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CCHuber ...

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...   Erstellt am 23.03.2007 - 09:08Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ökosystem

@cc


Wir haben die älteste Bäckerei hier am Ort. Seit 150 Jahren im Familienbesitz, im Sommer ist große Jubiläumsfeier. Wir, das sind meine Frau, drei Kinder im Alter von sechs, neun und zwölf. Die Mutter meiner Frau, meine liebe Schwiegermama, ist auch noch da. Leider. Sie ist ein Drachen. Und zäh. Trotz ihrer 86 Jahre führt sie hier das Kommando, lässt sich nicht die Zügel aus der Hand nehmen. Sie hat uns alle fest im Griff, das Luder.

Im Betrieb arbeiten noch zwei Gesellen und ein Stift, der Achmed. Türke. Rotzfrech, aber was will ich machen. Will ja keiner mehr das Bäckerhandwerk lernen. Früh aufstehen, samstags arbeiten und jetzt auch noch sonntags, das will doch keiner mehr. Man muss der Kundschaft was bieten, sonst wandern sie alle ab zur Tanke, da gibt es immer frische Ware.

Ich weiß ja, ich sollte investieren, die Bäckerei ist veraltet, das Haus ist marode, aber ich habe einfach die Kohle nicht, bin froh, dass wir alle unser Auskommen haben und jetzt dieses Unglück.

„Meister, ich glaube, wir haben Mäuse im Vorratslager“. Achmed wollte gerade Mehl holen, kommt kreidebleich mit einem Sack auf der Karre und einem blutigen Zeigefinger. „Das Aas hat mich gebissen, gerade als ich den Sack aufladen wollte.“

„Du spinnst doch, Achmed, bei uns gibt es keine Mäuse. Die Fallen sind immer leer, oder hast du hier schon jemals eine Maus gesehen?“

Ich bin sehr vorsichtig. Im Lager stehen ständig Mausefallen. Gift darf man ja nicht auslegen, wenn der Wirtschaftskontrolldienst kommt, ist der Teufel los, wenn nicht alles pikobello ist.

„Doch Meister, da war eine Maus. Und was für ein Riesenteil. Ein Schwanz, so lang wie meine Hand! Wie die mich angeglotzt hat. Heimtückisch, gemein. Ich wollte sie wegscheuchen, da hat sie zugebissen.“

Ich sehe mir die Wunde an. Tatsächlich, das ist eine Bisswunde. Ich gehe zum Medikamtenschrank, habe die Wunde desinfiziert, ein Pflaster drauf geklebt.
Das sollte reichen, ich kann es mir nicht leisten, ihn zum Arzt zu schicken. Der macht mir glatt eine Woche krank, nein, das geht nicht.

„Finger weg vom Teig heute. Räum das Lager auf, ich helfe Dir, wenn die Brötchen fertig sind.“

Die letzten Brötchen kommen in den Ofen, meine Frau backt noch Hefezopf, die anderen Kuchen kommen später am Vormittag dran.

Der Drachen kommt mit einer Schüssel, guckt mich giftig an, den Achmed lässt sie völlig links liegen und geht ins Lager. Es vergehen kaum fünf Minuten, dann geht das Theater los. Der Drachen schreit wie am Spieß, es läuft mir eiskalt über den Rücken. Was ist denn jetzt schon wieder los?

Achmed, Peter und Paul, die Gesellen und meine Wenigkeit rennen so schnell wie möglich in den Vorratskeller. Der Drachen schreit nicht mehr, das ist wohl auch nicht möglich. Blutend liegt sie auf dem Boden, ihr starrer Blick ist äußerst universell. Überall Ratten, verbissen in ihren Armen und Beinen, eine sitzt ihr im Gesicht, wühlt sich schmatzend und beißend in ihren aufgerissen Mund.

Die Haare haben sich aus dem Dutt gelöst, eines der Biester hat sich mit den Krallen in dem grauen Gefilz verfangen, quiekt hilflos. Peter nimmt eine Messkelle, haut wie wild auf die Ratte ein. Das Biest schreit und schreit, die Schläge scheinen ihm überhaupt nichts auszumachen. Der Drachen spürt wohl nichts mehr, sie hat sich aus dieser Welt verabschiedet.

Paul steht vor Entsetzen steif und starr neben der Tür, eines der grauen Ungeheuer hangelt sich gerade seine karierten Hosen hoch, will unter die Jacke schlüpfen. Achmed schlägt mit dem Besen zu, Paul und die Ratte fliegen mit einem Aufschrei in die Ecke, wo der Dinkel in Säcken steht. Paul, die Ratte und ein geplatzter Sack Dinkel. Und Achmed, der immer noch wie ein Wilder drauf haut. Das Bürschchen hat Mut, hätte ich ihm gar nicht zugetraut.

Brigitte, meine Frau, wohl von dem Lärm angelockt, schlägt die Tür hinter uns zu: „ich rufe die Polizei und die Feuerwehr. Schlagt die Biester tot, lasst bloß keine raus, ich will sie nicht im Laden haben!“

Das war jetzt eigentlich meine kleinste Sorge.

Doch plötzlich, als hätten die Ungeheuer alles verstanden, ein Pfiff, sind blitzschnell alle verschwunden.

Was für ein Theater. Der Drachen tot. Peter und Paul sind an Armen und Beinen verbissen, Paul hat eine Prellung am Bauch und eine Prellung am Steißbein, als er durch Achmeds Schlag auf den Boden geknallt ist. Die Sanitäter nehmen beide mit zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus. Achmed fehlt außer dem Biss im Finger nichts und ich? Ja, ich bin wohl mit dem Schrecken davon gekommen, keine der Ratten hat mir was getan.

