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Ermione 
AurorIn
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...   Erstellt am 01.06.2007 - 17:45Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Artikel vom Mai 2006 aus der vierten und fünften Ausgabe des "Quibblers"



Harrys Verzicht auf Ginny: Heldenrolle, Fehlentscheidung oder Lösungsversuch eines Dreieckskonflikt
(von Ermione)



Teil 1:
Passend zum sogenannten Wonnemonat Mai habe ich umstrukturiert und zur Abwechslung ein Thema gewählt, in dem es nicht unbedingt um Snape, aber dafür um die Liebe geht. Thema ist die Liebesbeziehung zwischen Harry und Ginny, wobei der Schwerpunkt auf der Trennung im Schlusskapitel liegt.

Ich fasse zunächst die Situation zusammen, um die es geht, und wie sie von Rowling rübergebracht wird.
In Buch 1 trifft Harry Ginny zum ersten Mal im Rahmen ihrer Familie am Bahnhof, eine unauffällige Begegnung. (In der Filmversion wirkt diese Begegnung allerdings nicht unauffällig. Ehe Harry durch die Absperrung läuft, wünscht Ginny ihm ausdrücklich viel Glück und beide werden dabei durch die Kamera zueinander in Beziehung gesetzt.)
Im Buch 2 verbringt Harry einen Teil seiner Ferien zum ersten Mal bei Ron und lernt so dessen Schwester etwas näher kennen, die für ihn zu schwärmen begonnen hat und ihm gegenüber kaum ein Wort herausbringt. Zusammen mit Ron rettet er ihr schließlich das Leben.
In Buch 3 und 4 trennen sich ihre Wege wieder, zumindest treffen sie kaum aufeinander. Auf den Weihnachtsball in Buch 4 geht Ginny mit Harrys Mitschüler Neville, Harry kommt von selbst nicht einmal auf die Idee, sie zu fragen, und auch Rons Vorschlag, Harry möge mit Ginny gehen, ergibt sich spontan, als beide dringend Partnerinnen für den Weihnachtsball brauchen und Ginny gerade anwesend ist. (Achtung: In der Filmversion erfahren wir dagegen nur von Hermione, dass Neville mit jemandem verabredet ist. Auf dem Ball zeigt sich, dass es Ginny ist, was allerdings von anderen Figuren nicht kommentiert wird. Die Möglichkeit, dass Harry vielleicht mit Ginny auf den Weihnachtsball gehen könnte, wird im Buch immerhin von Ron vorgeschlagen, ist aber im Film weggelassen.)

In Buch 5 haben Ginny und Harry zum ersten Mal eine Beziehung, sie mit Michael Corner, er mit ChoChang. Lustig oder zumindest interessant ist, dass beide eine Beziehung mit jemandem haben, der aus dem Haus Ravenclaw ist und in einer Quidditchmannschaft eine besondere Position einnimmt. (Auch Ginnys zweiter Freund, ein Gryffindor, interessiert sich für Quidditch und ist im Buch 6 vorübergehend in der Mannschaft.)
Die Beziehung zwischen Harry und ChoChang in Buch 5 ist als Versuch umgesetzt, eine Beziehung miteinander zu haben, daraus entwickelt sich aber keine richtige (Liebes-)Beziehung. Movens der (Liebes-)Beziehung ist ChoChang, die einige entscheidende Schritte unternimmt, weshalb es überhaupt zu einer Annäherung zwischen ihr und Harry kommt. Aufgrund von persönlichen Problemen, die Harry beschäftigen, und seiner mangelnden Bereitschaft, sich wirklich auf ChoChang einzulassen sowie ChoChangs Eifersucht auf Hermione und ihre Freundschaft zu Marietta endet alles bereits nach einigen Monaten. (Harrys Erfahrung mit ChoChang bildet eine Parallele zu der Beziehung zwischen Ron und Lavender in Buch 6.)
Dafür entdeckt Harry in Buch 5 zum ersten Mal, dass Ginny nicht einfach nur Rons kleine Schwester ist. Er beginnt sie als Quidditchspielerin und Gesprächspartnerin, von der er sich verstanden fühlt, zu schätzen.

Wie weit sich die Beziehung zwischen Ginny und Michael entwickelt hatte, ehe sie beendet wurde, erfahren wir nicht, da Harry, den wir als Leser/innen durch die Bücher begleiten, nicht allzu viel mitbekommt. Mit Blick auf Ginnys spätere Beziehung mit Dean Thomas ist allerdings ein Detail auffallend. In Dumbledores Army (DA) hat Harry den Eindruck, dass Michael beim Üben Ginny sehr ritterlich behandelt und offensichtlich Angst hat, sie zu verletzen. Ein häufiger Streitpunkt zwischen Dean und Ginny in Buch 6 und auch der Auslöser für ihre Trennung ist dann, dass Dean ihr ständig durch den Eingang zum Gryffindor-Turm helfen will, was Ginny als nervend empfindet. Offensichtlich ist Ginny nicht wirklich an Jungs interessiert, die Mädchen gegenüber Kavalier spielen wollen. Gerade das Kavalierspielen ist aber ein entscheidender Unterschied zwischen Harry und den beiden Jungs, mit denen Ginny vorübergehend Beziehungen eingeht.

