge und Du kannst Sie ertragen. |
Loepe

Status: Offline Registriert seit: 31.03.2008 Beiträge: 0 Nachricht senden | Erstellt am 10.08.2005 - 15:00 |  |
Hallo Wes,
dem ist nichts hinzuzufügen! (häh, warum schreibe ich das dann überhaupt?)
Nein, was ich sagen wollte ist das folgende:
Früher war ich auch immer schnell dabei, meiner Mutter für alles die Schuld zu geben, für das, was in meinem Leben schief gelaufen ist, einschließlich der Tatsache, daß ich mir den Polio-Virus eingefangen habe.
Heute bin ich soweit, daß ich glaube, es ist vielleicht garnichts schief gelaufen, es ist vielleicht alles so gelaufen, wie es laufen mußte, es macht überhaupt keinen Unterschied, ob jemand Schuld hat oder nicht, alles kommt, wie es kommen muß und letztlich lassen sich die in der Vergangenheit vorgefallenen "Mißgeschicke" doch nicht mehr ändern.
Worauf es aus meiner Sicht wahrscheinlich ankommt, ist das man sein Leben in die Hand nimmt, bereit ist, die Verantwortung für sich selbst (also: auch für andere!) zu übernehmen und nach vorne schaut.
Damit meine ich nicht, daß man alles alleine machen sollte! Wichtig ist auch, daß man die helfende Hand, die sich einem entgegenstreckt, nicht wegstößt, sondern daß man sich auch helfen läßt, vor allem wenns schwierig wird!
All diese Aspekte (und noch viel mehr!) habe ich auch in Roberts Biografie wiederfinden können.
Insofern freue ich mich, wenn (hoffentlich!)noch mehr Betroffene den Mut finden, sich hier zu ihrer Biografie zu äußern.
Was mich betrifft, habe ich das in Auszügen (mehr folgt!) im Onlinemagazin ja schon getan, nur damit niemand annimmt, ich würde hier nur "rumzülzen".
Liebe Grüße
Lothar
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