LadyInBlack Admin


Status: Offline Registriert seit: 26.02.2006 Beiträge: 471 Nachricht senden | Erstellt am 12.03.2006 - 02:01 |  |
Piktors Verwandlungen
(Eine Erzählung von Hermann Hesse 1922 - Über die Gabe der Verwandlung)
(vertont von Anyone´s Daughter 1984 LP/ 1993 CD)
Kaum hatte Piktor das Paradies betreten,
so stand er vor einem Baume, der war zugleich Mann und Frau.
Piktor grüßte den Baum mit Ehrfurcht und fragte:
„Bist du der Baum des Lebens“?
Als aber statt des Baumes die Schlange ihm Antwort geben wollte,
wandte er sich ab und ging weiter. Er war ganz Auge, alles gefiel ihm so sehr.
Deutlich spürte er, dass er in der Heimat und am Quell des Lebens sei.
Und wieder sah er einen Baum, der war zugleich Sonne und Mond.
Sprach Piktor: „Bist du der Baum des Lebens“?
Die Sonne nickte und lachte, der Mond nickte und lächelte.
Die wunderbarsten Blumen blickten ihn an, mit vielerlei Farben und Lichtern,
mit vielerlei Augen und Gesichtern.
Einige nickten und lachten, andere nickten und lächelten nicht,
sie schwiegen trunken, in sich selbst versunken, im eigenen Dufte wie ertrunken.
Eine sang das Lila-Lied, eine sang das dunkelblaue Schlummerlied.
Eine von den Blumen hatte große blaue Augen, eine andere lachte ihn an
und streckte ihm eine gebogene rote Zunge entgegen. Er leckte daran, es schmeckte
stark und wild, nach Harz und Honig, und auch nach dem Kuss einer Frau.
Zwischen all den Blumen stand Piktor voll Sehnsucht und banger Freude.
Sein Herz als ob es eine Glocke wäre, schlug schwer; es brannte ins Unbekannte,
ins zauberhaft Geahnte, sehnlich sein Begehr.
Einen Vogel sah Piktor sitzen, sah ihn im Grase sitzen und von Farben blitzen,
alle Farben schien der Vogel zu besitzen. Den schönen bunten Vogel fragte er:
„O Vogel, wo ist denn das Glück“?
Das Glück, sprach der schöne Vogel und lachte mit seinem goldenen Schnabel,
“das Glück, o Freund, ist überall, in Berg und Tal, in Blume und Kristall.“
Mit diesen Worten schüttelte der frohe Vogel sein Gefieder, ruckte mit dem Hals,
wippte mit dem Schwanz, zwinkerte mit dem Auge, lachte noch einmal,
dann blieb er regungslos sitzen, saß still im Gras, und siehe:
der Vogel war jetzt zu einer bunten Blume geworden, die Federn Blätter,
die Krallen Wurzeln. Im Farbenglanze, mitten im Tanze, ward er zur Pflanze.
Verwundert sah es Piktor. Und gleich darauf bewegte die Vogelblume ihre Blätter
und Staubfäden, hatte das Blumentum schon wieder satt, hatte keine Wurzeln mehr,
rührte sich leicht, schwebte langsam empor, und war ein glänzender
Schmetterling geworden, der wiegte sich schwebend, ohne Gewicht, ohne Licht,
ganz leuchtendes Gesicht. Piktor machte große Augen.
Der neue Falter aber, der frohe bunte Vogelblumenschmetterling, das lichte
Farbengesicht flog im Kreise, um den erstaunten Piktor, glänzte in der Sonne,
ließ sich sanft wie eine Flocke zur Erde nieder, blieb dicht vor Piktors Füßen sitzen,
atmete zart, zitterte ein wenig mit den glänzenden Flügeln, und war alsbald
in einen farbigen Kristall verwandelt, aus dessen Kanten ein rotes Licht strahle.
Wunderbar leuchtete aus dem grünen Gras und Gekräute, hell wie Festgeläute,
der rote Edelstein. Aber seine Heimat, das Innere der Erde, schien ihn zu rufen;
schnell ward er kleiner und drohte zu versinken.
