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kralhei ...
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...   Erstellt am 02.04.2007 - 19:52Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ostern 1946
Erinnerung an die Leidenszeit im Lager Schöbritz.
Ein Bericht aus dem Aussiger Boten 1953

Wieder nähert sich Ostern, das Fest der Auferstehung des Herrn, aber auch des Erwachens der Natur aus langem Winterschlaf. Wohl wechselt das Kalenderdatum dieser Festtage alljährlich, doch in unserem Elbetal mit seinem wärmeren Klima standen die Ostertage doch immer mehr oder weniger schon im Zeichen des Frühlings.
Nun begehen wir dieses Fest schon das siebte Mal in der neuen Heimat, doch immer wieder muss ich an jenen Ostersonntag 1946 zurückdenken, den letzten in der alten Heimat. Nach achtmonatlicher ,,Internierung;" im berüchtigten Lager Lerchenfeld und etwa vierwöchiger Kuliarbeit bei den Aufräumungsarbeiten in der Kleinen Wallstraße, traf in unserer Notwohnung in der Johannisgasse der Befehl des tschechischen Nationalausschusses ein, nun Karfreitag vormittags 8 Uhr mit 30 kg Gepäck im Lager Schöbritz zur Ausweisung gestellt zu sein.
Wohl war dieser Befehl zum zwangsweisen Verlassen der Heimat für uns alle ein Schicksalsschlag, doch er brachte uns zugleich die Erlösung aus den unwürdigen und unsicheren Verhältnissen, unter denen wir Sudetendeutsche seit den Maitagen 1945 leben mussten. Wir nahmen Abschied von den zunächst noch zurückgehaltenen Freunden als auch von den Gräbern unserer Toten. Noch einmal suchten wir die Klosterkirche zu stillem Gebet auf und dann am Elbeufer sahen wir noch einmal hin zum alten Schreckenstein und in die vom Frühlingsraunen erfüllte Elbtallandschaft, die wir so oft zu jeder Jahreszeit durchwandert hatten. Ostern fiel 1946 in die zweite Aprilhälfte; so hatte die Heimat bereits ihr schönstes Blütenkleid angelegt.
Karfreitagmorgen zogen wir mit unserer geringen Habe die einstige Feststraße unserer Elbestadt hinaus gegen Schöbritz. Immer mehr Schiksalsgefährten reiten sich in die Karawane ein, bis wir das Tor des Lagers durchschritten hatten; damit war die freie Verbindung mit der lieben Heimat eigentlich abgebrochen. Nach der Kontrolle, bei der den meisten von uns das wenige Gepäck noch mehr „erleichtert" wurde, erfolgte die Einweisung in die Baracken. Dort gelangte man allmählich erst wieder zu ruhiger Besinnung. Unter den Lagerinsassen fanden sich viele Freunde und Bekannte, die seitens der tschechischen Machthaber ebenfalls zur Ausweisung befohlen waren.
Karsamstag kamen wiederum sehr viele Schicksalsgefährten hiezu, so dass an diesem Tage mehr als tausend Sudetendeutsche in dem von Stacheldraht eingesäumten und von schwer bewaffneten Posten bewachten Lager gewesen sein mögen. Der Ostertag stand bevor und unter uns wurde der Wunsch laut, es möchte für uns ein Gottesdienst abgehalten werden. Fast wider Erwarten wurde uns diese Bitte erfüllt.
Ostersonntag 1946. Strahlende Morgensonne glänzte über der Heimat, als sich wohl alle Lagerinsassen auf einem freien Platz versammelten. Dort stand unter einem mächtigen blütenübergossenen Apfelbaum ein weißgedeckter Tisch, geziert mit einem Kreuz und zwei Kerzen. Eigenartig feierliche Stimmung erfasste uns: wir blickten über die grauen Holzbaracken hinweg in die weite Landschaft. Die wundervolle Kulisse zu diesem eigenartigen Geschehen bildeten die grünenden Hänge des Strisowitzer Berges, des Haubergmassivs und des Johnsdorfer Rückens: weit draußen war der Blick begrenzt vom dunklen Hang des Erzgebirges. Diesen weiten Kessel aber überspannte ein blauer wolkenloser Himmel und machte ihn so zum gewaltigen Dome der Heimat, in dem wir nun dem Beginne des heiligen Opfers harrten.
Es war wohl 9 Uhr. als der Seelsorger der benachbarten Gartitzer Kirche, unser Pfarrer Erich Goldammer im schlichten Meßgewand, begleitet von einem Theologen, an den einfachen Altartisch trat um für uns das letzte Meßopfer in der Heimat darzubringen. Wohl erst zaghaft, doch immer stärker erklangen unsere vertrauten deutschen Kirchenlieder und dazwischen übersetzte der Theologe die lateinischen Gebete des Priesters in die deutsche Sprache. Doch als das wohlbekannte Lied „Heilig, heilig ist der Herr" aus Schuberts deutscher Messe angestimmt wird, da scholl ein vielhundertstimmiger Chor gegen den Himmel und es war, als möchte ein jeder der singenden Menschen sein herbes Leid, zugleich aber auch seine bange Hoffnung in dieses einfache Lied kleiden. Unvergeßlich bleibt uns der tiefe Eindruck dieses Gesanges. Und in diesen Lobgesang des Schöpfers mischte sich aus dem Blütenbaum hinterm Altartisch das Jubilieren der frühlingsfrohen Vogelschar.
Der Gottesdienst ging zu Ende. Nun wandte sich der Priester zu uns, um uns mit wenigen, aber tief bewegten Worten Gottes Segen und seine herzlichen Wünsche, mit auf den Weg in das Land der vielen Dome und Kirchen zu geben. Mehr zu sprechen war Pfarrer Goldammer verboten, doch für uns bedeuteten diese wenigen Worte gleichsam eine frohe Osterbotschaft, konnten wir doch daraus entnehmen, dass unser Transport nach Bayern geleitet würde, was einen Lichtblick in all dem Leid bedeutete. Tief beeindruckt kehrten wir wieder in unsere Baracken zurück, um dem Abtransport entgegen zu sehen.
Wenige Tage später, am 25. April 1946, war es dann so weit. In den Abendstunden wurden wir auf Lastkraftwagen verladen und durch die vertrauten Gassen der Heimatstadt zum ,,ATE"-Bahnhof gefahren. Und als wollte das Schicksal uns den Abschied von der lieben Heimat erleichtern, war es dunkle Nacht, als sich unser Transportzug in Richtung Eger und damit nach Bayern in Bewegung setzte. Damit war die uns gewordene Osterbotschaft in Erfüllung gegangen, das tiefe Erlebnis des letzten österlichen Gottesdienstes auf Heimatboden aber bleibt mir und wohl allen Beteiligten zeitlebens unvergesslich. Ka. AB 5/3
Bei diesem Transport waren auch wir dabei. K.H.Kralowetz

