<Emil> unregistriert
| Erstellt am 27.04.2008 - 20:17 |  |
Hi Plato, Du gilst als einer der größten Philosophen
aller Zeiten; was ist Deine Meinung dazu?
Meine große Liebe galt eigentlich Gott und darum hat mich die Mystik mehr
interessiert als die Philisophie.
Was ist ein Mystiker?
Ein Mystiker sucht in sich Kräfte, er sucht Wesenheiten in sich auf, die
dem Menschen so lange unbekannt bleiben, als er in der gewöhnlichen Lebens-
anschauung steckt. Er stellt die große Frage nach seinen eigenen geistigen,
über die niedere Natur hinausgehenden Kräften und Gesetzen.
Kannst Du etwas konkreter werden?
Der Mensch mit der gewöhnlichen, sinnlich-logischen Lebensanschauung schafft
sich Götter, oder, wenn er zu der Einsicht des Schaffens kommt, dann leugnet
er sie.
Der Mystiker erkennt, daß er Götter schafft; er erkennt, warum er sie schafft;
er ist sozusagen hinter die Naturgesetzmäßigkeit des Götterschaffens gekommen.
Du meinst also, um einen Vergleich aus der Botanik zu wählen, es ist mit dem
Mystiker so, wie wenn eine Pflanze plötzlich wissend würde und die Gesetze
ihres eigenen Wachstums, ihrer eigenen Entwicklung kennen lernte. Sie
entwickelt sich in holder Unbewußtheit. Wüßte sie um ihre Gesetze, müßte sie
ein ganz anderes Verhältnis zu sich selbst gewinnen.
Genau, so ist es mit dem Mystiker in Bezug auf seine Gesetze, auf die in ihm
wirkenden Kräfte. Als Wissender muß er über sich hinaus ein Göttliches
schaffen. Und so stellten sich auch die Eingeweihten zu dem, was das Volk über
die Natur hinaus geschaffen hatte.
Du meinst die Götter?
Ja, so stellten sie sich zu der Götter- und Mythenwelt des Volkes. Sie wollten
die Gesetze dieser Götter- und Mythenwelt erkennen.
Du meinst, da wo das Volk eine Göttergestalt, wo es einen Mythos hatte - da
suchten sie eine höhere Wahrheit.
Ja - laß uns ein Beispiel betrachten:
Die Athener waren von dem kretischen König Minos gezwungen worden, ihm alle
acht Jahre sieben Knaben und sieben Mädchen zu liefern. Diese wurden dem
Minotaurus, einem fürchterlichen Ungeheuer, als Speise vorgeworfen.
Als das dritte Mal die traurige Sendung nach Kreta abgehen sollte, zog der
Königssohn Theseus mit. Als dieser in Kreta eintraf, nahm sich Ariadne, des
Königs Minos Tochter, seiner an.
Der Minotaurus hauste in dem Labyrinth, einem Irrgarten, aus dem niemand
herausfinden konnte, der eingetreten war.
Theseus wollte seine Vaterstadt von dem schimpflichen Tribut befreien. Er
mußte in das Labyrinth, in das sonst des Ungeheuers Beute geworfen wurde.
Er wollte den Minotaurus töten. Er unterzog sich dieser Aufgabe; er überwand
den furchtbaren Feind und gelangte wieder ins Freie mit Hilfe eines Faden-
knäuels, das ihm Ariadne gereicht hatte.
Plato - diese Geschichte müßte eigentlich jeder Gymnasiast kennen - ich bin
gespannt, was Du als Mystiker daraus gemacht hast!
Paß auf, wenn man den Wahrheitsgehalt eines Mythos suchte, so war man sich
bewußt, daß man etwas hinzufügte zu dem, was im Volksbewußtsein vorhanden war.
Man war sich klar, daß man sich über dieses Volksbewußtsein stellte, wie sich
der Botaniker über die wachsende Pflanze stellt. Man sagte etwas ganz anderes,
als im mythischen Bewußtsein vorhanden war - aber man sah das, was man sagte,
als eine tiefere Wahrheit an, die sich symbolisch im Mythos zum Ausdruck
brachte.
Und die wäre?
Der Mensch steht der Sinnlichkeit(Überlebenskampf in der physisch wahr-
genommenen und erlebten Welt), als einem feindlichen Ungeheuer, gegenüber.
Er opfert ihr die Früchte seiner Persönlichkeit. Sie verschlingt sie.
Sie tut es so lange, bis im Menschen der Überwinder(Theseus) erwacht.
Seine Erkenntnis spinnt ihm den Faden, durch den er sich wieder zurechtfindet,
wenn er sich in den Irrgarten der Sinnlichkeit begibt, um seinen Feind zu
töten.
Das Mysterium der menschlichen Erkenntnis selbst ist in dieser Überwindung
der Sinnlichkeit ausgesprochen. Der Mystiker kennt dieses Mysterium. Es ist
durch dasselbe auf eine Kraft in der menschlichen Persönlichkeit hingedeutet.
Das gewöhnliche Bewußtsein ist sich dieser Kraft nicht bewußt, aber - sie
wirkt doch in ihm! Sie erzeugt den Mythos, der dieselbe Struktur hat wie die
mystische Wahrheit. Diese Wahrheit symbolisiert sich in dem Mythos.
