Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 22.06.2006 - 15:36 |  |
In the Gardens, Richmond Va. 1806
Meine liebe Una,
Auf vielen Umwegen hat mich dein Brief nun doch noch erreicht und ich war überglücklich ihn in Händen zu halten. Ich hoffe sehr, das bei euch alles zum besten steht und das inzwischen auch Nachricht von dem lieben Connor eingetroffen ist.
So gerne wäre ich weiter durch Europa gereist, doch ein Brief Papas rief mich schnellstens in die Heimat zurück. Unser Großvater ist sehr krank. Macht euch bitte keine großen Sorgen, denn der milde Frühling hat ihm Erleichterung verschafft und es geht ihm inzwischen wieder so gut, das er im Garten sitzen kann.
Hier in Richmond ist alles wie ich es verlassen habe. Mutter eilt von einer wohltätigen Arbeit zur Nächsten und Vater ist mit seinen Gechäften beschäftigt. Dein Cousin Douglas ist von der Militärakademie zurück und soll nun auf seine zukünftige Lebensaufgabe vorbereitet werden. Vater nörgelt von früh bis spät an ihm herum. Ich selbst flüchte mich in meine Bücher und versinke in einer anderen Welt. Mein Blick und Gemüt sind offener geworden und nie habe ich mich freier in meinen Gedanken und in meinem Tun gefühlt, als auf dieser großen Reise. Liebste Cousine, wie sehr sehne ich mich dorthin zurück! Sobald Großpapa genesen ist, werde ich wieder weg gehen. Dank Tante Emma habe ich ja auch die Mittel dazu und Vater kann mich nicht daran hindern, auch wenn er es gerne möchte. Aber es gibt zuviel zu entdecken. Die Nachmittage der letzten Wochen habe ich bei Großpapa verbracht und ich glaube er versteht mich wenigstens ein bißchen und billigt es auch, denn er nahm mir das Versprechen ab, zuerst zu Euch nach Oban zu reisen. Und mit Eurem Einverständnis will ich das auch tun.
Die letzten Tage verbrachte ein Zirkus ein paar Tage in unserer Stadt und Douglas ist mit mir dort hingegangen. Liebste Una, es hätte dich geschaudert, bei den Dingen, die es dort zu sehen gab. Nicht nur Affen und Kamele aus dem fernen Afrika, es gab auch Harlekine und eine Frau die auf einem Pferd stehend im Rund galoppierte. Gedauert haben mich die armen Kreaturen, die dort mitgeschleppt und teilweise sogar in Käfigen ausgestellt wurden. Eine Frau mit Bart und eine Dame, die keine Beine besaß. Ein Mann ohne Arme führte uns vor, wie er seinen Namen mit Kohle schrieb, die er mit dem Mund führte. Auch eine Frau, die überall von Eingeborenen bemalt worden war, so das die Farbe nie mehr ab gehen wird. Auch so eine Kreatur, die mich an nichts menschliches mehr erinnerte, da sie total verformt an Armen und Beinen war. Die Menschen dort lachten oder erschraken, rissen Witze oder ließen Almosen fallen. Douglas führte mich dann nach Hause, da ich doch eine Erfrischung nötig hatte.
Nun habe ich mich von diesen Schrecken einigermaßen erholt und habe direkt zur Feder gegriffen, in der Hoffnung das mein Brief euch schnellstens erreicht.
Allerbeste Grüße und Wünsche soll ich euch von Papa, Mama und Douglas senden und auch ich schließe mich diesen Wünschen an.
