Zelda


Status: Offline Registriert seit: 27.09.2008 Beiträge: 1 Nachricht senden | Erstellt am 27.09.2008 - 19:40 |  |
Warum ich es getan habe, das weiss ich eigentlich nicht mehr. Er war doch gar keine besondere Persönlichkeit.
In jener Konferenz ging es um die Wirtschaftlichkeit. Diese langatmigen, nichtssagenden Referate - die sich nur durch die stimmgewaltigen Schöpfungen der Redner unterschieden, waren ermüdend. Und da erinnerte ich mich, dass in meiner Tasche ein
Lachsbrötchen hatte. Und zwar so eindringlich, dass mein Kleinhirn jedes Normverhalten vergass. Es wollte, mitten in einem besonders langweiligen Vortrag, dass ich jetzt und sofort in dieses Brötchen beissen wollte.
Und so, in tiefer Verwirrung meiner Lüste, sah ich ihn das erste Mal mit Aufmerksamkeit an.
Vielleicht auch, weil er während der letzten zwei Stunden sehr konzentriert und gewissenhaft in einem Notizbuch mitgeschrieben hatte. Man denke, heute in der Zeit der Aufnahmegeräte, den Laptops schreibt jemand mit der Hand in ein gewöhnliches Notizbuch. Wie ich ihn also so amüsiert beobachte, schaut er auf und mich an.
Wenn mir in diesem Moment jemand gesagt hätte, dieser Mann würde mein Leben verändern, den hätte ich bestimmt ausgelacht. Ich war ich und er, wie schon erwähnt, absolut nichts Besonderes, bis jetzt hatte ich ihn nur als graues Nichts gesehen.
Er war in einem Alter in welchem Männer über die Hebung und Steigerung ihrer tatsächlichen Peristase zu grübeln beginnen.
Nun, in der Pause schob er sich an meinen Tisch. Die schwarze Hornbrille zurechtrückend, sich über das schon sehr schüttere Haar streichend überkam mich die Vision eines von Prostataleiden gequälten Wallaches.
Dabei war es vielleicht gerade diese schlaffe und stumpfe Physiognomie, der schleppende Gang und die tiefen Falten, die meine fraulichen Mitgefühlsgene anmahnten. Und so blieb mein Lachsbrötchen unverschlungen, denn er durfte den Erfolg, mich zu einem Kaffee einzuladen, verbuchen.
Dieser Erfolg beeindruckte ihn so, dass er mir belebter erschien, als es der Realität entsprach. Er wusste nicht, dass ich in den letzten Tagen Satan gefolgt wäre, hätte er mich gefragt, aus Langeweile, weil ich einfach nichts vor hatte.
Also, warum sollte ich nicht mit einem lüsternen, dickbäuchigen, Graukopf ein Restaurant aufsuchen. Hatte ich eine Alternative?
Die Schlachtplatte – mein Lachbrötchen bekamen am nächsten Tag die Tauben - und der Rotwein waren seine Wahl. Ich bevorzuge ja Wasser, aber er kehrte den Weinkenner heraus, der meinte nur Rotwein sei der wahre Genuss. Ich dachte darüber nach, ob er wohl Leiden hatte, die er nicht zugab.
Die Unterhaltung gab für mich nicht viel her, denn er redete und redete, das Weibchen in mir sagte nur ab und zu, ja, nein, toll. Mittelmass im Aussehen, in der Rede, in den Ansichten. Es verband uns absolut nichts. So sass ich verlorene Stunden ab um zu hören was er machte, was er dachte, einschliesslich seiner ehelichen und nichtehelichen Umstände, die mir von Herzen gleichgültig waren.
Es war ein entscheidender Fehler von mir, an diesem Abend die noch nicht vorhandene Beziehung zu beenden. Sauerkraut und fettes Fleisch, Rotwein alles nicht das was ich gerne esse und trinke, stupide Wahl.
Wir sind auch nie mehr in ein Restaurant gegangen.
Er besuchte mich immer in meiner Wohnung.