[Dieser Beitrag wurde am 02.04.2007 - 23:13 von kralhei aktualisiert]





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Karl Heinz Kralowetz

Ernst 
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...   Erstellt am 04.04.2007 - 14:07Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Lieber Kralhei, Ihre Erinnerungen an Ihre Aussiedlung zu Ostern 1946 haben mich beeindruckt. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf meine wilde Evakuierung im Juni 1945. Da konnte kein Pfarrer seine Gebete sprechen.

Sehr leid tut es mir, wenn ich meine bewußt miterlebten Vorfälle und Schrecklichkeiten im Oktober 1938 zur Sprache bringe. Wer denkt heute noch an die Verfolgten, die ihre Heimat verlassen mussten. Auch meine Eltern saßen damals auf gepackten Koffern, um ev.nach Prag zu exilieren.Ich weiß nicht warum dies nicht geschah. Im Bekanntenkreis meiner Eltern sind viele erst nach dem Protektorat Böhmen und später nach England, Kanada und Schweden ins Exil gegangen. Von einer bekannten Familie weiß ich, wie schwer sie es hatten.Der älteste Sohn ging nach Kanada,der Zweite fiel in Russland und der Schwiegersohn kam ins KZ (Konzentrationslager).In unserer Familie hat sich folgendes zugetragen: Von Bruder meines Vater aus Komotau (Ortsteil Sadschitz) wurde der 22-jährige Sohn sofort nach dem Hitler-Einmarsch ins Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. Nach einigen Wochen erhielt mein Onkel die Nachricht, dass der Sohn an Lugenentzündung (totgeschlagen wurde er)verstorben ist. Der muss doch von den Ortsbewohnern denunziert worden sein. Auch solche Leute gab es.
Leider muss ich auch diese Erinnerungen mit einarbeiten.
In diesem Zusammenhang höre ich sehr wenig, das wäre doch auch einer Gedenkstätte würdig.

