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Status: Offline Registriert seit: 17.05.2005 Beiträge: 1984 Nachricht senden | Erstellt am 10.05.2008 - 20:47 |  |
Quelle: Spiegel
007-DREH IN BREGENZ
Wenn James Bond dir 38-mal auf den Fuß tritt
Aus Bregenz berichtet Siegfried Tesche
Etwa fünf Minuten des neuen Bond-Films "Quantum of Solace" spielen in Bregenz. In der österreichischen Stadt herrschte eine Woche lang Ausnahmezustand: Händler und Restaurants lockten mit 007-Specials, Regisseur Marc Forster und Hauptdarsteller Daniel Craig hatten keine ruhige Minute.
Marc Forster ist müde. Es ist kurz vor Mitternacht, und bis 6 Uhr wird noch gedreht. Forster zieht sich seine graue Strickmütze ins Gesicht, greift zur Wasserflasche, reibt sich die Augen und sinkt auf einem der schmucklosen grauen Regiesessel nieder, die am Set des neuen Bond-Films "Quantum of Solace" vor dem Festspielhaus in Bregenz stehen.
"Artist" steht auf der Rückenlehne. Nicht etwa sein Name oder der eines Hauptdarstellers. Seit Januar drehte Forster erst in den Pinewood Studios, dann in Panama, Italien, Chile - und jetzt in Österreich. Als der Schweizer Regisseur im November Berlin besuchte, um seinen Film "Drachenläufer" vorzustellen, sah er entspannter, erholter, gesünder aus als jetzt. Nicht so dünn und blass. Bond zehrt an den Nerven. Unter 200 Millionen Dollar soll er bleiben. Die Drehtage in Bregenz wurden von zehn auf acht gekürzt. "Auch bei James Bond hat man kein unbegrenztes Budget", sagt Location Manager Leonhard Gmür, der an seinem sechsten 007-Abenteuer arbeitet und einst bei "Octopussy" dafür sorgte, dass der Agent Ihrer Majestät über die Berliner Avus rasen durfte.
In den vergangenen Monaten haben Gmür und seine Frau Karin exakt 5297 Statisten gecastet, fotografiert und vermessen. Rund 300 sind an diesem Abend dabei, als Forster immer und immer wiederholen lässt, wie die Limousinen vor dem Festspielhaus vorfahren. Drinnen stehen die Gäste in eleganten Roben und schwarzen Smokings. Draußen sollen zahlreiche Kameras und Licht-Installationen dafür sorgen, dass der Platz vor dem Theater später im Film viel größer und beeindruckender wirkt als in der Realität.
Forster und sein Kameramann Roberto Schaefer haben sich ausführlich über das visuelle Konzept des Films Gedanken gemacht und festgestellt, dass sie beide die Polit-Thriller der siebziger Jahre schätzen – "Die drei Tage des Condor" etwa, oder "French Connection". Beides sind Klassiker des Genres. Und natürlich lieben sie - wie jeder - die frühen Bond-Filme mit Sean Connery.
Im Gespräch am nächsten Tag bestätigt der jetzt hellwache Forster, wie anstrengend der Bond-Dreh ist: "Ich habe das Gefühl, ich mache zwei oder drei Filme auf einmal, aber Orson Welles hat gesagt, man muss einmal in seinem Leben einen kommerziellen Film drehen." Er erwähnt auch, dass er speziell Terence Young schätzt. Der Brite hatte in den sechziger Jahren mit den ersten Agentenabenteuern "James Bond – 007 jagt Dr. No", "Liebesgrüße aus Moskau" und "Feuerball" einen Standard für die ganze Serie gesetzt.
Ob der neue Bond-Darsteller Daniel Craig in diesen Retro-Kosmos hineinpasst? Und ob, meint Forster. Auch mit Craig hat er lange gearbeitet und am Drehbuch gefeilt. Sogar den jungen amerikanischen Autor Joshua Zetumer hat er noch hinzugezogen, der die letzte Version von Star-Autor Paul Haggis ("Million Dollar Baby") noch einmal überarbeitet hat. "Daniel ist ein guter Schauspieler", so Forster, "und dieser Film wird vom Charakter James Bonds bestimmt werden, nicht von der Geschichte. Ich glaube nicht an Rache. Sie führt nicht weiter. Es geht um den zwiespältigen Helden."
