Paula 

Status: Offline Registriert seit: 23.04.2008 Beiträge: 1299 Nachricht senden | Erstellt am 06.06.2008 - 18:02 |  |

Rose "Conrad Ferdinand Meyer"
Artist/Printer: Furniss
Oscar Wilde: Die Nachtigall und die Rose
"Sie sagte, sie wolle mit mir tanzen, wenn ich ihr rote Rosen brächte", rief der junge Student, "doch in meinem ganzen Garten ist keine rote Rose."
In ihrem Nest auf der Steineiche hörte ihn die Nachtigall, und sie schaute durch das Blättergewirr und wunderte sich.
"Keine rote Rose in meinem ganzen Garten!" rief er, und seine schönen Augen füllten sich mit Tränen. "Ach, von welch kleinen Dingen hängt das Glück ab! Ich habe alles gelesen, was die Weisen geschrieben haben, alle Geheimnisse der Philosophie sind mein, und nur weil mir eine rote Rose fehlt, ist mein Leben unglücklich geworden."
"Hier ist endlich ein treuer Liebhaber", sagte die Nachtigall. "Nacht für Nacht habe ich von ihm gesungen, obgleich ich ihn nicht kannte: Nacht für Nacht habe ich seine Geschichte den Sternen erzählt, und nun sehe ich ihn. Sein Haar ist dunkel wie Hyazinthenblüten, und sein Mund ist rot wie die Rose, nach der er verlangt. Doch die Leidenschaft hat sein Gesicht bleich gemacht wie Elfenbein, und auf seine Stirn hat das Leid sein Siegel gedrückt."
"Morgen nacht gibt der Fürst einen Ball", murmelte der junge Student, "und meine Geliebte wird daran teilnehmen. Wenn ich ihr eine rote Rose bringe, wird sie mit mir bis zum Morgen tanzen. Wenn ich ihr eine rote Rose bringe, werde ich sie in meinen Armen halten, und sie wird ihren Kopf an meine Schulter lehnen, und ihre Hand wird in der meinen liegen. Doch in meinem Garten ist keine rote Rose, und so werde ich einsam sitzen, und sie wird an mir vorübergehen. Sie wird meiner nicht achten, und darüber wird mir das Herz brechen."
"Das ist wirklich ein treuer Liebhaber", sagte die Nachtigall. "Was ich singe, das leidet er: was mir Lust ist, das ist ihm Leid. Wahrlich, die Liebe ist etwas Wundervolles! Sie ist kostbarer als Smaragde und seltener als feine Opale. Sie ist nicht feil um Perlen und Granatäpfel, noch wird sie dargeboten auf dem Marktplatz. Die Kaufleute können um sie nicht handeln, noch kann sie in Gold aufgewogen werden."
"Die Musikanten werden auf ihrer Galerie sitzen", sagte der junge Student, "und auf ihren Saiteninstrumenten spielen, und meine Geliebte wird tanzen zum Klang der Harfen und Geigen. Sie wird so leicht daherschweben, dass ihre Füße den Boden nicht berühren, und die Höflinge in ihren Festgewändern werden sich um sie scharen. Doch mit mir wird sie nicht tanzen, denn ich kann ihr keine rote Rose geben." Und er warf sich ins Gras, begrub sein Gesicht in den Händen und weinte.
"Warum weint er?" fragte eine kleine Eidechse, als sie mit dem Schwanz in der Luft an ihm vorüberhuschte.
"Ja, warum?" sagte ein Schmetterling, der einem Sonnenstrahl nachflatterte.
"Ja, warum?" fragte ein Gänseblümchen ein anderes sanft und leise.
"Er weint einer roten Rose wegen", sagte die Nachtigall.
"Einer roten Rose wegen", riefen sie aus, "wie lächerlich!" Und die kleine Eidechse, die ein wenig zynisch war, lachte überlaut.
Doch die Nachtigall verstand den geheimen Kummer des Studenten; schweigend saß sie im Eichbaum und sann dem Mysterium der Liebe nach.
Plötzlich breitete sie ihre braunen Flügel aus und schwang sich in die Lüfte. Wie ein Schatten glitt sie durch das Gehölz, wie ein Schatten huschte sie über den Garten.
Mitten auf dem Rasen stand ein schöner Rosenstock, und als sie ihn erblickte, flog sie zu ihm hin und ließ sich auf einem Zweig nieder.
"Gib mir eine rote Rose", rief sie, "und ich will dir mein süßestes Lied singen."
Doch der Rosenstrauch schüttelte den Kopf.
"Meine Rosen sind rot", antwortete er, "so rot wie Taubenfüße, und röter als die großen Korallenfächer, die in den Meeresgrotten hin und her wogen. Doch der Winter hat meine Adern erstarren lassen, und der beißende Frost hat meine Knospen zerstört, und der Sturm meine Zweige geknickt. Dieses ganze Jahr hindurch werde ich keine Rosen tragen."
"Nur eine rote Rose brauche ich", rief die Nachtigall. "Nur eine einzige Rose! Gibt es denn kein Mittel, sie zu erlangen?"
