johnnyrebel  Moderator a.D.
 

Status: Offline Registriert seit: 12.09.2006 Beiträge: 242 Nachricht senden | Erstellt am 04.04.2007 - 11:30 |  |
Mein Vermächtnis
Brief eins
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Liebe Mama,
der Schmerz ist noch heute, auch nach fünfundvierzig Jahren, nicht vergangen. Warum hast Du mich damals belogen? Kannst Du Dich noch an den Nachmittag an Weihnachten erinnern, wo ich so stolz auf meinen Kran gewesen bin, den Du, ganz heimlich, für mich in dem großen Einkaufscenter am Faye Blvd. gekauft hast? Damals kamen wir spät abends nach Hause. Doch, so leise wir uns auch bewegten, Vater bekam doch mit, gerade als Du die Tür geöffnet hattest und ich niesen musste, dass wir daheim angekommen waren. Du wolltest mir gerade noch mitteilen, dass ich den Kran vor der Haustür verstecken sollte, doch da bekamst Du schon die Faust von Vater in Dein Gesicht.
Ich weiß noch heute, obwohl ich damals erst fünf war, wie das Blut aus Deiner Nase schoss. Auch fühle ich noch heute den Schmerz, als Vaters Faust auch mich traf. Ich spüre noch heute den Schmerz, wie er mir die Nase zertrümmerte und ich spüre noch den wackelnden Schneidezahn. Seinen Atem, schmutzig, durch Alkohol. Warum hast Du damals gelogen, als Du sagtest, alles wird gut?
Ich sehe noch heute, wie Vater anschließend den Kran, meinen Kran, unter seinen Füssen zertritt. Wie ich, zusammengekauert in der Ecke des Flures hocke und sehe, wie Dir Vater den Rock zerreist. Ich höre Dich wimmern, flehen und betteln, es nicht zu tun. Doch Vater macht weiter. Noch immer sehe ich, wie er Deine Beine spreizt und irgendetwas mit Dir macht, was Du nicht willst. Ich höre noch immer Deinen Schrei, als er auf Dir liegt, sich bewegt und Du mir zu verstehen gibst, ich soll doch endlich in mein Zimmer gehen.
Doch ich konnte nicht. Vater hielt mich mit seinen Blicken fest. Ich sah die ganze Zeit sein Grinsen, sein Gesicht, was mich anstarrte, als er auf Dir lag, das ganze Blut, als er von Dir ließ und es zwischen Deinen Beinen hervor schoss. Und immer wieder sehe ich sein Gesicht vor mir, wie es mich angrinst, die ganze Zeit über. Mama, es tut mir heute noch leid. Ich wollte doch helfen, aber ich konnte nicht. Was hätte ich denn machen sollen?
Du sagtest damals, es würde alles gut werden. Weißt Du noch, wie Du aufgestanden bist? Überall war Dein Blut, Du hast mich in den Arm genommen, mich geküsst. Doch Vater riss mich weg von Dir. Und wieder hast Du gefleht und gebettelt, als er den Gürtel öffnete und ich die Hose herunterziehen sollte. Du wusstest insgeheim, dass ich schon damals keine Unterwäsche trug, weil es mir peinlich war, mich einzunässen. Auch damals, an dem Tag, konntest Du es nicht verhindern. Wieder musste ich mich ausziehen, mich bücken. Und ich hörte wieder Dein Flehen, es nicht zu tun. Dann kam der brennende Schmerz. Das tiefe Einschneiden des Gürtels in meine Haut, das warme Blut. Und leise wimmernd wartete ich auf alles, was noch unweigerlich folgen sollte. Seine Hände auf meinem Po, wie Vater mein Blut verschmiert, wie sich seine Finger tief in meine Risse drängen. Und zuletzt den Schmerz, wie er in mich eindringt.
Mama, Du hast damals gelogen. Warum?
