Mediterranea, eine Insel im Mittelmeer.

Eine Insel, ein unabhängiger Kleinstaat - genau im Kreuz der vier größten Mächte dieser Zeit: Rom, Athen, Alexandrien und Karthago - ein Ort der Weisheit und des Wahnsinns, der Korruption und der Freundschaft, der Freiheit und des Kampfes, ein Schmelztiegel der Kulturen und Klassen, wo Senatoren einem illustren Leben frönen, Händler aus aller Welt die exotischsten Dinge darbieten und Sklaven um ihre Freiheit kämpfen. Erlebe das Schicksal: Tauche ein in eine Welt voller Intrigen, Kampf, Spannung, Spaß, Liebe und Hass - werde Teil von Mediterranea!

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Valvenya
unregistriert

...   Erstellt am 31.07.2007 - 21:32Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Voller Aufmerksamkeit und Konzentration hatte Valvenya, oder das, was gerade in ihr die Überhand besaß, Nicolais Reaktion auf ihre Worte mitverfolgt. Sensibler und stärker, als es ihre bloßen Ohren und Augen vollbracht hätten. Sein Verhalten war wichtig und noch wichtiger war es, inwieweit sie ihn dabei unterstützen und führen konnte. Er brach nicht zusammen, dies hatte sie von ihm auch nicht erwartet. Womöglich realisierte er diese gesamte Wahrheit noch gar nicht, all die immer noch so sehr spürbaren Folgen, die dieser wichtige Einschnitt in seiner Vergangenheit weiterhin mit sich zog, ihn beeinflusste und handeln ließ. Anna hasste sich selbst für ihre damalige Feigheit. So viel hätte ihm erspart bleiben können, so viel früher hätte sein Stern erstrahlen können, wenn sie sich selbst überwunden und zu ihm gegangen wäre. Aber es war eben alles zu früh gewesen, zuviel für eine weltfremde Zwölfjährige mit Minderwertigkeitskomplexen so groß wie die dakischen Berge. Umso wichtiger, dass sie nun nicht mehr versagte. Dass sie das Gespräch mit ihm suchte und ihm ein für alle Mal diese Schuldgefühle austrieb. Abseits solcher unnützer Ablenkungen wie den Bedürfnissen des Körpers, auf die er tatsächlich ebenfalls wieder zu sprechen kam. Aber dies war nicht ihre Aufgabe. Ihr Körper war zu schwach, zu abstoßend um ihm auch noch dahingehend zu Verfügung zu stehen. Auf das Sinnliche war es ihr niemals angekommen und angesichts ihrer Rolle geradezu lächerlich uninteressant. Dies würde sie ihrem besten Freund schon begreifbar machen. Später, wenn sie seine Schwäche für das Körperliche nicht mehr anwenden musste, um tiefer zu ihm vorzudringen.

Die Schuld umwogte dunkel und pulsierend seine Aura wie ein lebendiges, atmendes Wesen. Sie dämpfte sein Licht und schnitt ihm die Luft ab. Er musste sich ihrer entledigen, ein für alle Mal. Er musste frei sein, er selbst sein, ohne die halbtoten schwarzen Fetzen der Vergangenheit, gebildet aus den Fehlern seiner Eltern. Venya spürte mit einer Intensität, dass es sie fast erschreckte, den einzigen Wunsch, ihn von all diesen Geistern und Schatten befreien zu können. Keine vorgegebenen Muster, keine zwanghaften Emotionen mehr. Sie würde es ihm sagen müssen. Und zeigen. Da sie ihn liebte, mehr als alles andere, würde es ihr leichter fallen, die richtigen Worte zu finden und den befreienden Schnitt durchführen zu können, ohne mehr Blut als nötig vergießen zu müssen. Aber diese Schuldgefühle, so sehr sie auch ein Teil von ihm geworden waren, gehörten eben nicht wirklich zu ihm. Er musste sich von ihnen lösen. Und sich selbst finden.
Die Seherin lehnte sich leicht an ihn, als er sich hinter sie schob und die Arme in einer schützenden Geste um sie legte, allerdings ließ sie sich nicht mehr wie zuvor ganz in seine Umarmung sinken. Ohnehin war ihr bewusst, weswegen er dies tat, obwohl doch eigentlich er derjenige war, der Trost und Schutz bedurfte. Doch sie war nun einmal die Frau, die Schwächere, und er fühlte sich stärker, wenn er das Gefühl hatte, sie beschützen zu können. Es gab ihm den Halt, den er eigentlich spüren müsste. Anna konnte sich nicht erinnern, einen irgendwie hilflosen, anlehnungsbedürftigen Eindruck gemacht zu haben, ihr Auftreten war lediglich weitaus ernster und auch sachlich distanzierter als zuvor gewesen. Vielleicht lag auch darin der Grund für sein Verhalten. Er wollte die eben gespürte Nähe wiederherstellen, die er brauchte, um all die neuen Gedanken und Gefühle zu verarbeiten. Nicolai mochte keine körperliche oder auch nur mentale Distanz zu ihr, er brauchte etwas Körperliches, Warmes, um sich daran festzuhalten. Immer noch. Bei all ihren einsamen Märschen mit keiner Gesellschaft außer den eigenen, tiefsinnigen Gedanken wäre der dakische Prinz an ihrer Stelle vermutlich an Gefühlskälte fast verhungert. Andererseits könnte eine solche Erfahrung durchaus auch etwas Positives darstellen.

Venya brauchte diese körperliche Nähe nicht, um sich ihm nahe zu fühlen, erst recht nicht, wenn sie sich nur auf ihre Intuition und den langsam wieder erwachenden Verstand verließ, aber da sie Nicolai nicht zusätzlich quälen wollte, indem sie ihm diese Zutraulichkeit versagte, ließ sie ihn tun, wonach er sich eben sehnte.
Er erzählte ihr nichts Neues, doch sie ließ ihn kommentarlos ausreden, sich ihr offenbaren, denn es war wichtig, dass er aussprach, was damals vorgefallen war, dass er sich erinnerte und die ungesunde Art der Verdrängung aufgab. Und dass er ihr erneut widersprach... es war wohl nur natürlich.
Anna spürte, wie schwer ihm dies alles fiel und schloss hin und wieder die Augen, ihre Fingerspitzen an seinen Armen, in dem Versuch, ihm Kraft und Wärme zu spenden, damit er sich nicht erneut abschottete. Da war Schmerz, so viel, so brüllend, dass sie selbst einige Male tief durchatmen musste, um ihn zu ertragen. Alte und neue Qualen, aber die alten waren schlimmer, denn sie hatten Zeit gehabt zu wachsen, sich auszubreiten in den dunklen, von Schatten erfüllten Winkeln seiner noch so jungen Seele. Und nun, da man sie dem Licht aussetzte, schrieen sie erst recht auf, wanden sich und schienen alles auszufüllen. Venyas Körper spannte sich an und der Druck ihrer Fingerspitzen auf seine nackten Arme nahm zu. Jeder andere Mensch wäre unter diesem alten, schweren Ballast schon längst zusammengebrochen, doch Nicolais Seele war eben stark, und er könnte noch viel mächtiger sein, noch so viel strahlender, wenn nicht....

*Nicolai, wenn ich dir alle Stützpfeiler für deine Schuldgefühle nähme... du würdest ihnen Flügel wachsen lassen, nur damit sie weiter bestehen können.*
Langsam und mit einem tiefen, zitternden Atemzug öffnete sie ihre tiefblau funkelnden Augen wieder, die jedoch blicklos auf einen weit entfernten Punkt gerichtet waren. Eine ihrer Hände strich langsam seinen Arm hinauf, bis sie zärtlich und wärmend erst seinen Hals, dann seine Schulter und schließlich seinen Nacken streicheln konnte.
*Ich werde dir drei Wahrheiten sagen. Du bist dir ihnen zum Teil bereits bewusst, aber du hast sie bislang nicht richtig wahrgenommen, sie von dir fortgeschoben, um mit der so bleibenden Leere deine Schuldgefühle weiter nähren zu können. Dadurch sind sie aber nicht weniger wahr. Auch nicht bei einem Prinzen des dakischen Volkes.*
Der Druck ihrer sich sehr warm anfühlenden Fingerspitzen auf seiner Haut nahm zu, während sie sich ein wenig weiter zurücklehnte, um den Kopf an seinen Hals und seine Schulter schmiegen zu können.
*Die erste Wahrheit: Jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich. Deiner Mutter eröffneten sich mehr als dieser eine Weg, sie hat ihn für sich gewählt und es bringt nichts mehr darüber zu diskutieren, ob er richtig oder falsch ist. Sie hat ihn für sich gewählt und niemand, ganz besonders nicht du, darft ihr dieses Recht einer eigenen Entscheidung absprechen, indem du dir einredest, sie in den Tod getrieben zu haben. Es war ihr Leben und ihre Wahl. Du hättest daran nichts ändern können. Wenn sie sich aufgibt, wenn sie keinen Sinn mehr sieht, kann ein kleiner Junge ihr nicht mehr auf Dauer helfen. Sie war bereits zu weit von dieser Welt entfernt. Sie sollte sich umgekehrt schuldig fühlen, weil sie dich allein gelassen hat. In diesem Alter ist eine Mutter für ihr Kind verantwortlich, nicht anders herum. Oder sollte sich Atthelá für deine Taten verantwortlich sehen? Und das ist auch schon die zweite Wahrheit. Du warst ein Kind. Die Möglichkeiten eines Kindes sind begrenzt, es sieht die Welt nicht so, wie sie wirklich ist. Es nimmt sie anders wahr, verzerrt, manchmal völlig unlogisch. Und wenn man erwachsen ist, kann man sich keine Vorhaltungen für das machen, was man als Kind getan hat. Es geht einfach nicht. Heute würde man vieles anders machen, heute weiß man ja auch viel mehr. Willst du dem Kind das du warst auch vierzehn Jahre später immer noch Vorwürfe machen, es damit quälen? Verzeihe ihm, Nico. Verzeihe dir endlich selbst. Deine Mutter hat den Freitod gewählt und aller unnötiger Selbsthass werden sie nicht zurück bringen, werden nichts mehr ändern können. Und ja, natürlich warst du ihr wichtig. Nur ihre Welt war bereits zu dunkel, zu eng geworden, weswegen du ihren Tod nurmehr aufschieben, aber nicht verhindern konntest. Das lag nie in deiner Macht. In der deines Vaters vielleicht, aber das Schicksal wollte es nunmal anders.*

Anna nahm noch einmal einen tiefen Atemzug und dreht dann den Kopf ein wenig, um mit ihren Lippen hauchzart und flüchtig über seinen Hals zu streichen, ehe sie noch ein wenig leiser, aber nach wie vor sehr sachlich, fortfuhr, da sich diverse Stimmen in ihr gegen diese letzte Wahrheit sträubten:
*Und die dritte Wahrheit... ich wusste auch, dass sie sich das Leben nehmen wollte. Gut, mir war nicht von Anfang an klar, dass es genau dies bedeutete, jedoch... ich habe es geahnt. Ich wollte es vermutlich nur nicht wahrhaben. Aber ich habe auch den Schatten... gesehen... im weitesten Sinne des Wortes. Er war kalt und dunkel, mit unerbittlich glühenden Augen und er schwebte ständig um sie... er beherrschte sie. Und sie gab ihm mehr und mehr nach. Sie brach immer mehr Verbindungen zu der Welt, zum Licht ab. Du warst... die Letzte. Eine Verbindung, ein dünner Lichtstrahl kann niemanden davon abhalten, in den Abgrund zu stürzen. Und eben weil ich dies wusste, aber nichts gesagt habe, weil ich fühlte, wie du dich quälst, jedoch Angst hatte, trage auch ich Mitschuld daran, dass du den Sklavinnen nachgegeben hast. Ich hätte auf dich zugehen müssen. Deswegen brauchst du mich auch wegen nichts in Schutz zu nehmen. Ich weiß um meine Versäumnisse und ich werde alles tun, um deren Auswirkungen auf dich einzudämmen. Aber auch aufgrund dieses Vorfalls verstehe ich so gut, weswegen du dich am Tod deiner Mutter schuldig fühlst. Ich kenne diese Empfindung nur zu gut. Ich sollte doch etwas tun können, mit dieser meinen Gabe, nicht wahr? Die mich den Tod sehen lässt. Aber selbst ich bin nur ein Zuschauer, Nico. Ich kann nichts tun, um dem Schicksal zuvorzukommen. Der Tod lässt mich nur seine Zeugin werden, nicht seine Gegnerin. Er weiß, dass er am Ende siegen wird und ich kann nichts dagegen tun. Insofern müssen wir uns beide eingestehen, dass unsere Macht eingeschränkt ist. Und dass wir Fehler begehen, so wie alle Menschen.*

[Dieser Beitrag wurde am 31.07.2007 - 21:39 von Valvenya aktualisiert]




Nicolai
unregistriert

...   Erstellt am 01.08.2007 - 04:02Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Nicolai war sehr froh, dass sie sich nicht körperlich von ihm abwandte, auch wenn sie sich nun nicht mehr so sehr in seine Umarmung hatte fallen lassen, was ihm zuerst einen kleinen innerlichen Stich in sein Herz versetzte. Hätte er sich ihr nicht offenbaren sollen? War er zu schnell damit gewesen, ihr seine unendliche Liebe zu gestehen, auch sein Begehren, wie ein Mann eben eine Frau nur lieben konnte? Stimmte es überhaupt? Lieben tat er sie schon immer, aber konnte er in so kurzer Zeit wirklich beurteilen, ob er sie auch wirklich begehrte? Sie als Frau liebte?
Er dachte nur kurz darüber nach, denn vor allem genoss er, sie im Arm zu spüren, ihre Wärme und vor allem ihre Nähe. Auch wenn sie sich nun nicht so innig an ihn schmiegte. Sie liess es zu und er hielt sie schliesslich nicht fest oder gefangen. Selbst wenn sie sich aus der Umarmung gelöst hätte, er wäre ein wenig traurig gewesen, aber er hätte es verstanden.

