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...   Erstellt am 12.04.2008 - 20:06Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Eine kleine Musikgeschichte


Seit zwei Jahren bemühe ich mich, mehr oder weniger verbissen das Klavierspiel zu erlernen, die hohe Kunst des eigenhändigen Musizierens, welche für mich einen ganz beachtlichen Stellenwert Inne hat. Eine Begründung, warum gerade ich mich für Derartiges interessiere, konnte ich bisher nicht herausfinden. Manchmal verwundert mich dieses, denn ich stelle in mir wenig Musikalität oder gar Talent fest, muss also wie blöde üben, dabei ganz gehörig unfein schwitzen und genauso wenig vornehm fluchen. Dennoch versuche ich es immer wieder, manchmal sogar widerwillig, das muss ich leider auch zugeben, allerdings sind diese Erscheinungen eher selten. Immer wenn ich mit der Malerei intensiv beschäftigt bin, dann will mir am Klavier rein gar nichts gelingen, dann schweifen meine Gedanken zu sehr ab, sofort entstehen Tonarten, die gibt es gar nicht. Dann wächst mein Unmut, ich werde stachlig, das Klavier muss dann sehr nachsichtig mit mir sein. Einige Tasten hängen bereits ein wenig. Sie sind wohl auch schon altersschwach, ein wenig schlapp halt und eigentlich muss ich sie ganz besonders liebevoll behandeln, um sie zum Klingen zu bringen. Wenn ich gut drauf bin, dann klappt das.
Natürlich habe ich dank meiner unendlich geduldigen Klavierlehrerin so Einiges spielen gelernt, ob sich das auch schön für den Außenstehenden anhört, wage ich zu bezweifeln. Zum Glück spiele ich meistens nur für mich allein im stillen Kämmerlein, was die diversen Nachbarn wahrnehmen, vermag ich nicht zu beurteilen. Beschwerden sind bislang noch nicht eingegangen. Im Übrigen wären meine Aktivitäten nur zu den laut Hausordnung gestatteten Zeiten zu vernehmen. Ich bin nämlich ein angenehm disziplinierter Bürger, der den Unwillen seine Mitmenschen nicht provoziert. Möglicherweise haben diese auch ganz andersartige Sorgen. Es gibt da Mieter, die einfach den Müll nicht artengerecht entsorgen und das Unkraut jäten sie auch nicht so sorgfältig wie sich das gehört. Das wäre allerdings ein völlig neues Thema.
Zurück zur Musik.
Es gibt Noten. Sie sind eine Geißel und ich weigere mich permanent sie schulmäßig zu erlernen, hänge ich doch bis heute dem Irrglauben nach, dass die Kenntnisse über die Notenschrift mir so nebenbei zufliegen werden. Aber ihr Flug in meine Richtung ist penetrant zögerlich und so werden sie von mir häufig mit Fäkalienjargon überschüttet. Möglicherweise erreichen sie mich deshalb niemals.
In perverser Art und Weise drängen sie sich aneinander, verbinden sich dann und wann mit Balken oder zeigen schamlos ihre Schwänzchen. Man muss auch beachten, wer mit wem zusammen klingen möchte. Wenn nicht, sind sie womöglich beleidigt. Wer will das schon, man sollte stets die Befindlichkeiten beachten, dann ist der Wohlklang gesichert. Manchmal verlangen sie jedoch getreten zu werden, mit dem Fuß, nur kurz und zum richtigen Zeitpunkt wieder loslassen und aufs Neue drücken, kann auch taktlos, muss nur lange und fest genug sein, um den erwarteten Effekt zu erreichen.
Unendlich sind sie, wenn es darum geht dem Spieler Vorschriften zu machen. Da wird vor nichts zurück geschreckt, auch vor Kopfständen nach oder vor dem Kreuz nicht. Beliebt sind sogar mehrere Kreuze oder das bucklige b. Man fordert eben andauernd neue Kapriolen, die dem armen Laienpianisten ständig das Letzte abfordert. Manchmal erscheinen plötzlich geheimnisvolle Zahlen. Es heißt, sie beugen der Fingerverknotung vor. Man spricht dann auch von Fingersätzen (so ungefähr wie, das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen usw.), sie sind angeblich das A und O. Mir wird dann bewusst, dass ich unterentwickelte Finger habe, untrainierte, steife Böcke, die auch zu weilen sehr verstockt und nur widerwillig folgen wollen. Man muss sie ständig zwingen. Die Lehrerin wünscht sich schöne Hände und eine ebenso ansprechende Mine. Locker, leicht, völlig entspannt sollen die Finger über die Tasten gleiten, möglichst noch in einer affenartigen Geschwindigkeit, natürlich völlig selbstständig, ohne die Hilfe der Augen, die sind ja von den Noten gefesselt.
Die vornehmen Notendamen, immer in ahnungsvollem Schwarz, umgeben sich natürlich mit italienischem Wortschatz, um das Temperament zu zügeln oder gar ausufern zu lassen, auch gibt es reichlich Pfeilangriffe, die den genervten Schüler bedeuten mal richtig tosend in die Tasten zu hauen oder nur sanft zu streicheln. Ja, die Königinnen der Musik sagen die Wacht an, sie bestimmen das Spiel.
So, jetzt reicht es aber endgültig.
Es ist an der Zeit mal die Wahrheit zu sagen. Die Notendamen sind eigentlich nur bürokratische Beamtinnen, die nicht den geringsten Freiraum lassen dürfen, denn es bedient sich ihrer der allgewaltige Komponist. Nach seiner Pfeife werden alle Lieder zum Tönen gebracht, er ist der Herr, der seine Puppen auf den Klavierspieler loslässt, dabei hält er sich natürlich im Hintergrund. Die Flüche der werdenden Musiker muss er sich gewiss nicht anhören.
Stumm und reichlich unbeteiligt tanzen die Noten über das Papier, können aber bei entsprechender Harmonie mit ihnen zuweilen sehr versöhnlich stimmen. Noch bin ich mit ihnen grahm. Sie sind kompliziert, schwer erschließbar, fast wie eine Geheimschrift. Ich werde Jahre brauchen um sie zu verstehen. Wahrscheinlich wird eher die Gicht meine Finger verknoten und ich die Sehstärke eines Maulwurfes erreichen, als dass mir alle Notengeheimnisse vertraut werden.

