mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 572 Nachricht senden | Erstellt am 24.06.2009 - 05:11 |  |
Nicht Fisch und nicht Fleisch
Das schlimmste Verbrechen der hiesigen Metzger lautet Grützwurst!
Ich weiß nicht, wer von Ihnen sie kennt. Mein Fleisch- und Wurstdealer um die Ecke bot mir besagte Grützwurst zum Sonderpreis von nur schlappen 7 Euro noch was
das Kilo an und meinte, ich müsse sie unbedingt probieren.
"100 Gramm? Was wollen Sie mit 100 Gramm? Sie brauchen mindestens ein halbes Pfund."
Na gut, dachte ich, der Mann muss schließlich auch von etwas leben und erwarb 300 Gramm dieser grauen, nach nichts aussehenden und nach noch weniger riechenden Masse. Dazu 2 Brötchen, um ihr einen würdigen Untergrund zu verleihen.
Was soll ich sagen? Ich war überrascht! Und zwar darüber, dass ein Fleischprodukt so wenig nach Fleisch, bzw. Wurst schmecken kann. Dieses Lebensmittel sieht aus, als bestünde es aus 50 % Fett, schmeckt jedoch nach 100% Fett. Na, wenn das mal keine Konkurrenz zu Schweineschmalz ist!
Mein bester Freund und Redaktions-Chef klärte mich dann darüber auf, dass man diese graue Masse in einer Pfanne erhitzt und zu Sauerkraut serviert. Die Grützwurst scheint also das niedersächsische Pendant zum Pfälzer "Füllsel", im Pfälzer Sprachgebrauch als "Finsel" bekannt, zu sein. Ich glaubte ihm kein Wort!
Füllsel besteht zu einem Großteil aus Schweineblut, ähnlich wie Blutwurst und ist dunkelrot. Kritiker könnten sich ob dieser Tatsache ekelerfüllt abwenden und laut aufstöhnen: "Nein, ich esse kein Schweineblut", jedoch schmeckt es herrlich. Ich sollte wieder in die Pfalz zurückziehen.
Nun, für den Rest besagter Grützwurst ließ ich mich ebenfalls von meiner einheimischen Haushaltshilfe dazu überreden, einen Topf Sauerkraut lange schmoren zu lassen, um ihm eine würdige Beilage zu präsentieren. Grützi, wie ich sie mittlerweile hasserfüllt nenne, tat mir jedoch nicht den Gefallen, schmecken zu wollen. Es kam noch viel schlimmer. Das einst sonnengelbe Sauerkraut verwandelte sich in ihrer Gesellschaft zu einer klumpigen, farbundefinierbaren Masse, die nun komplett nach Fett schmeckte.
„Sie könnten ein paar Safranfäden hinein geben, dann sieht es nicht mehr so aus wie ... na ja, so wie ... wie es eben aussieht“ war der gut gemeinte Rat meiner Nachbarin, die sich, nachdem sie dieses Kochexperiment beäugelt hatte, mit einem Nasenrümpfen zurückzog.
Sollte ich tatsächlich Perlen vor die Säue werfen?
Mein Vorschlag dazu: man gebe das Ganze unter ständigem Rühren auf den Komposthaufen!
Ich erwäge, der Landesregierung einen Brief zu schreiben und ihr den Vorschlag zu unterbreiten, das Energieproblem Deutschlands durch den Einsatz von Grützwurstkraftwerken in den Griff zu bekommen.
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 25.06.2009 - 00:15 |  |
Marina,
Wer den Norden unserer Bunten Republik kennt, der kann sowohl in sprachlicher, als auch in kulinarischer Hinsicht ein Lied davon singen. Der dortige Labskaus ist ja bekanntlich ein weiteres, ekelerregendes Gericht für verwöhnte, süddeutsche Gaumen.
Nun, mit dem Essen verhält es sich bekanntermaßen ebenso wie mit der Sprache: Im Süden (Frankreich, Italien, Österreich, Böhmen, Bayern, Schwaben, Pfalz und Saarland) ist sowohl das Essen, als auch die Sprache noch reichhaltig und opulent, ja, beinahe sogar ein bißchen blumig und verspielt. Auf jeden Fall aber ziemlich üppig und barock.