Der muss in dieser Nacht mehrfach eine der Außentreppen zum Festspielhaus hinauflaufen. Hinein kommt er jedoch erstmal nicht: Eine verdreckte weiße Hose, braune Schuhe und eine dunkle Jacke sind in der Oper nicht hilfreich. Später klaut sich Bond einen Smoking und schafft es doch noch. Zwischen jeder Aufnahme stürmt Daniel Craig zu Forster, starrt auf den Monitor und sieht sich selbstkritisch seine Darstellung an. Mehrfach ändert er seinen Gesichtsausdruck, wenn er erneut die Treppe hinaufsprinten muss.
Auch Mathieu Amalric variiert viel. Mal verschafft er sich Platz, rempelt jemanden an, begrüßt jemanden oder spielt mit dem Treppengeländer. Der Franzose ("Schmetterling und Taucherglocke") ist als Gangster Dominic Greene zu sehen, der - im Gegensatz zu Bond - den Haupteingang der Oper benutzt – im Smoking. Nach sieben Takes sitzt Szene 65 N 6. Zwei Nächte zuvor wurden 38 Wiederholungen benötigt, denn Craig/Bond ist nicht nur im Auditorium des Gebäudes unterwegs, sondern flitzt auch durch Küche und Restaurant und erschießt einen Gangster. Dafür musste er einer Dame auf den Fuß treten – 38-mal. Sie trug es mit Fassung. Craig auch.
Auf 109 Drehtage ist der Film veranschlagt, in 101 davon wird der britische Schauspieler benötigt. Um das durchzustehen, stählt er auch hier seinen Körper. Im "Home of Balance" genannten Fitnesszentrum des Hotels Panoramahaus in Dornbirn nahe Bregenz hat Craig einen eigenen Trainingsbereich. Sporadisch tauchte er auch in der hauseigenen Sauna auf. Dass die Statisten ihn mögen ist offensichtlich. Immer wenn das befreiende "Cut! Reset" erklingt, und er an ihnen vorbeigeht, applaudieren sie, halten aber dennoch respektvollen Abstand.
Die Stadt umarmt den Kino-Helden geradezu. Rund 50 Geschäfte bieten "007 Prozent Rabatt" beim Shoppen, ein Schuhhändler wirbt mit den weichen Tretern, die Daniel Craig erworben hat, die Bäckerei Schähle hat "JB" und "007"-Brezeln im Angebot - und ein Kellner des Ristorante San Giuseppe erzählt froh, dass man am Vorabend der "Bond Night", in der acht echte Aston Martins in der Fußgängerzone standen, 400 Pizzas und 200 Nudelgerichte verkaufen konnte – 20 Prozent mehr als sonst. Es ist fast wie zu den legendären "Bondomanie"-Zeiten in den sechziger Jahren.
Mit einigen wenigen Schießereien und am Hemd explodierenden Blutkapseln geht Drehtag 80 für Craig und Regisseur Forster in den frühen Morgenstunden zu Ende. Man musste aufhören, weil die Vögel zu laut zwitscherten.
Die wirklich lauten Geräusche stehen erst noch an. Ab nächster Woche dreht das Team bis Mitte Juni in den Londoner Pinewood Studios. "Dort wird gerade ein Außenset gebaut", sagt der Sound Mixer und Oscargewinner Chris Munro, für den dies auch schon der fünfte Bond-Film ist. "Dort gibt es vor allem Explosionen, und das Eco-Hotel des Gangsters fliegt in die Luft." Es ist eben James Bond. So viel Action hätte es in den Thrillern der siebziger Jahre dann doch nicht gegeben.
"Quantum of Solace" kommt am 6. November in die deutschen Kinos. Etwa fünf Minuten des Films spielen in Bregenz.
Statt der veranschlagten ursprüngllich genannten neun Minuten dürften nach Bekanntwerden der Handlung, die in Bregenz spielt, die fünf Minuten eher stimmen.
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Status: Offline Registriert seit: 17.05.2005 Beiträge: 1984 Nachricht senden | Erstellt am 19.05.2008 - 19:45 |  |
Quelle: Welt
Zeitversetzter Artikel mit Interview - vom 18. Mai 2008
Daniel Craig und die Gefühlswelt von 007
Der Rummel um den neuen James-Bond-Film ist schon jetzt groß. Gedreht wird "Quantum of Solace" noch in Bregenz am Bodensee. Darsteller Daniel Craig verrät im Gespräch mit WELT ONLINE schon jetzt, wieso er ihn so verletzlich spielt und warum der Agent an den Frauen verzweifelt.