Da griff Piktor, von übermächtigem Verlangen getrieben, nach dem schwindenden
Steine und nahm ihn an sich. Mit Entzücken blickte er in sein magisches Licht,
das ihm Ahnung aller Seligkeit ins Herz zu strahlen schien.
Plötzlich am Ast eines abgestorbenen Baumes ringelte sich die Schlange und zischte
ihm ins Ohr: „Der Stein verwandelt dich in was du willst. Schnell sag ihm deinen Wunsch,
eh es zu spät ist!“ Piktor erschrak und fürchtete sein Glück zu versäumen. Rasch sagte er
das Wort und verwandelte sich in einen Baum. Denn ein Baum zu sein hatte er schon
manchmal gewünscht, weil die Bäume ihm so voll Ruhe, Kraft und Würde zu sein schienen.
Piktor wurde ein Baum. Er wuchs mit Wurzeln in die Erde ein, er reckte sich in die Höhe,
Blätter trieben und Zweige aus seinen Gliedern. Er war damit sehr zufrieden.
Er sog mit durstigen Fasern tief in der kühlen Erde, und wehte mit seinen Blättern
hoch im Blauen. Käfer wohnten in seiner Rinde, zu seinen Füßen wohnten Hase und Igel,
in seinen Zweigen die Vögel.
Der Baum Piktor war glücklich und zählte die Jahre nicht, welche vergingen.
Sehr viele Jahre gingen hin, eh er merkte,
dass sein Glück nicht vollkommen sei.
Langsam nur lernte er mit den Baum-Augen sehen.
Endlich war er sehend, und wurde traurig.
Er sah nämlich, dass rings um ihn her im Paradiese die meisten Wesen sich sehr häufig
verwandelten, ja dass alles in einem Zauberstrome ewiger Verwandlung floss.
Er sah Blumen zu Edelsteinen werden, oder als blitzende Schwirrvögel dahinfliegen.
Er sah neben sich manchen Baum plötzlich verschwinden; der eine war zur Quelle
zerronnen, der andere zum Krokodil geworden, ein anderer schwamm froh und kühl,
voll Lustgefühl, mit muntern Sinnen als Fisch von hinnen, in neuen Formen neue Spiele
zu beginnen. Elefanten tauschten ihr Kleid mit Felsen, Giraffen ihre Gestalt mit Blumen.
Er selbst aber, der Baum Piktor, blieb immer derselbe, er konnte sich nicht mehr verwandeln.
Seit er dies erkannt hatte, schwand sein Glück dahin; er fing an zu altern und
nahm immer mehr jene müde, ernste und bekümmerte Haltung an, die man bei vielen
alten Bäumen beobachten kann. Auch bei Pferden, bei Vögeln, bei Menschen und
allen Wesen kann man es sehen: Wenn sie nicht die Gabe der Verwandlung besitzen,
verfallen sie mit der Zeit in Traurigkeit und Verkümmerung, und ihre Schönheit geht verloren.
Eines Tages nun verlief sich ein junges Mädchen in jene Gegend des Paradieses,
im blonden Haar, im blauen Kleid. Singend und tanzend lief die Blonde unter den Bäumen hin,
und hatte bisher noch nie daran gedacht, sich die Gabe der Verwandlung zu wünschen.
Als der Baum Piktor das Mädchen erblickte, ergriff ihn eine große Sehnsucht,
ein Verlangen nach Glück, wie er es noch nie gefühlt hatte. Und zugleich nahm ein tiefes
Nachsinnen ihn gefangen, denn ihm war, als riefe sein eigenes Blut ihm zu: >Besinne dich!<
Erinnere dich in dieser Stunde deines ganzen Lebens, finde den Sinn, sonst ist es zu spät,
und es kann nie mehr ein Glück zu dir kommen.
„Und er gehorchte“.
Er entsann sich all seiner Herkunft, seiner Menschenjahre, seines Zuges nach dem Paradiese,
und ganz besonders jenes Augenblicks, ehe er ein Baum geworden war,
jenes wunderbaren Augenblicks, da er den Zauberstein in Händen gehalten hatte.
