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bevly ...
Schreiberling
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...   Erstellt am 30.12.2006 - 17:58Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Philosophie:

~~~~~~~~~~~~~

Müssen wir sterben, Emily?

Für Aaron

Teil 1

Wasser.
Ein Glas voll damit. Sauber sogar. Was für eine Verschwendung.
Und dann die Tabletten – soll ich sie wirklich nehmen? Naja, wo ich schon mein gesamtes Erspartes dafür ausgegeben habe…
Uh, schmecken ja grausig! Nun, hoffentlich wirken sie wenigstens.
Ich bin 14 Jahre alt, mittelgroß. Habe blonde Haare, straßenköterblond. Blaugraue Augen, Sommersprossen.
Ich bin 14 Jahre alt, drei Monate und vier Tage. Nicht älter. Daraus wird jetzt wohl auch nichts mehr.



Wo bin ich hier?
Wer bin ich überhaupt? Nein, falsche Frage. Was bin ich? Kein Körper; nur ein Bewusstsein, dass ich existiere. Gedanken. Und um mich herum ein weites Nichts. Besser kann ich es nicht beschreiben.
Was ist geschehen? Aber das weißt du doch! Ich meine: Das weiß ich doch.
Interessant, ich dachte immer, der Tod wäre das Ende. Hm… scheinbar doch nicht.
Bin ich hier allein? Ja, ich denke schon. Immerhin spricht keiner mit mir. Apropos sprechen: Kann ich eigentlich sprechen?
Ohne Mund, na immer doch. (Hm… Ironie bringt irgendwie nichts, wenn man nur mit sich selber redet.)
Aber wo sind die anderen Toten? Vielleicht kann ich sie suchen?
Naja, ich merke ja nicht einmal, ob ich mich von der Stelle bewege, hier sieht immerhin alles gleich aus. Wahrscheinlich treibe ich im Kosmos oder so etwas.
Wenn ich noch einen Mund hätte, würde ich jetzt wohl lachen. Denke ich mal. Oder eben nicht; wie auch immer.
Was machen Tote so den lieben langen Tag über? Wobei: Woher will ich wissen, dass nicht in dieser scheinbar kurzen Zeit schon ein Jahrtausend vorbeigezogen ist?
Na, dann eben anders: Was machen Tote so in der Ewigkeit?
Nachdenken, vielleicht.



Hat sich meine Situation verbessert?
Gewissermaßen. Immerhin habe ich keinen Hunger mehr. Traurig sein kann ich auch nicht. Eigentlich ist mir alles ziemlich egal. Irgendwie gleichgültig.
Ich langweile mich bloß etwas. Glaube ich. Allerdings bin ich mir da auch nicht so sicher.
Naja, aber insgesamt ist es jedenfalls nicht schlimmer, oder?
Hm, mal überlegen.
Meine Geburt. An sich nichts Besonderes. Ich kann mich ja nicht dran erinnern. Aber Mum sagte, dass mein Vater nicht da war. Der hatte sie ja verlassen. Typisch. Mum hat sich immer an die Falschen rangeschmissen.
Meine Vorkindergartenzeit. Ich gebe ehrlich zu, dass ich von den drei Jahren auch nichts mehr weiß. Nur an Mums Parfüm erinnere ich mich, sehr gut sogar; das roch süß, nach Vanille. Später hat sie es nie aufgelegt. Ich glaube, sie hatte nicht mehr genug Geld, sich welches zu kaufen. Und den Rest, den sie besaß, empfand sie wohl als zu schade.
Meine Kindergartenzeit. Ja, einige deutliche Erinnerungen zeigen sich da. Mein erster Kindergartentag zum Beispiel. Mum brachte mich hin. Das Gebäude stand ganz in der Nähe unserer kleinen Wohnung im Dachgeschoss, zu der man so viele Treppenstufen hinauf gehen musste. 175, um genau zu sein. Der Kindergarten war ein großer grauer Klotz mit braunen Vorhängen vor den Fenstern. Als ich ihn sah, klammerte ich mich ganz fest an Mums Hand und heulte, ich wolle bei ihr bleiben. Sie drückte mich und sagte, ich müsse jetzt stark sein. Ich sei ja schon ein großer Junge. Und dann ging sie und ließ mich alleine. Und diese Menschen da, die waren alle unfreundlich. Ich habe sie gehasst; sie alle. Nur meine Mum habe ich abgöttisch geliebt.
