Cecilia 

Status: Offline Registriert seit: 28.06.2007 Beiträge: 426 Nachricht senden | Erstellt am 22.03.2009 - 07:46 |  |
Als das Irische von der Sprachbewegung als Literatursprache wiederbelebt wurde, begann eine neue Generation, beeinflusst von zeitgenössischer Weltliteratur, eine neue Literatur und Kunstdichtung auf Irisch zu schaffen.
Pádraic Ó Conaire (1882-1928) war der erste Verfasser von Kurzgeschichten, und die Kurzprosa ist immer noch die wichtigste Prosagattung in der irischsprachigen Literatur von heute.
Pádraic Ó Conaire stammte aus dem irischsprachigen Gaeltacht.
WER HAT DENN RECHT UND UNRECHT ERFUNDEN, WENN NICHT DIE LEUTE MIT DEN VOLLEN MÄGEN?
Jetzt ist Anfang April, aber der Winter ist noch nicht vorbei. Vor einer Woche dachte ich noch, das Wetter würde sich bessern. Aber das war ein Irrtum. Als ich heute morgen aufwachte und aus dem Fenster schaute, sah ich doch tatsächlich Schnee!
Ich stand nicht auf. Um die Wahrheit zu sagen, ich liege noch im Bett. Ich habe Papier und Bleistift zu Hand. Das Holzbein liegt neben mir auf dem Stuhl. Ich bekomme langsam Hunger. Ich habe seit zwei Tagen kaum noch etwas gegessen. Ein kleines Stück Brot - das war alles, ich möchte meinen letzten halben Sovereign nicht anbrechen.
Ich nehme ihn wieder in die Hand und lasse ihn auf meiner Handfläche hin und herhüpfen. Ich werfe ihn hoch. Und fange ihn dann auf. Ich packe ihn! Wie hart er ist! Ich stecke ihn unter die Matratze und stelle mir vor, ich besäße nur den Penny in meiner Hosentasche.
Ein Penny! Ein einziger Penny trennt mich noch vom Tod. Wie lange man wohl zum Verhungern braucht? Einmal habe ich drei Tage lang nichts gegessen, und am dritten Tag hatte ich keinen Hunger mehr. Die Hungerqualen legen sich, während der Tod näherrückt, bis uns der Hungerrausch, der Hungerwahnsinn überkommt. Und wie kommt der Tod selber? Wie ein ertappter Dieb mit dem Rücken zur Wand. Wenn ich hier in aller Ruhe auf ihn warten könnte ... doch diese drei Tage, wären schlimmer als der Tod selber. Man fühlt sich am ersten Tag innerlich so leer, dann setzt der entsetzliche Durst ein, und wenn man dann einen Schluck Wasser trinkt, um diesen grauenhaften Durst zu stillen, dann muß man sich übergeben ... und danach hat man das Gefühl, man werde von tausend heißen Nadeln gestochen.
Ich fahre hoch. Ich stecke den halben Sovereign in meine Hosentasche und gehe mit Hilfe eines jungen Mannes langsam und vorsichtig die Treppe hinunter.
Ich kaufe mir für einen Penny Brot und esse es vor dem Feuer im großen Saal.
Hungertod! Was für ein entsetzlicher Ausdruck, wenn man ihn richtig versteht. Ich könnte ihn nicht ertragen ... aber ... jetzt hab ich's! Ich werde Betteln gehen, das werde ich.
Auszug aus dem Buch EXIL
Rezession zu dem Buch
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