Frdl.Grüsse
Ernst

[Dieser Beitrag wurde am 04.04.2007 - 14:22 von Ernst aktualisiert]





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Ernst Löbel

Gartenzwerg ...
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...   Erstellt am 04.04.2007 - 17:20Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo, Ernst,

Ihr Beitrag bewegt mich sehr, ich möchte Ihnen dazu antworten.

Bitte geben Sie mir etwas Zeit - das kann man nicht so herunter schreiben, wie manches andere.

Mit wirklich großer Hochachtung Ihr D.W.Winter





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D.W.Winter

Gartenzwerg ...
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...   Erstellt am 05.04.2007 - 08:43Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Lieber Ernst,

nochmals: Meine Hochachtung vor Ihnen, Ihren Artikeln (für die Sie bereits den ersten Stern erhalten haben!), Ihren vielen Erinnerungen. Und dafür, dass Sie uns diese hier zu Gehör bringen und dafür sorgen, dass diese Erinnerungen auch anderen zugänglich sind und bleiben.

Sie beklagen sich mehrfach, man gehe nicht auf Ihre Erinnerungen, auf Ihre Gedanken ein. Bedenken Sie bitte, dass Sie mit heute17 Beiträgen der zweithäufigste Schreiber sind, wenn wir die beiden Kralowetz mal weglassen. Wir haben jetzt glücklich ca. 25 Mitglieder, wie wenige schreiben da mit. Schade eigentlich drum. Aber haben Sie mal beobachtet, wie oft bei Ihnen hereingeschaut wird? Das allein sollte Ihnen schon mal genügen; einen Schreiber liest man, ganz selten schreibt man ihm zurück. Und glauben Sie mir, dass Ihre Erinnerungen intensiv gelesen und auch beachtet werden, denn es ist wirklich interessant, Ihnen zuzuhören.

Beklagen Sie sich nicht über die Nicht-Reaktion der Jugend, die Alten sind auch nicht besser. Aber alle warten darauf, was es Neues von Ihnen zu lesen gibt. Und schreiben Sie alle Erinnerungen auf, von den Sie glauben, dass sie für andere lesenswert sind. Für mich war ein wunderschöner Artikel der von Ihrer Wanderung zum Teplitzer Schlossberg. Ich hatte lange davor gesessen und überlegte, was man dazu schreiben könnte – und ich habe es dann einfach gelassen, weil diese Gedanken sehr gut für sich alleine stehen können.

Heute jedoch bringen Sie Erinnerungen an 1938, an deren Ende Sie sogar eine Gedenkstätte für die Opfer der Geschehnisse durch die Nazis vorschlagen. Es gab sicher genügend Opfer auch bei den Tschechen, nicht nur bei den Böhmen jüdischer Herkunft. Also sollte man doch überlegen.... Aber wie wäre das zu bewerkstelligen? Ich lese momentan den Lebensbericht von Artur Radvanský „Trotzdem habe ich überlebt“. Ich habe kennen gelernt Prof. Kolmer aus Prag, dessen Schicksal fast identisch ist mit dem von Radvanský. Diese beiden Männer bringen ihre Erinnerungen vor allem der Jugend bei Besuchen in Theresienstadt , teilweise bei Gegenbesuchen in ganz Deutschland zu Gehör. Dadurch sorgen sie bei den jungen Menschen für Nachdenken, sich besinnen...

Was bewirken Ihre hier vorgestellten Artikel? Auch Sie schaffen ein Gedenken an Ihre Gedanken und Ihre Erinnerungen und vor allem an die Menschen, von denen Sie sprechen. Ist das nicht das Schreiben wert?! Dann finden diese Menschen durch Ihre Artikel hier bei uns auch ihre Gedenkstätte. Und diese Artikel sind im ganzen Internet abrufbar, wenn man das entsprechende Suchwort eingibt. Ist das nicht bemerkenswert?

Sie sind mit eines der ältesten Mitglieder in unserer Runde, vielleicht sogar der Senior. Und ich ziehe den Hut (ich trage wirklich einen) vor Ihnen und Ihren Artikeln hier bei uns. Bitte, schreiben Sie weiter und schenken Sie uns Ihre Erinnerungen!

Das wünscht sich, sicher auch im Namen von vielen anderen, Ihr D.W.Winter





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D.W.Winter


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