Meine Schulzeit – mein erstes Jahr. Mum hatte sich in einen meiner Lehrer verknallt. Ich fand den Typ grässlich, aber Mum war irgendwie hingerissen. Es war ziemlich peinlich, wenn die großen Schüler mir „Lehrerkind!“ oder meiner Mum „Lehrer*piep*erin!“ hinterherschrien. Ich habe mich manchmal aufs Klo verzogen und geheult. Mum hat immer gesagt, ich solle es ignorieren. Aber das ging einfach nicht. Nicht, wenn sie Mum beleidigt haben. Als mir einer „Deine Mutter treibt’s mit ’nem Lehrer!“ hinterherbrüllte, habe ich ihm eine reingehauen. Das war einfach nicht okay. An dem Tag bin ich total zerschlagen heim gekommen. Aber Mum wollte ich partout nichts erzählen. Sie sollte nicht meinetwegen weinen müssen.
Mein zweites Jahr. Ich war eigentlich gut in der Schule, allerdings galt ich deswegen als Streber. Das war natürlich gar nicht nach meinem Geschmack – und deshalb vernachlässigte ich die Hausaufgaben, wurde aufmüpfig und tat nichts mehr für die Schule. Im Unterricht schlief ich häufig, weil ich am Abend wieder so lange ferngesehen hatte. Mum bekam davon nie was mit. Sie arbeitete so viel, dass sie abends nicht einmal mehr aß, sondern gleich zu Bett ging. Ihren Freund waren wir wenigstens losgeworden, also passte keiner auf, was ich tat.
Mein drittes Jahr. Die Beschwerdebriefe der Schule häuften sich schon bei uns, doch ich ließ sie immer verschwinden, bevor Mum heimkam. Da ich im Wohnzimmer auf der Couch schlief und dort das Telefon stand, nahm ich jedes Mal den Hörer ab, wenn es klingelte. Und wenn die Schule anrief, legte ich einfach wieder auf. So flog ich eines Tages von der Schule, aber nicht einmal das ließ ich Mum mitkriegen.
Mein viertes Jahr. Ich hatte mir eine andere Schule gesucht; sie lag in den Slums und wurde besucht von Straßenkindern, Strichkindern, Kleinkriminellen, Jugendgangs – die „Creme der Gesellschaft“, wie sie sich sarkastisch nannten. Ich gab vor, keine Familie zu haben und in einer verlassenen Fabrik zu wohnen. Tatsächlich hatte ich mir eine ebensolche mit Möbeln vom Sperrmüll und Zeug vom Schrottplatz hergerichtet und ich traf mich dort manchmal mit meinen Mitschülern um eine zu rauchen.
Mein fünftes Jahr. Mum hatte wieder einen neuen Freund. Den Direktor meiner ehemaligen Schule. Sie war dort gewesen, um sich nach mir zu erkundigen und hatte erfahren, dass ich die Schule längst verlassen hatte. Nach einem klärenden Gespräch mit mir war sie mit dem Direx essen gegangen – warum auch immer. Und dann waren wir bei ihm eingezogen.