Buch 6 führt dann Harry und Ginny zusammen, nachdem sie sich von Dean getrennt hat. Der entscheidende Moment wird, wie folgt, beschrieben:

[Zitat=JKR]Harry looked around; there was Ginny running towards him; she had a hard, blazing look in her face as she threw her arms around him. And without thinking, without planning it, without worrying about the fact that fifty people were watching, Harry kissed her.
[…], Harry grinned down at Ginny and gestured wordlessly out of the portrait hole. A long walk in the grounds seemed indicated, during which - if they had time - they might discuss the match.

Quelle: HP6, S. 499, Kapitel 24: Sectumsempra[/Zitat]

Das Zusammenfinden der beiden ergibt sich spontan, aus Freude über den gewonnenen Quidditchpokal brechen bei ihnen sozusagen endlich ihre Gefühle durch, die sie längst für einander hatten.



Trotzdem kommt es schon wenige Wochen später (vorläufig?) zur Trennung. Die Entscheidung dazu trifft Harry. Die Trennung von Ginny ist eine von mehreren Entscheidungen, die er nach Dumbledores Tod trifft. (Vernichtung von Lord Voldemort, Suche nach den Horcruxen, Schulabbruch etc.)

Harrys Situation entspricht hier der klassischen Situation eines fiktiven Helden, der den Alltag hinter sich lässt, um eine Aufgabe zu übernehmen, die für ihn von weltbewegender Wichtigkeit ist. Auch der Tod oder Ausfall des/r Mentors/in als Auslöser, der/die Held/in veranlasst, die Aufgabe, die er/sie erfüllen muss, endgültig zu übernehmen und zu einem Ende zu bringen, ist als Motiv nicht unüblich. Ebenso häufig findet sich auch das Motiv, dass eine solche Aufgabe nur mit vollem Einsatz gelöst werden kann, was den Ausbruch aus dem Alltag und die Trennung von anderen Menschen für Held/in notwendig macht, eben das Verlassen der/s Geliebten und der Familie.

Wenn Held/in in einer Abenteuerhandlung schon zu Beginn mit jemanden eine Liebesbeziehung aufgebaut hat oder verlobt ist, wird in älteren Büchern der/die Geliebte oder Verlobte gewöhnlich verlassen (bzw. kommt es zu einer vorübergehenden Trennung). Erst die neuere Abenteuerliteratur bevorzugt die Variante, dass der/die Geliebte/Verlobte den/die Helden/in auf seinem Weg begleitet.
Harry entscheidet sich für das klassische Modell, er wird Ginny nicht in seine Aufgabe verwickeln und sich somit von ihr trennen.

Im letzten Kapitel teilt Harry Ginny nach der Beerdigung von Dumbledore seine Entscheidung mit. (Er nimmt somit gleichzeitig Abschied von Dumbledore [Archetypus: Vaterfigur bzw. Mentor], und von Ginny [Archetypus: Geliebte].). Ehe Ginny ihre dezidierte Zustimmung oder Absage dazu geben kann, bricht Harry das Gespräch mit ihr ab, da er erkennt, dass er bei einer Fortsetzung des Gesprächs es möglicherweise nicht schaffen wird, an seiner Entscheidung festzuhalten. Dadurch dass ihn gleich darauf der Minister für Zauberei anspricht, wird die Möglichkeit für Ginny verhindert, um eine Fortsetzung des Gespräches herbeizuführen.

Sehen wir uns nun den genauen Wortlaut dieses Abschnittes an, als Harry Ginny seine Pläne die Trennung vorschlägt:

[Zitat=JKR]Harry looked at Ginny, Ron and Hermione: Ron's face was screwed up as though the sunlight was blinding him. Hermione's face was glazed with tears, but Ginny was no longer crying. She met Harry's gaze with the same hard, blazing look that he had seen when she had hugged him after winning the Quidditch Cup in his absence, and he knew that at that moment they understood each other perfectly, and that when he told her what he was going to do now, she would not say 'Be careful', or 'Don't do it', but accept his decision, because she would not have expected anything less of him. And so he steeled himself to say what he had known he must say ever since Dumbledore had died.
'Ginny, listen ...' he said very quietly, as the buzz of conversation grew louder around them and people began to get to their feet. 'I can't be involved with you any more. We've got to stop seeing each other. We can't be together.'
She said, with an oddly twisted smile, 'It's for some stupid, noble reason, isn't it?'
'It's been like ... like something out of someone else's life, these last few weeks with you,' said Harry. 'But I can't ... we can't ... I've got things to do alone now'
She did not cry, she simply looked at him.
'Voldemort uses people his enemies are close to. He's already used you as bait once, and that was just because you're my best friend's sister. Think how much danger you'll be in if we keep this up. He'll know, he'll find out. He'll try and get to me through you.'
'What if I don't care?' said Ginny fiercely.
'I care,' said Harry. 'How do you think I'd feel if this was your funeral ... and it was my fault...'
She looked away from him, over the lake.
'I never really gave up on you,' she said. 'Not really. I always hoped ... Hermione told me to get on with life, maybe go out with some other people, relax a bit around you, because I never used to be able to talk if you were in the room, remember? And she thought you might take a bit more notice if I was a bit more - myself.'
'Smart girl, that Hermione,' said Harry, trying to smile. 'I just wish I'd asked you sooner. We could've had ages ... months ... years maybe ...'
'But you've been too busy saving the wizarding world,' said Ginny, half-laughing. 'Well ... I can't say I'm surprised. I knew this would happen in the end. I knew you wouldn't be happy unless you were hunting Voldemort. Maybe that's why I like you so much.'
Harry could not bear to hear these things, nor did he think his resolution would hold if he remained sitting beside her. […] With a miserable gesture, Harry got up, turned his back on Ginny and on Dumbledore's tomb and walked away around the lake.
[…] 'Harry!'
He turned. Rufus Scrimgeour was limping rapidly towards him around the bank, leaning on his walking stick.