Damals, da jede Verwandlung ihm offen stand, hatte das Leben in ihm geglüht wie niemals!
Er gedachte des Vogels, welcher damals gelacht hatte, und des Baumes
mit der Sonne und dem Monde; es ergriff ihn die Ahnung, dass er damals etwas versäumt,
etwas vergessen habe, und das der Rat der Schlange nicht gut gewesen sei.
Das Mädchen hörte in den Blättern des Baumes Piktor ein Rauschen, es blickte zu ihm empor
und empfand, mit plötzlichem Weg im Herzen, neue Gedanken, neues Verlangen,
neue Träume sich im Innern regen.
Von der unbekannten Kraft gezogen, setzte sie sich untern den Baum.
Einsam schien er ihr zu sein, einsam und traurig, und dabei schön, rührend und edel
in seiner stummen Traurigkeit; betörend klang ihr das Lied seiner leise rauschenden Krone.
Sie lehnte sich an den rauen Stamm, fühlte den Baum tief erschauern,
fühlte denselben Schauer im eigenen Herzen. Seltsam weh tat ihr das Herz,
über den Himmel ihrer Seele liefen Wolken hin, langsam sanken aus ihren Augen
die schweren Tränen. Was war doch dies?
Warum musste man so leiden? Warum begehrte das Herz die Brust zu sprengen
und hinüberzuschmelzen zu ihm, in ihn, den schönen Einsamen?
Der Baum zitterte leise bis in die Wurzeln, so heftig zog er alle Lebenskraft in sich zusammen,
dem Mädchen entgegen, in dem glühenden Wunsch nach Vereinigung.
Ach, dass er von der Schlange überlistet, sich für immer allein in einen Baum festgebannt hatte!
O wie blind, o wie töricht war er gewesen! Hatte er denn so gar nichts gewusst,
war er dem Geheimnis des Lebens so fremd gewesen?
Nein, wohl hatte er es damals dunkel gefühlt und geahnt - ach,
und mit Trauer und tiefem Verstehen dachte er jetzt des Baumes, der aus Mann und Weib bestand!
Ein Vogel kam geflogen, ein Vogel schön und kühn kam geflogen, im Bogen kam er gezogen.
Das Mädchen sah ihn fliegen, sah aus seinem Schnabel etwas niederfallen,
das leuchtete rot wie Blut, rot wie Glut, es viel ins grüne Kraut und leuchtete so tief vertraut,
sein rotes Leuchten warb so laut, dass das Mädchen sich nieder bückte und das rote aufhob.
Da war es ein Kristall, war ein Karfunkelstein und wo der ist, kann es nicht dunkel sein.
Kaum hielt das Mädchen den Zauberstein in seiner weißen Hand,
da ging alsbald der Wunsch in Erfüllung, von dem sein Herz so voll war.
Die Schöne wurde entrückt, sie sank dahin und wurde eins mit dem Baume,
trieb als ein starker junger Ast aus seinem Stamm, wuchs rasch zu ihm empor.
Nun war alles gut, die Welt war in Ordnung, nun erst war das Paradies gefunden.
Piktor war kein alter bekümmerter Baum mehr, jetzt sang er laut Piktoria, Viktoria.
Er war verwandelt.
Und weil er dieses Mal die richtige, die ewige Verwandlung erreicht hatte,
weil er aus einem Halben ein Ganzes geworden war,
konnte er sich von Stund an weiterverwandeln, soviel er wollte.
Ständig floss der Zauberstrom des Werdens durch sein Blut, ewig hatte er Teil
an der allstündlich erstehenden Schöpfung. Er wurde Reh, er wurde Fisch,
er wurde Mensch und Schlange, Wolke und Vogel. In jeder Gestalt aber war er ganz,
war ein Paar, hatte Mond und Sonne, hatte Mann und Weib in sich,
floss als Zwillingsfluss durch die Länder, stand als Doppelstern am Himmel.
von Hermann Hesse (1922)

Geniale Vertonung dieser Erzählung von
Anyone´s Daughter (1981)[
@ LadyInBlack
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[Dieser Beitrag wurde am 03.12.2006 - 01:13 von LadyInBlack aktualisiert]
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