Mit ihm zu schlafen war verdriesslich. Er beschäftigte sich ausschliesslich an mir - mit sich - oder lies sich befriedigen. Hinter der Sinnlichkeit von Frauen vermutete er Tonnenideologie und aus diesem Grunde betrachtete er die Kultur seiner Aktivitäten im Sex in ihrer Quantität. Qualität war ihm eine Unbekannte. Hätte ich ihm die Apokalypse meiner Empfindungen vorgetragen, hätte er es sicher nicht als Misserfolg seinerseits angesehen, denn für ihn bestand der Prozentsatz von frigiden Frauen bei achtundneunzig. Eine richtige Frau würde immer zu den Restprozenten gehören wollen und wenn nicht, das bestimmt nicht laut sagen.
Also atmete ich zu seiner Befriedigung schwer, stöhnte auch und überlegte ob ich genug Katzenfutter im Hause hatte und eigentlich die Fenster wieder geputzt gehörten. Als ich einmal seine Hand auf meinen Oberschenkel legte, begriff er rein gar nichts, überliess sich jedoch ab sofort dem passiven Genuss, sodass ich in Zukunft über ihn kommen musste, Kontraproduktiv was meine eigenen Bedürfnisse betraf.
Wahrscheinlich hätte ich es nie getan, wenn ich gewusst hätte, dass er so schreien würde. Konnte ich das hinter diesem, an sich ruhigen, emotionslosen Kerl vermuten? Der hinterher sofort einschlief, während ich das Essen zubereitete? Nein, zelebrierte, da er es wünschte, dass die speisen lieblich herausgeputzt waren, mit Kräutlein und sonstiger Dekoration, je fremdartiger die kulinarischen Genüsse desto gieriger schlang er sie hinunter.
Ich vermute anfangs kam er wegen der sexuellen Betätigung, später einfach nur wegen meiner Küche. Während ich mir nie etwas aus dieser glorifizierten Nahrungsaufnahme machte und mir oft kotzübel davon wurde. Was er gar nicht verstand und mir süffisant erklärte er mache sich Sorgen, denn ein Kind kann es ja nicht sein, nicht wahr? Bei ihm könnte ich mich darauf verlassen. Das Lachen dabei war irgendwie hinterhältig.
Aber, obwohl mir mein Arzt erklärte, dass meine Übelkeit auch von psychischen Verkrampfungen herrühren könne, war mir einfach nur real schlecht.
Seine Anzüge rochen immer nach kaltem Rauch, denn wenn er nicht aß, oder gerade mit Sex beschäftigt war, rauchte er. Abwechslungsweise schwitze er. Mit der Zeit ging mir sein Körperbouquet auf die Nerven.
Dann kam die Zeit wo er kam und müde war. Sollte ich ihn drängen? Mir war das recht. Manchmal begannen wir gleich mit dem vorbereiteten Essen. Warum liess ich das zu? Er war nur mehr eine Waffe gegen das unschöne Gefühl der Einsamkeit, das mich zu dieser Zeit wie ein immer widerkehrender Angsttraum überfiel. Ein Tensionselement mit viel Selbstironie ? Ein Kontrastprogramm zum Einerlei meines seins?
Es war die Zeit, wo ich mich in meine Arbeit verbiss, mir von anderen Aufgaben zuschieben liess, die nicht einmal meinen Bereich betrafen.
Erschöpfungszustände waren die Folge davon. Jede Form von Glücksempfinden wurde im Keim erstickt.
Er kam und ging, wie es ihm passte und jedes Mal nahm ich mir vor: das war nun wirklich das letzte Mal. Das Ziel war verfehlt. Nur, wenn er sich wochenlang nicht meldete, wuchs der Zorn in mir. Rief er endlich an, war ich so erleichter, dass ich mich nun nicht mehr ärgern brauchte. Also rannte ich in teure Läden und kochte wieder. Wenn Zeit blieb ging ich sogar zum Friseur. War er dann da, zeigte ich mich charmant und liebevoll, zog die Vorhänge zu und zündete die Kerzen an.
Was ihm nicht zusagte, aber die Vorstellung er würde mein Gesicht nach Verzückung kontrollieren, war mir unangenehm. Wie immer fiel er danach sofort in tiefen Schlaf, während ich den Tisch mit meinen besten Damast und Kristallgläsern verschönte. Blumen mochte er allerdings nicht.
Dann schwoll die Musik an, auch wie immer: Nessum dorma ….bis zum erbrechen, was ich sowieso dauernd tat, tremoliert von einem englischen Spiesser, der ihm so ähnlich war.