Quelle: HP6, S. 602f., Kapitel 30: The White Tomb bzw. Das weiße Grabmal[/Zitat]

Harry wechselt mit Ginny einen Blick, nachdem die Beerdigung offiziell zu Ende ist. Das Wechseln eines Blickes bedeutet in der Literatur gewöhnlich eine erste Kontaktaufnahme, wenn sich zwei eben kennen lernen. Wenn die beiden einander schon länger kennen, deutet sich so eine nonverbale Kommunikation zwischen beiden an, bei der ein gewisses Einvernehmen vorausgesetzt werden kann. Das ist bei Harry der Fall. Er deutet den Blickwechsel mit Ginny als Zeichen, dass sie einander vollkommen verstehen. Somit geht er davon aus, dass Ginny seine Entscheidung, die Schule abzubrechen und sich stattdessen dem Kampf gegen Lord Voldemort zu widmen, akzeptieren wird. Er geht sogar davon aus, dass sie das von ihm erwartet, denn „because she would not have expected anything less of him".

Harrys Entscheidung für den Kampf mit Lord Voldemort wirkt also keineswegs so selbstlos, wie es auf den ersten Blick scheint, da er überzeugt ist, dass er Ginny das schuldet. Spielt hier nicht ein wenig die Idee mit, dass sich Held sich seiner „Herzensdame“ erst als würdig erweisen muss, ehe er sie bekommt bzw. heiraten darf? Dabei hat Harry Ginny einmal das Leben gerettet und seine „Würdigkeit“ bereits unter Beweis gestellt.

Harry kommt gleich zur Sache. Ohne Einleitung konfrontiert er Ginny damit: 'We can't be together.'. Die Verwendung von „we“ verrät, dass Harry voraussetzt, dass Ginny das auch so sieht. Die Möglichkeit, dass sie vielleicht anderer Meinung ist, schließt er von vornherein aus. Auch im weiteren Verlauf des Gespräches spricht er nicht von sich, sondern von uns bzw. von sich und Ginny.
Ginny teilt seine Sicht aber nicht, wie ihre Reaktion „with an oddly twisted smile" und auch ihre Antwort „It's for some stupid, noble reason, isn't it“, zeigen. Sie akzeptiert Harrys „wir“ nicht.

Harry behandelt Ginnys Antwort jedoch wie einen Einwurf. Er geht daraufhin nicht ein, sondern liefert stattdessen Argumente dafür, warum er sich von Ginny trennen muss. Harrys Absicht ist klar, er will Ginny davon überzeugen, dass es die Trennung eine Notwendigkeit und außerdem zu Ginnys Vorteil ist. Sich selbst stellt er dabei als uneigennützig und selbstlos dar.

Dass der Held sich von seiner Liebsten trennt, weil er sie nicht in Gefahr bringen will und sich dabei auch noch für edel und selbstlos hält, kommt in der Literatur, in Filmen etc. oft vor. Harrys Entscheidung in HP6 wurde nach dem Erscheinen dieses Buches immer wieder mit der von Peter aus „Spiderman" verglichen. Doch gerade der Vergleich mit der Situation in „Spiderman" lässt Harrys Entscheidung ziemlich zweifelhaft wirken.
Peters Gründe, dass es für ihn und Mary Jane keine Zukunft gibt, halten einer objektiven Betrachtung nämlich stand. Abgesehen davon, dass es gerade seine „Berufung“ als Spiderman ist, die ihn wesentlich daran hindert, sein eigenes Leben im Griff zu haben, was eine wichtige Voraussetzung ist, um mit einer anderen Person ein gemeinsames Leben aufbauen zu können, ist Mary Jane tatsächlich hauptsächlich durch ihre Beziehung zu ihm gefährdet.

Weiter kommt hinzu, dass Mary Jane ihm als Spiderman auch nicht helfen kann, indem sie sich zum Beispiel aktiv an seinen Rettungsaktionen beteiligt. Ihr bleibt nur die Möglichkeit, auf seine Rückkehr zu warten und ihn gegenüber dem Umfeld zu verteidigen, was für jede Beziehung eine schwere Belastung bedeutet.
Objektiv betrachtet, macht Peters Entscheidung somit Sinn. Dass beide es tatsächlich miteinander versuchen, stimmt optimistisch, aber für die Trennung hätte es gute Gründe gegeben.