Dennoch verspürte er, selbst als er von so tiefen emotionalen Abgründen erzählte, wie sich ihr Körper leicht anspannte und der Druck ihrer Finger auf seinen, vor ihren Oberkörper gekreuzten, Armen zunahm. Es war ein Zeichen für ihn, wie sehr sie ihm zuhörte und irgendwie glaubte er, dass sie mit ihm litt, was natürlich nicht seine Absicht war. Aber sie kannten einander zu gut, auch wenn er alles fast recht trocken erzählte und irgendwie mit seiner typischen Distanz zu vergangenen Dingen, die er ja, wie sie wohl ganz richtig deutete, von sich schob, um sie zu vergessen, statt sie zu verarbeiten.

Und dann lauschte er ihren Worten. Innerlich aufgewühlt war er schon, aber er hatte es ein Leben lang gelernt, solcherlei Emotionen zu unterdrücken. Zwar wusste er, dass er sich bei ihr "gehen" ja, fallen lassen konnte, aber er wollte es nicht. Er hatte sich in den Jahren der Trennung noch weit mehr verändert. Vieles von dem "erlernten" hatte sich nur noch verfestigt. Er war als Prinz seines Landes unterwegs, hatte Attentate überlebt und hier in Mediterranea war es nicht besser. Irgendwann hatte sich Nicolai geschworen, gegen all die Übel damit anzukämpfen, dass er sie möglichst nicht mehr an sich heran liess. Obwohl er sich dennoch in diesem Punkt von seinem Vater unterschied: Manchmal, wenn er alleine war, dachte er sehr wohl über seine Ängste und Schwächen nach. Vielleicht machte ihn das aber auch stark und menschlich, denn er war alles andere als verbittert. Und dies wollte er niemals werden. Sein Vater wurde zum Schluss verbittert. Weil er nichts mehr an sich heran liess. Selbst Nicolai, der einer seiner besten Berater geworden war.

Was Venya kaum wusste: Damals, kurz vor Nicolais Abreise, hatten Vater und Sohn immer mehr gestritten. Über Monate und Nicolai merkte, dass er vor Ort weniger für sein geliebtes Land tun konnte, als wenn er auf Reisen ging. Sein Vater nahm immer weniger Ratschläge an und obwohl er anfangs noch für eine gemässigte Linie und Verhandlungen war, lehnte er Nicolais Vorschläge zum Schluss dann sogar auch ab. Für Nicolai war die Reise eine Flucht, aber auch eine Chance für das Land, für das Volk. Schon damals rückten die Römer immer weiter in ihr Land vor. Das Volk litt sehr und Nicolai schaffte es dann immerhin noch, seinen Vater davon zu überzeugen, mit Rom in Verhandlungen zu treten und auch Handelsbeziehungen zu anderen Ländern zu schaffen. Deshalb ging er damals, wenn auch schweren Herzens, denn Nicolai liebte sein Land mehr als vieles andere. Doch Venya hatte er kaum eingeweiht damals, nicht, weil er ihr nicht traute. Ein wenig hatte er ihr auch von dem Wandel seines Vaters erzählt und ihr klar gemacht, wie wichtig es in seinen Augen für Dakien war, dass er loszog.

Doch nun lauschte er Venyas Worten, spürte ihre Nähe und ihr erster Satz versetzte ihm erneut einen Stick, doch auch er liess sie ausreden. Beruhigend aber für ihn war, wie eine Hand seinen Arm hinauf streifte und er schloss die Augen, als sie dann seinen Hals und schliesslich seinen Nacken krauelte. Wie sehr er es genoss, doch diesmal nicht aus einer Begierde heraus, sondern weil ihm diese so sanften Liebkosungen einer Freundin so viel Sicherheit und Geborgenheit versprachen.

Damals, als er noch 8 oder 9 Jahre war, hatte seine Mutter ihm noch etwas mehr solcher menschlichen Zuneigung geschenkt, wenn sie ihn in den Schlaf streichelte oder ihm irgendwelche Geschichten erzählte und ihn dann ähnlich krauelte, damit er sich wohl fühlte. Nichts hatte er lieber gemocht. Doch bald darauf umarmte sie ihn nur noch, wie man einen guten Verwandten umarmte oder strich ihm mal eine Locke aus dem Gesicht.

Und dann sprach Venya weiter und seine ganze Aufmerksamkeit war bei ihr. Er traute ihr und egal was sie sagen würde, er würde ihr niemals böse sein oder sich verletzt fühlen. Das es schliesslich aber vielleicht so nahe ging, das auch er nicht damit umgehen konnte, würde sich zeigen. Nur wusste er eben, dass sie ihn niemals mutwillig verletzten wollte. Und dann lehnte sie ihren Kopf an seinen Hals und erneut wurde der Druck ihrer Fingerspitzen stärker und kurz sog er etwas schärfer die Luft in seine Lungen. Drei Wahrheiten?

Die erste verstand er vollkommen und er gab Venya Recht. Denn eigentlich war ihm dies vom Verstand her aus schon klar gewesen, dass er nicht Schuld am Suizid seiner Mutter war. Sie war nicht wegen ihm unglücklich, sondern wegen ihrem Mann und ihrem ganzen Leben. Dennoch: Er war eben ein Kind, und so wie Venyas Worte auch richtig waren: EIn Kind nimmt vieles anders war. Denkt anders, nimmt vieles anders auf, argumentiert anders als ein später reiferer Erwachsener.
Seine Mutter hatte leider zu dem noch den Fehler Anfangs gemacht, dass sie ihm in vertrauten Gesprächen mitteilte, wie unglücklich sie sei und ihrem Leben ein Ende setzen wolle, es aber nicht könne, da sie eben ihren einzigen Sohn doch nicht alleine lassen konnte. Dies alleine säte in Nicolai damals diese Schuldgefühle. Er glaubte deswegen, dass er Schuld daran war, dass seine Mutter sich so unglücklich fühlte. Eigentlich wollte sie das Leben verlassen, aber sie tat es erst nicht, wegen Nicolai. Was konnte schlimmer sein für ein Kind, das noch nicht begreift? Natürlich musste er irgendwann annehmen, dass er Schuld war an ihrem unglücklichen Leben: Er war eine Barriere für ihr Glück. Das seine Mutter es nur verantwortungsvoll meinte, ihn beruhigen wollte, was auch immer, ging ihm später zwar auf, aber er hasste sie manchmal sehr dafür.

Auch Venyas zweite Wahrheit leuchtete ihm ein. Er war nur ein Kind, geprägt und abhängig von seinen Eltern, seinen Vorbildern ....

Bevor sie dann von der dritten Wahrheit anfing, spürte er, wie ihre Lippen sanft über seinen Hals streiften und ein angenehmer Schauer lief über seinen Rücken und am liebsten hätte er sie nun leidenschaftlich geküsst, denn so schön ihre Nähe war, ihre zarten freundschaftlichen Liebkosungen, so gleichen sie doch auch ein wenig einer gewissen Art von Marter, einer Tortur, da es ihm immer wieder nach etwas mehr nach ihr verlangte. Aber er hielt sich zurück, wenn sie auch deutlich spüren konnte, wie er es genoss.

Es war dann die dritte Wahrheit, bei der er erst schlucken musste, dennoch drückte er Venya an sich. Denn: Auch sie war ein Kind. Und was hätte sie tun sollen? Hätte sie es angesprochen, dass sie den Tod seiner Mutter sah, hätte man sie vielleicht gesteinigt oder Schlimmeres mit ihr gemacht. Und ja: Nicolai verstand, warum Venya ihm gegenüber nichts gesagt hatte. Dennoch schmerzte es ihn für einen Moment, sehr sogar und was sie nicht sehen konnte, war, dass sich seine Augen mit einigen Tränen füllten. Alte Bilder kamen hoch, Bilder und Gefühle, doch Nicolai liess sich davon nur streifen, denn nein, er wollte im Moment sich nicht gehen lassen. Er wollte stark sein. Vielleicht hätte es ihm gut getan, sich von seinem Verstand und seiner Kontrolle zu lösen. Aber nein, nicht hier und jetzt und heute. Ja, er wollte stark sein, auch wenn er wusste, dass es irgendwann vielleicht mal gut wäre, seinen verletzten Gefühlen freien Lauf zu lassen. Aber er konnte, ja er wollte nicht. Er wusste, dass er stark sein musste für das, was auf seine Leute hier auf Mediterranea zukommen würde und so schluckte er einfach nur und drückte Venya sacht und behutsam an sich, um ihr zu zeigen, dass er sie immer noch liebte, ihren Worten lauschte, überaus aufmerksam und sie trotz allem liebte, vielleicht mehr: Eben, WEIL sie so offen war. Und hier ging es nun nicht darum, wer der oder die Schwächere war. Oder stärker. Hier ging es einfach nur um Nähe. Um Freundschaft, um Vertrauen.

Nachdem Venya mit ihren Worten geendet hatte, schwieg auch er einen Moment. Nicht aus taktischen Gründen, sondern aus Anteilnahme. Aber sie konnte spüren, dass er sie in keiner Weise ablehnte, im Gegenteil: Er drückte sie behutsam, was sie als aufrichtigen Beweis von ihm kannte, dass er es ernst meinte. Und dann wiegte er sie ein wenig sacht, legte versonnen seinen Kopf auf ihre Schulter, während nun seine Finger über ihren Arm strichen und sie dort freundschaftlich streichelten.

Und auch er starrte dann auf einen beliebigen Punkt vor ihnen, aber Venya konnte deutlich spüren, dass er bei ihr war und sich trotz ihrer ehrlichen Worte nicht von ihr entfernte. Früher hatte er manchmal ein wenig anders reagiert. Da zog er sich gerne mal zurück, weil er die Wahrheit nicht so schnell sehen konnte, aber nun machte Nicolai einen anderen Eindruck: Mochte er vielleicht immer noch fliehen vor so einigen schmerzhaften Wahrheiten. Doch er fühlte sich so sicher bei ihr, dass er es wahrlich ernst meinte:
»Meine Anna ...« so nannte er sie am liebsten. »Ich danke dir für deine Wahrheiten und widerspreche insofern nicht, denn du hast Recht. Ich war ein Kind und sollte keine Schuldgefühle haben. Und ich will ihnen keine Flügel wachsen lassen, aber gib mir Zeit. Bitte. « Nicolai gab ihr einen kurzen Kuss auf den Hals, um seine Worte zu unterstreichen.