War er weg öffnete ich alle Fenster und die Terrassentüre: Mief, Musik, der Geruch von Essen und Sex, alles sollte hinaus, weg - verweht. Ich sass in Gedanken versunken in meinem Lieblingssessel.
Gab es einen Grund, nein wirklich es gab keinen Grund es zu tun. Hatte er nicht immer angefragt ober er kommen dürfe, war mir nicht die Möglichkeiten einer Absage gegeben, hätte ich nicht einmal „Nein“ sagen können? Vielleicht wäre er empört, verblüfft gewesen, verletzt sicher nicht, in seiner Männlichkeit gekränkt wahrscheinlich.
Himmel, wenn ich doch einmal - nur ein einziges Mal - wenn er angerufen hat eine Verabredung gehabt hätte, dann wäre das was kam, niemals passiert.
Natürlich bin ich frei von allen Skrupeln gewesen. Das war nicht etwa ein Defekt in meinem Charakter, nein, es war meine Überzeugung, dass die Endsumme der Beziehung ein Plus zu meinen Gunsten betrug. Gab ich ihm nicht Vergnügen und Heiterkeit, und der Widerschein dieses Glanzes fiel doch auf mich zurück. Wie auf jedes Weibchen in dieser Situation.
Ich sah doch diese Frauen Tag für Tag, die solche männlichen Sonnen wie Hauptpreise umkreisten.
Ich wurde zur tragischen Colombina in einer schmierigen Posse. Und Brighella genoss die Pantomime der kleinen Widrigkeiten, grossen Übertreibungen, nahm Argwohn nicht ernst. Sein Fehler sich als Pantalone zu sehen. Sein Fehler auch, dass er das Verhältnis immer wieder:“Als unser süsses Geheimnis„ betrachtete. Keiner hatte uns jemals zusammen gesehen, keiner ahnte von unserer Liaison.
Wie üblich kam er direkt nach einem anstrengenden Tag, Männer haben ja nur anstrengende Arbeitstage. Ich war besonders sexy zurecht gemacht, stopfte ihm ein Kissen in den Rücken, zog ihm die Schuhe aus, damit er bequem ruhen konnte, die Abenddämmerung brach gerade an. Er war sehr müde und daher verzichtet er auf den sonst üblichen Sex vor dem Essen. „Das verstehst du doch, Mäuselein! Aber ich wollte dich unbedingt heute noch sehen!“ Wie rührend. Also machte ich Kaffee, mit Vanillegeschmack und Sahne, gab natürlich Cognac - denn Rum konnte er nicht ausstehen- in seine besondere Tasse. Der Geruch von Vanille würgte mich, aber trotzdem legte ich zärtlich meinen Kopf an seine Schulter.
Er seufzte und als ich ihn fragte, was er denke meinte er“Nichts wirklich, aber ich bin einfach ein altes Schwein“. Das kam der Wahrheit endlich einmal nahe.
Was danach kam, geschah plötzlich und schlagartig. Er schlang schneller als üblich, weil er angeblich noch einen Termin wahrnehmen musste. Wie üblich ging er in Strümpfen auf die Terrasse, lehnte sich über das Geländer, weil er nach seinem geliebten Wagen sehen wollte. Als er so dastand, sah ich seinen beglatzten Hinterkopf der sich nach vorne beugete und es überkam mich ein orgasmusartiges Gefühl, in dieser Hochstimmung packte ich seine Füsse und riss sie hoch.
Den Versuch sich festzuhalten unternahm er überhaupt nicht, war es der Schock, die Überraschung?
Das interpretiere ich so, weil auch sein Schrei erst nach der dritten Etage kam. Rasch warf ich Schuhe und Mantel hinterher.
Dann räumte ich die Wohnung auf, wusch das Geschirr ab, badete, zog mein schönstes Negligé an und setzte mich auf wieder in meinen Lieblingsstuhl, mit der Fernbedienung lies ich Musik aufrauschen, nein, nicht Nessum dorma, die CD hatte ich schon entsorgt.
Und ich lachte bei der Vorstellung, wie die Begründung der Nachrufschreiber, dass er ohne Schuhe Selbstmord begangen hatte, wohl lauten würde. Wie sie diesen Faux pas erklären würden, wo er doch das einzigartige Synonym für Pendanterie auf dieser Welt gewesen war. Und ich lachte, und lachte in die Klänge von Jill's Theme ….

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