Mein sechstes Jahr. Der Direx war ein echtes Ärgernis. Ich habe ihn total gehasst. Und eines Tages ging ich zu Mum und sagte ihr das. Mitten ins Gesicht. „Mum, der Direx ist ein Arschloch“, sagte ich. (Ich weigerte mich standhaft, ihn anders zu nennen als „den Direx“.) Sie brach in Tränen aus; in der letzten Zeit hatte sie oft geweint. Ich wollte das nicht sehen. Ich sagte ihr, sie solle sich besser von ihm trennen und ging. Wäre ich doch bloß dageblieben. Als ich wiederkam lag Mum tot auf dem Küchenfußboden, neben ihr eine leere Packung Schlaftabletten. Ich hockte mich in eine Ecke und wartete auf den Direx. Als er kam, schlug ich so lange auf ihn ein, bis er ohnmächtig neben Mum’s Leiche lag. Dann rannte ich weg. Ich verließ die Schule und zog in meine verlassene Fabrik.
Meine „kriminelle“ Zeit. An sich lebte ich von der Hand in den Mund. Ich klaute mir meine Nahrung zusammen oder erbettelte mir Geld. Manchmal gelang mir ein besonders großer Coup. Dann beging ich Ladendiebstahl und verhökerte meine Beute. Aber manchmal hatte ich auch nichts. Manchmal war ich dem Tode nahe. Drei Jahre lang ging das so. Bis ich Mum’s Beispiel folgte.



Kommen gute Menschen in den Himmel?
Ich meine, wenn ich jetzt nicht kriminell geworden wäre, wenn ich niemandem geschadet hätte, wäre ich dann im Himmel gelandet? Oder ist das hier vielleicht sogar der Himmel? Oder die Hölle?
Bin ich eigentlich ein guter Mensch oder eher nicht?
Eher nicht. Ich habe gestohlen, ich habe geprügelt, beschimpft, zerstört. So etwas machen gute Menschen nicht. Und vor dem Jüngsten Gericht kann man wohl nicht auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Und die Story mit der tragischen Kindheit hilft wahrscheinlich auch nicht.
Also bin ich entweder jetzt in der Hölle, oder ich komme noch dahin, oder aber es gibt keine Hölle. Je nachdem.



Wer entscheidet darüber, wer wann wie wo stirbt?
Sitzt da vielleicht Gott auf einer Wolke und denkt sich „Ja, den nehmen wir mal. Und den da auch. Oh, und die und die und die…“? Oder ist das Schicksal?
Oder gibt es vielleicht den Tod als Person der sich diejenigen holt, die sterben sollen? Wahrscheinlich. Und damit er die alten Leute nicht erschreckt, sieht er aus wie ein kleines Mädchen von ungefähr sieben Jahren mit großen dunklen Augen, die Weisheit ausstrahlen, und einem blonden Lockenkopf wie ein Engel. „Hallo“, sagt er dann zu der alten Frau im Krankenhaus, „ich heiße Emily. Komm mit, ich will dir etwas zeigen.“ Und verzaubert folgt die alte Frau dem hüpfenden Mädchen direkt ins Totenreich.
Ach, Emily, hättest du nicht auch zu mir kommen können?
Nein, du bist ja von selbst gekommen. Dich brauchte ich nicht dazu zu ermutigen.



Wolltest du, dass ich jetzt schon sterbe, Emily?
Warum willst du das wissen?
Ich will wissen, ob es wirklich meine eigene Entscheidung war.
Das war es.
Aber wolltest du das? Ich meine, war das so „geplant“.
Nun, ich würde sagen, es war eine Möglichkeit. Hättest du sie nicht ergriffen, wären weitere Möglichkeiten gekommen.
Möglichkeiten zu sterben? Na, herzlichen Dank.


Müssen wir sterben, Emily?
Wir? Du meinst dich und die anderen Menschen?
Ja, natürlich.

Warum?
Damit das Gleichgewicht bestehen bleibt.
Welches Gleichgewicht? Drück dich mal deutlicher und weniger nebulös aus.
Das Gleichgewicht der Welt. Der Tod gehört zum Leben dazu. Sonst gäbe es zu viele von euch, weil ja immer neue Menschen geboren werden.
Dann dürfen eben keine neuen Menschen geboren werden.
Das würde dazu führen, dass ihr euch nicht weiterentwickelt. Es würde nichts Neues entstehen.
Also ist der Tod wichtig für das Leben?