Aber je weiter man nach Norden kommt, um so nüchterner, einsilbiger (moin) und ärmer wird nicht nur die Sprache, sondern auch die Küche. Bis man irgendwo bei Ostfriesland einfach ins Wasser fällt.
Plumps!
Spätestens ab dort sind nicht nur alle Worte verstummt, sondern auch alle kulinarischen Genüsse. England sei hier als ganz besonders abschreckendes Beispiel genannt, denn die britische Küche ist ja bekanntermaßen Weltberüh..., ääh, -berüchtigt! Haggis und kaltes Nierenfett mit Pflaumenpudding in Pfefferminzsoße, dazu ein lauwarmes Bier...
Aber schweigen wir lieber von etwas Anderem. 
Zum Thema Esskultur, Philosophie und Grützwurst habe ich auf unserer kulinarisch-philosophischen Plattform folgenden Text gefunden:
der Mino schrieb
Der Niedersachse ist ein Meister im Wurstmachen, und Wurst ist ein Stück Niedersachsen-Schicksal.
Philosophischen Naturen bietet die innige Verwobenheit des Sachsenstammes mit seinen Würsten eine Fülle reizvoller Probleme.
Zum Beispiel: Wie konnte es geschehen, daß die Sachsen, die doch nach dem Zeugnis alter Chronisten eigentlich Makedonen sind und erst nach dem Tod Alexanders des Großen ins Hannoversche, Braunschweigische und Oldenburgische auswanderten, unterwegs ihr Griechisch total verschwitzten (vielleicht wanderten sie nur im Sommer?), dafür aber die altgriechische Grützwurst bis heute als Stammesnahrung bewahrt haben?
Ist, so fragen wir, Grützwurst etwas lieblicher auf der Zunge als Griechisch?
Und noch ein Rätsel: Wie war es möglich, daß die wurstliebenden Sachsen bei ihrer Eroberung Englands ganz plötzlich den Wurst-Gedächtnisschwund bekamen?
Denn England, wie jeder weiß, ist ein weißer Fleck in der Wurstgeographie.
Könnte es sein, daß die Sachsen nur diejenigen Stammesgenossen nach England abschoben, die so artvergessen waren, keine Wurst zu mögen?
Bemerkenswert wie die niedersächsische Wurstliebe ist die hohe Schätzung des wurstliefernden Schweines, die sich ebenfalls durch das ganze Stammesgebiet zieht, besonders aber im Oldenburgischen Maßstäbe setzt.
Außer der Grützwurst haben die Niedersachsen von ihren griechischen Ahnen übrigens noch die Neigung zur Philosophie geerbt, die sich auf dem Eßsektor darin äußert, daß sie das bekannteste Backerzeugnis ihres Landes nach dem großen Denker Leibniz genannt haben:
Den Leibniz-Keks. |
Ähnlich wie bei den Angelsachsen verhält es sich natürlich auch bei ihren historischen Stammesbrüdern, den Niedersachsen. Denn genau dort gibt es diese Abscheulichkeit, die sich "Grützwurst" nennt.
Hier das Rezept:
Stefan schrieb
Zutaten:
500 g Schweineschwarten,
500 g Schweinefleisch,
750 g Schweineleber,
750 g Graupen,
Salz, Pfeffer, Piment, Majoran.
Anleitung:
Schwarten in 2 Liter Wasser ca. 80 Minuten kochen. Nach 15 Minuten das gewürfelte Fleisch, nach einer Stunde die klein geschnittene Leber dazugeben.
Wenn alles gar ist, aus der Brühe nehmen.
In 1/4 l Brühe die Graupen bei milder Hitze ausquellen lassen.
Fleisch, Leber und Schwarten fein durchdrehen; etwas Brühe, die Gewürze und die Graupen dazugeben. Abschmecken.
Die Wurstmasse in eine Stoffserviette füllen, eine lange Wurst formen und die Enden zubinden.
Die Wurst in der restlichen Brühe 20 Minuten sieden (nicht kochen!) lassen.
Tipp: Grützwurst wird in Scheiben geschnitten und kalt oder gebraten mit Bratkartoffeln gegessen. |
mam schrieb
Ich sollte wieder in die Pfalz zurückziehen. |
Feigling! Wer "A" sagt, der muß auch "B" sagen.
Guten "Appetit!" 
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |