Kementari  Buchhalter
    

Status: Offline Registriert seit: 25.09.2005 Beiträge: 840 Nachricht senden | Erstellt am 19.03.2006 - 18:56 |  |
So, hab erstmal, wie so oft, einen proviesorischen Namen...könnte etwas länger werden, aber ich seviere es in kleinen Happen! *grins*
erster Teil
Kirsaya fuhr sich energisch durch das dichte Haar. Viel zu dicht, ihrer Ansicht nach. Es fiel schwer auf die Schultern des Mädchens und wollte sich einfach nicht bändigten lassen. Widerspenstig wand es sich aus allen Schlingen und Bändern. Wenigstens waren nun die letzten silbergrauen Strähnen des Winters nun frischen hellgrünen gewichen. Kirsaya freute sich jedes Jahr, wenn sich auch bei dem Letzten im Dorf die Haare in Frühlingsfarben zeigten, gleichzeitig mit den Blättern an den Bäumen.
Tief sog sie die frische Luft in ihre Lungen ein. Frühling. Die Bäume waren endlich wieder grün. Frühling. Ihre Robinie kleidete sich in weißen Blüten. Frühling. Ja Frühling! Und nicht bloß irgendein Frühling. Nein! Dieser spezielle, besondere Frühling! Noch einmal sog Kirsaya die Luft ein. Prüfend, ob nicht doch alles nur ein Traum wäre. Nein, dieser Frühling war da! Unwiderruflich, dachte Kirsaya fast bitter- und schrak vor ihren eigenen Gedanken zurück!
Unwiderruflich! Der Gedanke setzte sich fest. Unwillig schüttelte Kirsaya den Kopf. Alle Mädchen freuten sich auf diesen Frühling, auf diesen Tag. Warum sie nicht? Was hielt sie davon ab? Wie oft hatte sie sich diesen Tag ausgemalt! Neinneinnein! Auf diesen Tag musste sie sich einfach freuen! Warum denn auch nicht? Ja, warum eigentlich nicht? Hatte sie? Hatte sie etwa? Nein, das konnte nicht sein! Kirsaya stütze sich an ihrer Robinie ab und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Sie lachte laut auf. Sie hatte Angst!!! Angst vor dem was alle wollten! Das konnte doch nicht wahr sein! Und was wenn sie mich nehmen? Was ist das für ein Leben?
Sie konnte nicht! Sie würde nicht hingehen! Auch wenn sie gegen das Gesetz verstoßen würde, sie würde nicht gehen! Oder doch? Kirsayas Augen füllten sich mit Tränen. Wie konnte sie nur....sie musste gehen, das Gesetz, die Sitte! Kirsaya schluchzte auf. Gab es denn keinen Ausweg? Aber vielleicht nehmen sie mich ja gar nicht? Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Dann begann sie zu laufen. Immer schneller. Weg, bloß weg! Weg, weg, weg! Weg so weit weg wie ihre Beine sie trugen. Vorbei an der erstaunten Freundin, in den grünenden Wald.
Irgendwann blieb sie erschöpft stehen. Sie lehnte sich an eine alte, knorrige Mandel. Was dieser Baum wohl schon alles gesehen hatte. Aber, Moment mal! Das war doch ein Seelenbaum! Hier? Aber wer lebte denn hier? Sie blickte sich um. Erst jetzt bemerkte sie die vier rießigen Götterbäume, in und um die der Tempel der Palene errichtet war. Palene, die Göttin dieser Wesen, wie sie, Kirsaya, eines war. Die hatte sie erschaffen und an einigen Feiertagen bekamen sogar Erwählte die Göttin in Träumen und Visionen zu Gesicht. Wunderschön musste sie sein.
„Na? Wer bist du denn? Solltest du nicht woanders sein?“, hörte Kirsaya ein leise Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr sie herum. Eine zierliche Frau stand vor ihre, gut einen Kopf kleiner als sie selbst. Ehrfürchtig fiel Kirsaya auf die Knie. „Priesterin“, keuchte sie erschrocken. Wie hatte sie nur so dumm sein können! Zum Tempel laufen, wo doch in jedem Fall die Hohepriesterin wachte, die Gesetzeslehrerin, jene unheimlich Frau, die man nur hier traf und die bei Zeremonien mit Palene sprechen konnte!