Dann legte er wieder sein Kinn behutsam auf ihre Schulter und starrte vor sich, während er sie weiter in seinen Armen hielt. »Die Reise in die Vergangenheit schmerzt. Ja. Und ich will auch nicht flüchten. Aber ...«

Er lachte fast ein wenig und aufrichtig, aber er meinte es aufrichtig: »Aber bitte glaube mir, dass auch du dich nicht schuldig fühlen darfst für das, was damals passiert ist oder auch nicht. Auch du warst ein Kind und deine Gabe hat dich sicherlich verwirrt. Du wusstest vielleicht einfach auch nicht damit umzugehen und was hätte es sein sollen? Meine Mutter hatte sich entschieden. Und ja, es war ihre Entscheidung. Ich flehe dich an, fühle dich nicht schuldig. Du hast selber gesagt, dass jeder für sein Leben selber verantwortlich ist. Und du hast Recht. Anna, wir waren beide Kinder. Du 12, ich 14. Es war ihre Entscheidung. Und ich wusste sogar von ihren Absichten.«

Nur kurz wollte er es ansprechen. Doch ihre Worte, die seine Mutter damals zu ihm sprach, dass sie ja wegen ihrem Sohn weiterleben wollte, MUSSTE, sprach er noch nicht aus. DAzu war er noch nicht bereit, weil er einfach spürte, dass er nicht mehr über seine Ängste und Schuld sprechen wollte, zumal er wirklich selber inzwischen etwas dazugelernt hatte. Nein, er wollte für Anna da sein. Denn so seltsam es war, er glaubte sich besser zu fühlen, als sie sich im Moment. Denn so nah ihm alles ging: Seine Anna war bei ihm und irgendwie war das andere alles Vergangenheit. Sie aber fühlte sich ebenso schuldig und sie hatte ihm so viel gegeben heute Nacht, da wollte er einfach auch mal endlich etwas zurückgegeben.

»Du bist meine beste Freundin, der liebste Mensch auf der Welt für mich. Du bist in Sachen Emotionen so viel klüger als ich. Viel ist geschehen. Doch es liegt in der Vergangenheit und wir sind älter geworden. Ich kann nicht so schön alles ausdrücken, wie du es kannst. Aber bitte lasse auch dir nun von mir sagen: Ich werde mich mit meinen Dämonen auseinander setzen. Auch verstehe ich, dass du dich schuldig fühlst. Aber dazu besteht ebenso wenig Anlass, wie ich mich schuldig fühlen sollte. Wir waren Kinder, Anna! Du noch mehr als ich. Du warst mehr für mich da, als ich es je hätte sein können für dich. Und nein, es geht nicht darum, dass ich mich damit gut fühle, nun für dich dazu sein. Ich bin so glücklich, dass du da bist. Dich haben unsere Götter geschickt. Aber nun ist es mal an der Zeit, dass DU auch zur Ruhe kommst und dich gehen lässt. Wie sagtest du: Wir sind für unser Leben verantwortlich? Ja. Aber nun, meine liebste Freundin, versuche auch dich zu verstehen: Du warst gerade einmal 12 Jahre. Du warst immer für mich da. Du warst mehr als das. Ich bitte dich: Dich trifft ebenso wenig Schuld, wie mich ... «

Enger zog er sie an sich, doch nicht besitzergreifend, er wollte ihr nur zeigen, wie sehr er sie als Freundin liebte. Alles andere verbannte er. Auch den Wunsch, mit ihr zu schlafen, einen Blick auf ihren Körper zu sehen. Nein, nun wollte er einfach nur ihr Bruder sein. Für sie da.

[Dieser Beitrag wurde am 01.08.2007 - 12:38 von Nicolai aktualisiert]




Valvenya
unregistriert

...   Erstellt am 02.08.2007 - 08:34Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Trotz diverser sorgenvoller Impulse einiger schwachen Stimmen in ihrem Inneren hatte Anna nicht wirklich damit gerechnet, dass sich Nicolai sofort und nachhaltig von ihr abwenden würde, wenn er von einem weiteren Charakterzug ihrer seherischen Gabe erfuhr. Auch wenn es vielleicht schon nicht mehr nur positiv zu bewerten war, so brauchte er sie doch, in diesen Momenten vermutlich stärker, als jemals zuvor. Sie hatte ihn in gewissem Sinne geöffnet und er benötigte sie nun auch, um wieder als Ganzes zurück in die Realität hinaustreten zu können. Daraus durfte aber keine Abhängigkeit entwachsen. Sie konnte ihm eine Hilfe, eine kurzfristige Stütze sein, doch am Ende musste ein durch und durch eigenständig lebender Mann stehen, körperlich und geistig gesund. Und davon war man augenblicklich noch weit entfernt. Für eine Besserung musste man manchmal eben erst ein wenig zurückweichen, bevor es vorwärts gehen konnte.
Er hörte ihr auch zu, die Frage war nur, was davon bei ihm wirklich ankäme, was er davon verstand und was er zuließ. Natürlich, er brauchte Zeit. Die Frage war nur, ob man ihm diese im Hafen von Mediterranea geben würde. Im Laufe seines Lebens hatte er schon so viele Lektionen auf eine harte und grausame Weise lernen müssen. Nie hatte das Schicksal ihm Zeit gegeben, sich zu entwickeln, erwachsen zu werden, sich an eine Situation oder eine besondere Person in seinem Leben zu gewöhnen, bevor es ihm wieder entrissen wurde. Erst jetzt konnte er ein wenig der vergangenen Schicksalsschläge aufarbeiten, mit den erst kürzlich geschehenen hatten sie sich noch gar nicht beschäftigen können, dabei waren diese nicht weniger tragisch. Aber es waren derer einfach so viele in ihrer Gesamtheit. Die Nacht war bereits vorbei und sie war sich nicht sicher, inwieweit sie Erfolg mit ihren Absichten gehabt hatte. Sicher, er beschäftigte sich mit seiner Vergangenheit und vielleicht war es ihr gelungen, ein wenig an seiner Sichtweise zu verändern. Doch sie hatten erst wenige Schritte auf einem langen Weg zurückgelegt.

Obwohl er sich nicht wirklich entfernte, so störte sich Valvenya immer noch ein wenig an seiner Art, auf ihre Worte zu reagieren. Diese fast formell höflich wirkenden Einleitungen, in denen er sie ansprach. Wenn er Derartiges noch einbrachte, ließ er sich nicht wirklich auf die Situation ein, denn täte er es, wären ihm andere Dinge wichtiger als eine angemessene Einleitung. Es wirkte gestellt und vielleicht spielte er auf diese Art auch den Einfluss ihrer Worte hinunter. Er nahm es nicht ganz ernst, sie nicht ganz ernst. Sie wollte keinen Dank, sie wollte, dass er sich mit ihren Erklärungen auseinander setzte. Wahrhaftig beschäftigte.
Trotz dieses sie sehr unzufrieden stimmenden Ergebnisses setzte sich ein schmales Lächeln auf ihre Lippen, das nicht bis zu ihren Augen vordrang und das er sowieso von seinem Standpunkt aus nicht sehen konnte. Sie hatte sich bezüglich ihrer Fähigkeiten den Tod betreffend bei weitem zu viele Sorgen gemacht. In seiner Arglosigkeit schien er nicht einmal zu ahnen, was diese Gabe bedeutete. Er fragte nicht nach, wie es jeder vernünftige Mensch getan hatte. 'Deine Gabe hat dich sicherlich verwirrt'. Das war mit Abstand das Niedlichste, das sie zu diesem Thema jemals gehört hatte. Natürlich, so konnte man es auch ausdrücken. Aber durfte sie es ihm zum Vorwurf machen? Er konnte nun einmal nicht sehen, was sie sah, sich nicht in ihre Lage hineindenken oder -fühlen. Dies konnte niemand. Und Worte reichten nicht aus, um es ihm begreifbar zu machen. 'Du wusstest vielleicht einfach auch nicht damit umzugehen'.
Oh Nico... du kannst mich noch so eng an dich drücken, in Wahrheit trennen uns Welten und dies wird immer so sein....
Dann konzentrierte er sich auf sie. Natürlich, sonst hätte er weiter über sich nachdenken müssen. Er meinte es gut und lieb, selbstredend, aber es ging nun einmal nicht um sie.

*Nicolai, ich machte es mir nicht zum Vorwurf, deine Mutter nicht von ihrem Selbstmord abgehalten zu haben. Ich sagte doch, das lag nicht in unserer Macht. Und ja, ich war erst 12 Jahre alt, aber ich war damals schon anders als andere Kinder. Doch inzwischen habe ich mich im Gegensatz zu dir lange und ungestört mit mir selbst und meinen Fähigkeiten beschäftigen können. Oder glaubst du wirklich, dass meine Seele Trost und Zuwendung braucht in der Art, wie du es mir zu vermitteln versuchst? Erteile ich dir etwa Lektionen im Schwertkampf?*
Ja, ihre Worte waren direkter Natur gewesen, aber Nicolai musste endlich damit aufhören, ihre angebliche Schwäche seinen Problemen vorzuziehen.
*Ich benötige keine Hilfe von anderen. Ich bin es gewohnt, alleine zu sein und mich mir selbst anzuvertrauen, weil niemand sieht, was ich sehe und mich ohnehin niemand versteht. Ich brauche keine körperliche Zuwendung, um mich wohl zu fühlen, ich brauche noch nicht einmal andere Menschen dafür. Jemand wie ich muss es lernen, denn ich bin immer allein. Nicht einmal meine Mutter konnte mich wirklich verstehen. Es ist lieb, dass du dich so um mich sorgst, aber... ich bin nicht wichtig. Du bist es.*
Ihre Hand in seinem Haar verkrampfte sich leicht, während sie sich etwas weiter nach hinten drehte, um seinen Blick erwidern zu können. Der ihre war eindringlich und überzeugt, ebenso wie ihre Stimme.
*Du bist das Licht, das ich befreien muss. Das ist meine Aufgabe. Darum bin ich, wie ich bin. Um dich zu verstehen und um dich aus all deinen Ängsten und Schuldgefühlen herauszuführen. Du trägst eine Stärke in dir, von der du selbst noch nicht einmal etwas ahnst. Die nur dann und wann einmal aufblitzen konnte, in einem Blick, in einem Wort. Du hast es in dir, Menschen zu führen, sie zu bewegen. Die Gabe der Beeinflussung, der besonderen Ausstrahlung, die jeder in deiner Umgebung spüren kann. Abseits dessen, was dein Vater dir vorgelebt hat, abseits dessen, was deine Mutter dir hinterlassen hat. Diese alten Schatten... sie behindern dich nur. Wenn du dir selbst vertraust, endlich auf das hörst, was dein Herz dir sagt und die Zweifel hinter dir lässt, die Einflüsse deiner Eltern, deiner Sklavinnen... wenn du wirklich frei bist... wirst du all das erreichen, was du dir für dein Volk wünschst. All das, was dir bislang in deinem Leben noch fehlt...*

Anna wandte sich Nicolai noch etwas stärker zu und legte ihre Handflächen leicht und doch seltsam deutlich spürbar an seine Wangen, während sie den Kopf ein wenig senkte, so dass sich ihr Blick noch intensivierte.
*So schlecht du dich im Moment auch fühlen magst... du wirst daran wachsen und stärker werden. Du wirst das alles überwinden, Nico, solange du nicht mehr vor dir davonläufst. Sobald du beginnst, das zu lieben, was du bist, und dir zu vertrauen. Da ist nichts... gar nichts, wofür du dich schämen müsstest, du bist... du bist so wahnsinnig schön...*
Ihr Blick aus stechend blauen Augen nahm einen etwas abwesenderen, verklärteren Ausdruck an, als nähme sie erneut etwas wahr, das abseits allem Körperlichen lag. Hauchzart fuhren ihre Fingerspitzen seine Gesichtszüge nach, als spürten sie sie zum ersten Mal. Ein flüchtiges, bittendes Lächeln berührte kurz ihre Lippen, während sie kaum hörbar hauchte:
*Wenn du es... wenn nur irgendjemand außer mir es sehen könnte, was deine wundervollen Augen eigentlich so zum Strahlen bringt... und welche alten, längst vergessen geglaubten Schatten sie immer wieder verdunkeln... es ist wie Wolken, die die Sonne seit Jahren schon verdecken... man ahnt, wie hell und mächtig und atemberaubend dieser Glanz sein kann, aber man bekommt immer nur ein viel zu kurzes Aufleuchten zu sehen... das ist es, was mich am meisten schmerzt, Nico... ich weiß, du kannst es nicht nachvollziehen, niemand kann es... natürlich, sie sehen deinen Körper, hören deine Stimme, spüren etwas von deiner Bestimmung als dakischer Herrscher, aber... es ist immer nur ein winziger Bruchteil dessen, wozu du fähig bist... das ist es auch, was ich am meisten an dir liebe... deine Seele, dein Herz, das, wovor du dich so fürchtest. Deine reine, unbeeinflusste Aura... begraben unter falschen Schuldgefühlen, Zweifeln, unzähligen Arten von Angst, Fremdeinflüssen, Selbsthass, Vorwürfen, Verzweiflung, Unsicherheit, Sorge und Schmerz, so viel Schmerz... wenn ich... dich doch nur davon befreien könnte... ich würde alles dafür geben...*




Nicolai
unregistriert

...   Erstellt am 06.08.2007 - 04:49Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Bei Nicolai kam weit mehr an, als es sich Venya vorstellen konnte, doch zum Glück reichte ihre Gabe, Vorahnungen zu haben, dann doch nicht so weit, dass sie seine Gedanken lesen konnte.
Nicolai war mehr in sich gegangen, als sie ahnte und er wurde sich all dem mehr und mehr bewusst, was sie aufgedeckt hatte, als ihr je klar war.
Und es schmerzte ihn. Ja, er hatte sie so nah an sich herangelassen, wie er bisher glaubte, nicht einmal selber an sich nah gewesen sein zu wissen. Sie hatte Dinge angesprochen, die ihm fremd waren, Dinge, die ihm entsetzlich wehtaten und von denen er bisher geglaubt hatte, das sie ihn niemals mehr berühren würden. Aber es war einfach Vanyas Art, diese DIinge anzusprechen, ohne dass er flüchtete.
Früher war er da mehr geflüchtet. Aber er war nun älter und auch reifer und ja, auch Deirdre hatte einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen, dass er sich nicht mehr so verschloss vor den Geistern der Vergangenheit.

