WHISPER  Hohepriesterin
       

Status: Offline Registriert seit: 21.04.2005 Beiträge: 2735 Nachricht senden | Erstellt am 10.05.2006 - 17:25 |  |
Fundstück aus den Tiefen des nets :
Um vorbehaltlos ehrlich zu sein: Mir grausts vor dem Muttertag.
Viele, meistens ältere Damen - erwarten, am Muttertag ohne Rücksicht auf Verluste hofiert zu werden . Deren ganze Familie atmet auf, wenn
der Anstandsbesuch endlich vorbei ist . In weiterer Folge sind die jungen Mütter von kleinen Kindern angesichts der nur mühsam verborgenen
Aggressionen dankbar , dass die Großfamilie endgültig ein Auslaufmodell darstellt.
Jedes Jahr aufs neue wird man angesichts der Medienkampagnen auf harte Proben gestellt.
Diese sieht nämlich so aus, dass eine Frau, sobald sie ein Kind bekommt, zum asexuellen Muttertier gestempelt wird, eine Existenz zwischen schmutzigen Windeln, einem mangels Hilfe aus dem Umfeld
vernachlässigten Haushalt und einem Partner, der froh ist, nicht den ganzen Tag zu Hause in all dem Chaos sein zu müssen.
Die zweifellos vorhandenen glücklichen Momente mit einem Kind können auf Dauer diese Defizite kaum aufwiegen, und die im günstigsten Fall
gutgemeinten Ratschläge seitens wohlmeinender Familienmitglieder und Bekannter verschlimmern die Dauerkrise noch zusätzlich. Es mag sein,
dass gelegentlich der sogenannte Baby-Blues durch einen marodierenden Hormonhaushalt verursacht wird, in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle hat er jedoch zweifellos seinen Ursprung in einem Umfeld, das überhaupt nicht daran denkt, Hilfestellungen zu geben. Nach der ersten familiären Begeisterung über das neugeborene Baby kehrt der Alltag ein,
und der ist auch ohne spezielle Probleme in Form von Kinderkrankheiten oder ähnlichen Unbilden freudlos genug; eine freundliche Geste seitens
des Partners, die sich auf die Frau und den Menschen bezieht, kann hier Wunder bewirken – oder besser gesagt, könnte, denn häufig sucht man
solche Gesten oft vergeblich.
Kaum jemand spricht offen aus, dass man mit einem kleinen Kind 24 Stunden am Tag Bereitschaftsdienst hat, dass das vorhandene Schlafdefizit unter anderen Umständen einen Amnesty
International-Bericht zur Folge hätte, dass man spätestens zwei Monate nach der Geburt eine Ahnung hat, was es heißt, vom gesellschaftlichen
Leben so gut wie ausgeschlossen zu sein, angewiesen auf die Gnade mitfühlender Menschen, die es wagen, den Versuch zu unternehmen, trotz ständiger Unterbrechungen Gespräche zu führen, die über die Themen Babynahrung, Windeln und Wachstumstabellen hinausgehen.
Die Mutigen werden im Laufe der Zeit immer weniger, und zum ersten Geburtstag des Kindes ist man nicht mehr in der Lage, zusammenhängende Sätze zu
formulieren, geschweige denn, weltwirtschaftliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge herzustellen. Wie auch, wenn sich Zeitungen mit Inhalten abseits von Kindererziehung und kindlicher
Entwicklung stapeln, die mit wöchentlich steigender Höhe zunehmend Depressionen hervorrufen und einem die gravierenden Defizite der eigenen Information und Weiterbildung drastisch vor Augen führen ?
Die Abhängigkeit des Kindes von der Mutter verringert sich mit zunehmendem Alter des Nachwuchses, wenn auch mit zeitweise enormen
Rückschlägen in Form von regressiven Phasen und Krankheiten. Eine Ahnung von Freiheit ist erst wieder in Sicht, wenn das Kind ins Kindergartenalter kommt, sofern der Kindergarten dem entspricht, was
man sich als konform mit den eigenen Wertmaßstäben vorstellt, sodass man beruhigt seinem Beruf und – in bescheidenem Rahmen - seinen persönlichen Neigungen nachgehen kann, wodurch das Leben mit dem Kind wieder entspannter wird, weil der Teufelskreis aus kindlicher Abhängigkeit und verdrängten Bedürfnissen endlich durchbrochen ist und man auch von seiner Umwelt wieder allmählich als Mensch wahrgenommen wird.
Das Leben gewinnt zusehends wieder an Qualität; nicht nur das eigene, sondern in Folge der zunehmenden Reife auch das des Kindes. Der Tatsache zum Trotz, dass die Pubertät zwischendurch einiges in Schieflage geraten lässt, stellt es doch einen gravierenden Unterschied dar, ob ein Kind seine Gefühle, Wünsche und Probleme verbal artikulieren kann oder nur durch Weinen, Quengeln oder Brüllen.
Im Laufe der Jahre verlieren sich auf diese Weise manche Traumata im Strom der Zeit, andere bleiben jedoch ein Leben lang erhalten und hinterlassen tiefe Spuren, auch wenn ihre Schärfe nachlässt.
Der Handel profitiert von diesem Tag, keine Frage, denn nur allzuviele Väter und Kinder versuchen, sich freizukaufen, bis auf jene erbärmlichen Kreaturen, die Muttertagsgeschenke als Konsumterror
bezeichnen und lauthals die Unabhängigkeit ihrer Zuwendungen von bestimmten Tagen proklamieren, wobei dann auch an den anderen Tagen
keinerlei Zuwendungen in menschlicher oder materieller Form zu erwarten sind.
Frauen schätzen romantische Gesten, die ohne Termindruck zustande kommen, was aber nicht bedeutet, dass fantasie- und stilvolle
Aufmerksamkeiten zum Muttertag nicht gerne gesehen werden. Die Betonung liegt hier allerdings eindeutig auf fantasievoll, denn Küchengeräte und
08/15 – Parfums vom Drogeriediskonter fallen sicherlich nicht in diese Kategorie ! Sinnvoll und nicht an Chauvinismus zu überbieten wäre da
doch eine der hübschen Kittelschürzen zu schenken, die auch wieder verstärkt angeboten werden.
Angesichts der ganzheitlichen Schieflage plädiere ich überhaupt dafür, den Weltfrauentag auf den Muttertag zu legen, damit diese unterschwellige Verlogenheit mit leicht bräunlichem Beigeschmack ein Ende hat und auch kinderlosen Frauen die Ehre zuteil wird, die ihnen zusteht ...
  
Signatur Pazifisten sind wie Schafe, die glauben, der Wolf sei ein Vegetarier... |