„Aber nein, mein Kind, steh ruhig wieder auf!“, sagte diese so plötzlich, dass Kirsaya zusammenzuckte. „Ich bekomme so selten Besuch und würde mich freuen, wenn meine Gäste dann auch mit mir reden würden und nicht nur auf dem Boden herum kriechen. Steh auf, ich mach dir einen Tee.“ Kirsaya stand auf und sah ihr verwirrt nach, wie sie in Richtung Tempel ging. Dann drehte sich die Hohepriesterin noch einmal um und rief:„Wo bleibst du denn?“ Dann war sie im Tempel verschwunden. Verlegen lief Kirsaya ihr nach und runzelte die Stirn. Das sollte die Gesetzeshüterin sein? Die weise Frau, die alle Streite zu schlichten wusste? Die Frau, die allen so unheimlich war?
Über Kirsaya ragten die Götterbäume, deren Blätter im seichten Wind leise rauschten und es klang als würden die sie leise für ihre Unwissenheit auslachen.
Der ganze Tempel war erfüllt von diesem Geräusch, ansonsten war es still. Aber es ist keine drückende Stille, eine Stille die niemand brechen wagte, sondern eine beruhigende, erholsame Stille, wenn man dem bunten Treiben im Dorf zum ersten Mal seit langem entkommen war. Der Tempel war ganz aus Holz gebaut und das einzige richtige Haus im Dorf, da sonst alle auf ihren Seelenbäumen lebten, nahe bei ihren lebensspendenden Olanen, die fest im Baum verankert waren. Diese grün schimmerden Steine, die immer zu leuchten schienen ohne auch nur ein Fünkchen Licht abzugeben.
Vorsichtig betrat Kirsaya den Tempel. Plötzlich musste sie wieder daran denken, dass sie ja eigentlich weggelaufen war und die Verzweifelung übermannte sie ein zweites Mal. Ein kleine Träne rann ihr die Wange hinunter, gefolgt von größeren. Unterdrückt schluchzte sie auf.
„Nana, mein Kind. So schlimm ist das nun wieder auch nicht. Komm erst mal mit und setz dich zu mir.“, hörte sie die Hohepriesterin hinter sich. Betreten wischte sie sich die Tränen von der Wange und rang sich zu einem schiefen Lächeln durch.
Die Hohepriesterin nahm ihren Arm und schob sie sanft in einen winzigen Nebenraum. Durch ein kleines, quadratisches Fenster fiel ein Lichtstrahl, der den ganzen Staub in der Luft sichtbarmachte. Das Zimmer war spatarnisch eingeräumt mit einem tiefen Tisch und zwei ebenso niedrigen Stühlen. Aber es strahlte eine gewisse Wärme aus, da auch hier alles aus Holz war. Auf dem Tisch stand eine gusseiserne Kanne aus der duftender Dampf stieg.
Die Hohepriesterin zog Kirsaya auf einen der Stühle und setzte sich ihr gegenüber. „Nun, mein Kind, erzähl mir doch mal warum du nicht auf dem Dorfplatz bei den anderen bist, wo grade die Schülerin der alten Königin und die damit zukünftige Königin erwählt wird.“
Kirsaya wurde rot. „Nu-un ja..“, begann sie zu stottern und sah betreten auf den Boden. „Wissen Sie...“
Die Hohepriesterin begann zu Lachen. „Keine Angst,“ sagte sie sanft. „ich will dich nicht bestrafen oder so etwas. Außerdem kannst du ruhig ‚Chrisata’ und ‚Du’ zu mir sagen.“
Kirsaya sah die alte Frau unsicher an. Duzen? So eine respekteinflößende Frau duzen? Aber ihr widersprechen? Noch viel weniger...
„Weißt Du, nun, wie soll ich das erklären...ich will und wollte nicht. Nicht mich begaffen lassen von allen Leuten wie Vieh auf dem Markt, nicht diese Sachen lernen, die ich dann lernen müsste, schon gar nicht vor einer Frau, die so streng sein soll... Und erst recht nicht Königin werden und über den anderen stehen müssen. Das kommt mir irgendwie so, na ja, so falsch vor. Ich glaube ich würde mich fehl am Platz fühlen...“, nach diesen Worten kamen Kirsaya erneut die Tränen. „Und jetzt? Was habe ich von all dem? Jetzt bin ich eine Gesetzesbrecherin. Und ist das nicht schlussendlich viel schlimmer? Es wird ihnen doch bestimmt auffallen, oder? So scharf wie die Anwesenheitskontrollen sind...“
Chrisata lächelte erneut. „Nun, so streng sind die nun wieder auch nicht...aber ich glaube, dass deine Abwesenheit trotzdem auffallen wird. Du hast eine besondere Ausstrahlung, ob du es glaubst oder nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Königin schon dich schon vorher in die engere Auswahl genommen hat.“
Kirsayas verzweifelte noch mehr. Sie würde also auf jeden Fall bestraft werden.
