Athene  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 14.07.2006 Beiträge: 122 Nachricht senden | Erstellt am 14.07.2006 - 20:36 |  |
Mondlicht
Ein lauer Sommerabend. Soeben sind die letzten Sonnenstrahlen am Horizont versunken, eine leichte Röte überzieht noch den Abendhimmel. Schon sind die ersten Sterne zu sehen, schwach noch, doch schon das Versprechen auf das faszinierende Funkeln und Glittern an einem nachtblauen Himmel.
Das Zwitschern der Vögel ist verstummt. Geborgen in ihren Nestern warten sie auf den Morgen, der die Dunkelheit verdrängt. Jetzt ist die Zeit für anderes Leben. Leben, das die Dunkelheit sucht, das nicht im Hellen leben kann. Huschende Schritte, geheimnisvolles Flüstern ist zu hören, die Geschöpfe der Nacht erwachen aus ihrem Schlaf.
Luise geht langsam ans Fenster, an ihrer Seite der braun-schwarz gefleckte Hund, der nie mehr als ein oder zwei Meter von ihr entfernt ist. Zusammen stehen sie am Fenster, schauen in die aufsteigende Dunkelheit.
„Sieh doch, Wolf, der Mond ist voll. Ist das nicht schön, wie er gelb und strahlend über dem Wäldchen steht?“
Der Hund drückt sich an die Seite des zierlichen jungen Mädchens, ein warnendes Knurren kommt aus seinem Maul. Die Lefzen hochgezogen. Ein scharfes und bedrohliches Gebiss ist zu sehen.
„Ob er heute wieder kommt? Dieser Mann? Ob er wieder die Gitarre dabei hat?“
Luise ist voll Vorfreude. Etwas Unbekanntes, etwas Geheimnisvolles zieht durch ihren Körper. Sehnsucht, der Wunsch nach Liebe, Begehren nach Etwas, das sie nicht kennt. Alles konzentriert sich auf diesen jungen Mann. Er, der dunkel und
fremdartig seit mehreren Nächten am Waldrand zu sehen ist. Groß, schlank, von einer geheimnisvollen Aura umgeben. Den Blick aus seinen untergründlichen Augen spürt sie mehr, als dass sie ihn sieht. Zauberhaft sanfte Melodien zupft er aus seiner Gitarre, die Töne fliegen wie kleine, bunte Vögel in ihr Ohr.
Luises weißes Mussolin-Kleid raschelt, als sie sich seufzend an das alte Frisier-Tischchen setzt. Auf kleinen gehäkelten Deckchen steht alles, was das Herz einer jungen Dame begehrt. Kleine Porzellan-Töpfchen, gefüllt mit duftenden Inkredenzien. Gläserne Phiolen, gefüllt mit sinnlichen Düften. Goldene Bürsten, Haarspangen und Kämme.
Luise setzt sich vor den Spiegel. Betrachtet ihr Gesicht, die bis zur schmalen Taille hinabwallenden blonden Locken. Ob er wohl Gefallen an ihr findet? Minutenlang bürstet sie die Haare, bis sie glänzen wie der volle Mond, der jetzt am Himmel strahlt. Große blaue Augen mit einem dichten Wimpernkranz betrachten das eigene Spiegelbild. Ihre Finger fahren über die vollen, roten Lippen. Ja, sie ist schön. Sie streicht dem großen Hund, der sich neben ihr auf dem Boden ausgestreckt hat, liebevoll über den Kopf.
Ganz weit und doch so nah dringt plötzlich sanfte Gitarrenmusik in ihr Bewusstsein.
„Komm, Wolf, heute Nacht wollen wir es wagen. Lass uns diesen Fremden suchen. Ich will in seine Augen sehen, will wissen, ob er das gleiche für mich empfindet wie ich für ihn.“
Wieder knurrt der Hund, als wolle er sagen, geh nicht, es ist gefährlich. Draußen wartet das Verderben.
Zögerlich nimmt sie einen seidenen Umhang, legt ihn wieder ans Fußende des Bettes. Die Nacht ist lau, der Duft der Rosen liegt schwer über dem Garten.
Ihr Kleid schwingt locker und leicht um die zierlichen Knöchel, die Taille eng geschnürt, der kleine Busen drückt aus der engen, spitzenbesetzten Korsage. Sie trägt keinen Schmuck außer dem kleinen, filigran gearbeiteten Amulett, das ihr die Mutter auf dem Sterbebett geschenkt hat.
Langsam geht sie durch den Garten, hin zum Waldrand. Dorthin, wo er auf sie wartet, der geheimnisvolle, dunkle Mann. Er spricht kein Wort, breitet eine Decke aus, auf der sie sich seufzend niederlässt, den Hund an ihrer Seite.
Er spielt nur für sie, singt leise und verlockend fremdartige Lieder, die ihr Schauer über den Rücken jagen.
Er singt von Liebe, von geheimnisvollen Berührungen zweier Körper, von streichelnden Händen, die ihren Leib in eine andere Welt führen. Von Küssen,
von Lippen, die zärtlich und gierig ihren Mund suchen. Sie ist gefangen im Zauber seiner Melodien.