Daniel Craig läuft im T-Shirt durch das Restaurant, stoppt, guckt, schießt und schwingt sich elegant über den Tresen, stolpert, rappelt sich sekundenschnell auf und verschwindet durch die Küchenhintertür. Wieder und wieder. Schon das Zusehen sorgt für Muskelkater und kleine Augen. Es ist weit nach Mitternacht in Bregenz, wo die Schlüsselszenen des neuen James-Bond-Films gedreht werden. Sein englischer Titel lautet "Quantum of Solace", eine deutsche Übersetzung steht noch aus, ein "Quantum Trost" wirkt doch etwas sperrig für einen Blockbuster, mit dem der Regisseur Marc Forster die Modernisierung der 007-Mythologie vorantreiben möchte: mit dem britischen Agenten als neuem Mann. Nie schien ein Bond zeitgemäßer inszeniert als mit Daniel Craig. "Daniels Bond ist ein bisschen naiver, mehr einer wie wir, also viel interessanter als früher", erklärt der Däne Jesper Christensen, der den undurchsichtigen Drahtzieher "Mr White" verkörpert, jenen Mann, dem Bond am Ende von "Casino Royale" ins Bein schoss.
Im Gegensatz zu früher knüpft dieser Bond unmittelbar an den vorangegangenen an, erzählt die Geschichte weiter. Mit Spannung, subtilem Humor und Überraschungen: Das Bond-Girl wird keinen Sex mit dem Agenten haben, wie Darstellerin Olga Kurylenko verrät. An diesem Tag steckt Daniel Craigs durchtrainierter Körper in einem grauen Sakko, dazu trägt er ein lindgrünes Hemd und Jeans mit Designerflicken. Er ist kleiner als erwartet, dafür funkeln die Augen faszinierend und die Stimme vibriert tief. Als Einziger der Crew hat der FC-Liverpool-Fan zwei Bodyguards dabei. Er könne schroff sein, heißt es. Doch das Gegenteil war beim Interview der Fall: Sein Charme und sein britischer Humor wirken nicht gespielt.
WELT ONLINE: Der Titel des neuen Bond-Films erinnert an eine Kurzgeschichte Ian Flemings. Darin geht es um eine unglückliche Liebe. Ist der neue Bond ein Liebesfilm?
Craig: Wir wollten etwas finden, das wirklich in Verbindung zu Ian Fleming steht, und diese Kurzgeschichte - es ist eine tolle Story - erzählt von dem Moment in einer Beziehung, in dem alles vorbei ist. Wie furchtbar das ist, wenn es kein Zurück gibt. Wie soll das gehen ...? Am Ende von "Casino Royale", steht ein Mann, dem etwas ganz Wichtiges genommen wird. Die Frau, die er liebt, begeht Selbstmord, weil er sie für schuldig hält, ein Doppelspiel gespielt zu haben. Doch er hatte es nie geschafft, der Sache nachzugehen, sie darauf anzusprechen. Genau da beginnt unsere Story: Er sucht ein wenig Trost - das "Quantum of Solace" - aber er kann sich nicht öffnen, das wäre ein Zeichen für Schwäche.
WELT ONLINE: Sie spielen also wieder einen verletzlichen Mann. Was hat das noch mit James Bond zu tun?
Craig: Vordergründig handelt es sich um jemanden, der ein gebrochenes Herz hat, der Rache sucht. Doch darum geht es nicht. Letztlich will Bond herausfinden, wer hinter diesem Doppelspiel seiner Geliebten stand, welche Organisation. Da spielen dann die Schurken mit hinein. Mir gefällt die Story. Wenn man den Titel liest, denkt man: Oh, eine Liebesgeschichte. Aber dann kommt ein James-Bond-Film. Der Titel ist irreführend, mir gefällt das.
WELT ONLINE: Weicher Titel und harter Inhalt?
Craig: Der Titel ist nicht alles, es ist nur ein Quäntchen. Ich mag ihn sehr. WELT ONLINE: Also trotzdem viel Action? Craig: Trotzdem sehr viel Action. Es ist immer noch James Bond.
WELT ONLINE: Aber auch ein James Bond, der wegen einer Frau verzweifelt?
Craig: Er ist doch immer ein bisschen verzweifelt wegen der Frauen, oder? Das ist eine seiner größten Schwächen.