Die Bäckerei ist vorläufig geschlossen. Brigitte und die Kinder sind ausgezogen. Brigitte meint, in diesem Haus könne sie keine Nacht mehr ruhig schlafen.

Ich habe mit den Ratten ein Arrangement getroffen. Ich überlasse ihnen den Vorratskeller, dafür lassen sie mich in Ruhe. Manchmal sitze ich auf einem Hocker und sehe zu, wie sie Mahlzeit halten. Die Säcke sind alle aufgerissen, Körner, Mehl, Zucker, Gries, alles ist auf dem kalten Steinboden verstreut.

Aus den Jutesäcken haben sie die Nester gebaut. Rosafarbene, kleine Rättchen saugen glücklich an der Mama, es ist ein Bild des Friedens und der Liebe. Ich fühle mich für sie verantwortlich, schließlich sind sie fast so etwas wie meine neue Familie. Die alte hat sich verabschiedet, niemand will mehr etwas von mir wissen.

Und so langsam reift in mir ein Entschluss. Ich werde die Bäckerei aufgeben, will sowieso keiner mehr hier arbeiten. Scheiß auf die 150-Jahr-Feier. Kostet nur unnötig Geld. Von der Schwiegermutter habe ich ein kleines Grundstück außerhalb der Stadt, direkt an der Schnellstraße, geerbt. Also hatte sie wohl doch etwas für mich übrig. Ich werde einen Imbiss eröffnen. Das bisschen Brot und Brötchen könnte ich noch selbst backen. Und Fleisch? Wenn ich mich so umsehe, Fleisch ist eigentlich genügend da. Ich wechsle einen Blick mit der Oberratte. Sie scheint einverstanden zu sein. Die Population muss irgendwie eingedämmt werden, sonst reichen die Vorräte nicht mehr lange. Das ist gelebte Ökonomie. Ich sorge für die Ratten und sie sorgen für mich. So soll es sein, alles wird gut.



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[Dieser Beitrag wurde am 23.03.2007 - 09:15 von CCHuber aktualisiert]





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Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
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<Betonhof>
unregistriert

...   Erstellt am 23.03.2007 - 10:05Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Christa, kannst du mir den genauen Standort mitteilen? Nicht, dass ich eines Tages zufällig eines von deinen Produkten konsumiere.




CCHuber ...

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...   Erstellt am 23.03.2007 - 10:14Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ach Betonhof, weißt Du denn immer, was Du zu Dir nimmst? Meine Ratten sind sauber, biologisch ernährt und weitab vom Gammelfleisch. Deine Bedenken kann ich absolut nicht nachvollziehen. Lach.
Grüssle
Christa





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Gudrun 

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...   Erstellt am 24.03.2007 - 18:41Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hmmm Christa, ich fürchte, ich mag Deine liebevolle, schwarze Schreibe irgendwie sehr!




Stefan ...
Admin


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...   Erstellt am 27.03.2007 - 23:30Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Huhu Christa,

Deine Rattengeschichte hat mir ja schon in einem anderen Forum ausgesprochen gut gefallen.
Wer weiß, welche Geschäftsidee ich verpasst habe, weil ich meiner Ratte (ja, ich hatte mal eine echte Weiße) nie richtig zugehört habe.

Stimmt es eigentlich, dass der Meister mittlerweile in jeder größeren Stadt mindestens eine Filiale hat? Sogar in Moskau soll man seine Produkte inzwischen genießen können.





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Macuser sind nicht eingebildet. Sie sehen einfach besser aus....

CCHuber ...

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...   Erstellt am 28.03.2007 - 15:56Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Stefen?
Hast Du Dich schon durchgefressen, weil Du Dich so gut auskennst?

Schmatzende Grüße
Christa





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Daggi ...

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...   Erstellt am 28.03.2007 - 20:52Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Himmel! Wozu Ratten doch alles gut sind! Zur Beseitigung von Hausdrachen und sonstiger ungeliebter Personen auf jeden Fall...

Ich wollte auch immer eine Ratte haben und was hab ich gekriegt? Ne Meersau! Mein goldiges Brüderchen meinte immer, eine Ratte würde reichen... in dem Zimmer, welches wir uns teilten!

Liebste Grüße von Daggi

[Dieser Beitrag wurde am 28.03.2007 - 20:53 von Daggi aktualisiert]





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Sei nicht traurig, wenn etwas vorbei ist - sei froh, dass es gewesen ist...

CCHuber ...

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...   Erstellt am 30.03.2007 - 11:10Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Daggi,
Meersäue? Du bringst mich da auch eine Idee. Wie steht es denn da mit der Population? Da könnte man ja vielleicht noch ins Fellchen-Geschäft einsteigen?
Grüssle
Christa





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Daggi ...

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...   Erstellt am 30.03.2007 - 11:23Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hi Christa,

*feix* Ich glaub, die vermehren sich fast so schnell wie deine Ratten! Und weil die das bei mir auch ungehindert durften, waren eines Tages alle weg. Laut Aussage meiner Eltern wurden sie von einer undefinierbaren Seuche heimgesucht und gekillt. Nun ja... damals hab ichs geglaubt und Rotz und Wasser geheult!

Und nun kommst du mit der Idee, ins Fellchen-Geschäft einzusteigen??? Ich glaub, ich muss mir die Pelzmütze von meinem Papa mal näher betrachten...

Liebste Grüße

von Daggi





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...   Erstellt am 30.03.2007 - 11:37Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Daggi,
ja, tu das. Nicht, dass uns da einer bei dem Geschäft zuvor kommt. Lach.
Grüssle
Christa





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