Savertin  Der Burgvogt (coAdmin)
         

Status: Offline Registriert seit: 18.04.2005 Beiträge: 4974 Nachricht senden | Erstellt am 16.08.2005 - 11:13 |  |
Palästinalied
1. Álrêrst lébe ich mir werde, sît mîn sündic ouge siht daz here lant und ouch die erde, der man sô vil êren giht. ez ist geschehen, des ich ie bat: ích bin komen an die stat, dâ got menischlîchen trat. 2. Schoeniu lant, rîch unde hêre, swaz ich der noch hân gesehen, sô bist dûs ir aller êre. waz ist wunders hie geschehen! daz ein magt ein kint gebar, hêre über áller engel schar, wáz daz niht ein wunder gar? 3. Hie liez er sich reine toufen, daz der mensche reine sî. dô liez er sich hie verkoufen, daz wir eigen wurden frî. anders waeren wir verlorn. wól dir, spér, kriuze únde dorn! wê dir, heiden, dáz ist dir zorn! 4. Dô ér sich wolte über úns erbarmen, dô leit er den grimmen tôt, ér vil rîch über úns vil armen, daz wir komen ûz der nôt. daz in dô des niht verdrôz, dâst ein wunder alze grôz, aller wunder übergenôz.
5. Hinnen vuor der sun ze helle, vón dem grábe dâ ínne lac. des wás der vater ie geselle únd der geist, den nieman mac sunder scheiden, éz sî ein, sleht und ebener danne ein zein, als er Abrahâme erschein. 6. Dô ér den tuifel álsô geschande daz nie keiser baz gestreit, dô vuor ér her wíder ze lande. dô huob sich der juden leit: dáz er, hêrre, ir huote brach und dáz man ín sît lebendig sach, dén ir hant sluog unde stach. 7. Da nâch was er in dem e lande vierzic tage, dô vúor er dar, dannen in sîn vater sande. sînen geist, der uns bewar, dén sant ér hin wider ze hant. heilig ist daz selbe lant, sîn náme, der íst vor got erkant. 8. In daz lant hât er gesprochen einen angeslîchen tac, dâ der weise wirt gerochen und diu witwe klagen mac und der arme den gewalt, den man hât mit in gestalt. wol im dort, der hie vergalt! 9. Únserre lántréhter tihten fristet dâ niemannes klage, wan er wíl dâ zé stunt rihten. sô íst ez an dem lesten tage. und swer deheine schulde hie lât unverebent: wie der stât dórt, dâ er pfánt noch bürgen hât. 10. Ír lât iuch des niht verdriezen, daz ich noch gesprochen hân? sô wil ich die rede entsliezen kurzwîlen und iuch wizzen lân, swáz got wúnders hie noch lie, mit der werlte ie begie, daz huob sich dort und endet hie. 11. Kristen, juden und die heiden jehent, daz díz ir erbe sî. gót, müez éz ze rehte scheiden durch die sîne namen drî. al diu werlt, diu strîtet her: wir sîn an der rehten ger. reht ist, daz er uns gewer! 12. Mê dann hundert tûsent wunder hie in disem lande sint, dâ von ich niht mê besunder kan gesagen als ein kint, wan ein teil von unser ê. swem des niht genúoge, der gê zúo den júden, die ságent im mê. 13. Vrowe min, durch iuwer güete nu vernemet mine clage, daz ir durch iuwer hochgemüete nicht erzuernet, waz ich sage. Vil lihte daz ein tumber man misseredet, als er wol kann. daran solt ir iuch nicht keren an .