Gerade diese Gründe fallen aber bei Harry und Ginny weg. Als Mitglied der Familie Weasley ist Ginny ohnehin durch Lord Voldemort und seine Anhänger/innen gefährdet. (Warum wohl stehen die Zeiger der Uhr von Molly fast immer auf „in Lebensgefahr“, seit Lord Voldemort offiziell zurückgekehrt ist?)
Weiter kommt hinzu, dass Ginny die Schwester seines besten Freundes ist. Selbst wenn Harry und sie sich getrennt haben, ist zu befürchten, dass die Todesser/innen und Lord Voldemort versuchen werden, Ginny zu benützen, um durch sie an Ron und so an Harry heranzukommen. Somit wäre es wohl sinnvoller, wenn sich Harry gleich auch von Ron „trennen“ würde, was er wieder nicht beabsichtigt. Ganz im Gegenteil, er akzeptiert, dass Ron und Hermione ihn bei der Erfüllung seiner Aufgabe begleiten wollen.
Weiter kommt hinzu, dass Ginny eine besonders talentierte Hexe ist und trotz ihrer Jugend beeindruckende Leistungen erbringt. (Nebenbei ist sie nur ein Jahr jünger als Harry.) Somit könnte sie Harry bei der Erfüllung seiner Aufgabe eine große Hilfe sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass Harry Beziehung zu Ginny, wenn sie auch nur einige Wochen gedauert hat, alles andere als geheim war. Die Umarmung, mit der alles begonnen hat, findet auf einer Feier statt, auf der mit Sicherheit die meisten Gryffindors anwesend waren. Dann erfahren wir, dass:
JKR schrieb
    The fact that Harry Potter was going out with Ginny Weasley seemed to interest a great number of people, most of them girls, yet Harry found himself newly and happily impervious to gossip over the next few weeks.

    Quelle: HP6, S. 500, Kapitel 25: Die belauschte Seherin bzw. The Seer Overheard.


Doch nicht nur die Gryffindors wissen Bescheid, wie eine spätere Stelle andeutet:

[Zitat=JKR]He [Harry] had not dared to return to the Room of Requirement to retrieve his book, and his performance in Potions was suffering accordingly (though Slughorn, who approved of Ginny, had jocularly attributed this to Harry being lovesick).

Quelle: HP6, S. 501, Kapitel 25: Die belauschte Seherin bzw. The Seer Overheard[/Zitat]

Wenn Professor Slughorn darüber Bescheid weiß, kann davon ausgegangen werden, dass auch außerhalb des Gryffindorturms über Harry und Ginnys Beziehung geklatscht wird.

Angesichts des Umstandes, dass Harry und Ginny Beziehung kein Geheimnis war, dürfte es für Lord Voldemort nicht schwer sein, herauszufinden, dass die beiden zumindest bereits ein Liebespaar waren. Dass sich beide inzwischen getrennt haben, wird Voldemort wahrscheinlich nicht daran hindern, Ginny zu benützen, wenn er glaubt, das er Harry damit treffen kann.


Ginny selbst macht Harry darauf aufmerksam, dass es ihr nichts ausmachen könnte, wegen ihm in Gefahr zu geraten: „What if I don't care?", worauf Harry ihr erklärt, wie schlimm es für ihn ist, wenn Ginny wegen ihm getötet würde. Zunächst also gab er sich selbstlos, indem er bereit war, sich für Ginnys Sicherheit von ihr zu trennen, nun auf einmal geht es um seine Gefühle, unter denen er leiden würde, wenn Ginny nicht auf seinen Vorschlag eingeht und sich seine Befürchtungen erfüllen sollten. So sympathisch das auch wirken mag, Harry kommt dabei nicht einmal der Gedanke, dass auch Ginny Gefühle hat. (Oder er will das einfach nicht berücksichtigen.)

Ist es etwa für Ginny wirklich weniger schlimm, zu erfahren, dass ihm der Kampf gegen Voldemort das Leben gekostet hat und sie ihn vielleicht hätte retten können, wenn sie bei ihm gewesen wäre? Ist es etwa keine Belastung, zu Hause zu sitzen, während Harry in permanenter Lebensgefahr sein dürfte und lediglich hoffen zu können, dass ihm nichts passiert?

Harry handelt somit ziemlich brutal, auch wenn sein Handeln positiv motiviert ist. Dabei hat Harry doch in Buch 6 selbst ein Beispiel erlebt, welche Auswirkungen eine solche Entscheidung, wie er sie jetzt selbst getroffen hat, auf die betroffene Frau haben kann.

JKR schrieb
    'But I don't care either, I don't care!' said Tonks, seizing the front of Lupin's robes and shaking them. 'I've told you a million times ..."
    And the meaning of Tonks's Patronus and her mouse-coloured hair, and the reason she had come running to find Dumbledore when she had heard a rumour someone had been attacked by Greyback, all suddenly became clear to Harry; it had not been Sirius that Tonks had fallen in love with after all...

