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Scharfer Hüftschwung im Walzertakt?
Daniel Veith | 17. März 2009 14:15 Uhr
Weißwurst, Kassler und Sauerkraut zu Füßen schneebedeckter Vulkane, Schwarzwaldhäuser unter tropischer Sonne, Schuhplattler und Walzerklänge im Wettstreit mit den heißblütigen Sambarhythmen Brasiliens. - Das ist Urdeutsches in denkbar fremder Umgebung, skurrile Beispiele für deutsch-iberoamerikanische Kontaktphänomene am Wendekreis des Steinbocks.
Auch wenn die Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern wie Spanien oder Italien nie zu den fleißigsten Auswanderernationen Richtung Südamerika gehörten - die meisten Emigranten strebten in die USA -, haben sie dort, wohin ihre Schritte sie lenkten, wie kaum ein anderes Volk äußerst nachhaltig den Gesellschaften der Empfängerstaaten ihren Stempel aufgedrückt. Bis zu welchem Grad diese Beeinflussung ging und welche Ausprägungen sie hatte, hing natürlich von zahlreichen Faktoren, u.a. der Einwanderersituation oder der soziokulturellen und nicht zuletzt topographischen Umgebung im jeweiligen Gastland ab.
Migranten ziehen im Allgemeinen bevorzugt in Gegenden, die ihnen klimatisch zusagen und sie im besten Fall an ihre Heimat erinnern. Auf die konzentrierteste deutsche Besiedlung stößt man demnach in Südamerika in den gemäßigten und maximal subtropischen Zonen, d.h. im äußersten Süden des Kontinents, dem "cono sur" (Südlichen Kegel), wie man den Zipfel auf Spanisch nennt: Chile, Argentinien, Uruguay, Südbrasilien und Paraguay. Hier haben neunzig Prozent der deutschen Lateinamerika-Fahrer Wurzeln geschlagen.
Chile ist zweifellos das Land mit der dichtesten Ballung exportierten Deutschtums in der Neuen Welt. Die Einwirkung ist so übermächtig, dass die Chilenen von ihren Nachbarn spöttisch als "Preußen" Südamerikas bezeichnet werden. Chile ist die am besten funktionierende und am schnellsten sich entwickelnde Gesellschaft zwischen Feuerland und den Vereinigten Staaten. Dem so durchschlagenden deutschen Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn ist womöglich zu verdanken, dass in Chile das europäisch-abendländische Wertekonzept erhalten blieb und die Republik als südamerikanischer Spitzenreiter auf Platz 23 des Weltkorruptionsindexes steht (zum Vergleich: Deutschland nimmt Rang 14 ein, Brasilien ist Nr. 80); Polizeiapparat und Militär sind überraschend unbestechlich und diszipliniert. Deutsche bzw. deren Nachfahren spielen nach wie vor auf politischer, kultureller und vor allem wirtschaftlicher Ebene eine zentrale Rolle. Die wichtigsten Firmen sind in deutscher Hand, und ferner hat Chile mit einundzwanzig Bildungseinrichtungen die höchste Konzentration deutscher Schulen.
Südchile kommt von allen Regionen, wo sich Deutsche angesiedelt haben, der mitteleuropäischen Landschaft am nächsten: Sanftgewellte, liebliche Hügel mit fast täuschend ähnlicher Vegetation, nur der eisgepanzerte Konus manch eines fujijamesken Vulkans zerrt die fast schon zu perfekt imitierte Allgäuidylle ins Surrealistische. Seit den 1850er Jahren legten die Deutschen Dörfer und Städte an, von der chilenischen Regierung unterstützt und mit zahlreichen Vorrechten ausgestattet: Land, Vieh, Werkzeug, Material für den Hausbau, medizinische Hilfe. Man rodete Wald, legte Acker- und Weideflächen an, und Valdivia entwickelte sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zur ersten Industriestadt Chiles. Ein früher Reisender berichtet aus dem Süden: "Hier ist alles deutsch: Der Stil der Häuser, die Brauereien, die Sitten, die Sprache, das Essen."
Ähnlich stark von deutschem Geist durchdrungen wie Chile, nur nicht mit Auswirkung auf das ganze Land, sondern beschränkt auf das Kerngebiet der deutschen Immigration, ist ein zweiter Winkel des "cono sur": Südbrasilien. Bis heute lebt hier die zahlenmäßig größte deutschstämmige Gemeinde. Von drei bis fünf Millionen Deutsch-Brasilianern geht man aus; etwa eine Million Menschen sprechen Deutsch auf muttersprachlichem Niveau.
König Johann VI. von Portugal, der vor Napoleon mit seinem gesamten Hof nach Brasilien geflüchtet war, legte 1819 im heutigen Bundesstaat Rio de Janeiro den Grundstein zu der ersten schweizerischen Kolonie Novo Friburgo ("Neu Freiburg"). Landschenkungen von Seiten Brasiliens führten ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zu einem Zustrom in den nicht ganz so heißen Bundesstaat Santa Catarina. Größte Prominenz der zu jener Zeit aus dem Erdboden gestampften Orte besitzt Blumenau, das von Hermann Blumenau aus Hasselsfelde am Unterharz im Jahre 1852 gegründet wurde.
Ein Viertel der Deutschen zog nach Santa Catarina, ein weiteres Viertel nach Espírito Santo und Paraná, die meisten kamen aber nach Rio Grande do Sul. Selbst heute noch beträgt deren Anteil dort regional zwischen zwanzig und dreißig Prozent.