WELT ONLINE: Früher waren die Frauen doch wegen ihm verzweifelt ...
Craig: Ich weiß nicht ... Ich habe neulich noch einmal Ian Fleming gelesen. In diesen Büchern ist James Bond sehr emotional. Er verliebt sich und ist ständig am Boden zerstört. Man denkt immer, er ist es, der die Frauen verlässt, aber in den Büchern sind es meistens die Frauen, die gehen, weil sie nicht damit klarkommen, wie er ist, wer er ist. Weil er so eingleisig ist und immer nur an die Arbeit denkt.
WELT ONLINE: Ist es heutzutage notwendig zu zeigen, dass eine Frau einen starken Mann verlassen kann?
Craig: Haben wir das nicht immer schon gewusst?
WELT ONLINE: Gewusst schon, aber nicht wirklich darüber gesprochen.
Craig: Aber es ist die Wahrheit. Ian Fleming war eine sehr komplexe Persönlichkeit. Die Frauen hatten großen Einfluss auf ihn, und ich denke, das merkt man seinen Büchern an. Es geht nicht so sehr um Sensibilität, sondern um Offenheit, Verletzlichkeit. Das macht Bond sehr interessant. Es gefällt mir.
WELT ONLINE: Sean Connery nannte Bond "Smoking-Jacke auf dem Kleiderbügel" ...
Craig: ... Wann hat er das gesagt?
WELT ONLINE: 1968.
Craig: Okay, er hatte bestimmt Gründe dafür, damals. Aber es ist ... Na ja, ich will Connery nicht an den Karren fahren. Mit ihm sollte man sich lieber nicht anlegen!
WELT ONLINE: Und wie sehen Sie James Bond?
Craig: Wir haben es mit einem Charakter zu tun, der versucht, der Welt einen Sinn abzuringen, gegen das zu kämpfen, was er als das Böse erkennt. Er ist sehr unabhängig und müsste politischer sein. Und es geht darum, wie Regierungen sich verändern und wie die Dinge passieren. Wir müssen daran glauben, dass es in jedem Land eine Organisation gibt, die weiß, was richtig und was falsch ist, die die Wahrheit kennt. Wenn man diesen Glauben verliert, ist alles aus! Das klingt vielleicht sehr mythisch, aber so ist es. Die Regierungen machen Fehler, sie sind womöglich korrupt, aber irgendwo sitzen Leute, die in unserem Interesse handeln. WELT ONLINE: Ist James Bond nicht eine Figur des alten Europa? Ist er überhaupt noch zeitgemäß? Craig: Sicher, die Geschichte ist alt, und ich denke, sie ist klasse. Sie geht zurück auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Kalte Krieg ausbrach. Aus dieser Zeit des Umbruchs heraus entwickelte sich diese einsame Figur. Aber auch wir leben in unsicheren Zeiten. Die Welt befindet sich im Wandel, und das hat große Auswirkungen auf alles um uns herum. Und damals wie heute müssen wir wohl oder übel an die menschliche Natur glauben, an das Gute im Menschen.
WELT ONLINE: In James-Bond-Filmen gibt es keine Jahreszeiten, und es ist egal, wo sie spielen. Ist das Konzept also zeitlos?
Craig: Ich glaube, es geht nicht ohne diese Hyperwelt, in der man aus Flugzeugen steigen kann und sich an irgendeinem Badeort befindet. Als ich klein war, war für mich immer eine der wichtigsten Fragen beim neuen James Bond: Wohin geht es diesmal? Diesmal sind wir noch mehr gereist als sonst. Wir waren zwei Monate lang in Mittelamerika, und jetzt sind wir hier in Bregenz, wo eine ganze Oper aufgeführt wird, mitten im Dreh. Das ist eine tolle Erfahrung und wird visuell bestimmt ganz toll.
WELT ONLINE: Es scheint, dass die Rolle Ihr Leben sehr verändert ...
Craig: Natürlich hat sich mein Leben verändert. Ich kann mich nicht mehr so einfach bewegen wie früher, aber ich bewege mich anders. Jetzt sind wir hier. Alle wissen, dass wir hier sind, alle wollen mich sehen, also kann ich nicht einfach so rumlaufen. Wenn ich wieder zu Hause bin und keinen Film mehr drehe, beruhigt sich das wieder, und die Leute suchen sich jemand anderen aus. Dann kann ich wieder machen, was ich will.
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