<*purpur*> unregistriert
| Erstellt am 08.11.2008 - 14:22 |  |
Sie hatte erstaunlich gut geschlafen.
Erstaunlich deshalb, weil sie gestern die Nachricht bekommen hatte, dass ihre Mutter versucht hatte, sich mit Schlaftabletten das kranke und alternde Leben zu nehmen. Es waren keine starken Tabletten gewesen und sie hatte zuvor versucht, sie und ihre Schwester zu erreichen. Nur versucht, weil beide Frauen, zu diesem Zeitpunkt, ihrer Arbeit nachgingen. Ihre Mutter hatte nur ihren Schwager ans Telefon bekommen, der sich dann um alles weitere gekümmert hatte. Dieser Mann lebte längst von seiner Frau getrennt, sah sich aber zum Handeln gezwungen und seine Güte, ließ ihn bei der Überbringung der Ereignisse, nicht überfordert klingen.
Die alte Frau war in das nächste Krankenhaus gebracht worden. Ihr den Magen auszupumpen war nicht nötig gewesen. Sie sollte sich unter Kontrolle dort ausschlafen, um dann mit Hilfe eines Psychiaters zu überlegen, was nun geschehen sollte.
Sie stand nun mit einer Schale
Milchkaffee am Fenster und sah hinaus. Wartend auf die Schwester, mit der es sich zu Besprechen galt. Ein wenig war sie verwundert über die Ruhe, die sie in sich hatte, dann aber bemerkte sie, wie nah der Tod ihr geworden war. Vor Wochen erst hatte sie als Witwe an einem Grab gestanden. Fassungslos. Allmählich war ihr klar geworden, dass sich ein Schmerz leichter ertragen ließ, wenn man ihn weich zeichnete. Der Tod hatte als Ewigkeit einen tröstlichen Gedanken für sie, wie ewige Liebe nach der man sich sehnen kann. Und die Vorstellung zu ruhen und nicht als Lebende, in ständiger Auseinandersetzung mit Ängsten und Verzweiflungen, seinem Dasein eine Verträglichkeit zu geben. Als Hinterbliebene. In ihrer Betriebsamkeit war sie meistens heiter und dass sie jetzt fast mit Gelassenheit in Melancholie eintauchen konnte, war ein gutes Gefühl.
Sie sah wie im Haus gegenüber ein
Fenster geöffnet wurde. Eine Kaffeetasse wurde auf das Fensterbrett gestellt. Ein junges Paar am Frühstückstisch. Eine Kerze brannte. Er rauchte, sie aß.
100 Möglichkeiten fielen ihr dazu ein, aber weil sie sich so sicher fühlte, ließ sie es zu, sich an die Vertrautheit zu erinnern, die sie mit ihrem Mann hatte. Tief in sich wühlend und immer tiefer, fast um zu testen, wann er wieder begann, der Schmerz des Verlustes, kam ein Lächeln hoch.
Sie zwang sich an ihre Mutter zu denken. An die Besuche und Telefonate in letzter Zeit. Und an das, was ihre Mutter war. Eine Frau, die in ihrem Leben immer schwer gearbeitet hatte, würde es in der Grabrede sicher einmal lauten. Vier Kinder allein groß gezogen, zwei davon schon verloren. Wie konnte sie ihr als „gutes Kind“ da auch noch Sorgen machen wollen? Stark wollte diese Mutter sein und war doch in Krisen die, die sie nicht wahr haben wollte. Immer wieder der Wunsch, in einer ihrer Fernsehserien zu leben, oder am Schicksal des Hofadels teilzunehmen.
Sie schluckte. Da war ein Schmerz.
Erinnerung an die Hoffnung von ihr beschützt zu werden. Stattdessen immer das Bemühen um ihren Schutz.
Große Angst hatte ihre Mutter gehabt, vor Helloween. Deshalb war sie über Nacht bei ihr geblieben. Die Nachbarskinder hätten ihr im letzten Jahr schon schlimme Streiche gespielt. Und jetzt, da sie im Rollstuhl säße, könnte sie nicht an die Tür und sie hätte im Dunkeln sitzen müssen. Wegen ihrer Blase müsse sie doch aber zur Toilette.
Sie war also dort gewesen. Und ihre „kleine“ Schwester hatte danach gesagt, dass sie immer aufleben würde, wenn sie zu Besuch käme. Letzte Woche am Telefon, hatte ihre Mutter Angst vor Weihnachten gehabt. Wie sie wohl dieses Jahr feiern würden. Ihre Töchter ohne Männer, ihre Enkel alle verstreut und sie mit ihren Augen könne doch sowieso so schlecht sehen.
Sie hatte sie beruhigt, das Weihnachtsfest geplant und den Termin für die Augen-OP für Anfang Dezember festsetzen lassen.
Nein, sie hatte sie nicht beruhigen können. Drastischer Hilferuf nun und sie blieb ruhig.
Ihre Schwester war jetzt da. Sie sah müde aus.
Kaffee?
Ja, gern. Ich hab kaum geschlafen. Ich hab wohl auch noch eine Erkältung. Wie geht es Dir?
Mir geht es gut, mach Dir keine Sorgen.
Was machen wir nun mit Mama?
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