Und auch wenn er es nicht sah oder ahnte: Er WOLLTE sich mit all dem auseinandersetzen, was sie sagte, denn er traute ihr. Und er wollte es nicht, um ihr zu gefallen. Er wollte es wirklich und bemühte sich auf seine Art. Aber ja, sie hatte etwas in ihm ausgelöst, was ihn schmerzte und wo er sich erst einmal ordnen musste, den ja, es war ihm zuerst zu viel, weil er dies so nicht kannte und er plötzlich vollkommen orientierungslos war. Wer war er eigentlich wirklich? Wen sah sie, Venya, in ihm und viel wichtiger: Wen sah er in sich? War es nicht das, was sie wollte? Das er sich erkannte?
Nein, Nicolai versuchte zu verstehen. Aber vielleicht verlangte sie zu viel in dem Moment von ihm? Nein, dass tat sie nicht. Sie war so verständnisvoll und ehrlich.

Das er nicht nachfragt, was ihre Gabe des Ahnens, des Hellsehens anging, lag schlicht daran, dass er ihr glaubte und vertraute. Und natürlich, weil er sich nicht wirklich in sie herein versetzen konnte. Aber er achtete sie und ihre Gabe. Dies war in seinen Augen eh etwas, was er nie verstehe würde, also fragte er auch nicht nach. Das war ihr so eigen. Das WAR sie. Er sah ein, dass er es niemals verstehen würde können, er akzeptierte schweigsam. Er achtete Venya deswegen. Sie mochte es vielleicht nicht verstehen und im Moment kam ihm leider auch nicht die Idee, sie mal danach zu fragen, wie es ihr eigentlich damit erging, ob sie damit glücklich war. Aber dafür hatte Nicolai zu viel Respekt vor ihr und achtete sie zu sehr.

Es war nicht böse gemeint. Aber sie auf ihre Gabe anzusprechen, würde in seinen Augen ein Freundschaftsverlust und ein Misstrauen ansprechen, was er nicht wollte. Denn er traute ihr.

Auch er spürte, dass es Welten waren die sie dennoch trennten. Aber es machte ihm nichts aus, er liebte die dennoch und egal, was sie trennte, er fühlte sich ihr verbunden.

Und dann sprach sie über den Selbstmord seiner Mutter und er hörte ihr schweigsam zu, vorsichtig haltend, denn er wollte ihr auch nicht das Gefühl geben, sie zu sehr zu vereinnahmen. Doch kaum hatte sie gesprochen, schien sich sein Körper zu versteifen und nun löste er sich unwillig von ihr.
Es schmerzte ihn, was sie sagte. Dennoch versuchte er sie zu verstehen. Gerade, weil sie so offen war. Auch wenn er Offenheit schätzte, es kam eine so geballte Ladung, dass er schluckte. Ohne das sie es wollte fühlte er sich nun immer schlechter, für den Moment:

" Doch inzwischen habe ich mich im Gegensatz zu dir lange und ungestört mit mir selbst und meinen Fähigkeiten beschäftigen können. Oder glaubst du wirklich, dass meine Seele Trost und Zuwendung braucht in der Art, wie du es mir zu vermitteln versuchst? Erteile ich dir etwa Lektionen im Schwertkampf? (...)
Ich benötige keine Hilfe von anderen. Ich bin es gewohnt, alleine zu sein und mich mir selbst anzuvertrauen, weil niemand sieht, was ich sehe und mich ohnehin niemand versteht. Ich brauche keine körperliche Zuwendung, um mich wohl zu fühlen, ich brauche noch nicht einmal andere Menschen dafür. Jemand wie ich muss es lernen, denn ich bin immer allein. Nicht einmal meine Mutter konnte mich wirklich verstehen. Es ist lieb, dass du dich so um mich sorgst, aber... ich bin nicht wichtig. Du bist es."

Er schluckte schwer, als er diese Worte hörte. Sie benötigte keine Hilfe ?... Nicolai war verwirrt. Wenn sie nur wusste, wie sie ihn damit durcheinander brachte, wo er doch auch mal für sie da sein wollte.

Dann spürte er, wie sich ihre Hand in seinem Haar verkrampfte und alles unterstrich seine Gedanken und Empfindungen. Und dann redete sie von ihm, wie von einem Licht, das sie befreien musste ... er wäre ihre Aufgabe ... für ihn da zu sein ... und er lauschte weiter ihren Worten, die immer nur ihn betrafen. Er versuchte zu verstehen und war sehr berührt, aber er wollte es nicht mehr hören. Es ging immer nur um ihn, sein ganzes Leben lang. Er hatte es satt und doch verstand er, was sie sagen wollte. Aber es wurde ihm alles zu viel. Und er hasste sich dafür. Er hasste sich, weil er im Moment nicht wusste, wie er auf seine beste Freundin reagieren sollte. Sie sprach so viel und so viel wahres, aber Nicolai spürte, wie es ihn in diesem Moment überforderte. Er wollte auf alles gelassen und verständnisvoll eingehen. Aber es war so viel und er kam sich klein und nichtig vor, dass er nicht alles wirklich aufnehmen konnte. Und dennoch hatte sie Recht. Eben deswegen. Es war sehr verzwickt. Ja, Nicolai war dann doch überfordert, er spürte es, diese Schwäche. Obwohl sie so Recht hatte und so gelangte er in jene Zwickmühle, die ihn gerade irgendwie überforderte. Er wollte auf all ihre Worte eingehe. Auf jeden Satz. Aber da war dann seine emotionale Seite und dann drängte sich auch noch sein Verstand auf und alle redeten in seinem Kopf wild zusammen, so dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Fast hauchte er nur noch verzweifelt: » Ich will ja verstehen ... ich fühle mich gar nicht so schlecht, wie du meinst ... ich schäme mich nicht ... ich will ja wachsen ... ich ...du hast ja Recht ... und die alten Schatten... falsche Schuldgefühle ... Anna!« Ihren Namen hauchte er nur noch flehend und voller Angst. Nicht aus Angst cor ihr, sondern Angst vo seinen eigenen Dämönen.
Ja, es war Nicolai zu viel. Er traute sich aber dann auch nicht mehr diese Schwäche zu zugeben, er schämte sich nun aber genau dieser Schwäche, dass er nicht mehr verstand und es ihm zu viel wurde. Selbst als sie so liebevolle Komplimente machte, er war verwirrt.

Er hielt sie noch in seinen Armen und zuerst schreckte er fast zurück. Doch dann versank er endgültig in der Umarmung, welche sie mit ihm verband. Er drückte sie aber nur zaghaft, fasst, als wolle er sie loslassen, dann aber auch nicht und dann verbarg er sein Gesicht an ihrer Schulter vor ihm. Und sie konnte spüren, wie verunsichert er plötzlich war, wie damals, als Junge. Er vergrub schutzsuchend sein Gesicht an seiner Schulter und ganz leise konnte sie noch hören:
»Bitte ... höre auf. Du hast ... so Recht ... so wahrlich recht ... der Schmerz ... es tut so weh .... halte mich bitte ... «

Es war ein eindeutiges Zeichen und Nicolai hasste sich auf der einen Seite sehr dafür. Aber als er schliesslich sogar die Umarmung von ihr löste und er sich körperlich von ihr abwandte und sein Gesicht hinter seinen Händen verbarg, was sehr zwiespältig zu seinem Wunsch war, dass er sie eben noch bat, ihn zu halten, konnte auch ein Zeichen sein, dass sie zu ihm durchgedrungen war und er seiner selbst nicht mehr standhielt und zeigte seine innere Zerrissenheit nun im ganzen Maße, auch wenn er es gar nicht bewusst wollte. Aber ja, ihre Worte hatten ihn nun mit einer reinigenden, wenn auch schmerzhaften Heftigkeit erreicht, die leider das ganze Ausmass, wie sie es vorausahnte, zeigte, was er ein Leben lang verborgen hielt.

Er wollte wahrhaft stark sein, wie er es gelernt hatte. Doch er wusste auch, dass er in Venyas Gegenwart er selber sein durfte. Doch hier war es nach den Jahren anders. Nicolai wandte sich ab. Auch von ihr. Und er hatte sehr mit sich gerungen, diese schreckliche Schwäche auch ihr zu zeigen ... nein, sich selber gegenüber.

Eben noch glaubte er sich stark, ob ihrer so offenen Worte. Doch nun zeigte er ein Bild, für das er sich hasste. Aber er tat es, weil er am Boden zerstört war, so, als würde er alles einsehen, was sie sagte, oder vielleicht gab es auch noch andere Gründe. Noch niemals hatte sie ihn so erlebt. Er wandte sich ab, vor lauter Scham, so zu reagieren. Es war ein schrecklicher Teufelskreis. Ein Moment, der schlecht zu erklären war. Doch in diesem Moment zeigte er eine Schwäche, oder einen Zustand, wie er ihn noch niemals gezeigt hatte: Nicht mal Venya gegenüber. Er war am Boden, obwohl er es nicht sein wollte. Aber er zeigte es. In aller Heftigkeit.

Und auch wenn er es nicht so sah in diesem Moment, Venya hatte es geschafft, dass er sich gehen lies, auch wenn er sich hasste, auch wenn es ihr vielleicht nicht bewusst war. Und das, obwohl sie ihm so liebe Worte gesagt hatte. Aber irgendwie kam vielleicht alles falsch bei ihm an. Oder auch zu sehr. Wer wusste schon, was in ihm vorging.

Nicolai jedoch erlebte einen Zustand in sich, den er nicht mehr in Worte fassen konnte und der jeglichen anerzogenen Verstand oder was auch immer in ihm ausschaltete. Es gab nur noch Nicolai und diesen pur, wie ihn selbst Anna niemals erlebt hatte. Er hockte zitternd da, als hätte man ihm sein Haut vom Körper gezogen. Er war blank, nackt, offen ... verletzlich und es wirkte, als brauche es nur einen Lufthauch, ihn umkippen zu lassen.

Nicolai war dies nicht einmal mehr bewusst, da er diesen Zustand selbst kaum kannte. Er kannte sich nicht selber, er wusste kaum, was geschah, so geschockt war er. Er fühlte sich nur noch so, wie er sich niemals je zu vor fühlte und er hatte nicht einmal den Verstand, noch etwas dagegen zu tun: Er war nackt und ohne jeglichen Schutz. Angreifbar bis in den letzten Winkel seiner Seele. Obwohl er es nicht wollte, er hatte einfach für den Augenblick keine Kontrolle mehr über sich.

Er vergrub schamhaft sein Gesicht, hatte sich abgewandt und zeigte eindeutig, wie absolut fertig er nun war und es nicht gerne oder bewusst tat. Er zeigte eine bisher absolut unbekannte Seite. Würde er etwas sagen können, würde er es tun, nämlich: DIEH NICHT HIN, DAS BIN NICHT ICH ... aber er war es.

Und so wisperte er nur ganz leise: »Verzeih ... ich bin gerade nicht ich selbst.«

Doch, er war es und er wusste es selber. Doch er erschreckte selber so sehr vor sich, dass er es nicht wahrhaben wollte. Venya hatte es geschafft. Sie hatte ihn erreicht. Sie hatte etwas losgelöst und in ihm bewegt. Nur war er sich dessen in diesem schrecklichen Moment nicht bewusst.

Für einen Moment wollte er einfach nicht existieren, weil er sich so wegen seine Gefühle und Emotionen schämte. Er kannte sich nicht, lehnte sich deswegen ab, wollte flüchten, aber es gab keinen Ausweg, nämlich weil er sich insgeheim eingestand, dass er nicht mehr flüchten wollte, so unangenehm es auch war ...

