mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 572 Nachricht senden | Erstellt am 25.08.2009 - 12:43 |  |
Quälgeister
Nicht nur aus bioökonomischer Sicht sind Fliegen sehr nützliche Lebewesen, sondern auch aus psychologischer Perspektive, denn der Mensch weiß erst wie gut es ihm geht, wenn solche Plagegeister sein Territorium wieder verlassen haben.
Man sitzt an seinem Schreibtisch und versucht, fleißig zu sein. Die Tastatur rattert und der Monitor füllt sich mit Buchstaben, die, ordentlich und sinnvoll aneinandergereiht, eine Kolumne ergeben sollen. Es ist zwei Uhr morgens, die einzige Zeit, in der die Sommerhitze fast erträglich ist. Der Kaffee dampft und die Zigarette qualmt brav im Aschenbecher vor sich hin. Jedoch, um es mit den Worten von Wilhelm Busch wiederzugeben, es kann der Bravste nicht in Frieden leben, wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Nein, meine Nachbarn sind keine bösen Menschen. In diesem Falle ist es eine Fliege, die über den Monitor spaziert und interessiert den Text mitliest. Da der Text sowieso für die Öffentlichkeit bestimmt ist, habe ich nichts dagegen. Freundlich wie ich nun mal bin, lächle ich ihr ein nettes „Guten Morgen“ zu.
Das hätte ich nicht tun dürfen, denn damit habe ich ihre Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Schnurstracks fliegt sie auf meinen Mund zu und versucht mich zu küssen. Angewidert fuchtele ich mit den Armen durch die Luft, doch das liebeshungrige Miststück setzt sich auf meine Hand und stemmt sich mit aller Kraft dagegen. Physisch mag sie mir zwar unterlegen sein, jedoch kann so eine Fliege fliegen und das ist das Fatale daran. Wütend umkreist sie ein Paar Mal meinen Kopf und es scheint, als würde sie jedes Mal, wenn sie an meinen Ohren vorbeikommt, extrem laut summen.
Nun ist sie weg. Wo ist sie? Ich schaue auf meine Hand, auf der immer noch ein leichtes Kribbeln zu verspüren ist. Aber da ist sie nicht. Ich kann sie nirgendwo sehen. Nun kribbelt es auf meinem Bein. Da ist sie jedoch auch nicht. Werde ich jetzt paranoid? Ein langes Lineal verschafft Linderung an Rückenteile, die man selbst durch ein raffiniertes Spiegelsystem niemals zu Gesicht bekommt. Aus der Ferne höre ich sie hämisch grinsen, kann jedoch die Richtung nicht orten.
Ist es legitim, eine Fliege zu ermorden? Als Anthroposophin besitze ich natürlich keine Fliegenklatsche. Man könnte auch eine Spinne engagieren, die übernimmt dann das Töten und man ist fein raus.
Nun ist sie wieder da. Ich erwische sie dabei, wie sie gerade heimlich meinen Notizblock umblättert. Die Schamesröte schießt mir ins Gesicht, denn die Worte auf diesen Zetteln sind sehr privat. Sollte ich mit einem schnellen und kräftigen Fausthieb auf das Papier hauen und die Fliege somit zerquetschen? Die Gelegenheit wäre günstig.
Sie bleibt natürlich am Leben und dankt mir meine Gutmütigkeit, indem sie sich wieder auf meinen Arm setzt. So etwas kann ich nicht leiden; wer weiß, in welchem Schmutz sie vorher ihre Füße gebadet hat. Sofort fängt wieder alles an zu jucken. Grinsend lässt sich das Ungeheuer auf den Rand des Monitors nieder und schaut mir dabei zu, wie ich mich überall kratze.
Eine kalte Dusche wäre jetzt nicht schlecht und wenn ich Glück habe, sind Fliegen wasserscheu. Heute Vormittag habe ich einen Arzttermin und mein Doktor soll die roten Kratzstriemen nicht für Auswirkungen masochistischer Sexualmethoden halten. Mittlerweile ist es schon drei Uhr, aber immer noch viel zu früh zum duschen. Meine Hausmitbewohner müssen nicht um ihren Schlaf gebracht werden.
In Gedanken streiche ich den Friedensnobelpreis von der Liste meiner angestrebten Ziele und gebe auch notfalls den Titel „Doktor honoris causa“ zurück. Nun kann ich mich ohne ethische Verpflichtungen daran machen, eine Guillotine für Fliegen zu konstruieren.
Plötzlich musste ich mich an die vielen kleinen und den einen großen Nachtschwärmer erinnern, die ebenfalls Nacht für Nacht anwesend sind, wenn ich am Computer sitze. Diese sind mir immer herzlich willkommen auch wenn sie um mich herumfliegen und ich ermahne sie stets, sich nicht ihren Hintern an der Schreibtischlampe zu verbrennen.
Was unterscheidet eine Fliege von einem Nachtschwärmer? Geht mir diese Fliege nur deswegen auf die Nerven, weil sie laut summt? Habe ich nicht auch im Vergleich zu vielen anderen Menschen eine große Klappe? Ich liebe Nachtschwärmer über alles, besonders den einen großen schwarzen, der immer von sich behauptet, böse, wie gemein und fies zu sein.
Was also macht man mit einer Fliege, die im Grunde genommen nur ihre Anhänglichkeit und ihr Zutrauen zum Ausdruck bringen will? Man geht an den Kühlschrank, schneidet ein winziges Stück von der frischen Rinderleber ab und legt es auf ein kleines Tellerchen, stellt dieses auf den Schreibtisch und beobachtet ein ausgehungertes Insekt, wie es sich darauf stürzt und vor lauter Dankbarkeit sein auf die Nerven gehendes Summen einstellt, um es durch ein lautes Schmatzen zu ersetzen.
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Signatur Praesis ut prosis, non ut imperes (Stehe an der Spitze um zu dienen, nicht um zu herrschen) |