In der Hoffnung, bald bei euch zu sein
Deine Cousine
Nanny MacDougall
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Zum Zirkus - die Schaubude:
In meinen Ferien haben meine Freunden und ich uns mit diesem Thema beschäftigt. Es fällt leicht beim Living History oder Reenactment immer die abenteuerlichen oder angenehmen Sachen auszuprobieren und darzustellen. Einmal die Kehrseite der Medaille zu zeigen ist darum mal etwas ganz anderes. Meine Armenküche kommt mir nach diesem letzten Experiment wie ein leichtes Spiel vor, denn die Darstellung einer Schaubude und ihrer Menschen war vor allem psychisch wahre Knochenarbeit. Nicht die Vorbereitungen, Recherche, nähen der Kostüme, sich Gedanken machen, was man den Menschen zeigen will, sondern dann die Darstellung war eine lehrreiche Erfahrung für mich. Ich war vom Gesicht bis zu den Zehen bemalt und saß nur in Unterwäsche Anno 1860 auf einem Stuhl. Wenn unsere "Chefin" eine Gruppe Leute herein führte, mußte ich aufstehen, mich im Kreis drehen und konnte mich wieder setzten. Hört sich leicht an. War es aber nicht. Menschen die uns seid vielen Jahren kennen, kamen herein und... gafften! Gaben qualifizierte und unqualifizierte Kommentare ab, trieben leichte bis wüste Scherze... es war erschreckend. Während ich am Anfang jedesmal merkte wie ich knallrot anlief (Himmel, ich war nach heutigen Maßstäben von den Schultern bis zu den Knien bedeckt, aber vor 150 Jahren? Auweiah!) und vor Scham am liebsten im Erdboden versunken wäre, registrierte ich die Leute nach den ersten Durchgängen meistens gar nicht mehr. Wenn es nach einer Stunde oder so vorbei gewesen wäre, wäre ich glücklich gewesen. Es waren 3 Stunden und ich weiß nicht, wieviele Menschen es waren. Sagt jetzt nicht: nur 3 Stunden? Es waren die schlimmsten 3 Stunden, die ich je im Living History mitgemacht habe. Härter als Stundenlang ein Geschütz durch den Wald zu zerren. Wir waren nämlich keine Menschen mehr, sondern Sachen. Objekte. Mehr nicht. Auch werde ich in Zukunft viel besser auf mich achten, ob ich einen anderen Menschen angaffe oder nicht.
Viele liebe Grüße
Nanny
http://de.pg.photos.yahoo.com/ph/arry_k … pg&.src=ph
Hier ein paar Fotos. Es gab dann noch den Affenmensch, die Dame ohne Unterleib, den größten Mann der Welt, Frau mit Bart, ...
[Dieser Beitrag wurde am 22.06.2006 - 15:43 von Nanny aktualisiert]
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Una  Ast


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 201 Nachricht senden | Erstellt am 22.06.2006 - 17:28 |  |
Dunollie Castle House 1806
Dearest Cousin,
with a light and a sad heart I have received your letter and the fact that you are indeed back home.
Hoping your grandfather is on his way to recovery I cannot fathom how much you must have suffered from the shock of both seeing your grandfather so ill and having to return home. Knowing how much you have enjoyed your travels through Europe, you must have been devastated by the news.
I cannot imagine how abominable visiting the circus with dear Douglas had been. All those poor creatures, both animal and human.
Here in Oban we had also quite a scare. Gypsies have visited our little abode and apart from several smaller beasties, they had a bear with them. Imagine that, a bear. The poor creature was held on a short chain through his snout and had to dance to the tune of a vile looking man with a flute. Papa was appalled as you can imagine and as acting magistrate he ordered the gypsies to leave.
You cannot fathom our surprise when they indeed disappeared over night without a trace, only to find out that they had left the poor bear. Our townsfolk wanted it killed but Papa had none of it. Unfortunately, it got loose and now Argyllshire has a bear which roams the glens and bens and has developped a taste for our sheep.
The whole shire is in uproar and Papa is in the midst of all the blame. The good people over here are definitely overreacting and already strange tales of maiming and killings roam the countryside. Any intelligent being would instantly recognize that we have a case of la bête du Gévaudan on our hands but sometimes I fear my fellow countrymen are as backward as the French were 50 years ago.
Hopefully, the bear will be captured, not killed and that Papa can return it to its acquainted habitat. A nice gentleman from Edinburgh who is in charge of the newly established zoological gardens there is eager to capture the bear.
Both Papa and me are looking forward to your visit. We have so much to talk about and I can assure you that despite a loose bear in Argyllshire, you can travel quite safely.
Please give my regards to both your Mama and Papa, my best well wishes to your grandpapa and of course a warm greeting to Douglas and I remain,
Your loving cousin,
Una MacDougall
[Dieser Beitrag wurde am 22.06.2006 - 17:29 von Una aktualisiert]
Signatur We are not human beings on a spiritual journey. We are spiritual beings on a human journey.
- Stephen Covey |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 15.11.2006 - 22:51 |  |
Ja, die Lesung war letzte Woche Dienstag.
Ich war schrecklich aufgeregt (der Whisky war leider Zuhause...), aber es lief ganz gut, bis zu dem Moment, bis ich feststellte, das ich ausversehen einen Brief in englisch noch dazwischen hatte. Mappe mit allen Blätter fallen gelassen, alles wieder zusammengekarrt, dann aus dem stegreif übersetzt.
Die Damen haben sich allerdings immer wieder einen gekichert und stellten viele Fragen. Danach noch gut eine Stunde Diskussion über Reisen und Briefeschreiben zu früheren Zeiten. Es war gut gelungen...
.... und wir müssen weiterschreiben! Sie wollen in einem Jahr die Fortsetzung hören!
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