Und in seiner ganzer Hilflosigkeit wünschte er sich nur, in den Arm genommen zu werden, aber nicht einmal dies traute er zu sagen. Seine ganze Körperlichkeit, sein Wunsch nach Nähe, alles hasste er. Nicht, dass er Venya falsch verstanden hatte, im Gegenteil, es wurde ihm nur alles so bewusst und traf ihn wie ein Blitzschlag.

Doch in diesem Moment fühlte er sich so leer, Wer war er? Was wollte er? Was durfte er? All ihre schönen Worte vernahm er dennoch, doch auf einmal fühlte er sich leer und falsch. Die Nähe, nach der er sich so sehnte, die Körperlichkeit, all dies hatte auf einmal eine andere Bedeutung und Nicolai kam nicht damit klar. Und er schämte sich, dass er reagierte, wie er es tat. Aber sein Schutz, sein Versuchen, versagte.

Er wollte nicht einmal mehr in den Arm genommen werden, so sehr er sich erst noch nach körperlicher Nähe sehnte. Er sah es als falsch oder zu einfach an. Deshalb fühlte er sich nun so hilflos. Sein ganzes Konstrukt schien zusammengebrochen zu sein und nun flatterte er hilfos in einer Dimension, in der einfach für den Moment nicht mehr wusste, was richtig oder falsch war.

Ohne es zu merken, zitterte er am ganzen Körper. Denn nicht nur seine Seele verstand nicht und rebellierte gegen diesen Zustand der Hilflosigkeit, nein, nun war es auch sein Körper.

Und dann kippte er mit seinen Händen vor dem Gesicht mit seinem Körper erst einmal leblos neben oder eher hinter Venya, als wolle er sich verstecken. Doch sein Körper war seltsam leblos danach, denn es ging keine Regung mehr von ihm aus, kaum ein Atmen, noch ein Ton ...

[Dieser Beitrag wurde am 06.08.2007 - 05:11 von Nicolai aktualisiert]




Valvenya
unregistriert

...   Erstellt am 07.08.2007 - 16:53Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Valvenya hatte viele Dinge angesprochen, die sie Nicolai eigentlich noch gar nicht hatte offenbaren wollen. Wenigstens der Teil in ihr, der hauptsächlich seine Freundin war und ihn schützen wollte. Dass sie ihm all ihre Gründe und Sichtweisen früher oder später würde offenbaren müssen, war ihr jedoch stets bewusst gewesen. Und nun, da ihre intuitive Seite, die aus nichts als der Essenz bestand, die andere als ihre 'Gabe' bezeichneten, die Oberhand gewann, hatte sie gespürt, dass sie es dem dakischen Prinzen vielleicht auch schuldig war. Wahrheit war oft schmerzhaft und verletzend, gerade auch deswegen hatten sich die freundschaftlichen Gefühle in ihr solange dagegen gesträubt, wollten Nico lieber schonen und eine Angelegenheit nach der anderen klären. Ihre 'Gabe' wollte anderes. Sie wollte, sie wusste, dass dieser Mann, der sich sein halbes Leben lang in Ausflüchte, Verstecke und fremde Muster gezwängt hatte, endlich aufwachen musste. Er musste fallen, hart auf dem Boden aufschlagen, denn auch das war besser, als in diesen fremden Gespinsten festzuhängen und sich immer mehr in sie zu verstricken. In gewissem Sinne musste er sterben. Diese alte Hülle, die ihn jahrelang ausgemacht hatte, musste zerbrechen und ihn freigeben. Und wenn sie sich nicht irrte, wenn ihre Intuition die Wahrheit gesprochen hatte, würde er genügend Kraft besitzen, um wiedergeboren zu werden, größer, strahlender, als jemals zuvor. Einfach, weil er er selbst sein würde. Weil seine eigenen Beine ihn tragen mussten und weil sein Verstand, vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit, eigene, reine Gedanken und Entscheidungen würde formen müssen. Es war keine Transformation, es war eine Wiedergeburt. Unerbittlich, schmerzvoll und hart, bis zur Erlösung des ersten Atemzuges.

Die Seherin vernahm seine kaum hörbaren, gequälten Worte und ein schwaches Leuchten stahl sich in ihre Augen. Nun spürte er, wie gegensätzlich, wie unmöglich sein derzeitiger Zustand, seine Prinzipien eigentlich waren. Wie unpassend die Gedanken und Vorstellungen einer toten Familie für seine Art zu denken und zu fühlen waren. Dabei tat es nur so weh, weil er sich wehrte, dagegen sträubte, sich etwas hinzugeben, das sein Vater als schwach empfunden hätte. Dieser alte Narr, der er gewesen war. All diese Folter wäre nie nötig gewesen, wenn er seinem Sohn einmal vertraut und als das gesehen hätte, was er wirklich war. Weswegen nur glaubten so viele Väter, dass das höchste, was ihre Söhne erreichen könnten, ihr Ebenbild wäre? Sie ahnten nicht einmal, wie viel sie damit beschnitten und einschränkten.
Nicolai würde nicht so enden. Er war stark, und sein Potential ließ sich nicht auf Dauer derart unterdrücken und anpassen. Seine Seele wollte sie selbst sein. Venyas Fingerspitzen strichen hauchzart über Nicos Brust, fühlten jedoch nicht die Haut, sondern schienen stattdessen jenes Licht erreichen zu wollen, das in seinem Inneren um eine Daseinsberechtigung stritt.
Kämpfe, Nicolai. Gib dich nicht mit weniger zufrieden, als du sein kannst. Löse dich, und fürchte dich nicht vor dem Sturz in die Dunkelheit. Vertrau auf dich. Lebe!

Sanft hielt die Dakerin den bebenden Körper des Mannes, solange jener sich bei ihr zu verbergen versuchte. Sie wusste, dass er diesen Kontakt zu ihr nicht lange würde durchhalten können. Denn auch wenn ihre Handflächen auf seiner Haut versuchten, ihm Wärme und Kraft zu spenden, so doch nicht der kämpfenden Seite in seinem Inneren, die er sich zurückwünschte. Wieder vernahm sie die Qual in seinen Worten, die von Schmerz sprachen, der doch nur von seinem eigenen Widerstand herrührte. Von seiner Verzweiflung, sich nicht von alten Konventionen und Befehlen lösen zu wollen. Nicht sie oder ihre Worte waren es, die ihm Schmerz zufügten, er war es selbst. Insofern konnte sie ihm das, was er wie eine Folter interpretierte, auch nicht erleichtern. Er musste diesen Kampf mit sich so grausam austragen, wie es eben nötig war. Er musste das Gefühl der Schwäche, des Kontrollverlustes ertragen, diese Erfahrung machen. Venya spürte, wie er sich hasste. Sein Hass traf allerdings die falsche Stelle, aber in seinem jetzigen Zustand hatte es ohnehin keinen Zweck mehr, ihm etwas erklären zu wollen. Und so schwieg Anna und überließ es Nicolais Seele, dem übrigen Selbst zu zeigen, wie sie wirklich war. Bei der Geburt und im Tod war man alleine. Und der dakische Prinz durchlebte gerade beides.

Dann, auf dem Höhepunkt, schien es so, als habe er es geschafft, die falsche, kranke Haut abzustreifen. Natürlich fühlte er sich aufgrund dessen unsagbar schutzlos und nackt, eben wie ein Neugeborenes, das den Grausamkeiten der Welt nichts entgegenzusetzen hatte, das einzig von der Willkür und den Einstellungen anderer abhängig war. Das durch jedes falsche Wort, durch jede harte Geste bis in sein tiefstes Inneres verletzt werden konnte, dort, wo es niemals völlig heilen würde.
Valvenya spürte nicht einmal die nassen Spuren auf ihren Wangen, die kleinen salzigen Tropfen, die von ihrem Kinn fielen und sich im Stoff der vielen Gewänder verloren. Sie blickte einfach nur unbeweglich mit verhangenen, tränendunklen Augen auf Nicolai und fühlte, sah mit ihrem Geist. Ihrem Herz erging es fast wie ihren Augen und ihr erstarrter Körper war mit einer Gänsehaut überzogen. Immer hatte sie geahnt, was sich unter all den Schatten und dunklen Geistern verbergen konnte, dass es noch unfertig war und erst würde wachsen müssen, langsam nur seine Flügel ausbreiten konnte und man nicht erwarten durfte, von heute auf morgen einen Halbgott erblicken zu können. Aber dieses lichte Strahlen, diese reine, pure Unschuld, bargen eine Schönheit in sich, die selbst sie sich nicht hatte ausmalen können, sprengte sie doch jedwede Vorstellungskraft. 'Weiß' schien bereits ein zu dunkler Begriff zu sein für die Farbe, die Nicolais Seele in sich trug. Da war kein Makel, nicht einmal eine wirkliche Form, keine Grenze, keine Beschränkung, die seine Aura dämpfen konnte.
Gleichzeitig war dort aber auch nichts, woran man sich festhalten, woran man sich orientieren konnte. Venyas Augen, die vor lauter Tränen ohnehin nichts Physisches mehr wahrnehmen konnten, blinzelten nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder und brannten auch gleich erbärmlich. Diese plötzliche, schier grenzenlose Freiheit musste, wenngleich auch stets Teil einer inneren Sehnsucht, überaus verwirrend und beängstigend wirken. Wonach sich orientieren, nach was sich richten, wenn man immer Vorgaben und Regeln gehabt hatte, denen man einfach nur folgen musste? Es war wie bei einem Sklaven, der plötzlich und unvermutet in die Freiheit gestoßen wurde, nach der er sich stets so sehr gesehnt hatte. Er freute sich, aber erst einmal bekam er Angst. Angst vor dem alten, aber auch dem neuen Leben. Angst davor, den nächsten Schritt zu tun. So etwas ging nur langsam, bedächtig, mit steigendem Selbstbewusstsein und kleinen Erfolgen. Aber nicht auf einen Schlag.

Venyas Körper war ebenfalls für den Moment viel zu starr, zu langsam, um Nicolai aufzufangen, als er unbeweglich neben sie kippte. Nur sehr mühsam fand sie in die Wirklichkeit zurück, wollte sie doch am Liebsten bis zu ihrem Tod nur jenes Licht betrachten und sich völlig darin verlieren. Wie egoistisch das wäre. Nicolai brauchte Zuwendung und wenigstens ein bisschen Hilfe, um den Weg zu sich selbst zu finden. Es überraschte Anna nicht einmal, dass er nun wie tot wirkte. Seine Seele war in Aufruhr und ohne eine gesunde Seele brachte auch der bestausgebildete Körper nichts.
Mit langsamen, aber sehr zielgerichteten Bewegungen legte sich Venya ebenfalls auf die Seite vor ihm, so dass ihre Gesichter einander zugewandt waren, und nahm behutsam seine Hände in die ihren. Sie rückte noch ein wenig näher, so dass sich ihre Stirne ebenfalls berühren konnten, und schloss die ohnehin nutzlosen Augen. Sehr langsame, gleichmäßige Atemzüge folgten und es gelang ihr wie zuvor schon fast wie von selbst, jene Ebene wieder zu erreichen, in der sich ihre Intuition die meisten Zeit sowieso aufhielt. Dorthin, wo das Chaos herrschte. Ein Chaos aus Licht, aus wundervollem Licht, aber eben völlig hilflos und verloren. Und in heller Aufruhr ob der so plötzlichen Freiheit. Unwillkürlich stahl sich der Hauch eines stillen Lächelns auf ihre Züge. So katastrophal es Nicolai auch erscheinen musste, dies alles so zu sehen erfüllte sie mit einer Freude, die sie nicht in Worte fassen konnte. Seine Hände zwischen ihren Körpern eng mit den ihren umfasst, atmete sie gleichmäßig und tief weiter und versuchte, wie schon zuvor, Ruhe, Wärme und Schutz auszustrahlen, über das bloße Maß ihres Körpers hinaus.
Nico... Nico, ich bin hier... hab keine Angst, ich bin bei dir....
Ihre geistige Stimme glich in dieser Sanftheit einem weichen Frühlingswindhauch, der über die nackte Haut streichelte. Jene Art der 'Kommunikation' war ihr bislang nur einmal mit ihrer Mutter gelungen, aber sie fühlte eine Sicherheit dabei, die jedweden Zweifel im Keim erstickte. Sie hatte seine Vergiftung am eigenen Leib spüren können, als Tausende von Meilen sie getrennt hatten und sie hatte ausreichend Vertrauen in sich und ihn, dass er sie hören, aber zumindest spüren konnte. In diesem Augenblick verkörperte sie Sicherheit, Liebe und Ruhe, eben das, wonach sich Nicos Seele momentan am allermeisten sehnte. Er würde sie wahrnehmen. Sie waren verbunden und es war ihre Aufgabe, ihre Berufung, ihm in diesen schweren Stunden beizustehen und ihm zu helfen.