Die Musik verstummt, mit langsamen und lasziven Bewegungen kommt er auf sie zu, legt sich neben sie auf die Decke. Sein dunkler Blick senkt sich tief in ihre blauen Sterne, seine Arme ziehen sie zärtlich an sich.
Sie sieht auf ihn hinunter, sieht das Lächeln auf seinen Lippen. Wie unter Zwang berührt ihr Mund seine Augen, streift über die Wangen, verweilt für einen himmlischen Augenblick auf seinem Mund.
Weiter, ihre Arme umschlingen ihn fest. Ihr Mund erreicht die pulsierende Stelle an seinem Hals. Sie fühlt das heiße, drängende, klopfende Leben an ihren Lippen.
Endlich wird ihre tiefe Sehnsucht erfüllt. Kleine spitze Zähne graben sich in seinen Hals, köstlich süßes Blut füllt ihren Mund. Luise blickt in seine dunklen Augen. Sie sieht, wie ein erstes Entsetzen sich wandelt in stumme Ergebenheit. Fühlt, wie das Leben aus ihm schwindet, spürt, wie eine geheimnisvolle Kraft in ihr aufsteigt, wie altes Wissen machtvoll an die Oberfläche dringt.
Sie spürt fremde Blicke. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, stehen am Fenster des Hauses, beobachten das grausige Geschehen unter dem Schein des vollen Mondes.
„Sie ist erwacht“. Zufrieden lächelt nimmt der alte Mann die Frau am Arm, verschwindet mit ihr in der Dunkelheit.
[Dieser Beitrag wurde am 14.07.2006 - 22:21 von Minotaurus aktualisiert]
Signatur Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!
(Indianerweisheit) |
Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 20.11.2006 - 13:38 |  |
Mir gefällt diese Geschichte sehr gut und sie läßt - meiner Meinung nach - verschiedene Interpretationen zu.
Für mich scheint sie die ersten, zarten Gefühlsregungen eines jungen Mädchens zu beschreiben, die neugierig das Große, Dunkle, Unbekannte sucht. Der knurrende Hund an ihrer Seite ist ihre eigene Unsicherheit, ihre unterschwellige und unbewußte Angst.
Sehr gut ist die Überleitung vom neugierigen Mädchen zum blutrünstigen Vampir - also vom Opfer zum Täter - gelungen.
Aber auch der Schluß gefällt mir gut. Für mich schildert er den Stolz des Vaters über das Erblühen seiner Tochter.
Aber wie bereits gesagt, das ist meine Interpretation, vielleicht wollte Athene etwas völlig anderes zum Ausdruck bringen.
@ Johnny, ja, man sagt so: "Der Mond ist voll."
@ Chrissi, es spielt gar keine Rolle, ob der Gitarrenspieler nun tot ist oder ob er jemals real existierte. Realität hat in solchen Geschichten nur wenig verloren.
Fantasygrüße vom Mino
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Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
<Gast> unregistriert
| Erstellt am 20.11.2006 - 18:50 |  |
Nun, ich habe versucht mich in den Text fallen zu lassen, habe auf den Rhythmus der Sprache gelauscht, und da ich ein empfindsames Ohr dafür habe, mir es aber dennoch gelungen ist, und ich erst wieder zu mir kam, als das Blut floss, kann ich nur sagen: Chapeau!
Die metaphorische Interpretaion, war für mich nicht wichtig, obgleich ich im Nachhinein vermutete, dass es auf so etwas hinausläuft, allemal bei Athene.
Ich hätte mir gewünscht, dass es bis zum Ende eine schöne, poetische Romanze geblieben wäre, vielleicht mit mir als geheimnisvoller Mann am Waldrand .
Gerhard
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darkangel  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 04.08.2007 Beiträge: 49 Nachricht senden | Erstellt am 04.08.2007 - 23:04 |  |
hallo athene, sieh an, ein bekanntes gesicht im neuen namensgewand diese story durfte ich schon auf webstories genießen, ich nenne sie weiterhin "träumerisch niedlich" inzwischen ist mir aber einiges aufgefallen, worauf ich dich hinweisen möchte:
"Luise geht langsam ans Fenster" klingt für mich sperrig. vllt kannst du das umformulieren.
"Er, der dunkel und
fremdartig seit mehreren Nächten am Waldrand zu sehen ist." der absatz kommt mir fehl am platz vor. ich würde ihn nach dem satz und nicht mittendrin anbringen.
"die Töne fliegen wie kleine, bunte Vögel in ihr Ohr." der vergleich mit den vögeln gefällt mir, jedoch das "in ihr ohr" macht für mich das bild wieder kaputt, es klingt nach gehörgang und wattestäbchen zb "an ihre ohren" klänge meiner meinung nach "harmonischer"
sooo, ich habe anscheinend irgendwas geschluckt, was mich zu relativ pathetischen redewendungen veranlasst, also nicht wundern
deine story lässt mich intensiv mitfühlen. ein schleier des fremden rosengartens geistert noch durch mein zimmer...
lg darkangel
Signatur Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird. |