Was liegt also in den Mythen?
Es liegt in ihnen eine Schöpfung des Geistes, der unbewußt schaffenden Seele.
Die Seele hat eine ganz bestimmte Gesetzmäßigkeit. Sie muß in einer bestimmten
Richtung wirken, um über sich hinaus zu schaffen. Auf der mythologischen Stufe
tut sie das in Bildern; aber diese Bilder sind nach Maßgabe der Seelengesetz-
mäßigkeit gebaut.
Plato, was hälst Du von den zahlreichen Versuchen, Mythen verstandesmäßig,
rationalistisch zu deuten?
Ich muß das total ablehnen - Da wo ich von dem Leben der Seele spreche, wo
ich die Pfade des Vergänglichen verlasse und das Ewige in der Seele aufsuche -
wo also Vorstellungen nicht mehr vorhanden sind, die sich an das sinnliche
Wahrnehmen und an das verstandesmäßige Denken anlehnen - bediene ich mich des
Mythos.
Also meiner Meinung nach gehst Du damit weit über das übliche Philosophieren
hinaus. Mir fällt da doch gleich Deine Schrift "Phädrus" ein.
Ganz richtig! Im Phädrus wird die Seele dargestellt als ein Gespann, das zwei
nach allen Seiten mit Flügeln versehene Pferde hat und einen Führer. Das eine
der Pferde ist geduldig und weise, das andere störrig und wild.
Kommt dem Gespann ein Hindernis in den Weg, so benützt dies das störrige Pferd,
um das gute in seinem Willen zu behindern und dem Führer Trotz zu bieten.
Wenn das Gespann da anlangt, wo es den Göttern auf dem Rücken des Himmels
nachfolgen soll, da bringt das schlechte Pferd das Gespann in Unordnung.
Von der Gewalt, welche es hat, hängt es ab, ob es von dem guten Pferd über-
wunden werden und das Gespann sich über das Hindernis in das Reich des Über-
sinnlichen begeben kann.
So geschieht es also der Seele, daß sie nie ganz ungestört sich in das Reich
des Göttlichen erheben kann. Einige Seelen erheben sich zu dieser Ewigkeits-
schau mehr, die anderen weniger. Die Seele, welche das Jenseits geschaut hat,
die bleibt unversehrt bis zum nächsten Umzuge; diejenige, welche - wegen des
wilden Pferdes - nichts geschaut hat, die muß es mit einem neuen Umzuge
versuchen. Mit diesen Umzügen sind die verschiedenen Seelenverkörperungen
gemeint. Ein Umzug bedeutet das Leben der Seele in einer Persönlichkeit.
Das wilde Pferd stellt die niedere, das weise Pferd die höhere Natur, der
Führer die sich nach Vergöttlichung sehnende Seele dar.
Plato - mir fällt auf, daß Du in völligem Einklang mit der mythischen und
gleichnisartigen Ausdrucksweise anderer stehst - zum Beispiel der altindischen
Literatur.
Ich erinnere mich da an ein Gleichnis, das dem Buddha zugeschrieben
wird:
Ein am Leben hängender Mann, der um keinen Preis sterben will, der die Sinnen-
lust sucht, wird von vier Schlangen verfolgt.
Er hört eine Stimme, die ihm befiehlt, die vier Schlangen von Zeit zu Zeit zu
füttern, zu baden.
Der Mann lief aus Furcht vor den bösen Schlangen davon.
Er hörte wieder eine Stimme. Die macht ihn auf fünf Mörder aufmerksam, die
hinter ihm her sind. Abermals läuft der Mann davon.
Eine Stimme macht ihn auf einen sechsten Mörder aufmerksam, der ihm den Kopf
abschlagen will mit einem gezückten Schwert. Wieder flüchtet der Mann.
Er kommt in ein menschenleeres Dorf. Er hört eine Stimme, die ihm sagt, daß
baldigst Diebe das Dorf plündern werden. Als der Mann weiter flieht, kommt
er an eine große Wasserflut. Er fühlt sich am diesseitigen Ufer nicht sicher;
aus Strohhalmen, Hölzern und Blättern macht er sich einen Korb; in ihm kommt
er ans andere Ufer.
Jetzt ist er in Sicherheit - er ist Brahmane.
Plato, ahnst Du schon, welch geistiges Element in dieser Geschichte symboli-
siert wird?
Hmm, ich denke schon - aber erzähl bitte weiter.
Der Mensch muß durch die verschiedensten Zustände hindurchgehen, bis er zum
Göttlichen kommt. In den vier Schlangen sind die vier Elemente: Feuer, Wasser,
Erde, Luft zu sehen. In den fünf Mördern die fünf Sinne.
Das menschenleere Dorf ist die Seele, die den Eindrücken der Sinne entflohen
ist, aber auch noch nicht sicher ist, wenn sie mit sich allein ist.
Ergreift sie in ihrem Innern nur ihre niedere Natur, so muß sie zugrunde gehen.
Der Mensch muß sich den Kahn zusammenfügen, der ihn über die Flut der Vergäng-
lichkeit von dem einen Ufer, der sinnlichen Natur, zu dem anderen, der ewig-
göttlichen, trägt.
R. Steiner, ... Mysterien des Altertums
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