Für alle die es ins heutige Deutsch übersetzt haben wollen:
1. Nun erst lebe ich würdig, seit mein sündiges Auge sieht das reine Land und auch die Erde, der man so viel der Ehren gibt. Mir ist passiert, worum ich stets bat ich bin an die Stätte gekommen, wo Gott die Menschwerdung antrat. 2. Schöne Länder, reich und herrlich, was ich von solchen bis heute gesehen, so bist du ihrer aller Krone. Was für ein Wunder ist hier geschehen! Daß eine Magd ein Kind gebar, erhaben über aller Engel Schar, war das nicht ein vollkommenes Wunder? 3. Hier ließ er, der Reine sich taufen, damit der Mensch rein sei. Dann ließ er sich hier verkaufen, damit wir Leibeigene frei würden. Anderenfalls wären wir verloren. Wohl Dir, Speer, Kreuz und Dorn! Weh Dir, Heiden, das ist Dir ein Ärgernis! 4. Da er sich wollte unsrer erbarmen, da erlitt er den grausamen Tod, er, der Allmächtige, über uns so Armselige, damit wir entkämen der Not. Daß ihn das damals nicht verdroß, das ist ein Wunder übergroß, das aller Wunder, seinesgleichen nicht hat. 5. Von hier fuhr der Sohn zur Hölle, von dem Grabe, darin er lag. Dabei war stets des Vaters Beistand und der Geist, den niemand kann gesondert scheiden, es soll eins sein, klar und weiter als ein Schein, so wie er Abraham erschien. 6. Als er den Teufel dort geschunden, wie nie ein Kaiser besser stritt, da kam er wieder zum Land. Da hob sich an der Juden Leid: Daß der Herr ihre Bewachung brach und daß man ihn dann lebend sah, den ihre Hand schlug und stach. 7. Danach war er in dem Lande vierzig Tage, dann fuhr er dorthin, woher ihn sein Vater sandte. Seinen Geist, der uns bewahre, den sandte er gleich wieder her. Heilig ist eben dieses Land, sein Name, der ist vor Gott anerkannt. 8. Auf das Land hat er gesprochen einen schrecklichen Gerichtstag, an dem der Waise wird gerächt und die Witwe Klage erheben kann und der Arme gegen die Gewalt, die man ihnen angetan hat. Wohl ihm dort, der hier vergilt! 9. Nicht wie unsere Landrichter täten schiebt man da niemandes Klage auf, denn er wird da sofort richten. So wird es am letzten Tage sein. Und wer irgendeine Schuld hier läßt ungetilgt: Wie steht der da, dort, da er weder Pfand noch Bürgen hat. 10. Ihr laßt euch dessen nicht verdrießen, was ich bis jetzt gesprochen habe? so will ich die Rede weiterführen in Kürze - und euch wissen lassen, was Gott an Wundern hier noch werden ließ und für die Welt ins Werk gesetzt hat, das hub dort an und wird hier enden. 11. Christen, Juden und die Heiden behaupten, daß dies ihr Erbe sei. Gott müsse es zu Recht entscheiden um seiner drei Wesenheiten willen. Die ganze Welt, die streitet hierüber: Wir sind an der rechten Seite. Recht ist, daß er es uns gewähre! 12. Mehr denn hunderttausend Wunder sind hier in diesem Lande, davon ich nicht mehr im einzelnen sagen kann als ein Kind, außer einem Teil von unserem Recht. Wem dies nicht genügt, der gehe zu den Juden, die sagen ihm mehr. 13. Meine Dame, durch eure Güte vernehmt nun meine Klage, damit ihr durch euer hohes Gemüt von dem was ich sage nicht erzürnt. Vielleicht, daß ein ungeschickter Mann schlechter redet als er könnte daran sollt ihr euch nicht stören.
Walther von der Vogelweide
Signatur Homo homini lupus
(Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) |
witchi  Der Burgherr (Admin) freier Ritter
        

Status: Offline Registriert seit: 18.04.2005 Beiträge: 2908 Nachricht senden | Erstellt am 22.08.2005 - 22:09 |  |
Die historische Situation
Die Kreuzzüge, "bewaffnete Pilgerfahrten" westeuropäischer Christen nach Jerusalem hatten in den letzten Jahren des 11. Jahrhunderts zur Eroberung des Heiligen Landes Palästina aus den Händen der vermeintlich "Ungläubigen" und zur Gründung des Kreuzfahrerkönigreiches Jerusalem geführt. Zur Entstehungszeit des Palästinaliedes, mehr als ein Jahrhundert später sind die Christen des Heiligen Landes längst in der Defensive: Jerusalem selbst ist 1187 an den Ayubitensultan Saladin verlorengegangen und die Reste christlicher Herrschaft in den Küstenstädten wie Akkon, Tyrus oder Jaffa, dem heutigen Tel Aviv, halten sich nur noch aufgrund des zähen Widerstands der geistlichen Ritterorden der Tempelritter, Johanniter und Deutschritter. Auf päpstliches Betreiben hin hat der spätere römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen am Tage seiner Aachener Königskrönung im Jahre 1215 das Kreuz genommen und geschworen, Jerusalem für das Christentum zurückzuerobern. Mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, als Friedrich daran denken kann, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Kreuzzugsprediger ziehen im Auftrag des Papstes durch Deutschland wie seit mehr als einem Jahrhundert, die Menschen zur Unterstützung dieses "Heiligen Krieges" gegen die Muslime aufzurufen.