    Quelle: HP6, S. 582, Kapitel 29: Die Klage des Phönix bzw. The Phoenix Lament


Isoliert betrachtet, wirken Lupins Gründe dafür, dass es zwischen ihm und Tonks keine Liebesbeziehung geben darf, nachvollziehbar und edel. Innerhalb des Romankontexts werden sie jedoch als fragwürdig rübergebracht. Rowling selbst nimmt zwar dazu nicht Stellung, aber sie erzielt diesen Eindruck dadurch, wie sie die Auswirkung von Lupins Entscheidung auf ihn und Tonks beschreibt und durch die Kommentare, die andere Romanfiguren dazu abgeben. Sie beschreibt nur, wie unglücklich Lupin sich und besonders Tonks mit seiner Weigerung macht, die Sorgen, die sich Tonks machen darf, als sie monatelang nichts von Lupin hört, und Ähnliches. Mögliche positive Aspekte wie zum Beispiel Stolz auf die eigene Standhaftigkeit werden dagegen nicht beschrieben. Andere Romanfiguren wiederum ergreifen eindeutig für Tonks Partei und lassen Lupins Gründe nicht gelten.

JKR schrieb
    'I've said all along you're taking a ridiculous line on this, Remus,' said Mrs Weasley over Fleur's shoulder as she patted her on the back.
    'I am not being ridiculous,' said Lupin steadily. 'Tonks deserves somebody young and whole.'
    'But she wants you,' said Mr Weasley, with a small smile. 'And after all, Remus, young and whole men do not necessarily remain so.'

    Quelle: HP6, S. 582, Kapitel 29: Die Klage des Phönix bzw. The Phoenix Lament


Molly Weasley findet also Lupins Verhalten Tonks gegenüber nur lächerlich, und Arthur Weasley (eine Figur, die von Rowling zeitweise als Sprachrohr verwendet wird) bringt die Sache kurz und bündig auf den entscheidenden Nenner: „Aber sie will dich.

Dabei hat Lupin Gründe, die sehr wohl einer objektiven Betrachtung standhalten. Die Liebesbeziehung zu ihm könnte Tonks tatsächlich teuer zu stehen kommen. Wegen seiner Krankheit hatte Lupin nie eine Chance, sich gesellschaftlich zu integrieren. Inzwischen muss er aber nicht nur gegen Vorurteile ankämpfen, sondern die Diskriminierung der Werwölfe wird ständig durch neue Gesetze legalisiert. Für die Öffentlichkeit ist Lupin eindeutig ein Asozialer, wenn er nicht ohnehin schon als Krimineller abgestempelt ist. Hinzu kommt die mögliche Bedrohung durch andere Werwölfe, für die Lupin auch Außenseiter ist. Tonks wiederum arbeitet als Aurorin für das Ministerium. (Für Rita Skeeter wohl die ideale Schlagzeile: Wie zuverlässig sind Aurorinnen, die sich mit Werwölfen einlassen.)

Es ist weder auszuschließen, dass Tonks ihre Beziehung zu Lupin den Job kosten kann, noch dass sie selbst als angebliche Werwölfin abgestempelt wird bzw. unter der Diskriminierung, die Lupin erlebt, auch zu leiden hat.

Doch auch die Gefahr, dass Lupin Tonks (unabsichtlich) bei Vollmond beißen könnte, ist bei einem gemeinsamen Zusammenleben nicht vollkommen ausgeschlossen. Einen Hinweis dazu geben die Geschehnisse von Buch 3, als sich Lupin verwandelt.

In der Szene, wo wir erfahren, welches Problem beide miteinander haben, kommt Lupin aber nicht etwa mit diesen objektiven Argumenten, sondern er versteift sich auf seine subjektiven Gründe, wie dass Tonks etwas Besseres verdient hat, dass er zu alt für sie ist und Ähnliches. Da zeigt sich, dass das eigentliche Problem, obwohl es objektive Gründe gibt, in Lupin selbst liegt. Er hat offensichtlich (aufgrund seiner Krankheit?) Probleme damit, sich auf eine Liebesbeziehung mit jemandem einzulassen.


Die Handlung um Lupin und Tonks, die vorwiegend hinter den Kulissen stattfindet und erst am Schluss von Buch 6 enthüllt wird, stellt sich als Parallelhandlung zu Harry und Ginny heraus. Lupin und Harry wollen beide aus edlen Motiven verzichten. Tonks ist damit nicht einverstanden und leidet lediglich darunter. Auch bei Ginny entsteht zumindest der Eindruck, dass sie mit Harrys Entscheidung nicht einverstanden ist. Dann letztlich stimmt Ginny Harry nicht zu. Sie „looked away from him, over the lake”, während sie ihm gesteht, dass sie ihn schon immer geliebt und nie wirklich aufgegeben hat. Warum sollte sie ihn also jetzt aufgeben, wo sie weiß, dass er ihre Gefühle erwidert? Das Gespräch wird zudem einfach von Harry beendet, der ihr nicht die Zeit lässt, ihre Zustimmung selbst zu äußern.