Dein Dich liebender Sohn
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Brief zwei
Vater,
lange war ich am überlegen, ob dieser Brief für Dich überhaupt seinen Sinn erfüllt. Du hast nie gesehen oder verstanden, wie sehr ich versucht habe, Dich zufrieden zu stellen. Nie hast Du auch nur gezeigt, wie stolz Du auf mich hättest sein können, nach all den Jahren, die Du mich gelehrt hast.
Ich habe mich nach Dir gesehnt, nach Deiner Stimme, nur einmal das Wort einer Anerkennung zu hören. Einmal nur in Deinen Augen den Anflug einer Umarmung zu erkennen. Doch vergebens.
Und selbst noch, als ich nach Deinem Herz tastete, es erfühlen wollte, verfluchtest Du mich im Angesicht Deines Todes. Ich weiß, die Schmerzen müssen fürchterlich gewesen sein. Doch warum hast du es Dir nicht erspart? Wieder und wieder hatte ich gebettelt, mich noch einmal so anzusehen, wie Du es damals getan hattest, als Du auf Mama lagst. Wieder und wieder habe ich Dir erzählt, was ich alles getan habe, von den vielen Frauen, den Kindern und deinesgleichen. Doch aus Deinem Mund kam nur ein Stöhnen. Nur zuletzt hast du einmal gebetet und um den Tod gefleht.
Dabei wollte ich niemals der Tod für Dich sein, sondern das Leben. Hättest Du doch nur einmal den Kran berührt. Hast Du überhaupt gesehen, dass es der gleiche war wie früher? Wir hätten die Zeit einfach zurückdrehen können. Einmal hätten wir zusammen spielen können. Du hättest mich angelächelt und mir gesagt, wie stolz Du auf mich wärest. Doch auch, als ich Dein pochendes Herz bereits in der Hand hielt, hast Du mich noch im letzten Atemzug verflucht, verletzt und zutiefst beschämt.
Vater, ich habe nun alles versucht, was zu versuchen war. Doch ich werde wohl nie sein wie Du. Nicht, weil ich es nicht will. Weil ich es nicht kann.
Dein Sohn
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Brief drei
An den zuständigen Profiler des FBI
Federal Bureau of Investigation
J. Edgar Hoover Building
935 Pennsylvania Avenue, NW
Sehr geehrter Dr. Framer
Ich weiß, dass ich Sie nun überraschen werde mit meinem Brief. Wissen Sie, mir lag es immer fern, Ihnen unnötigen Stress zu verursachen. Darum schreibe ich Ihnen nun diesen Brief, damit Sie sehen, dass ich es gut mit Ihnen meine. Anbei erhalten Sie eine Auflistung aller Namen und Orte, mit denen ich jemals zu tun hatte. Alle Seelen dieser Menschen haben den Weg in den Himmel gefunden. Ja, auch selbst das Mädchen, der ich Ihre erste Erfahrung gelehrt habe und die mich, während wir uns vergnügten, ihre tiefsten Phantasien entgegenschrie, bevor ich sie erlöst habe von all ihren Fantasien, wird nun von oben auf Sie herabsehen und Ihnen zurufen, Sie müssen sich keine Gedanken mehr machen.
Doch eigentlich kennen Sie mich ja, nach über zehn Jahren Verfolgung und Studierens meiner Akten sowie meiner Persönlichkeit, viel besser, als ich es wahrscheinlich jemals vermag. Ich weiß inzwischen, oder besser gesagt, ich vermute, dass ich Ihnen doch mehr Ihres Lebens abverlangt habe, als ich es je willentlich tun wollte. Somit möchte ich mich bei Ihnen mit diesem Brief aufrichtig entschuldigen. Aber damit es nicht leere Worte bleiben, werden Sie auch etwas von mir erhalten, was mir wichtig ist, Sie wissen zu lassen.
Sie werden sicherlich am Ende dieses Briefes aufatmen, können Sie doch endlich meine Akten schließen. Glauben Sie mir, ich gönne Ihnen nach all den Jahren Kopfschmerzen und vielleicht auch einer gewissen Übelkeit die Anerkennung, die Ihnen nun unweigerlich zuteil werden wird. Genießen Sie von nun an Ihr Leben. Glauben Sie mir, nach all dem, was wir zusammen durchgemacht haben, haben wir es uns zusammen verdient.