Dennoch setze ich mich immer wieder mutig ans Klavier und übe meine Stücke, um ja nicht zu verlernen, was ich glaube einmal gekonnt zu haben. Ich darf nur dabei an nichts anderes denken als an die Melodie, die ich zu spielen versuche. Zuweilen entgleisen meine Gesichtszüge und auch die Hände verlieren die Macht über ihre Finger. Sie scheinen sich zu verselbständigen. Die Rechte weiß nicht was die Linke tut, kommt aus dem Takt und die Sache wird peinlich, denn zu allem Unheil trampeln auch meine Füße unmotiviert oder gar nicht, was kurze Verzweiflungsausbrüche zur Folge haben kann. Zum Glück vergehen sie auch wieder und beim 55. Anlauf begreifen Hände und Füße, was von ihnen verlangt wird, nämlich jeder macht etwas anderes, unterschiedlich schnell, mit anderen Lautstärken, in entgegen gesetzte Richtung, immer alle anderen mitspielenden Organe berücksichtigend, diszipliniert das Große und Ganze nie vergessend, den Noten folgend, von gütigem, sympathischen Minenspiel begleitet und das Dazwischengequake eventueller Zuhörer ignorierend. DAS kann doch nicht sooo schwer sein. Ich vergaß, das Innere des Kopfes muss während des Spiels abgeschaltet werden. Nebengedanken sind nicht erlaubt, denn sie könnten alles versauen, was mühevoll zelebriert wird. So manchem Menschen scheint dies alles furchtbar leicht zu fallen.
Ich frage mich allerdings häufig und nicht unbesorgt, wäre ich auch zu Derartigem fähig? Wird mein armseliges Will-das –auch-können reichen?
Nun, da ich nach Wiesbaden in die wundervolle, von manchen Menschen auch stolz als mediterran bezeichnete Stadt der schönen Villen, Weinfesten, die beliebte Heimstätte Reicher und Schöner zog und leider meine so sehr verständnisvolle Klavierlehrerin und Freundin nicht mehr zur Seite habe, wird mein Unterfangen fraglich. Das stimmt bedenklich, denn nach wie vor begehre ich Musik mit meinen Händen zu produzieren, auch wenn nicht mit überwältigend schönem Ergebnis.
Das heißt eisern weiter mein armes altes Klavier quälen, auf Gnade der Nachbarn hoffen, Verständnis meines lieben Partners voraussetzen und letztlich doch auf Klavierlehrersuche gehen.
Es gibt sie sicherlich, aber kann man sie auch bezahlen und werden sie mit meinem Wesen zurechtkommen, denn ich will in erster Linie Spaß, weniger Qual, möchte beim Lernen genießen. Ich werde das herausfinden und täglich spielen, auch wenn ich so mit Sicherheit kaum weiterkomme. Bin ich doch schon zufrieden, auf der Stelle treten zu können, natürlich auf einem Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer. Es ist nebenbei gesagt nicht der schlechteste, auf dem ich sitze und die Tasten drücken darf, dabei alle Misstöne meines Unvermögens und des verbrauchten Lebens vergessend…