„Nun mal nicht gleich den Teufel an die Wand. Immerhin gibt es einen Weg um die Strafe zu umgehen.“
Kirsaya sah sie mit großen Augen an. „Aber..“
„Kein ‚aber’, mein Kind, lass mich dir erst einmal erklären worum es geht Ab hier neu.“
Während die alte Frau zu erzählen begann, wurden Kirsayas Augen immer größer.
„Und Sie, oh, DU bist sicher, dass das kein Verstoß gegen die Gesetzte ist?“, fragte sie als Chrisate geendet hatte.
„Nein, Kleines, ich habe mich mein Leben lang mit den Gesetzten befasst. Immerhin bin ich die Hohepriesterin,“ sie zwinkerte, „und damit höchste Richterin in diesem Dorf. Ich kenne die Gesetzte. Die einzige Bedingung ist dein Einverständnis, ohne das bin ich machtlos.“
„Ja, ja, natürlich.“, rief Kirsaya eifrig und errötete kaum das sie die Worte gesprochen hatte. „Ja, meine ich, ja gerne.“ wiederholte sie sich etwas gemessener. „Ich würde gerne von ihnen, nein, von dir zur Heilerin ausgebildet werden.“, verbesserte sie sich und ihrer Stimme klang ein wenig feierlich.
Chrisate schmunzelte. „Gut, mein Kind, dann komm.“ Sie stand auf und ging zur Tür.
Larena quetschte sich mit ihren Freundinnen im Schatten eines Baumes am Rande des Dorfplatzes. Immer wieder sah sie sich nach Kirsaya um. Sie hatte sie den ganzen Tag nicht gesehen. Das war eigentlich untypisch für ihre Freundin. Sonst waren die beiden meistens zusammen. Aber heute morgen war Kirsaya nicht gekommen und jetzt war schon Mittag. Entweder sie war am anderen Ende des vollen Platzes, oder- aber nein, das passte nicht zu Kirsaya. Die alten Gesetze brechen, das würde sie doch nie tun, oder? Außer, außer sie hatte heute wieder eine ihrer Macken. Tage an denen sie oft stundenlang alleine grübelnd am See saß und dann mit den verrücktesten Theorien zurück kam. Larena seufzte und versuchte dem Geschnatter ihrer Freundinnen zu folgen. Grade drängte sich Keriê wild gestikulierend auf sie zu. Sie hatte es nicht ausgehalten und war über den ganzen Platz gelaufen um irgendwelche Gerüchte über die Verspätung der Entscheidung der Königin aufzuspüren. Vielleicht hatte sie Kirsaya gesehen.
Larena erhob grade ihre Stimme, als plötzlich alle verstummten. „Hast du..“ schnell brach sie ab. Doch dann erhob sie genauso plötzlichein Gemurmel, das sich schnell verbreitete.
Larena stellte sich auf die Zehenspitzen und erschrack.
„Kirsaya?!“
Kirsaya fühlte sich unwohl, unwohl unter all den Blicken, die sie auf sich zog. Langsam ging sie durch die Menge. Alle machten ihr Platz. Am liebsten hätte sie ihre Entscheidung wieder rückgängig gemacht, hätte sie in ihrem Baum verkrochen, laut gelacht und allen gesagt, dass es bloß ein Scherz war. Aber nun schritt –zu mindestens versuchte sie zu schreiten, aber bei Chrisate sah es um einiges eleganter und natürlicher aus- sie neben der Hohepriesterin der Palene, ersten Heilerin ihres Dorfes, höchsten Richterin und der Frau, die, wenn auch nur nach der Tradition, höher stand als selbst die Königinnen.
Chrisate hatte ihr eingeschärft Ruhe zu bewahren, das waren alles reine Förmlichkeiten und sie würde schon nichts falsch machen. Kirsaya wusste genau was sie sagen, tun und lassen sollte und versuchte sich an alles zu erinnern, keinen Fehler zu machen und dabei auch noch so normal wie möglich auszusehen. Aber ihr Lächeln war verkrampft und dessen war sie sich nur allzu bewusst.
[Dieser Beitrag wurde am 03.10.2006 - 19:11 von Kementari aktualisiert]
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