Meine Arbeit wird, sobald Sie diesen Brief erhalten haben, ebenso für mich getan sein. Ich weiß, Sie haben versucht, mir auch zu helfen, den Teufel in mir zu bekämpfen. Aber man kann es nicht. Wissen Sie, nur ich bin alleine dazu in der Lage. Sie als Psychologe werden es sicher besser verstehen als ich. Doch Sie wissen ja, was ich alles getan habe, um mich selber zu beruhigen. Doch selbst Tranquillizer waren zu einigen Zeiten sinnlos. Manchmal waren diese Kopfschmerzen einfach da.
Wer leidet, leidet mit mir. Das habe ich Ihnen immer wieder hinterlassen. Manchmal glaubte ich sogar, ich konnte Menschen besser verstehen als Sie. Wissen Sie eigentlich, dass mir wahrscheinlich mehr Menschen, weit hinaus über die siebzig, von denen Sie wissen, ihr Leid und ihre tiefsten Abgründe in den letzten Minuten ihres Lebens offenbart haben als Ihnen? Oder doch zumindest in der Zeit ihrer Erlösung, die sie durch meine Gnade erfahren konnten? Und doch habe ich auch Sie für Ihre Arbeit immer bewundert. Ihre Verbissenheit, Ihren Mut, doch noch weiterzumachen, nach all dem Leid, welches Sie gesehen haben müssen, nach all dem Ekel, den Sie verspürt haben müssen, geschehen durch meine Hände. Doch eines müssen Sie mir lassen! Ich habe nie den Weg Gottes verlassen. Und nie einen Ort, den ich Ihnen mitgeteilt habe, so schmutzig hinterlassen wie es vielleicht ein Psychopath getan hätte.
Können Sie sich noch an das Elternpaar mit der kleinen Tochter vom August vorletzten Jahres erinnern? Es hat mich Stunden gekostet, bis mir die Drei einen Zugang zu ihrer Seele gestatteten. Aber ich habe die Seelen der Familie gesehen. Ich durfte ihr Leid betreten und es mit meinem vermischen, all deren Leid auf mich übernehmen. So viele Schnitte, so viele Schmerzen. Und nach dem letzten Atemzug des Kindes, habe ich den Ort gereinigt. Für Sie. Weil ich Sie schätze. Und weil ich Sie lieben gelernt habe.
Somit gestatten Sie mir jetzt den letzten Satz meiner Verehrung. Sicherlich sehen Sie bereits in den Nachrichten meinen letzten Weg. Für mich der Schwerste, den ich jemals gegangen bin. Denn dort, in diesem Einkaufszentrum am Faye Blvd. schließt sich mein Kreis. Ich weiß noch nicht, wie viele Menschen, Frauen, Männer und Kinder mich dort erwarten werden. Doch ich werde ein letztes Mal versuchen, einen Zugang zu denen zu finden. Ein letztes Mal möchte ich tief in deren Innerstes eindringen. Sie fühlen, schmecken und erleben. Und vielleicht wird eine Person darunter sein, die eine Seelenverwandtschaft mit mir aufweist. Erst dann wird mein Weg beendet sein. Und ich den Frieden finden. Zu Gott, zu Ihnen und zu allen, die diesen Brief vielleicht noch lesen werden.
Mit tiefen Gefühlen zu Ihnen
ein Sohn Gottes, von Ihnen bezeichnet als, der Schlächter
Nachsatz:
Tief im Inneren unserer Seele schlummert die Vergangenheit als Fantasie. Doch was passiert, wenn diese tatsächlich nur als Projektion einer Fantasie existiert? Erkennen oder finden Sie die fatale Wahrheit in dieser fiktiven Geschichte?
[Dieser Beitrag wurde am 04.04.2007 - 16:20 von johnnyrebel aktualisiert]
Signatur Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde. Euer einziger Feind seid: ihr selbst... |