Ja, so war das schon immer. Ohne Licht kein Schatten. Ohne schlechte Dinge nichts, woran man das Gute messen könnte – also auch nichts Gutes.
Aha.


Emily, was ist Gut?
Was sagst du denn dazu?
Naja, wenn man eben gut zu anderen Menschen ist und… ach, ich weiß auch nicht.
Für mich gibt es kein Gut und Schlecht.
Nicht?
Nein, für mich sind das menschengemachte ethische Werte. Gesellschaftsbedingt. Sie bringen einem nichts. Am Ende ist jeder tot.
Was soll das heißen?
Was?
Das „gesellschaftsbedingt"
Dass die Gesellschaft das für gut hält und das für schlecht, dass aber eine andere Gesellschaft das anders sieht und nun keiner wirklich sagen kann, was richtig und was falsch ist.
Hä? Ich meine: Wie bitte?
Stell dir einmal vor, es gibt zwei Völker mit verschiedenen Religionen, Staatssystemen, Sichtweisen etc.
So wie die Weißen die nach Amerika kamen und die Eingeborenen?
So in der Art, nur krasser. Wir nennen sie mal Volk A und Volk B. Volk A hat folgende Einstellung:
Jemandem etwas anzutun ist schlecht und vollkommen böse. Jemandem zu helfen ist gut.
Volk B sagt:
Man darf seinem Bruder/seiner Schwester (also seinem Nächsten) nichts tun. Man muss aber für seinen Glauben eintreten. Notfalls auch mit Gewalt!
Nun gibt es ein Problem. Ein Politiker aus Volk A kritisiert Volk B und ihren Glauben. Volk B ist darüber erzürnt und erklärt Volk A den Krieg, bei dem dann viele Menschen sterben.
Volk A sagt nun:
Wir sind nicht schuld, wir haben nicht angefangen.
Volk B aber sagt:
Sie haben uns beleidigt. Wir durften das.
Beide sagen, sie sind im Recht. Du stammst aus einer Gesellschaft, die Volk A ähnlich ist. Also würdest du sagen, Volk A ist im Recht. Allerdings würde jemand mit einer Einstellung wie der von Volk B das Gegenteil sagen. Und nun beweise mir bitte, dass Volk A im Recht ist oder eben nicht. Ich meine: Wer weiß denn wirklich, was richtig und was falsch ist?

Ich kann dir folgen. Aber ich weiß nicht… es klingt so… klar, dass Volk A recht hat.
Ist meine Meinung, nicht deine. Fang damit an, was du willst. Ich wollte dich bloß zum Denken anregen.
Danke, das hast du gemacht.

~~~~~~~~~~~~~

Mal schauen, vllt. schreibe ich noch weiter... =) Sagt erst mal, was ihr davon haltet.
EDIT: Vllt. hab ich das ins falsche Unterforum gestellt. Könnt ihr das in Lebenseinblicke verschieben?

[Dieser Beitrag wurde am 28.05.2007 - 15:19 von bevly aktualisiert]





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Jane Austen - Pride & Prejudice

Paley ...
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Registriert seit: 29.05.2007
Beiträge: 107
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...   Erstellt am 18.06.2007 - 15:26Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Interessante Idee, aber irgendwie wirkt das Ganze, als würde die Person sich selbst interviewen. Ich finde, dass die Fragen den Text zu sehr strukturieren.
Aber sonst:





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Es wohnen die Gedanken
in einem hohen Haus.
Ich klopfte, doch immer hieß es:
"Die Herrschaft fuhr eben aus."

Nun klopf ich ganz bescheiden
bei kleineren Leuten an.
Ein Stückel Brot, ein Groschen
ernähren auch ihren Mann.
(Wilhelm Busch)


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