Da alles aus Harrys Sicht erzählt ist, bleibt offen, ob Ginny einfach nur überrumpelt ist, sodass sie keine Antwort weiß oder ob sie seine Entscheidung nicht zu akzeptieren bereit ist, ihm vorläufig aber die Möglichkeit gibt, sich alles nochmals zu überlegen. Ein Hinweis für die erste Interpretation wäre, dass Ginny schon früher in Harrys Gegenwart, keine Worte gefunden hat. Ein Hinweis für die zweite Interpretation könnte dagegen sein, dass Ginny weiß, dass sie Harry wenigstens noch einmal treffen wird, wenn Bill in einigen Wochen Fleur heiratet.

Lupins Verhalten, obwohl er Sympathieträger ist und positive Gründe hat, wird letztlich als Fehlverhalten entlarvt und korrigiert. Könnte das ein Hinweis darauf sein, dass auch Harrys Trennung von Ginny sich noch als Fehler herausstellen wird, der sich hoffentlich wieder ausgleichen lässt?

[Dieser Beitrag wurde am 01.06.2007 - 17:48 von Ermione aktualisiert]





Signatur
"Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht."
(Kurt Tucholsky)


http://de.geocities.com/ermione13/index.htm

Ermione 
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...   Erstellt am 01.06.2007 - 17:53Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Harrys Verzicht auf Ginny: Heldenrolle, Fehlentscheidung oder Lösungsversuch eines Dreieckskonflikt
(von Ermione)



Teil 2:
Ist es eigentlich wirklich nur, die Angst vor Lord Voldemort, weshalb Harry sich von Ginny trennen wird. Bei Lupin haben wir gesehen, dass es letztlich er selbst und seine Hemmungen sind, die einer Beziehung mit Tonks im Weg stehen. Wie sieht es nun mit Harry aus? Was könnte ihn dazu veranlassen, dass er glaubt, sich von Ginny trennen zu müssen? Dass er sich selbst aufgrund seiner Bindung an Lord Voldemort Ginny nicht zumuten kann, denke ich, können wir ausschließen. Das hätte er ihr gegenüber auch als nachvollziehbares Argument anführen können.


Betrachten wir nochmals die Hindernisse, die in Buch 6 das Zusammenfinden verzögert haben. Was entdecken wir da?

Ein entscheidendes Hindernis ist sicher, dass Ginny mit Ende von Buch 5 eine Beziehung mit Dean begonnen hat. Als Harry sich endlich über seine Gefühle für sie klar wird, geht sie gerade mit einem anderen und er ist zumindest fair genug, diese bestehenden Beziehung von Ginny, wenn auch widerwillig, zu akzeptieren. Doch auch, nachdem Ginny mit Dean Schluss gemacht hat, woran Harry indirekt durch den Felix Felicis beteiligt war, braucht Harry noch Wochen, ehe beide zusammenfinden. Dieses Zusammenfinden ist zudem eine spontane Entscheidung.

Warum aber wagt es Harry nicht, sofort sein Glück bei Ginny zu versuchen, nachdem sie wieder frei ist? Dies ist umso bemerkenswerter, als er gleichzeitig fürchtet, dass ihm ein anderer Junge zuvorkommen könnte oder dass sich Ginny mit Dean doch wieder versöhnt.

Warum handelt Harry nicht? Betrachten wir Harrys Gedankengänge dazu:

JKR schrieb
    ...
    She's Ron's sister, Harry told himself firmly. Ron's sister. She's out of bounds. He would not risk his friendship with Ron for anything. He punched his pillow into a more comfortable shape and waited for sleep to come, trying his utmost not to allow his thoughts to stray anywhere near Ginny.

    Quelle: HP6, S. 271, Kapitel 14: Felix Felicis


Also, Ginny ist Rons Schwester, und Harry fürchtet Probleme mit Ron, er hat Angst, diesen als Freund zu verlieren. Als Harry und Ron zufällig Zeuge wurden, wie sich Dean und Ginny küssten, drehten sich Harrys Gedanken nicht nur darum, dass er gerne Ginny selbst geküsst hätte. Aber es war eben nicht Dean, der immerhin sein Rivale ist, sondern der Umstand, dass Ginny Rons Schwester ist:

JKR schrieb
    It's just because she's Ron's sister, he told himself. You just didn't like seeing her kissing Dean because she's Ron's sister ...
    But unbidden into his mind came an image of that same deserted corridor with himself kissing Ginny instead ... the monster in his chest purred ... but then he saw Ron ripping open the tapestry curtain and drawing his wand on Harry, shouting things like 'betrayal of trust' ... 'supposed to be my friend' ...
    'D'you think Hermione did snog Krum?' Ron asked abruptly, as they approached the Fat Lady. Harry gave a guilty start and wrenched his imagination away from a corridor in which no Ron intruded, in which he and Ginny were quite alone –