Anders als in Chile, das relativ einheitlich europäisch-deutsch geprägt ist, springt in Brasilien dieser Einfluss infolge des extremen Kontrasts zu dem unterentwickelten, eher an Afrika gemahnenden Nordosten umso drastischer ins Auge. Südbrasilien hat im Gegensatz zu den anderen fortschrittlicheren Gegenden des Kontinents einen Entwicklungsstand erreicht, der auch auf dem Land mit Nordeuropa konkurrieren kann. São Paulo gilt angesichts der Präsenz von fast tausend deutschen Firmen als "größte deutsche Industriestadt" überhaupt.
Natürlich werden die Kolonien Südbrasiliens für den Fremdenverkehr ausgebeutet: In Blumenau feiert man das nach der Münchner "Wies'n" zweitgrößte Bierspektakel der Erde. Andere Städte wie Pomerode oder Dreizehnlinden erfreuen das ganze Jahr über mit Fachwerkarchitektur und deutschen Gaumenschmeichlern, und in einer von Bremern gegründeten Kolonie in Paraná steht sogar ein Bremer Roland unter Palmen.
Solche durchaus löblichen Äußerlichkeiten dürfen aber nicht über die schwerwiegenden inneren Probleme hinwegtäuschen. Inwieweit das deutsche Gedankengut noch in Zukunft überleben kann, ist sehr fraglich. Wenn überhaupt jemand Deutsch spricht oder sich für deutsche Kultur begeistert, sind es die älteren Menschen. Aber auch bei ihnen wird im täglichen Leben trotz muttersprachlicher Kompetenz in beiden Sprachen Spanisch bzw. Portugiesisch vorgezogen. Das Deutsche limitiert sich auf wenige spezielle Versammlungen wie Stammtische oder Kaffeekränzchen.
Jüngere Generationen schenken ihrer deutschen Herkunft nicht das geringste Interesse, wollen nicht in einer Kluft zwischen zwei Kulturen aufwachsen. Sie identifizieren sich mit der Zivilisation des einstigen "Gastlandes", das ja in den meisten Fällen ihre tatsächliche Heimat ist. Werden vordergründig deutsche Traditionen gepflegt, bedeutet das allerdings fast immer ein von diesen nachgeborenen, im südamerikanischen Kulturkreis aufgewachsenen Altersgruppen falsch verstandenes oder mit kommerziellen Hintergedanken erbarmungslos verkitschtes Deutschtum.
Wenn die Entwicklung in dem Ausmaß fortschreitet wie bisher, ist in spätestens dreißig bis vierzig Jahren, wenn die letzten Mitglieder der Großelterngeneration gestorben sind, das zweihundertjährige Phänomen der deutschen Kolonisierung Südamerikas wohl nur noch in einigen wenigen Städten wie Blumenau als "Touristengag" erhalten.
***
Einen ausführlichen wissenschaftlichen Artikel zum Thema habe ich unter dem Titel "Entwicklung und soziokulturelle Differenzierung deutscher Kolonien in Südamerika. Ein Überblick" in der Zeitschrift "Hapax. Revista de la Sociedad Española de Lingüística y Literatura", Nr. 2, Salamanca 2009, S. 77-100, veröffentlicht.
Kommentare (3) :: Permalink
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Kommentare
Dear Daniel
sehr intressanter Artikel...in Texas beobachtet man das gleiche Phaenomen...das "Texasdeutsch" wird nur noch von wenigen aelteren Leuten gesprochen...wenn die gegangen sind ist es auch zu Ende mit Texasdeutsch...bleiben tun dann nur noch die vielen deutschen Ortsnamen...
TILLYKOEPPEL | 17. März 2009, 19:36 Uhr
super!
Ein super Artikel, muchas gracias para ustedes!
facilidad_de_ser | 17. März 2009, 21:15 Uhr
stimmt,
Genau die Gedanken sind mir bei meinen Südamerika Reisen auch gekommen. In manchen Teilen Südamerikas kann man das Phänomen des Aussterbens der Aussiedlerkultur schon sehr deutlich sehen, so z.B. in Regenwald von Perú, wo viele Dörfer schon aufgegeben wurden und die verbliebenen Dörfer durch die Anbindung an Verkehrsstrukturen und durch Migration kaum mehr den Charakter haben, den sie wohl früher hatten. Ein Freund von mir, ein Deutsch-Peruaner, hat einen Dokumentar-Film über das Dorf seiner Familie gedreht (hier eine Homepage mit Infos über das Dorf: http://members.chello.at/werner-schuster/pozuzo.html). Der Film lohnt sich auf jeden Fall, er heißt glaube ich auch 117 Jahre Einsamkeit, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er in einer regulären Videothek auszuleihen ist.
Gleichwohl gibt es auch noch einige Regionen in Südamerika, in denen ich nicht so eine starke Verdrängung der Auswandererkultur gespürt hatte, so im Chaco, in der relativ unwirtlichen und unwegsamen Region Paraguays, die in Richtung Bolivianische Grenze liegt. Hier gab es noch Dörfer, in denen ausschließlich deutsch gesprochen wurde, auch von den jungen Menschen. Selbst die indigene Bevölkerung hatte oftmals besser deutsch als spanisch gesprochen. Der Besuch dieser Region war allerdings für einen jungen Deutschen wie mich sehr merkwürdig, dieses traditionelle Deutschtum entsprach nicht annähernd dem Deutschland in dem ich lebe. Interessant war mein Aufenthalt bei einem Ehepaar (beide bestimmt über 80 Jahre alt) an Neujahr 2001/2002, für die beiden, die nur einmal in ihrem Leben, zum 75. Geburtstag des Mannes, selber in Deutchland waren, war es selbstverständlich zur deutschen Uhrzeit Sylvester zu feiern, nicht zur lokalen. Verrückt, oder?
TBodi | 18. März 2009, 12:27 Uhr
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Signatur ich bin Uruguayaner und habe 15 Jahre in Deutschland gelebt. |