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Gudrun 

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...   Erstellt am 13.04.2008 - 16:21Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Schön, liebe Bilderelse! Anfangs, wo Du dich fragst, warum Du eigentlich Klavier spielst, als relativ Unbegabte, dachte ich zwar: Na klar, damit sie in Ruhe fluchen kann. Aber der sehr schöne Schluss hat mich eines Besseren belehrt. Und erst das Foto!!!




Stefan ...
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...   Erstellt am 15.04.2008 - 00:13Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Huhu Helga,

da dachte ich ja, ich sehe auf dem Foto Deine verknoteten Finger, aber Pustekuchen, sehen ganz normal aus.

Helga schrieb
    Manchmal verwundert mich dieses, denn ich stelle in mir wenig Musikalität oder gar Talent fest, muss also wie blöde üben, dabei ganz gehörig unfein schwitzen und genauso wenig vornehm fluchen.


Dafür bewundere ich Dich! Für mich habe ich schon sehr, sehr früh erkannt selbst musizieren ist nix für mich. Mittlerweile ist das so ungefähr 40 Jahre her und ich hab immer noch nicht das Gefühl, ich müsste irgendein Musikinstrument spielen.

Nee und dann noch diese Noten. Die sehen für mich aus als wenn ein Vogel übers Papier gelaufen ist. Für mich SIND sie eine Geheimschrift!

Wie gesagt, ich finde es absolut bewundernswert, dass Du "dieser Geheimschrift" eine Melodie entlocken kannst.

Weiterhin viel Spaß und Erfolg, einen weiter verständnisvollen, lieben Mann und gnädige Nachbarn wünscht Dir

Stefan





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Macuser sind nicht eingebildet. Sie sehen einfach besser aus....

Bilderelse ...

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...   Erstellt am 15.04.2008 - 10:25Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Danke Stefan,
dass Du meine Geschichte gelesen hast. Sie ist in allen Punkten wirklich wahr. Also, ich quäle mich nach wie vor, weil ich es superaffengeil finde, wenn man ein Instrument spielen kann.

Klavier??? Es ist eigentlich das Klavier meines Sohnes, der dieses Monstrum in seiner Studentenbude in Berlin nicht aufstellen kann, geschweige denn dort auch üben könnte. Mein Sohn hatte sieben Jahre Unterricht und spielte entsprechend, ist aber dabei, es wieder zu vergessen. Leider!
Meine Tochter hatte auch Unterricht, war aber dabei nur bockig. Es war ein Graus für Mutter, Kind...und Lehrer.

Ja, und gaaanz früher hatten wir auch immer ein Klavier. Meine Mutter klimperte grauslich, meine Schwester hatte noch schlimmere Böcke als meine Tochter und für mich reichte es nicht mehr.
Ich wollte also auf meine "alten Tage", da das gute Stück bei mir gelandet war, noch das Spielen erlernen. Für den Hausgebrauch reicht es. Die Noten kenne ich jetzt so einigermaßen, aber natürlich nicht perfekt.
Und es ist nach wie vor so, dass ich nur alleine spielen kann, ganz für mich. Wenn mein Mann zuhört oder jemand anderes, dann bin ich blockiert. Dies ist fehlende Übung.
Außerdem, kann ich nicht spielen, wenn ich ein Bild male oder Verse schmiede. Die Gedanken schweifen ab.

Lieben Gruß
Helga





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