    Quelle: HP6, S. 270, Kapitel 14: Felix Felicis


In Buch 6 wurde zudem nochmals deutlich gezeigt, wie wichtig Harry die Freundschaft mit Hermione und Ron ist. Harry leidet unter den Spannungen zwischen beiden, und als der Bruch unausweichlich scheint, versucht er mit beiden trotzdem weiterhin befreundet zu sein. In den früheren Büchern gab es ein paar Mal Schwierigkeiten zwischen Harry und Hermione so zum Beispiel in Buch 1, ehe ihre Freundschaft begann oder in Buch 3 wegen dem Besen und Rons Ratte. Jedes Mal war jedoch Ron der entscheidende Faktor und der Konflikt spielte sich letztlich eher zwischen ihm und Hermione als zwischen Harry und Hermione ab. Dagegen versucht Hermione in Buch 4, als Ron nichts mehr mit Harry zu tun haben will, zwischen den beiden zu vermitteln. Sie selbst ist in diesen Konflikt nicht verwickelt. In den Büchern bis Buch 6 hat Harry erlebt, dass es wesentlich einfacher ist, mit der vernünftigen Hermione befreundet zu sein, als mit dem impulsiven Ron.
Harrys Befürchtung, dass Ron ihm eine Beziehung mit seiner Schwester krumm nimmt, hat eine nachvollziehbare Grundlage, als er schon einmal (Buch 4) erleben durfte, wozu Ron fähig ist, wenn er sich einbildet, dass Harry ihn hintergangen hätte.

In Buch 6 macht sich Harry immer wieder Gedanken darüber, wie Ron darauf reagieren würde, wenn Ginny und er ein Paar wären.

JKR schrieb
    She's Ron's sister.
    But she's ditched Dean!
    She's still Ron's sister.
    I'm his best mate!
    That'll make it worse.
    If I talked to him first -
    He'd hit you.
    What if I don't care?
    He's your best mate!

    Quelle: HP6, S. 482, Kapitel 24: Sectumsempra


Einerseits hofft er, dass Ron damit einverstanden ist, andererseits fürchtet er, dass Ron das nicht akzeptieren wird. Ron hat sich wiederholt als Ginnys Beschützer aufgespielt. (Man denke zum Beispiel an das Zeitungsfoto in Buch 3, wo er schützend seinen Arm um Ginny gelegt hat.)

Seit Buch 5 wissen wir, dass er sofort etwas gegen einen Jungen hat, wenn er erfährt, dass der mit Ginny geht. Obwohl sich in Buch 5 andeutet, dass er Harry als Ginnys Freund wohl noch am ehesten akzeptieren kann, ist er in Buch 6, als beide ein Paar sind, keineswegs begeistert. Er akzeptiert es nur.

JKR schrieb
    ...
    Hermione was beaming, but Harry's eyes sought Ron. At last he found him, still clutching the Cup and wearing an expression appropriate to having been clubbed over the head. For a fraction of a second they looked at each other, then Ron gave a tiny jerk of the head that Harry understood to mean, 'Well - if you must.'

    Quelle: HP6, S. 499, Kapitel 24: Sectumsempra


Während sich Hermione für Harry und Ginny freut, ist Ron nicht begeistert. Auch später wird angedeutet, dass Ron sich nicht so recht damit abfinden kann, dass Harry mit Ginny geht.

JKR schrieb
    'Watch it,' he said, pointing warningly at Harry and Ginny. 'Just because I've given my permission doesn't mean I can't withdraw it -'
    '"Your permission",' scoffed Ginny. 'Since when did you give me permission to do anything? Anyway, you said yourself you'd rather it was Harry than Michael or Dean.'
    'Yeah, I would,' said Ron grudgingly. 'And just as long as you don't start snogging each other in public -'
    'You filthy hypocrite! What about you and Lavender, thrashing around like a pair of eels all over the place?' demanded Ginny.

    Quelle: HP6, S. 501, Kapitel 25: Die belauschte Seherin bzw. The Seer Overheard


Ginny gibt Ron hier deutlich zu verstehen, dass sie ihn nicht ernst nimmt, aber Harry zieht es vor, sich nicht zu äußern. Anders als Ginny kann er Ron nicht links liegen lassen, da ihm die Freundschaft zu diesem wichtig ist.



Betrachten wir nun Harrys Entscheidung, sich von Ginny zu trennen unter Einbeziehung seiner Beziehung zu Ron. Harry selbst sagt, wie es schrecklich es wäre, wenn Lord Voldemort wegen ihm, Ginny etwas antun würde. Er fürchtet, dass Lord Voldemort, ihn über Ginny treffen will, eine Befürchtung, die nicht grundlos ist. Im Gegensatz dazu hat Harry jedoch keine Bedenken, mit Ron und Hermione aufzubrechen, als beide mitkommen wollen. Macht es Harry also weniger aus, dass auch ihnen etwas zustoßen könnte, weil sie ihm helfen wollen? Oder ist Harry bei ihnen weniger betroffen? Das können wir ausschließen, wenn wir bedenken, wie Harry ein Buch zuvor im Ministerium reagiert hatte, als Hermione lebensgefährlich verletzt wurde.