[Dieser Beitrag wurde am 07.08.2007 - 17:07 von Valvenya aktualisiert]




Nicolai
unregistriert

...   Erstellt am 08.08.2007 - 06:01Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Es war ein schrecklicher Zustand, in dem sich Nicolai befand, doch er dachte nicht darüber nach. Er fühlte nur noch, sein Denken war auf eine seltsame Art ausgeschaltet. Seine Gedanken schienen mit seinen Emotionen zu verschmelzen, wie sie es selten taten oder so gut wie nie. Er war für den Augenblick mehr Seele als Körper oder geist. So bemerkte er nicht einmal das Zittern seines Körpers noch die Tränen, die einfach so in seine Augen geschossen waren, ohne das er wirklich weinte. Er verzog keine Miene, wie man es sonst tut. Da war kein schmerzverzerrtes Gesicht. Er lag zuerst nur da und immer noch sah er die Bilder vor sich. Sah sich, wie er wirklich war und es erschreckte ihn zunehmend.
Er sah sich, hilflos, schwach und verzweifelt und voller Angst. Ja, er sah seine Mauer eingestürzt, alle seine Schutzwälle hatten sich in seine Bestandteile aufgelöst, als wären sie niemals da gewesen. Er war nackt und schutzlos, was ihm am meisten Angst machte.
Es war zu vergleichen mit der Vorstellung, nackt, kraftlos und ohne Waffe auf dem Schlachtfeld zu stehen. Alle seine Krieger lagen tot um ihn herum, doch der Feind stand ihm weit überlegen gegenüber, dem er nun hilflos ausgeliefert war und für einen Moment wollte er mit seinem Leben abschliessen, es war, als ahnte er den kommenden Todesstoss voraus.
Doch etwas regte sich in ihm. Noch bevor er Venya spürte. Sein seelischer Zusammenbruch hatte einen Sinn. Veränderung. Auch wenn er dies noch lange nicht erkannte. Er hatte sich fallen gelassen. Nicht, weil er es bewusst herbei gearbeitet hatte, sondern weil er am Ende war. Am Ende eines falschen Weges, den er bisher noch nicht so gesehen hatte. Zuerst fühlte es sich an, als würde er den Weg gegangen sein, verfolgt von seinen Feinden, den inneren Dämonen. Fast wirkte es, als wäre er vor ihnen davon gelaufen und als Strafe war er in einer Sackgasse gelandet, weil er damals die falsche Abzweigung genommen hatte. Die erst beste, bei der er geglaubt hatte, sie wäre die richtige. Bis er an der hohen Mauer ankam, die ihm ein weiteres Fortkommen nicht erlaubte und nun stand er mit dem Rücken an der Wand. Durch Venyas Worte, Weisheiten und Wahrheiten, hatten ihn seine Dämonen eingeholt und sah sich nun erstmals Auge in Auge mit ihnen konfrontiert und hilflos ausgesetzt.
Zitternd blickte er ihnen nun aber in die toten Augen, die so Furcht einflössend waren, dass sie seinen Körper, der nicht mehr wegrennen konnte, eh bannten, ja, ihn lähmten.
Doch dann war da jenes Licht, welches Venya wohl meinte, auch wenn sie es nicht ausgesprochen hatte. Zuerst war es nur ein kleiner Funken in seinem Herzen und Geist, tief verborgen und eingeschüchtert. Aber es existierte. Und dieser Funke war es, der ihm nicht jegliche Hoffnungslosigkeit raubte.

Was auch Nicolai auch an Ängsten mit sich trug, die Teilweise verschüttet und fortgedrängt wurden, ja, es loderte ein Licht in ihm, wenn auch verborgen. Nur wusste er es nicht, spürte es aber mehr und mehr und es gab ihm Sicherheit. Sicherheit, nicht vollkommen von der Dunkelheit der Jahre eingenommen geworden zu sein. Es war der letzte Funke seiner wahren Starke, die im Verborgenen gelegen hatte und welche Venya erkannt und erweckt hatte

Nein, so erstarrt und gelähmt sich Nicolai auch fühlte. Nein, sein Herz blieb nicht stehen. Und nein, es war nur ein schwacher Anfall jener Krankheit, die ihn manches Mal überfallen hatte, wo er sich nicht regen konnte, aber alles mitbekam. Es war anders. Er fühlte und dachte und vor allem etwas anderes war es, dass ihn nicht gänzlich verzweifeln liess, wieder einen Anfall zu bekommen.

Es war Venyas Nähe. Zuerst die Körperliche. Erst sah er ihr Gesicht vor sich, was ihn schon mal ein wenig Sicherheit gab und sie starrte ihn nicht an, als wäre er tot, wie es so oft die anderen getan hatten. Dann spürte er ihre Stirn an der seinen und es war, als baute sie eine Verbindung zu ihm auf. Eine geistige, doch zunächst für ihn eine körperliche, denn schliesslich nahm sie seine Hände und deutlich spürte er die Wärme, die von ihr ausging. Zwar erblickte er auch ihre feuchten, von Tränen befeuchteten Wangen, aber er spürte auch noch etwas ganz anderes: Diese ungeheure Kraft, welche von Venya ausging. Eine magische Kraft, eine zentrale, sehr geistige Macht, die er nicht als Macht, sondern als Kraft ansah oder spürte. Von Venya ging etwas aus, was er so niemals in seinem Leben erlebt hatte. Und selbst als sie die Augen schloss, was er ihr gleich tat, sah er sie: Seine Freundin. Nein, er spürte sie. Zuerst körperlich, dann aber auch seelisch. Fast verflogen die Momente, welche sie ihm durch ihre Berührungen gab und ihm so sehr bestärkten. Doch sie waren wichtig gewesen, um diese andere Ebene zu erreichen: Die geistige.

Es war auf einmal so, als würde er sie nicht mehr nur körperlich spüren. Es war, als würde sie ein Teil von ihm, seinem Geist werden und ein unendliches Glück, aber vor allem seine anfängliche Hoffnung wuchs immer mehr. Es war fast so, als würde sich seine Seele von seinem Körper trennen. Sie hielt seine Hände und er spürte es und allein schon diese Geste beruhigte ihn ungemein. Und irgendwie schien sie stumm zu sagen, dass sie bei ihm war und auch wenn sie es geistig sagte, so kam es irgendwie beim ihm an und er drückte liebevoll ihre Hände und ohne es verbal auszusprechen, sagte er im Geiste:
Venya, ich danke dir, dass du bei mir bist und die Angst schwindet ...
Das waren seine Gedanken, denn er fühlte eine bis dahin niemals geistige Verbundenheit zu der Frau an seiner Seite.

Natürlich ging es ihm immer noch schlecht. Doch irgendwie traten seine inneren Dämonen in den Hintergrund. Sie waren geblendet von Venyas magischen Licht und dann auch von dem Funken in Nicolai und er stöhnte lebendig auf, als er diesen seltsamen, wie unter Trance erlebten Zustand erreichte.

In diesem Moment passierte, was er nicht verstand, aber es war ihm egal. Er gab sich dem hin, weil er Venya vertraute, sie liebte und ehrte und weil sie einfach da war. So verlassen er sich auch fühlte, dem geistigen Chaos und Tode nahe ... wäre sie nicht bei ihm, so glaubte er, hätte er vielleicht den Verstand verloren. Doch es kam eben anders.

Er spürte ihre Hände an den seinen, spürte ihre Stirn an der seinen und auf einmal wurde das hilflose Gefühl der Ohnmacht verdrängt durch ein neues, atemraubenes Gefühl: Einsicht, Aufgabe alter Muster und Vertrauen, so wie Selbsterkenntnis und vor allem: Wahrer Liebe:

Eine Liebe zu Venya, aber auch eine Liebe zu sich selber.

Doch es waren schon nur erst einmal Anflüge. Immer noch waren da auch die alten Verhaltensmuster, gerade so etwas ging nicht mal eben so schnell von statten. Aber Nicolai war eben auch einfach froh, in diesem Moment nicht alleine zu sein.

*Venja ... meine Anna ...* hauchte er leise und ziemlich schwach, immer noch mit geschlossenen Augen. Und er drückte weiter seine Stirn körperlich geschwächt an die ihre, weil er diese geistigen Verbindung, der er sich kaum bewusst war, nicht abbrechen wollte. In ihm ging gerade etwas vor, was er nicht verstand. Aber er war tapfer und offen dafür. Dennoch, von allen Seiten hauten und sprachen seine inneren Dämonen weiter auf ihn ein, wollten die Verbindung zu ihr nicht kappen.

Und auch wenn Nicolai kaum redete, so tat es sein Körper auf seltsame Weise, die aber Anna nicht verborgen blieb, hatte sie doch diese Gabe. Nicolais innerer Kampf war noch lange nicht beendet. Aber er hatte sich auf Anna und ihre Aura des magischen eingelassen. Doch dennoch waren noch längst nicht alle Dämonen mal so eben besieht. Aber Nicolai hatte einen grossen Schritt getan. Dank ihrer Hilfe.

Und dann lag er da, ihre Hände nun sanft drückend, seine Stirn an die ihre weiterhin gedrückt, aber er war geistig wie auch körperlich sehr erschöpft und sein Atem war sehr sehr flach.

Dennoch wurde Nicolai immer innerlich ruhiger, einfach weil er Anna bei sich hatte und sie durch ihre Gesten bei ihm war und auch eben im Geiste ihm Bestand gab, den er so bisher niemals gefühlt hatte. Durch sie schöpfte Nicolai langsam wieder Kraft, wenn es auch eben langsam war und er wusste, dass noch lange nicht alles vorbei war.
Und dann löste er eine Hand von der ihren und bewegte sie zwischen ihren nahen Körpern an ihre Wange, wo er sie sehr behutsam, fast kraftlos, streichelte, immer noch mit geschlossenen Augen.
*Das du da bist, werde ich dir niemals vergessen ... Anna ...* hauchte er leise und dann seufzte er: Angestrengt, aber es ging auch eine Woge der Erleichterung durch seinen Körper, wie er sie so noch niemals gespürt hatte.
Und dann hauchte er ihr einen sehr sehr zarten, liebevollen Kuss auf ihre Lippen, bevor er wieder seine Stirn an die ihre legte.




Valvenya
unregistriert

...   Erstellt am 09.08.2007 - 13:13Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ihre Worte, nur als geistiges Flüstern übermittelt, schienen ihn tatsächlich erreicht zu haben. Venya spürte, wie Nico darauf einzugehen begann, wie die Angst in ihm wich und das Lichterchaos innezuhalten schien. In diesem Meer aus Strahlen und Funkeln den Ursprung, die Quelle zu finden und ihn zu schützen, würde nun zumindest ein wenig einfacher werden. Und die Seherin hatte es nicht eilig. Noch niemals hatte sie ihre Fähigkeiten derart hochgeschätzt, war den Göttern so unendlich dankbar für ihre Gabe gewesen. Dass sie diese Schönheit erblicken, spüren konnte, dass sie ihrem geliebten Freund endlich auf diese Weise so nah sein durfte, erfüllte sie mit einem nie gekannten Glück. Wie hatte sie sich danach gesehnt, ihn so zu sehen, derart für ihn da sein zu können. Fast erschien es ihr, als wäre alles, was sie bislang für ihn getan hatte, völlig nichtig angesichts ihrer jetzigen Aufgabe, bei der sie ihm endlich wirklich helfen durfte, so, wie es ihre Bestimmung war. Und sie würde nicht versagen. Sie würde unendlich behutsam und zärtlich sein, um seiner empfindsamen Seele nicht zu schaden. Nicolai sollte erkennen, dass er sich vor dem Zustand der augenscheinlichen Schutzlosigkeit nicht zu schämen oder zu ängstigen brauchte. Obwohl es ihn angreifbarer machte, so stärkte ihn diese Erfahrung doch auch. Lediglich so kurz nach seiner Befreiung würde sie die Quelle dieses Lichtes noch schützen müssen, mehr und mehr würde ihm dies eigenständig gelingen, auch ohne dunkle Barrieren und beschränkende Schutzwälle, die nichts hinein- aber eben auch nichts hinausließen.
Und er war so schön, so unschuldig und rein, dass es schmerzte. Anna verspürte keinen Neid, weil sie und wahrscheinlich der Rest der Menschheit weit weniger strahlend waren. Nein, sie war dankbar und stolz und unendlich glücklich, dass sie dieses faszinierende Wunder auf eine solche Weise wahrnehmen durfte. Selbst wenn sie nun stürbe, wäre ihr Leben erfüllt gewesen.

Konnte er es nun auch sehen? War ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen und vermochte er zu sehen, zu spüren, was sie die ganze Zeit über gewusst hatte? Sah er sich auf dieselbe Weise wie sie? Begriff er, welchen unbezahlbaren Schatz er in sich trug? Wie hatte er sich nur hassen können, wie hatten andere ihn dazu bringen können, diesem Licht gegenüber blind zu bleiben, seine Existenz so weit zu unterdrücken, dass er es gar nicht mehr wahrnahm? Die Dakerin schwor sich, dafür zu sorgen, dass er es nie mehr vergessen würde, dass ihm diese Erkenntnis niemand mehr würde stehlen können. Dieser helle Schein sollte bleiben, fortbestehen, ihm Kraft spenden in den dunklen Zeiten, die kommen würden. Die er allein durchstehen musste. Und doch niemals ganz allein.
Er dankte ihr und seine Angst begann zu schwinden. Still und konzentriert spürte sie seine Gedanken, die diese geistige Verbindung zwischen ihnen noch intensivierten. Venyas fast schlafender Körper erbebte flüchtig, doch das Lächeln blieb. Sie hatte sich nicht geirrt, diese gegenseitige Wahrnehmung war nicht länger eine unsichere Möglichkeit. Würden sie gemeinsam daran arbeiten... vielleicht jeden Tag eine kleine Weile diese Fähigkeit trainieren... Ohnehin war mit diesem einmaligen Vorstoß nicht alles vergessen, was ihn die ganzen Jahre über beengt und geführt hatte. Doch es war ein Anfang, ein überaus wichtiger erster Schritt. Nico hatte gespürt, zu was er fähig war, denn auch wenn sie ihm ein wenig half, so trug er diese Kraft doch in sich selbst. Sie begann schon, ihm Sicherheit zu geben und ihn zu wärmen, eigenständig, ohne den falschen Schutz unnützer Prinzipien. Auch wenn am Rand des Lichtes immer noch die Schatten hausten, zischten, und auf einen neuerlichen Moment der Schwäche hofften, während jener Glanz noch ein wenig unbeholfen und so jung war. Sie würden ihn nicht mehr bekommen. Anna würde ihn schützen, bis er stärker geworden war, bis ihr Freund sich an ihn gewöhnt und ihn bewusst wahrgenommen hatte.

Sie hörte, im Gegensatz zu seiner mentalen Botschaft, seine richtige Stimme entfernt und irgendwie gedämpft, einfach, weil sich ihre Konzentration auf gänzlich andere Bereiche beschränkte. Und auch wenn ihr Körper den seinen wahrnahm, so schien er fast kaum noch zu ihr selbst zu gehören. Obgleich sie wusste, dass ihm auch ihre physische Nähe helfen und Sicherheit spenden würde, so war sie doch vordergründig noch zu eingenommen von seiner Seele.
Sehr langsam und mit aller Vorsicht drang sie tiefer in sein Licht ein, weiter seinem Ursprung entgegen. Fortwährend versuchte sie, Liebe und Wärme auszustrahlen, damit er sie nicht als schmerzhaft oder fremd wahrnahm und sich nicht zusätzlich erschreckte. Ihr Wille, ihm so nahe zu sein, wie nur möglich, in ihn einzutauchen, am Liebsten mit ihm zu verschmelzen, trieb sie mehr und mehr an, bis sie endlich den Ursprung seines Lichtes erreicht zu haben glaubte, jenen Funken, auf den sich diese Kraft die ganzen Jahre über hatte beschränken müssen. Wiederum lösten sich Tränen aus Venyas geschlossenen Augen, die sie allerdings überhaupt nicht wahrnahm. Hätte sie ihre Freude, ihr Glück beschreiben müssen, es wäre ihr nicht gelungen.
Siehst du die Kraft in dir? Kannst du es spüren? Sie war die ganze Zeit über hier... Und nun hast du sie befreit. Ich bin unendlich stolz auf dich.
Sehr sehr behutsam begann ein Teil ihrer Wärme, ihrer Liebe und Geborgenheit, diese Quelle zu umfließen, ohne sie einzuschränken, sondern um sie im Gegenteil zu stärken und zärtlich zu schützen. Ganz fürsorglich und weich umschloss sie die noch empfindliche Energie, nahm sie in eine beschützende Umarmung, um sie von den immer noch wütenden, aufgescheuchten Dämonen abzuschirmen.

Ausgehend von diesem übermächtigen geistigen Wunsch, rückte auch ihr Körper näher an den seinen heran, ohne dass Anna es überhaupt bewusst wahrnahm. Es war mehr ein Impuls, ein Instinkt, der sie einen Arm um seine Taille schlingen, die Hand leicht und doch mit Nachdruck an seinen Rücken schmiegen und ebenso ihre zweite Hand sanft und warm auf sein Brustbein legen ließ. Ihre Fingerspitzen bewegten sich nur sehr schwach und streichelten so hauchzart über seine Haut, während sie, immer noch mit geschlossenen Augen, der Spur seines Atems folgte und ihre Lippen mit den seinen in einem sehr sanften, sehr ruhigen Kuss verschmelzen ließ, der aber auf seine feinfühlige, fast besinnliche Art überaus intensiv wirkte. Ihre Lippen fühlten sich sehr weich und samtig an in ihrer unaufdringlichen, umschmeichelnden Berührung, die etwas Verträumtes, Entrücktes hatte, ähnlich wie die irgendwie selbstverständliche, aber sehr gefühlvolle Liebkosung ihrer Zungenspitze, die über seine Unterlippe streichelte und so langsam, unschuldig und geduldig nach ihrem Ebenbild suchte, als wäre all dies Teil eines heiligen, intimen Rituals zwischen ihnen.




Nicolai
unregistriert

...   Erstellt am 14.08.2007 - 20:55Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Natürlich konnte Nicolai noch bei weitem so viel sehen, wie es seine geliebte Freundin tat, welche aber diese Gabe auch mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. Und außerdem war Nicolai eher ein körperlicher Mensch, als ein Kopfmensch, auch wenn er, wie es für einen Prinzen gehörte, strategisch und planvoll zu sein. Auch hatte er einige geistige Wissenschaften studiert, doch das meiste diente nur zu seiner Ausbildung als dakischer Tronfolger. Bei Weitem war er nicht so wie Venya. Aber er liebte sie für ihre Gabe, ihre Art, ihre Seele.

Und Venya hatte es selbst in so kurzer Zeit geschafft, die sie hier war nach jahrelanger Trennung, dass er mehr und mehr verstand, was sie meinte. Vor allem mit seinen festgefahrenen Denkmustern, der Flucht vor seinen Dämonen und all dem anderen, was sich in ihm eingenistet hatte.

Aber er fühlte, wie er nicht alleine war, in seinem tiefsten Inneren. Er glaubte Anna förmlich in sich zu spüren, auf der Suche nach seinem "Licht" nach seiner Wahrhaftigkeit und es war ein ungemein angenehmes Gefühl. Er fühlte, Liebe und Geborgenheit und irgendwie war es, als brachte sie ihm jene Liebe nahe, die er als Junge so gerne von seinen Eltern erfahren hätte, die ihm aber irgendwie verwehrt wurde. Nun, als erwachsener Mann, der selten noch an die Vergangenheit und seine alten Bedürfnisse dachte, spürte er aber, wie gut es ihm tat, denn auch wenn Venya meinte, in ihm wäre ein verborgenes Licht, so war sie es, die es zum auflodern brachte. Seiner Meinung nach.

Und er glaubte eben zu spüren, mental, wie sie bei ihm war, ihn schützte, ihn umsorgte, einfach widerspruchslos für ihn da war, denn das wollte er immer von seiner Mutter: Egal, wie er war, was er machte, ob richtig oder falsch. Er hatte sich als Junge einfach nur danach gesehnt, so geliebt zu werden, wie er eben war. Allein schon deswegen, damit er lernen konnte, sich selber zu lieben und anzunehmen, wie er war. Erstaunlicherweise hatte er es dann irgendwie auch alleine hinbekommen, aber früher hatte er sich noch mehr gehasst, als heute. Früher glaubte er, es niemanden wirklich recht machen zu können, nicht einmal sich, aber wie sollte er.
Heute war er älter und schon etwas nachdenklicher geworden und vorallen lebte er nicht in der Vergangenheit. Er hatte sich seine ganz eigene Welt geschaffen, in der er mit sich klar kam. Das da dennoch einiges auf der Strecke geblieben war, war eben so. Denn Nicolai bemitleidete sich nicht. Vielleicht hatte er es in kurzen Momenten mit Venya getan, weil es ihm sehr nahe ging, ihre Wahrheiten, vor denen er seine Augen aus Furcht verschlossen hatte.

Doch nun hatte sie diese Mauer eingetreten und er fühlte sich ungemein frei und gut dabei. Aber dies wurde eben auch durch ihre Anwesenheit bestärkt. Mental, wie auch körperlich. Und als sie dann ihren Arm um seine Taille schlang und sich näher an ihn heran kuschelte, machte sein eh schon schnell schlagendes Herz einen mächtigen Satz, der aber noch größer wurde, als er sie so nah bei sich spürte, sie seine Haut so liebevoll streichelte, dass ein selten da gewesenes Kribbeln durch seinen Körper jagte. Es war so anders, als wenn er mit Deirdre oder einer anderen Frau das Lager teilte. Dies lag aber eben auch an sein grenzenloses Vertrauen in die kleine liebe Frau an seiner Seite und vor allem ihrem mentalen Eindringen, welches er mehr und mehr schätzte.

Und auch Nicolai schloss Anna nun in seine Arme und als sie ihre samtig weichen Lippen mit den seinen verschmolz, machte sein Herz einen noch weiteren Sprung. Er schien alles um sich herum zu vergessen. Sein Knie war eingerenkt und er spürte es kaum mehr, sie hatte ihm die schönste Massage der Welt geschenkt und er war einfach in diesem Moment nur glücklich und fühlte sich aufgehoben, wie noch nie. Und ja, fast wollte er mit Venya eins werden und diesen glücklichen Moment ewig geniessen. Denn ihr Kuss war nicht jener der freundschaftlichen Sorte, nein, allein ihr Kuss war nun so magisch, dass sein Körper einfach reagierte und es ihn erregte, während er ihrer Zunge in seinen Mund Einlass gewährte und seine Zungenspitze die ihre freudig, wenn auch noch vorsichtig Willkommen hiess.

Nicolai schloss seine Augen und strich mit einer Hand über die vielen Schichten von Venyas Kleidung, die ihn mehr und mehr störten. Aber er wollte es ganz sanft angehen. Denn Venya war etwas ganz besonderes und auch wenn er mit ihr verschmelzen wollte, so tatsächlich nicht nur rein körperlich und er wusste auch nicht, ob sie überhaupt so weit gehen wollte.

Nur kurz löste er seinen Kuss, um sie anzusehen. In seinen Augen flackerte jenes Feuer, was ihn ausmachte, denn er lebte. Uund es war kein Feuer der Lust oder Leidenschaft. Es war ein glückliches Feuer, dass nur so ausstrahlte, wie viel Leben und Energie in dem Mann steckte.
*Du hast mir die Liebe geschenkt. Du hast eine neue Seite dem Buch meines Lebens geöffnet ...*

Und dann zog er sie noch näher an sich, liebevoll, nicht zu aufdringlich, aber voller Glück und dann küsste er sie inniger als zu vor. Aber auch mental war er bei ihr.
Versuchte, dass sie ihn verstand.

Ich liebe dich und fühle mich geliebt und es ist unbeschreiblich. Du bist der grossartigste Mensch, den ich je kennen gelernt habe ... ich danke dir.




Valvenya
unregistriert

...   Erstellt am 15.08.2007 - 15:22Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Es würde schwierig werden, sich wieder von ihm zu lösen und seinen Geist sich selbst zu überlassen. Augenblicklich wollte Venya nicht einmal daran denken, dass sie nicht für immer hier bleiben konnte, genährt von dem Licht, das sie wiederum schützte. Hatte sie ihm nicht kürzlich erst deutlich nahe gelegt, wie großartig es wäre, wenn sie eins würden und sich auf diese Art perfekt ergänzten? Und genauso fühlte es sich für sie nun auch an. So unbeschreiblich schön, so erfüllend und vollkommen. In die Welt dort draußen zurückkehren zu müssen, kam einer Verbannung aus der Heimat gleich. Nichts schien es wert, sich aus seinem Geist zu lösen und in ihre eigene eingeschränkte, lichtlose Welt zurückzukehren. Nicolai mochte es erscheinen, als würde sie ihrerseits leuchten, doch nur, weil sie sein Licht reflektierte und zurückwarf auf die richtigen Stellen, die so lange in Dunkelheit gelegen hatten. Alles, was sie besaß, hatte letztendlich in ihm seinen Ursprung, seine Quelle. Seinen Grund. Was nicht hieß, dass sie nun irgendein Recht auf ihn besaß. Er sollte sich schließlich nicht aus einer Abhängigkeit lösen, um einer anderen zu verfallen. Auch das war eine der Gefahren, wenn sie zu lange hier verweilte und ihm ihre Präsenz wie einen Prägestempel aufdrückte. Dieses lichte Gebilde seiner Seele war so empfindsam und filigran, dass der kleinste Fehler wiederum Schaden anrichten könnte.
Noch nicht... noch nicht... teilte Anna sich dennoch immer wieder mit und fuhr fort, die restlichen Schatten noch weiter von dem Zentrum des Lichts vertreiben zu wollen, das sie so zärtlich umfasst hielt wie ein Neugeborenes. War es in ihren Augen doch nichts anderes. Wärmend ließ sie es alle Liebe, Fürsorge und Geborgenheit spüren, die sie aufbringen konnte. Für wen sonst sollte sie diese Gefühle aufheben, wenn nicht für Nico? Wenn nicht für den Mann, der ihr Leben war, der sie umgekehrt erst leben ließ und dessen Duft ihr jeden Atemzug noch kostbarer und lebensnotwendiger erscheinen ließ? Ohne ihn.... selbst zu atmen verlöre jeden Sinn.

Valvenyas Körper indes genoss die Nähe des Mannes auf ähnliche, wenn auch völlig andere Weise. Es hatte etwas Schlafwandlerisches, Instinktgetriebenes, diese Selbstverständlichkeit, mit der zärtliche Fingerspitzen über Nicolais Rückenmuskulatur glitten und sich weiter hinauf in seinem langen, weichen Haar verirrten, um schließlich anregend und prickelnd seinen Nacken zu kraulen. Ebenso natürlich und ehrlich gestalteten sich weiterhin Annas Küsse, welche gleichzeitig von dem Drang kündeten, tiefer in dieses geheimnisvolle Wesen ihres besten Freundes eintauchen zu wollen, als auch von ebenso großem Respekt und Behutsamkeit ihm gegenüber. Weswegen es zwischen den überaus gefühlvollen und tastenden Intervallen, in welchen ihre Lippen die seinen umschmeichelten und fast bewundernd liebkosten, auch leidenschaftlichere Momente gab, in denen Venyas fast verzweifelter Wunsch nach Intensivierung durchbrach und ihre Zunge deutlich fordernder und glühender die seine umspielte und abwechselnd drängte und lockte. Sie konnte einfach nicht genug von seinem Geschmack, der Hitze seiner Lippen bekommen, weswegen sie auch bittend nach ihm haschte, als er seinen Mund ausnahmsweise kurz von dem ihren löste, um ihr seine Gefühle mitzuteilen, die sie eher am Tonfall als an den Worten selber interpretierte.
Erst, als er sie näher an sich zog und den Kuss noch intensiver wieder aufnahm, gab Anna ein glückliches, leises Seufzen von sich. Ihre Hand, die zuvor noch über seine Brust geglitten war, umarmte ihn nun ebenfalls sanft, so dass sie den letzten Abstand zu seinem Körper auch überwinden und sich gleichzeitig hingebungsvoll und verlangend an ihn schmiegen konnte.

Du hast es immer in dir getragen. Ich habe nichts getan, außer ein wenig dabei geholfen, es freizulassen. Alles, was du siehst und spürst, bist du. Rein und weiß und strahlend... du bist wie ein ewiges Feuer... und ja, ich liebe dich auch...
Vielleicht war es zu schön, zu berauschend für sie, um wirklich gut für ihn sein zu können. Was, wenn sie ihm, obwohl sie doch immer sein Wohl im Auge gehabt hatte, letztendlich doch schaden würde? Wurde sie nicht egoistisch, anmaßend in ihrem Wunsch, ihm so nahe sein zu können, ihn erfüllen zu wollen und gleichzeitig von ihm erfüllt zu werden? Durfte sie so die Kontrolle verlieren? Über sich und damit auch über ihn, den sie doch lenken und führen wollte? Waren seine Gefühle für sie nicht schon zu gewaltig, um ihnen standhalten zu können?
Ich schütze ihn… ich muss ihn doch schützen, damit er nicht wieder den alten Schatten erliegt…
Willst du ihn von dir abhängig machen?
Nein… nein, ich tue das nur für ihn…
Und wo hört die Liebe auf und fängt der Egoismus an? Kannst du ihm ruhigen Gewissens das geben, wovon du genau weißt, dass er danach dürstet, sich danach verzehrt? Ist das noch Freundlichkeit… oder Berechnung?
Ich würde mein Leben dafür geben, dass es ihm besser geht…
Wie viel ist dir dein Leben denn wert? Hasst du es nicht? Bist du nicht nur allzu gerne bereit, es zu opfern, nur, damit es nicht seinen Sinn verliert? Wenn er dich nicht mehr braucht, was ist dann? Wenn du ihm alles von dir gegeben hast, was wird dann geschehen? Du wirst selig lächelnd einschlafen und niemals mehr aufwachen wollen, weil alles andere für dich an Bedeutung verlöre. Arme Venya. Du warst immer so sehr auf der Suche nach seinem Licht, aber wenn es dich trifft, dich erleuchtet, siehst du nur deine eigenen Schwächen, deine Fehler, überdeutlich und strahlend. Du fürchtest dich vor deiner Dunkelheit, deswegen brauchst du sein Licht. Du bist selber zu schwach, um diese Fackel aus der Hand zu geben. Wie glaubst du dann, stark genug sein zu können, um dich selbst in seinem Licht zu ertragen?
Er denkt… anders über mich… ich kann es fühlen, er liebt mich…
Und bist du diese Liebe wert? Diese Liebe, die du selbst geschaffen hast, die nur existiert, weil du unbewusst diesen Samen in ihn gepflanzt hast, den du zusammen mit seinem Licht zu beschützen versuchst. Du bist eine Heuchlerin. Deine Liebe… ist purer Egoismus. Ist Liebe Abhängigkeit? Schenkst du ihm Liebe oder willst du ihm deine Abhängigkeit von ihm vor Augen führen, indem du nun dieselben Ketten für ihn schmiedest? Er hatte nie eine Möglichkeit, sich zu wehren oder zu sagen, was er wirklich möchte. Du hast ihn auf Gebieten geschlagen, in welchen er sich nicht auskennt. Du hast dies ausgenutzt, für dich, und nur für dich. Frag ihn. Frag ihn, was er will, was er spürt, nach was er sich sehnt. Und prüfe, ob die Antworten einen Sinn ergeben.


„Nico, was… was ist dein größter Wunsch in diesem Augenblick…?“




Nicolai
unregistriert

...   Erstellt am 16.08.2007 - 01:07Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Nicolai fühlte sich so unglaublich wohl, dass er schon ein schlechtes Gewissen bekam. Wie ging es Venya überhaupt bei all dem? Er hatte an sie gedacht, aber sie hatte abgewehrt, wollte, dass er sich uuf sich konzentrierte, dabei wollte er gar nicht so egoistisch sein. Er fühlte sich doch nicht nur wegen dem allem wohl, sondern eben wegen ihr. Sie hatte ihm so viel gutes getan und nun wollte er einfach auch etwas geben. War er denn so wichtig, dass er es wert war, so bedacht zu werden mit guten Dingen? Was war mit ihr. WO war sie, wo sah sie sich? Wer war sie? Er wusste zwar, wer sie war, aber nach all den Jahren hatten sie sich aus den Augen verloren und mussten doch auch einen Weg neu zu einander finden.

Dennoch genoss er es, dass sich Venya seiner körperlichen Nähe nicht verschloss, sondern ihm zeigte, dass auch sie es genoss, was für ihn ein vollkommen neues Gefühl war, fremd, und doch so knisternd, wie er es bisher niemals erfahren hatte. Es lag wohl auch an der geistigen Verbindung, die dennoch für ihn anders war, als für sie, denn sie war es seit ihrer Kindheit gewohnt, sich in solchen Spähren zu bewegen. Ihm war es neu und er war immer noch aufgewühlt, dass er ein wenig mehr dessen fühlte, Kontakt zu ihr hatte, eben nicht rein über den Körper. Auch glaubte er sie erneut zu spüren, wie sie sich ihm näherte, wie sie ihn beschützen wollte und auf einmal kam er sich so klar und rein und doch so klein vor. Sie ihn beschützen?

Nico, ja, das ist, was du lernen musst, sagte im seine innere, gut gemeinte Stimme. Lerne, loszulassen, lerne, du selbst zu sein, schwach ...
Ich will aber nicht nur schwach sein. Ich bin doch auch dennoch der, der ich bin, mit all meinen Schwächen, und sei es eine Schwäche, dass ich stark sein will. Bitte, was passiert. Ich kann mich doch nicht einfach aufgeben, auch wenn ich bereit bin, mich zu ändern? Ich bin doch der, der ich ich bin. Nicht alles, was ich bisher war, darf doch falsch sein? Nur weil ich verdrängt habe, unbewusst und aus Selbstschutz, bin ich doch der, der ich bin ...

Es war ein kleiner Kampf, aber er war berechtigt. Natürlich war Nicolai, wer er war und nun verstand er auch immer mehr, was Venya ihm sagte, glaubte ihre Worte zu hören. Doch dieser mentale Kontakt viel ihm dann doch noch schwer, er war so fremd. Er spürte, wie sie ihm sagte, dass es nicht sie gewesen sei, die ihn erlöst hatte - nur dass sie ihm ein wenig geholfen hätte.

Sie war so bescheiden und so dachte er ganz intensiv an sie:

Es mag sein, aber du hast etwas unwahrscheinliches vollbracht und ich möchte, dass du es siehst. Das du nicht nur mein Licht siehst, sondern auch deines. Ich möchte nicht in deinem Herzen, deinen Gedanken strahlen, ich sehe auch dein Licht und ich sehe, dass es verdunkelt ist. Ich sehe, dass du dich aufgeben würdest für mich, und das möchte ich nicht. Wir beide sind eigenständige Wesen und ich bitte dich, versperre dich nicht vor mir. Du hast mir so viel gegeben, ich möchte dir so viel zurückgeben. Ich möchte nicht nur nehmen, ich möchte dor auch geben, denn auch du hast Ängste und Zweifel an dir ... dies sehe ich, durch deinen Geist, durch deine Augen ...

Ein wenig fremd kam es Nicolai schon vor, was passierte, aber es war alles so unschuldig und dennoch so spannend und all umfassend.
Und dann spürte er, wie sie sich küssten, wie sie sich eng um einander schlangen, sich so nahe waren, im Geiste und im Körperlichen und dann fragte sie ihn eine Fragen die er leichter und beseelter nicht hätte beantworten können:

*Was ich möchte? Ich möchte dich nicht verlieren, niemals. Ich möchte dir so oft nah sein dürfen, wie du es willst. Wie du es wünscht. Und wenn du es mal nicht möchtest, so will ich dich nicht zwingen, dich frei geben. Ich wünsche mir, wenn du schon so fragst, dass wir niemals wieder so lange getrennt bleiben. Und ja, ich möchte mit dir selig einschlafen und zusammen mit dir aufwachen, denn ich habe Angst, dass es nur ein Traum ist ...*

Sanft küsste er sie erneut, diesmal nicht so leidenschaftlich und körperintensiv, sondern voller Freundschaft und seine Lippen bedeckten in kleinen Abständen die Haut ihres so lieblichen Gesichtes. Und seine Hände waren zu ihren, wenn auch verhüllten Schultern gewandert und massierten sie dort leicht,, denn zu gut erinnerte er sich an ihre Finger, wie sie seine Haut liebkost hatten, dann zu seinem Nacken glitten und auch wenn es ihn erregte, so hielt er sich zurück mit seiner Lust. Er wollte auch geben. Er wollte nicht Lust für sie empfinden, die nutzen, er wollte sie geistig und liebevoll spüren und fühlen, dass auch er fähig war, ihr zu geben. Er wollte einfach, dass sie sich beide wohl fühlten und das auch sie genoss, ohne immer nur zu geben.




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