Der Dichter
Doch auch Friedrich II. selbst ist nicht untätig. Walther von der Vogelweide befindet sich in den Diensten des Staufers, das jetzt alternde einstige 'enfant terrible' des Minnesangs. Neben seiner für die "klassische Zeit" der Minnedichtung revolutionär realistischen Liebeslyrik hatte Walther ein zweites Genre im Grunde überhaupt erst geschaffen, die "Sangspruchdichtung", locker aneinandergereihte Sprüche zu weltlicher, oft politischer Thematik. Zunächst hat Walther für Friedrichs Onkel Philipp von Schwaben, dann für dessen welfischen Todfeind Otto IV. gedichtet, zwischendurch auch für diverse deutsche Landesfürsten, bevor er bei seinem derzeitigen Brotgeber gelandet ist. An diesen aber binden ihn doch ungleich festere Bande, hat Friedrich dem moribunden Propagandisten doch ein Lehen zukommen lassen, wohl ein kleines Landgut, von dessen Einkünften er auf seine alten Tage gut leben kann. Ob dieses jedoch mit dem "Vogelweidehof" nahe Würzburg zu identifizieren ist, wird von der Forschung allgemein bezweifelt. Mit dem Kreuzzugsgedanken hat sich Walther in diesen Jahren schon verschiedentlich beschäftigt, so in seinem "Kreuzlied" und sogar in der berühmten Elegie "ouwe war sint verswunden alliu miniu jar!"
Das Lied
Als deutlichstes Dokument seines Einsatzes für den kaiserlichen Kreuzzug ist aber lange Zeit eben das Palästinalied in Anspruch genommen worden, mit dem nach Ansicht der älteren Forschung deutsche Ritter für die Teilnahme an Friedrichs Orientunternehmen begeistert werden sollten. Gerade hier ist man sich aber heute gar nicht mehr so sicher. In der Strophe "Kristen, juden, heiden" führt Walther ausdrücklich die Ansprüche aller drei Religionen auf das Heilige Land an, ja, die Dreizahl der Religionen korrespondiert im Text geradezu mit der Heiligen Dreieinigkeit. Vom Nathan in Lessings Ringparabel trennt Walther dann allerdings das Ergebnis, daß der christliche Anspruch eben doch als einziger "reht ist". Dennoch ist vermutet worden, Walthers in Anbetracht der Zeitumstände relativ moderater Tonfall gegenüber den nichtchristlichen Religionen sei auf der einen Seite auf das weltoffene Klima am Hofe Friedrichs zurückzuführen, der die kulturellen Errungenschaften der Juden wie der Muslime eingestandenermaßen liebte, auf der anderen Seite aber auf die Tatsache, daß es Friedrich im Jahre 1229 schließlich gelungen ist, Jerusalem auf dem Vertragswege und ohne einen einzigen Schwertstreich wieder in christliche Hand zu bekommen. Das Palästinalied wäre demnach erst nach dem Kreuzzug entstanden zur Rechtfertigung für das in Teilen der Christenheit monierte Ausbleiben eines Massakers an den "Ungläubigen". Die Stichhaltigkeit dieser Argumentation zu bewerten, ist hier nicht der Ort, aber schon die Vorstellung hat etwas ungemein Faszinierendes: Ein Lied, entstanden als Rechtfertigung für eine Verständigung zwischen den Religionen in einer Zeit des Hasses wird nach Jahrhunderten neu interpretiert als Zeichen der Hoffnung, daß endlich Frieden sein möge in jenem Land, das so viele Menschen das "Heilige" nennen.
Signatur Der Schmerz von heute ist die Kraft von morgen. |