Werfen wir einen Blick auf den Aufbruch ins Ministerium. Auch hier hat Harry keine Bedenken, dass Ron und Hermione mitkommen. Ginny aber will er ebenso wenig mitnehmen wie Luna und Neville, obwohl er ohne Luna und Ginny gar nicht in der Lage gewesen wäre, ins Ministerium aufzubrechen. Erinnern wir uns: es ist Ginny, die Draco außer Gefecht setzt und somit Ron, Neville und Luna die Chance gibt, sich aus Umbridges Arbeitszimmer zu befreien und die Zauberstäbe wieder an sich zu nehmen. Luna hat die Idee, die Thestrale als Transportmittel zu verwenden. Im Ministerium ist es Neville, der dafür sorgt, dass Harry die Prophezeiung nicht an die Voldemorts Leute ausliefert. Harry jedoch wollte die drei nicht ins Ministerium mitnehmen, er traute ihnen im Gegensatz zu Ron und Hermione nicht zu, dass sie ihm wirklich eine Hilfe sein würden. Außerdem wollte er sie nicht in Gefahr bringen. Dieser Aspekt scheint bei Ron und Hermione für Harry keine Rolle zu spielen, vermutlich weil sie bisher fast immer ihre Abenteuer zu dritt erlebt überstanden haben.

Bei Ginny kommt jedoch im Gegensatz zu Neville und Luna noch etwas hinzu. Sie ist Rons Schwester. Wie Buch 2 zeigt, sehen sich Ron, aber auch Harry als ihre Beschützer. Würde ihr etwas zustoßen, müsste Harry befürchten, dass Ron ihm das nicht verzeiht.
In Buch 6 wird sehr deutlich, dass Ron für Harry in Bezug auf Ginny als Hindernis gesehen wird. Harry ist die Freundschaft mit Ron wichtig, wobei in Buch 6 durchaus der Eindruck entsteht, dass diese Freundschaft für ihn einen höheren Stellenwert hat, als die Liebe zu Ginny. Jedenfalls scheint es, dass Harry lieber auf die Beziehung mit Ginny verzichten würde, als Rons Freundschaft zu verlieren. Freundschaft scheint Harry somit wichtiger als Liebe.

Harrys Entscheidung für die Trennung ist somit komplizierter, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Er will sie nicht einfach von Ginny trennen, weil er Angst davor hat, was Lord Voldemort ihr wegen ihm antun könnte. Sondern er fürchtet in erster Linie, dass es ihm sein Freund Ron nie verzeihen wird, wenn Ginny, weil sie mit Harry geht, etwas zustößt.

Unter diesem Blickwinkel erklärt sich ganz schlüssig, warum Harry sich von Ginny trennt, obwohl sie auch ohne die Beziehung zu ihm gefährdet ist. So schlimm es für ihn auch wäre, wenn ihr etwas zustößt, nachdem er sich von ihr getrennt hat, kann ihm Ron keine Schuld daran geben, falls seiner Schwester etwas zustößt.

Da Ginny aber im Gegensatz zu ihm, Rons Einmischungen nicht gelten lässt, ist klar, dass Ginny eine Trennung von ihm mit dieser Begründung nicht akzeptiert hätte. Somit verzichtet Harry darauf, ihr diesen Aspekt mitzuteilen. (Daneben lässt der Text auch die Sichtweise zu, dass Harry sich selbst diesen Beweggrund für die Trennung nicht eingestehen will.)


Von Anfang an ist es somit Ron, an dem die Liebesbeziehung zwischen Harry und Ginny zu scheitern droht. Am Ende von Buch 6 trifft Harry eine Entscheidung, die zeigt, dass ihm die Freundschaft zu Ron tatsächlicher wichtiger ist als die Liebe zu Ginny. Es wird sicher interessant sein, zu sehen, ob Rowling diesen ungewöhnlichen Dreieckskonflikt (Modell: „Held zwischen Geliebter und besten Freund, der ihr Bruder ist“) mit der Trennung in Band 6 als gelöst ansieht oder noch fortzusetzen beabsichtigt.



Nun ist es in der Literatur nicht unüblich, dass bei einer Liebesbeziehung ein/e Rivale/in vorkommt, der mit dem/r Helden/in zunächst befreundet ist. Ungewöhnlicher ist dagegen, dass diese Aufgabe dem Bruder der Heldin zufällt. Wenn sich der Held in die Schwester seines besten Freundes verliebt, ist es normalerweise üblich, dass ihn sein bester Freund unterstützt und sogar wesentlich am Zustandekommen der Liebesbeziehung beteiligt ist. Nicht trägt die Liebesbeziehung dazu bei, dass die Freundschaft auf der Symbolebene dadurch eine Stärkung erfährt.

Das ist bei Rowling bis jetzt nicht der Fall. Die Liebesgeschichte zwischen Harry und Ginny ist keine Ergänzung zur Freundschaft zwischen Harry und Ron, sondern wird als ein eigener Handlungsstrang abgehandelt. Harry sieht seine Freundschaft zu Ron wird durch diese Liebesgeschichte gefährdet.

Das Motiv „Held verliebt sich in die kleine Schwester des besten Freundes“ ist bei Rowling somit originell umgesetzt. Während gewöhnlich der Bruder die Beziehung seiner Schwester zu seinem Freund unterstützt, ist Ron zwar nicht unbedingt dagegen, dass Ginny mit Harry geht, aber keineswegs davon begeistert und hat zudem wesentlichen Anteil daran, dass beide nicht wirklich zusammenfinden, da Harry ständig auf ihn Rücksicht zu nehmen versucht.

Finite





Signatur
"Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht."
(Kurt Tucholsky)


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