"Es gibt eins", erwiderte der Rosenstrauch, "aber das ist so schrecklich, dass ich mich nicht getraue, es dir zu sagen."
"Sag es mir", bt die Nachrigall, "ich fürchte mich nicht."
"Wenn du eine rote Rose haben willst", antwortete der Strauch, "mußt du sie beim Mondenschein aus Gesang erblühen lassen und mit deinem Herzblut färben. Du mußt für mich singen und deine Brust gegen einen Dorn pressen. Die ganze Nacht hindurch mußt du für mich singen, und der Dorn muß dein Herz durchbohren. Dein Lebensblut muß in meine Adern strömen und mein werden."
"Der Tod ist ein hoher Preis für eine rote Rose", rief die Nachtigall, "und allen Wesen ist das Leben teuer. Es ist lieblich, im grünen Walde zu sitzen und den Sonnengott in seinem goldenen Wagen zu erwarten und die Mondgöttin in ihrem Gefährt aus Perlen. Süß ist der Duft des Hagedorns, und süß sind die blauen Glockenblumen, die sich im Tal verbergen, und das Heidekraut, das auf den Hügeln blüht. Doch Liebe ist mehr als Leben, und was gilt das Herz eines Vogels gegen ein Menschenherz?"
Und sie breitete ihre braunen Flügel aus und schwang sich in die Luft. Wie ein Schatten schwebte sie über den Garten, wie ein Schatten glitt sie durch das Gehölz.
Der junge Student lag noch immer im Gras, wie sie ihn verlassen hatte, und die Tränen in seinen schönen Augen waren noch nicht getrocknet.
"Sei fröhlich", rief die Nachtigall, "sei fröhlich! Du sollst deine rote Rose haben. Ich werde sie beim Mondenschein aus Gesang erblühen lassen und mit meinem eigenen Herzblut färben. Und dafür verlange ich von dir nichts, als dass du treu bleibst; denn Liebe ist weiser als alle Philosophie, wenn diese auch weise ist und mächtiger als alle Gewalt, mag sie auch noch so gewaltig sein. Flammenfarben sind ihre Schwingen, farbig wie Flammen ist ihr Leib. Ihre Lippen sind süß wie Honig, und ihr Atem ist wie Weihrauch."
Der Student schaute aus dem Gras auf und lauschte, allein er konnte nicht verstehen, was ihm die Nachtigall sagte, denn er verstand nur Dinge, die in Büchern niedergeschrieben sind.
Aber der Eichbaum verstand sie und wurde traurig, denn er hatte die kleine Nachtigall sehr gern, die ihr Nest in seinen Zweigen gebaut hatte.
"Sing mir ein letztes Lied", flüsterte er, "ich werde mich einsam fühlen, wenn du fort bist."
So sang denn die Nachtigall für den Eichbaum und ihre Stimme war wie Wasser, das aus einem silbernen Kruge rinnt.
Als sie ihr Lied beendet hatte, erhob sich der Student und nahm ein Notizbuch und einen Bleistift aus der Tasche.
""Sie hat Form", sprach er zu sich selbst, als er durch das Gehölz schritt - "das kann man ihr nicht absprechen; aber ob sie Gefühl hat? Ich fürchte, nein. Tatsächlich, sie ist wie die meisten Künstler: sie ist ganz Stil ohne irgendwelche Innerlichkeit. Sie würde sich nicht für andere aufopfern. Sie denkt nur an ihre Musik, und die Künste sind ja bekanntlich eigensüchtig. Doch man muß schon zugeben, dass sie einige schöne Töne in ihrer Stimme hat. Wie schade, dass sie nicht den geringsten Sinn oder praktischen Wert haben." Und er ging in sein Zimmer, legte sich auf sein schmales Strohbett und begann, an seine Geliebte zu denken: und nach einer Weile schlief er ein.
Und als der Mond am Himmel schien, flog die Nachtigall zu dem Rosenstrauch und preßte ihre Brust gegen den Dorn, und der kalte, kristallene Mond neigte sich nieder und lauschte. Die ganze Nacht hindurch sang sie, und der Dorn drang tiefer und tiefer in ihre Brust, und ihr Lebensblut verließ sie.
Sie sang zuerst von der Geburt der Liebe im Herzen eines Jünglings und eines Mädchens. Und am obersten Zweig des Rosenstrauchs erblühte eine herrliche Rose; Blatt auf Blatt folgte, wie ein Lied dem andern. Blass war sie zu Anfang, wie der Nebel, der über dem Fluss hängt - blass wie die Füße des Morgens, und silbern wie die Schwingen der Dämmerung. Wie der Schatten einer Rose auf einem Silberspiegel, wie der Schatten einer Rose auf den Wassern eines Waldteiches, so war die Rose, die an der Spitze des Rosenstrauchs erblühte.
Doch der Strauch rief der Nachtigall zu, sie solle den Dorn fester in sich pressen. "Presse tiefer, kleine Nachtigall", rief der Strauch, "sonst naht der Tag, ehe die Rose vollendet ist."
