Pipasi 

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 242 Nachricht senden | Erstellt am 28.01.2008 - 17:02 |  |
Hätte ich mich dem Willen meiner Mutter gebeugt, hätte ich weder eine Ausbildung noch ein Studium gemacht. "Eine Frau heiratet und bekommt Kinder, das ist ihre Gott gewollte Aufgabe", hämmerte sie uns gebetsmühlenartig ein.
Eigene Wege finden, das war für meine Mutter undenkbar.
Ungeachtet der Streitereien mit meiner Mutter, mit den Lehrern, Kaplänen und Pastoren, ungeachtet meiner hartnäckigen Versuche, genau das zu tun, was diese papistischen Leute mir verboten, muss in meinen jungen Jahren doch eine Faszination für den Glauben entstanden sein, so wie andere Erfahrungen eine Faszination für die Philosophie bewirkten.
Beide trafen letztlich in der östlichen Philosophie zusammen.
Doch dem ging ein akademisches Studium westlicher Philosophie voraus. Ein Studium, das ich mit Vergnügen absolvierte
Ich war schon etwas älter, als ich damit begann. Nicht frisch vom Gymnasium, denn dort hatte man mich wegen ausschweifenden Betragens bereits vor der Abschlussprüfung weggeschickt.
Zwischen sechzehn und zwanzig wanderte ich ziemlich hilflos von einem trübsinnigen Bürojob zum folgenden.
Natürlich eignete ich mich nicht dafür, in Büros herumzusitzen, und so wurde ich dann auch ständig entlassen.
Den letzten dieser Jobs hatte ich bei einem Buchimporteur, bei dem regelmäßig ein junger Verleger vorbeikam.
Eines schönen Tages fragte der mich, ob ich seine Assistentin beim Aufbau eines neuen literarischen Verlages werden wolle.
Das ließ ich mich nicht zweimal fragen. Ich verbrachte fünf glückliche, lehrreiche Jahre in der inspirierenden Gesellschaft des Verlegers, seiner Dichter, Autoren und Künstler.
In gewissen Augenblicken dachte ich, dass ich dort bis zu meiner Pensionierung bleiben könne, und dass ich damit sehr zufrieden sein könne.
Doch war ich nicht hundertprozentig mit dem Herzen dabei. Mein Herz gehörte meinen Fragen, meinem Staunen, meiner Verwirrung. Ich entschied mich, Philosophie zu studieren und das Unsichere dem Sicheren vorzuziehen.
Als angehende Studenten wurden wir gefragt, warum wir Philosophie studieren wollten.
Wir wüssten doch sicherlich, dass damit noch nicht mal trocken Brot zu verdienen sei?
Auf dem Campus sprühte die Kreavität.Nichts schien unmöglich, alles war erlaubt.
Themen gab es genügend für den modernen Philosophen. Der Marxismus war wieder populär, die zweite feministische Bewegung kam auf, es fand eine sexuelle Revolution statt, die Neutronenbombe wurde erfunden.
Natürlich interessierte das alles auch mich in starkem Maße.Allerorts wurde lebendig diskutiert. Meine besten Freunde und mein damaliger »Verlobter« bezeichneten sich als Marxisten.
Ich fand jedoch rasch heraus, dass dies nicht meine Themen waren.
Ich hatte das Gefühl, ich müsse erst andere Dinge wissen. Ich suchte nach der Weisheit und Wahrheit, die sich hinter der Oberfläche verbargen.
Auch von der feministischen Diskussion, die damals geführt wurde, hielt ich mich fern.
Nicht dass die Thematik mich nicht interessiert hätte, schließlich war ich selbst eine Frau. Doch wurde die Kritik gegenüber Männern zu Beginn noch auf grobe Manier geäußert.
Und das war gegen meine Überzeugung. Ich mochte Männer zu sehr. Wie hätte ich sie nicht schätzen sollen?
Meine fantastischsten Stunden hatte ich mit Männern verbracht, so sehr ich auch auf die Gesellschaft von Frauen eingestellt war.
Anfangs wurde ich auch von vielen Dozenten und Studenten ein bisschen misstrauisch beäugt.
Mein Aussehen versprach offensichtlich nicht viel Ernst und Tiefgang. Vielleicht herrschte heimlich auch noch die Überzeugung vor, dass Frauen sich nicht mit Philosophie beschäftigen sollten.
Es wurde nicht besonders viel von uns Frauen erwartet. Faktisch waren wir frei, denn heiraten und Kinder kriegen mussten wir nicht mehr.
Ich war auch nicht sonderlich ehrgeizig und fühlte mich nicht getrieben von der Vorstellung, eine gute Stelle bekommen oder viel Geld verdienen zu müssen.
Die Mitteilung, mit der Philosophie sei nicht mal trocken Brot zu verdienen, beeindruckte mich denn auch nicht besonders.
Geld spielte keine Rolle; ein gutes Leben hieß für mich ein freies Leben, in dem ich das tun konnte, was ich nicht lassen konnte.
Ich hatte immer wenig Geld gehabt und mich davon nie stören lassen, meinen eigenen Weg zu finden.
Philosophie, Weisheitsliebe, die Königin der Wissenschaften, wie sie früher genannt wurde.
Ich genoss dieses Studium.
Ich war an eine 40-stündige Arbeitswoche gewöhnt und hatte keinerlei Mühe, diesen Rhythmus beizubehalten. Oft wurde sogar eine 80-stündige Arbeitswoche daraus, so sehr genoss ich es,
obwohl sich die Philosophie - fern von Weisheitsliebe, geschweige denn Königin der Wissenschaft - in einer Identitätskrise befand.
Sie glaubte nicht mehr an Wahrheit, liebte die Weisheit nicht mehr, und wenn du mich fragst, so ist die moderne Philosophie alles andere als weise.
Doch es wehte ein frischer Wind damals. Es gab ein paar kompetente und integre Dozenten und sogar einige große Geister.
Freigeister, Leute, die selbst nachdachten, mit bestimmten Vorstellungen rangen und einen partizipieren ließen. Leute, die zeigen wollten, dass man dieses denken konnte, aber genauso gut auch jenes.
Die versuchten, einem das Denken beizubringen, gänzlich ohne Dogmen. Oder auf Basis des Dogmas, dass Wahrheit nicht existierte.
Es war eine gute Ausbildung.
Ich habe meinen eigenen Weg gefunden und möchte allen Menschen Mut machen, ihren zu finden.
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