Und die Nachtigall preßte den Dorn tiefer, und lauter und lauter ertönte ihr Lied, denn sie sang von der Geburt der Leidenschaft in der Seele eines Mannes und einer jungen Frau.
Und ein Hauch von zartem Rosa überzog die Blätter der Rose, wie das Erröten auf den Wangen des Bräutigams, wenn er die Lippen der Braut küßt. Doch noch hatte der Dorn nicht ihr Herz erreicht, und so blieb das Herz der Rose weiß, denn nur das Herzblut einer Nachtigall vermag das Herz einer Rose rot zu färben.
Und der Strauch rief der Nachtigall zu, sie solle den Dorn noch tiefer pressen. "Preß tiefer, kleine Nachtigall", rief der Rosenstrauch, sonst naht der Tag, ehe die Rose vollendet ist."
Und die Nachtigall preßte den Dorn tiefer, und der Dorn berührte ihr Herz, und ein wilder Schmerz durchzuckte sie. Bitter, bitter war ihr Schmerz, und wilder und wilder wurde ihr Lied; denn sie sang von der Liebe, die der Tod krönt, von der Liebe, die selbst im Grab nicht stirbt.
Und die wundervolle Rose färbte sich rot wie die Rose des östlichen Himmels. Rot war der Kranz der Blütenblätter, und rot wie ein Rubin das Herz.
Doch der Nachtigall Stimme wurde schwächer, und ihre kleinen Flügel begannen zu schlagen, und über ihre Augen sank es wie ein Schleier. Schwächer und schwächer wurde ihr Gesang, und sie fühlte, wie etwas ihr die Kehle zusammenschnürte.
Dann stieß sie einen letzten Schwall von Tönen hervor. Der weiße Mond hörte es, und er vergaß unterzugehen und verweilte am Himmel. Die rote Rose hörte es und erschauerte vor Wonne und öffnete ihre Blütenblätter dem kühlen Morgenwind. Das Echo trug den Gesang in seine Purpurhöhle in den Hügeln und weckte die schlafenden Hirten aus ihren Träumen. Er schwebte durch die Schilfhalme am Flussufer und diese trugen die Botschaft bis zum Meer.
"Sieh, sieh!" rief der Rosenstrauch, "nun ist die Rose vollendet!" Doch die Nachtigall antwortete nicht, denn sie lag tot im hohen Gras, den Dorn im Herzen.
Und zur Mittagszeit öffnete der Student sein Fenster und schaute hinaus.
"Nein, welch wundersamer Glücksfall!" rief er, "hier ist eine rote Rose! Nie in meinem Leben habe ich solch eine Rose gesehen. Sie ist so schön, dass sie ganz sicher einen langen lateinischen Namen hat." Und er beugte sich hinaus und pflückte sie.
Dann setzte er seinen Hut auf und eilte zum Haus des Professors, die Rose in der Hand.
Die Tochter des Professors saß vor der Haustür und wickelte blaue Seide auf eine Spule, und ein kleiner Hund lag zu ihren Füßen.
"Ihr sagtet, Ihr wolltet mit mir tanzen, wenn ich Euch eine rote Rose brächte", rief der Student. "Hier ist die röteste Rose der Welt. Ihr sollt sie heute nacht an Eurem Herzen tragen, und wenn wir zusammen tanzen, wird sie Euch sagen, wie sehr ich Euch liebe."
Doch das Mädchen blickte abweisend drein.
"Ich fürchte, sie wird nicht zu meinem Kleid passen", antwortete sie, "und außerdem hat der Neffe des Kammerherrn mir echte Juwelen geschickt, und Juwelen sind bekanntlich viel teurer als Blumen."
"Ich muss schon sagen, Ihr seid sehr undankbar", rief zornig der Student; er warf die Rose auf die Straße, und sie fiel in den Rinnstein, und ein Wagenrad ging über sie hinweg.
"Undankbar?" sagte das Mädchen. "Ich will Euch etwas sagen: Ihr seid recht unverschämt. Und außerdem, wer seid Ihr schon? Nur ein Student. Ihr habt, glaub ich, nicht einmal Silberschnallen an den Schuhen wie des Kammerherrn Neffe." Und sie stand von ihrem Stuhl auf und ging ins Haus.
"Wie töricht ist doch die Liebe!" sagte der Student im Weggehen. "Nicht halb so nützlich wie die Logik ist sie, denn sie beweist gar nichts, und sie spricht immer nur von Dingen, aus denen niemals etwas wird, und lässt einen Dinge glauben, die nicht wahr sind. Wirklich, sie ist etwas durchaus Unpraktisches, und da in unserer Zeit das Praktische alles ist, so werde ich zur Philosophie zurückkehren und Metaphysik studieren."
So ging er denn wieder in sein Studierzimmer, holte ein großes, staubiges Buch hervor und begann zu lesen.
Dieser Beitrag ist von Minka
[Dieser Beitrag wurde am 06.06.2008 - 23:38 von Paula aktualisiert]
|